Stimmt das rechts-links-Schema in Ungarn? Bokros zweifelt, Mainka zieht treffliches Fazit

Im Editorial der Budapester Zeitung las ich heute eine treffliche Passage Jan Mainkas zur Frage, ob die Einordnung politischer Parteien in das Koordinatensystem Ungarns in „rechts“ oder „links“ den typischen „westeuropäischen“ Ansätzen folgt. Die Antwort kann zwar nur weniger aktive Beobachter der ungarischen Politik überraschen, aber die Passage ist im Hinblick auf die stetige, wenn auch zu kurz greifende Einordnung der Regierungspartei FIDESZ in „rechtskonservativ“ aber ausgesprochen lesenswert:

Ein Paradoxon der ungarischen Gegenwartspolitik ist gewiss die Tatsache, dass Ungarns Linke zwar bei jeder Gelegenheit Gift und Galle über die Regierung Orbán spuckt, sich in dem Moment aber, in dem es darauf ankommt sie abzuwählen, so ungeschickt und halbherzig anstellt, als wäre es aus ihrer Sicht eigentlich doch ganz akzeptabel, die Regierungsgeschäfte weiterhin in den Händen Orbáns zu belassen. Das war bei den Parlamentswahlen und den Europawahlen der Fall, und das ist auch jetzt vor den Kommunalwahlen am Sonntag wieder so.

Eine durchaus plausible Erklärung dieses Phänomens bietet der ehemalige sozialistische Finanzminister und heutige bekennende Konservative, Lajos Bokros. In unserem BZInterview auf den Seiten 34 bis 37 vertritt der frischgebackene OB-Spitzenkandidat der linken Parteien unter anderem die Ansicht, dass sich diese deshalb so schwer tun würden, dem Fidesz massenwirksam Paroli zu bieten, weil die im Ausland bevorzugt als „rechtskonservativ“ bezeichnete Partei im Grunde genommen wie eine echte Linkspartei handelt. Statt wie etwa die SPD unter Schröder den Banken zu Diensten zu sein, legt sich Orbán mächtig mit ihnen an, ebenso mit den Versorgungsunternehmen, um nur die beiden wichtigsten Fidesz-Themen des aktuellen Wahlkampfs, also die „Abrechnung mit den Banken“ und die „Wohnnebenkostensenkung“, zu nennen.

Mit diesen beiden zutiefst linken und bürgernahen Themen diktiert der Fidesz praktisch den Diskurs und inszeniert sich als eine Partei, die die Interessen des „einfachen Bürgers“ nachvollziehbar vertritt. Auch sonst findet man beim
Fidesz übrigens vieles, was man in Deutschland eher im Programm der Gysi-Partei vermuten würde: angefangen von der Idee des starken, paternalistischen Staates bis hin zu ur-kommunistischen Ideen wie etwa der Verstaatlichung
von Unternehmen der Schwerindustrie und von Versorgungsunternehmen. Der Fidesz hat linke Themen inzwischen so authentisch besetzt, dass es praktisch unmöglich ist, diese Partei thematisch von links zu überholen. Die ungarischen Linken versuchen es daher erst gar nicht. (…)“

Das zusätzliche Problem liegt darin, dass sich in Ungarn bis heute keine echte Sozialdemokratie entwickeln konnte: Die Antwort auf die Frage, wer hierfür veranwortlich ist, besteht aus vier Buchstaben: M, S, Z und P.

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7 Kommentare zu “Stimmt das rechts-links-Schema in Ungarn? Bokros zweifelt, Mainka zieht treffliches Fazit

  1. Dem letzten Absatz darf man getrost widersprechen: wer ins Ausland sieht und sich Sozialdemokratie dort anschaut, Österreich und Deutschland vor allem, der weiß, dass er damit auf eine Karte setzt, die extrem abgegriffen ist.

  2. Wer ist dafür schuldig? Das kann man mit vier Buchstaben beantworten? Nein !! Nur mit drei Buchstaben, M,SZ, P. Nur so ist korrekt, weil in der ungarische Sprache Sz (Aussprache s) ist eine selbständige Buchstabe!!! Das wäre so, als ob im Deutschen man je eine Komma schriebe zwischen s,c,h (sch)

    • „Das wäre so, als ob im Deutschen man je eine Komma schriebe zwischen s,c,h (sch)“

      Martha:

      wenn ich auf Deutsch das Wort „hübsch“ buchstabiere, sage ich h, ü, b, s, c, h. Also je ein Komma zwischen s, c und h.

      Nur zur Klarstellung.

      p

  3. „der ehemalige sozialistische Finanzminister und heutige bekennende Konservative, Lajos Bokros.“ – wenn ich bloß wüsste, was ihn zum Konservativen macht … tatsächlich nur sein Schnurrbart?

    Was die Aspekte Konzept- und Visionslosigkeit und inhaltsleere Aussagen angeht, steht er den MSZP-Politikern in nichts nach.

    Wer kennt die Antwort?

  4. @HV

    – Was sagt denn das FIDESZ-Parteiprogramm zur politischen Orientierung der Partei aus?
    – Gibt es denn überhaupt ein aktuelles Parteiprogramm, das den Namen „Partei“-Programm verdient?

    Nach einem Artikel der BP hat sich FIDESZ im Jahr 2007 ein Parteiprogramm zugelegt, das bis zu den Parlamentswahlen 2010 „gültig“ sein soll:

    „Der rechtskonservative Bund der Jungen Demokraten (Fidesz) schickt sich an, im Herbst ein alternatives Parteiprogramm zur Regierungspolitik auszuarbeiten. Laut dem Nachrichtenportal hírszerző will die Partei von Ex-Premier Viktor Orbán (1998 bis 2002) zu diesem Zweck auch Anleihen bei den konservativen Schwesterparteien im Ausland nehmen.“ […]

    „Allerdings soll das Programm vor der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten werden. Grund dafür sind Befürchtungen der Fidesz-Spitze, wonach die regierenden Sozialisten und Liberalen die Pläne der Oppositionspartei schlecht machen und verballhornen könnten.“

    http://www.budapester.hu/2007/09/03/fidesz-internationale-programmgestaltung/

    • Im „Tusnadfürdöi beszed“ wird die Ausrichtung der Regierungspartei offengelegt. Und zwar alljährlich wie mir bekannt. Als Parteiprogram kann man es womöglich in Frage stellen aber den ung. Wähler reicht es aus wie bekannt.
      Aber gibt es eine Opposition in ung. die den Namen Opp. verdient?
      Und gibt es eine Partei in der sog. Opposition die den Namen Partei verdient?

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