(Only) Bad news sell: New York Times zensiert Imre Kertész

Die in ihrer Ungarn-Berichterstattung betont regierungskritische New York Times hat nach ungarischen Presseberichten ein Interview mit dem Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész unter den Tisch fallen lassen – weil die Aussagen Kertész‘ nicht ins journalistische Konzept von der ungarischen „Diktatur“ gepasst haben sollen.

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Kertész, der in Budapest lebt und jüngst mit einer der höchsten staatlichen Auszeichnungen geehrt wurde, berichtet, dass ihn ein Reporter der NY Times aufgesucht habe, um ihn über die Situation in Ungarn und seine persönlichen Erfahrungen zu befragen. Zur Überraschung des Journalisten habe Kertész aber nicht den erhofften Schreckensbericht abgegeben: Er fühle sich wunderbar, die Situation in seiner Heimat sei zufriedenstellend. Kertész wollte auch den Eindruck des Reporters, er gebe seine Beschreibung aus Angst ab, nicht bestätigen. Selbst für den Umstand, dass er seine Manuskripte nach Berlin gegeben habe, gab es eine Erklärung jenseits angeblicher Ängste.

Kurzum: Der Wunsch der NY Times, Kertész Aussagen zu entlocken, die Ungarn als das so gerne gesehene Land der Unterdrückung von Minderheiten erscheinen lassen, blieb unerfüllt. Ebenso schnell verschwand das Interview in der Versenkung, es wurde nicht veröffentlicht. Man könnte auch sagen: Zensiert. Hätte Kertész dem Alarmismus gehuldigt, es wäre wohl die Titelseite geworden.

Für eine solche Praxis braucht man bei der New York Times nicht einmal ein Mediengesetz. Die Zensur resultiert aus jenen Vorurteilen, die einen oder viele Journalisten dazu bringen, anderslautende Meinungen schlichtweg zu unterschlagen, weil sie nicht ins eigene Konzept passen und die Leser nicht verunsichert werden sollen. Büttel, die längst nicht der Wahrheit, sondern der (tatsächlichen oder geglaubten) publizistischen Linie des Arbeitgebers verpflichtet sind – sie gleichen den Herrschaften vom ungarischen Staatsfernsehen so sehr, und sehen es doch nicht. György Schöpflin hatte Recht: Jene, die heute den Liberalismus vollmundig predigen, glänzen nicht selten allein durch überbordende Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Schließlich darf man „denen“ kein Forum bieten, nicht wahr?

So lange es eine Tendenz gibt, Ungarn mit jüdischen Wurzeln immerzu mit der Absicht zu befragen, Fürchterliches zu erfahren, lebt auch diese neue, ganz merkwürdige Art der Stereotype weiter: Der jedenfalls unterbewusste Missbrauch von Juden als öffentlicher Überbringer schlechter Nachrichten, zuweilen kombiniert mit offener Ablehnung, wenn das „Opfer“ ausschert (etwa eine staatliche Auszeichnung annimmt). Man greift einen Menschen an, weil er als Jude die falsche politische Position einnimmt.

Weil man eine kritische Meinung nicht selbst schreiben will, sucht man so lange, bis man jemanden findet, der es für einen tut. Stets wird dann darauf hingewiesen, dass ein Opfer „jüdische Wurzeln“ habe oder „Jude“ sei, auch wenn Imre Kertész dieser Einordnung in der Vergangenheit widersprochen hat („Die Deutschen haben mich zum Juden gemacht“).

Es gibt natürlich in allen Teilen der Gesellschaft Personen, die sich gerne exponieren, provozieren, klagen, sich mit oder ohne Grund beschweren – unter Juden und Nichtjuden gleicher Maßen. Mißstände anzukreiden, hat jedermann das Recht, vielleicht sogar die Pflicht. Dass die Mehrheit der Ungarn mit jüdischen Wurzeln oder jüdischen Glaubens aber womöglich nur in Ruhe leben möchten und auch nicht das Gefühl hat, dass sei im heutigen Ungarn nicht mehr möglich, kommt eben nicht jedem Reporter in den Sinn. Und läuft man einer solchen – gemeint seltenen – Spezies dann doch über den Weg, so ist das „not newsworthy“.

http://www.szombat.org/kultura-muvesztek/dokumentum-es-fikcio-kertesz-imrevel-beszelget-thomas-cooper

http://m.mandiner.hu/cikk/20141111_elhallgatta_a_new_york_times_kertesz_imre_velemenyet

http://valasz.hu/kultura/a-new-york-times-cenzurazta-kertesz-imret-106395

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9 Kommentare zu “(Only) Bad news sell: New York Times zensiert Imre Kertész

  1. „Büttel, die längst nicht der Wahrheit, sondern der (tatsächlichen oder geglaubten) publizistischen Linie des Arbeitgebers verpflichtet sind – sie gleichen den Herrschaften vom ungarischen Staatsfernsehen so sehr, und sehen es doch nicht.“

    Ihre sprachlichen Entgleisungen sind schon bemerkenswert. Und ich befürchte, dass sie das auch tatsächlich so meinen wie sie es schreiben! Ihre reflexhaften Angriffe auf die Journalisten, deren Meinungen sie nicht teilen – haben schon etwas Zwanghaftes. Und entsprechen damit auch exakt dem, was sie eigentlich kritisieren wollen.

    Ich hoffe, dass sie es wenigstens sehen, in welche Ecke sie sich damit selber stellen. Interlektuelle drücken sich anders aus.

    • Vielleicht ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass ich gar nicht „die Journalisten“ (im Allgemeinen), deren Meinung ich nicht teile, meinte? Sondern jene, die ein Interview dann nicht veröffentlichen, wenn es ihrer oder der Auffassung ihres Dienstherrn nicht gefällt. Und damit das üben, was womöglich auch Sie als Zensur bezeichnen würden, wenn es bei MTVA passiert? Es mag Ihnen nicht gefallen, aber dieser Typ Journalist ist dasselbe wie der Diener im Staatsfernsehen. Sind Sie neuerdings treuer Zuseher und wissen diese Eigenschaft zu schätzen?

      Die Feststellung, ich sei aufgrund meiner „verbalen Entgleisungen“ kein (sic!) „Interlektueller“, sagt einiges aus. Ich habe ähnliche Urteile von mittelmäßigen Lehrern in meiner Schulzeit so oft gehört, dass ich mich längst daran gewöhnt habe. Die selbst ernannte geistige Elite definiert sich und diejenigen, die dazugehören dürfen, eben gern selbst. Die Kriterien sind freilich beliebig austauschbar. Damit, dass wir beide nicht in denselben Topf von „Interlektuellen“ passen, müssen und können wir ja wohl leben… 🙂

      • Sie erwähnen die New York Times und die sog. Büttel in einem Absatz. Und der Bezug soll dann dann rein zufällig und nicht beabsichtigt sein?

        Übrigens, „(Only) Bad news sell“, gilt das nicht auch für HV und seine Aufreger 😉

      • @JFP: Sie vergleichen einen Blogbetreiber mit einem Journalisten – das klappt nicht. Ein Blogbetreiber geht seinem Hobby in seiner Freizeit nach, es ist verständlich, dass er seine Prioritäten je nach Zeit und Interesse setzt. Bei einem Journalisten sieht das anders aus. Der wird bezahlt damit er seinen Job macht und der lautet „objektive Berichterstattung“. Mal abgesehen davon, dass einem Journalisten eine besondere gesellschaftliche Verantwortung zukommt.

  2. Warum muss man sich in so einem Falle streiten? Der Fall ist eindeutig und entspricht der allegemeinen Gepflogenheit von Menschen. Was nicht ins Konzept passt, wird fallen gelassen. So kam auch Kertész in der NY Times leider nicht zu Wort. Was ist daran so schwierig zu kapieren JFP? Oder glauben Sie, die orbánkritischen Denker und Fühler seien frei von unschönen Eigenschaften wie Einseitigkeit, Bestechlichkeit, Unwissenheit und Eitelkeit.?
    Schließlich ist doch fast die gesamte deutsche Berichterstattung über Osteuropa für den Eimer.

  3. (Only) Bad news sell, Part 2: Die Welt am Sonntag zensiert Viktor Orbán und Horst Seehofer

    Die Ministerpäsidenten Bayerns und Ungarns stellen sich eine Stunde lang für ein Doppelinterview zur Verfügung. Das Interview fällt der inneren Zensur zum Opfer, wird in der Welt am Sonntag nicht gedruckt.
    http://www.ovb-online.de/politik/aerger-unsichtbare-interview-4447855.html
    http://index.hu/belfold/2014/11/16/botrany_lett_az_orban-seehofer_interjubol/

  4. Ich kann die Solidarität der Welt-am-Sonntag-Redaktion mit Seehofer gut verstehen. Wo die CSU wegen Alexander Dobrindt doch schon seit Monaten am Pranger steht. Und jetzt soll sich Seehofer auch noch mit Orbán in die Nesseln setzen lassen? Soll er es sich, nachdem die Bayern wegen der Mautpläne von Verkehrsminister Alexander Dobrindt bei den deutschen Interlektuellen auf Gegenwehr gestoßen sind, auch noch mit der liberalen Demokratie vermasseln? In einem Gutachten, das die F.A.Z. nicht vor der Öffentlichkeit verheimlicht, plädieren die Verkehrsinterlektuellen von Wirtschaftsminister Gabriel statt der bayerischen Maut gegen die aus dem Ostblock nach Deutschland hereinschwappenden Fremdarbeiter für eine Maut gegen Stau. Armer Seehofer, Gabriel – Vorwärts und nicht vergessen – schlägt Seehofer mit der Anti-Stau-Maut und Steinmeier hat Orbán wegen der ungarischen „dúgó-díj“-Pläne an die Kandare genommen. Weil Seehofer und Orbán unsere europäischen Werte verletzen.
    Ich finde es gut, dass die Welt-am-Sonntag-Redaktion kein Öl ins Feuer gießt. Ich bin für die Anti-Maut und für die Anti-Orbán-Anti-Seehofer Pressefreiheit.
    Halász, der wie HV immer nur sachlich argumentiert, habe ich noch nie verstehen können! Weil ich ein Interlektueller bin, wie JFP.
    Aber ich finde es gut, dass Seehofers Spezl in der Welt-am-Sonntag-Redaktion dies eine Mal Solidarität mit Bayern geübt hat. Seehofer als Orbán-Versteher, nee, dann schon lieber die Anti-Stau-Maut, weil ich gegen Staus bin und weil ich gegen die Maut bin und weil ich gegen Orbán bin, denn der will in Ungarn doch die Anti-Stau-Maut einführen.
    Nee. Ich bin dagegen.

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/strassenverkehr-oekonomen-schlagen-anti-stau-maut-vor-13269203.html

    http://hu.wikipedia.org/wiki/Dug%C3%B3d%C3%ADj

  5. Imre Kertész auf seiner Geburtstagsfeier

    „Legyünk jóban!“ – mondta , megköszönve a születésnapi jókívánságokat.

  6. Pingback: Imre Kertész ist tot – Hungarian Voice – Ungarn News

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