Die WELT streicht Orbán-Seehofer-Interview aus der Printausgabe

Das in der WELT-Online erschienene Interview mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seinem bayerischen Amtskollegen Horst Seehofer hat kleinere Nachwehen ausgelöst: Es geht um Zensur sowie den Vorwurf politischer Einflussnahme auf die Presse.

Doch der Reihe nach: Die WELT-Redaktion habe das bereits von allen Beteiligten durchgesehene und autorisierte Interview, das im Zuge des München-Besuchs Viktor Orbáns am 6.11.2014 entstand, komplett streichen wollen, wenn Orbán nicht bereit sei, schriftlich drei zusätzliche Fragen zu beantworten. Hierbei sei es um die Kündigung von Journalisten im Staatsfernsehen, die EU-kritische Haltung Orbáns und darum gegangen, weshalb Orbán „als ehemaliger Freiheitskämpfer ein autoritäres System aufbaut“. Ohne die Beantwortung dieser Fragen – kündigte die WELT an – werde das Interview nicht erscheinen.

Die Regierung reagierte empört und verweigerte ihre Mitwirkung, man lasse sich durch Ankündigung von Zensur nicht unter Druck setzen. Offenbar sei die Redaktion der Ansicht, Orbán habe eine zu gute Darstellung abgeliefert.

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber, ein Freund Orbáns, habe daraufhin den Chef des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, kontaktiert und ihm die Empörung der ungarischen Seite über dieses Vorgehen der Redaktion mitgeteilt.

Das Interview erschien dann am 8. November 2014 lediglich in der Online-Ausgabe. Die WELT am Sonntag veröffentlichte es entgegen der ursprünglichen Absprache nicht.

http://index.hu/belfold/2014/11/16/botrany_lett_az_orban-seehofer_interjubol/

http://www.ovb-online.de/politik/aerger-unsichtbare-interview-4447855.html

Update 17.11.2014:

Der für Unternehmenskommunikation zuständige Pressesprecher des Springer Verlages hat auf die Presseberichte reagiert.

Der Platz in der Printausgabe sei teuer und knapp, zudem habe es sich um das Wochenende gehandelt, an dem die 25-Jahr-Feier des Mauerfalls begangen wurde. Im Interview seien bedeutende Fragen, die für ein interessantes Doppelinterview erforderlich gewesen wären, nicht gestellt worden, man habe daher – vergeblich – um ergänzende schriftliche Beantwortung gebeten. Da das Interview jedoch auch nicht uninteressant gewesen sei, habe man es in der Online-Ausgabe untergebracht.

Folgende Fragen sollte Orbán nachträglich beantworten:

– Warum schlagen Sie antieuropäische Töne an? Droht Ihr Parlamentspräsident mit dem Austritt aus der EU und vergleicht Brüssel mit dem Moskau vor 1989?

– Sie waren vor 25 Jahren Freiheitskämpfer. Warum versuchen Sie heute, eine autoritäre Demokratie zu errichten, in der es Kritiker und andere Meinungen schwer haben?

– Warum wurden in Ungarn hunderte unbequemer Journalisten entlassen und eine riesige Medienaufsicht ins Leben gerufen?

http://tablet.hvg.hu/itthon/20141117_Die_Welt_es_az_Orbaninterju_A_szerkeszto