„Sagen Sie einfach 11-mal „mutierter Faschismus“, dann haben wir es hinter uns“

Es ist eine in der Ungarn-Berichterstattung weit verbreitete schlimme Modeerscheinung, das heutige Ungarn, seine Regierung und seinen Ministerpräsidenten Viktor Orbán mal mehr, mal weniger offen in die Nähe des Faschismus zu rücken. Die deutsche Presse nimmt, wohl aus historischen Verantwortungsgefühl, möglicher Weise aber auch als Ausdruck des Willens, lästige Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit durch Verweise auf die Gegenwart anderer zu kurieren, die Vorreiterrolle unter den Spürhunden ein.

Als quasi zwangsläufige Folge des Versuches, die vermeintliche Faschismusgefahr bzw. den (an neuen Wortschöpfungen mangelt es nicht) „mutierten Faschismus“ im heutigen Ungarn zu bekämpfen, ergibt es sich, dass in deutschsprachigen Publikationen vornehmlich solche Quellen zitiert werden, die diese Thesen in Ungarn vorbeten. Als „Ajatollah“ der Faschismus-Theoretiker ist seit einigen Jahren der Schriftsteller und Publizist Rudolf Ungváry zu verorten. Kein Interview, keine Talk-Show, in der der selbst ernannte Konservative, der stets durch bitter verzerrte Miene und absolute Humorlosigkeit glänzt, nicht in jedem Teilaspekt der ungarischen Politik einen teuflischen Baustein faschistischer Unterdrückung seiner Landsleute sehen würde. Die fragwürdigen Landerwerbe von Fidesz-Politikern? Ablenkungsmanöver, eigentlich Zeichen des Faschismus. Hausdurchsuchungen bei NGOs? Faschismus! Die in 25 Jahren des freien Ungarns nach jedem Regierungswechsel durchgeführten „Säuberungen“ beim öffentlichen Rundfunk? Natürlich Faschismus, ebenso wie die Vetternwirtschaft, über die man in Ungvárys „konservativen“ Kreisen vor 2010 so ungern sprach. Der Zuseher reibt sich die Augen: Selbst die Entziehung staatlicher Unterstützung für regierungsnahe Presseorgane?? Ja, auch das ist Faschismus. Äh, wie bitte?

Ungváry, der Experte für das Große und Ganze, ist in der Lage, alles, was heute in Ungarn schiefläuft bzw. nach Ansicht der – programmatisch nicht existenten – „Opposition“ schieflaufen soll, einem einheitlichen Plan der Regierenden zuzuordnen. Zu dieser Art vermutlich von echter Angst getriebener Predigern gehört auch die – in Ungarn weitgehend unbekannte – Faschismusforscherin Magdalena Marsovszky; sie gibt allerdings, anders als Ungváry, dem in seinem tiefsten inneren Wesen rassistischen Magyaren die Schuld an den heutigen Erscheinungen. Das Tagesgeschäft interessiert sie weniger, ihre Aufgabe erschöpft sich im wesentlichen darin, die Thesen unterschiedlicher Faschismusforscher auf Ungarn anzuwenden und ihren politischen Ansichten einen wissenschaftlichen Schleier zu verleihen.

Westliche – vornehmlich deutsche und österreichische – Antifaschisten, ob sie nun für die dpa oder für die Jungle World schreiben, nehmen diese Thesen gerne auf. Sie stimmen mit der eigenen Überzeugung vollends überein. Zudem fühlt man sich besser, wenn man die Dämonen der eigenen Vergangenheit auch in der Gegenwart bekämpfen kann. Das rechtfertigt und sichert die eigene Existenz, die in Anbetracht der oft fehlenden Sprach- und Detailkenntnisse andernfalls wohl nur schwerlich zu retten wäre…

Sieht man sich allerdings die – ja, es gibt sie im autokratischen Ungarn – Debatten in ungarischen oppositionellen Kreisen an, so fällt aber auf, dass Herrn Ungvárys Faschismustheorien keineswegs mit der Ernsthaftigkeit begegnet wird, wie im deutschsprachigen Raum. Woran liegt diese, in der ungarischen politischen Auseinandersetzung nur selten wahrnehmbare Form von Nüchternheit? Sind die Ungarn, also auch Oppositionelle, sich der aus dem Ausland so klar identifizierten Gefahr nicht bewusst? Sind die ungarischen Oppositionellen etwa selbst Kellernazis, dass sie das Wesentliche, das Ungváry predigt, nicht erkennen wollen?

Oder ist es vielmehr so, dass die Kernthesen von Ungváry und vergleichbaren Warnern aus gutem Grund nicht ganz ernst genommen werden, weil z.B. die heraufbeschworene Gefahr überzeichnet wirkt? Oder weil man erkennt, dass es eine – über fast 50 Jahre Sozialismus – wohl bekannte und daher abgestandene Form politischen Wahlkampfes ist, den Gegner zum Faschisten zu stempeln? Und damit eine bloße Karikatur dessen ist, was es in Ungarn heute (und in den letzten 25 Jahren gleichermaßen) tatsächlich zu kritisieren gäbe?

Vielleicht erkennen die in Ungvárys „mutiertem Faschismus“ dahin vegetierenden Ungarn ja auch, dass man die Warnungen vor Faschisten nicht zu inflationär verbreiten sollte, weil dann bei echten Gefahren in dieser Richtung keiner mehr reagiert? Egal, ob richtig oder falsch, all das ficht die hauptamtlichen Antifaschisten und die hungrigen Konsumenten ihrer Thesen natürlich nicht an: In dieser Stimmung wird freilich auch ein von einem Betrunkenen verursachter Unfall, dem die Statue großen ungarischen Dichters Miklós Radnóti, der 1944 von ungarischen Nazis ermordet wurde, zum Opfer fällt, zur antisemitischen Straftat. Überzeugung überwiegt die Fakten. Und jene, die das zu kritisieren wagen, werden, ganz wie es sich in selbst ernannten liberalen, dem Pluralismus verschriebenen Kreisen eingebürgert hat, persönlich angegriffen. Wird gar die Statue wiedererrichtet, ist das keine Meldung mehr wert. Es scheint manchmal, als würde nicht der eigenen Sorge Ausdruck verliehen, sondern das eigene Weltbild mit Zähnen und Klauen und der selben Intoleranz verteidigt, die man anderen vorwirft.

Die aktuelle Sendung „Havas a pályán“ beim oppositionsnahen ungarischen TV-Sender ATV – ich bekenne: eine meiner Lieblingssendungen im ungarischen Fernsehen – ist ein schönes Dokument für Ungvárys Fahrten auf das tote Gleis. Und für die lobenswerte Haltung anderer Regierungskritiker, die bei den ewigen lähmenden Faschismusthesen Ungvárys – er schafft es stets, einen Hitler-Vergleich anzubringen (APPLAUS!!) – nur noch entnervt das Gesicht zu verziehen. Henrik Havas: „Sagen Sie einfach elfmal „mutierter Faschismus“, dann haben wir es geschafft.“

Köszi, Henrik!

Die Sendung ist übrigens auch wegen der Themen sehenswert:

Teil 1: http://www.atv.hu/videok/video-20150131-havas-a-palyan-1-resz-2015-01-31o

Teil 2: http://www.atv.hu/videok/video-20150131-havas-a-palyan-2-resz-2015-01-31