„Ich weiß sehr viel über Orbán“ – Interview mit Lajos Simicska

Der schwerreiche ungarische Bauunternehmer, Medienmogul und bisherige Fidesz-„Oligarch“ Lajos Simicska, der sich nach eigenen Aussagen mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán seit gestern im „totalen Krieg“ befindet, hat dem ungarischen Politmagazin Magyar Narancs ein Interview gegeben. Dieses gebe ich nachfolgend für die deutschsprachigen Leser in voller Länge übersetzt wieder.

magyarnarancs.hu (MN): Sie haben sich in den letzten vier Stunden öfter zu Wort gemeldet als in den vergangenen vier Jahren. Helfen Sie uns zu rekonstruieren, was und warum heute genau geschah.

Lajos Simicska (SL): ganz ehrlich: Ich selbst versuche gerade, die letzten Stunden zu rekonstruieren. Wenn Sie wüssten, wie mich das alles mitnimmt. Meine Leute haben mich verraten.

MN: Wer sind die Verräter?

SL: Das, was Herr Liszkay und das Management da getrieben haben, kann ich nicht fassen. Es kann nicht sein, dass jemand seinen Rücktritt erklärt, ihn sofort öffentlich bekannt gibt und gleich die ganze Bande mitnimmt. Das ist für mich völlig inakzeptabel.

MN: Stellen wir das klar: Hat Liszkay gekündigt oder haben Sie ihn hinausgeworfen?

SL: Liszkay hat erklärt, dass er die Position des Chefredakteurs aufgeben möchte. Das habe ich akzeptiert, dann aber aus der Presse erfahren, dass das ganze Management hingeworfen hat. Und ich habe nur geschaut, was zum Geier hier eigentlich los ist. Ich sagte gut, dann regeln wir gleich die Eigentumsverhältnisse, und die Ernennung der Geschäftsführer und leitenden Redaktionsposten. Ich habe das in zwei Stunden erledigt. Gute Freunde verhalten sich nicht so. Das nimmt mich mit. Die Leute können Einwände, Probleme haben – mal sind sie sich einig, mal nicht – aber das kann man alles auf kultivierte Art und Weise klären. Es interessiert mich aber nicht, warum er das gemacht hat. Verräter!

MN: Mittlerweile ist uns aus Ihrem Interview mit Átlátszó bekannt, dass Sie selbst die Führungsposition bei HírTV übernehmen und bereits D. Gábor Horváth, den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur, zum Chefredakteur der Magyar Nemzet ernannt haben. Nach dem Handelsregister ist Liszkay aber noch Miteigentümer der Nemzet GmbH, der Eigentümerin der Zeitung. Hat er nicht mehr mitentscheiden dürfen?

SL: Er war Miteigentümer, aber er ist heute aus der Gesellschaft ausgestiegen und hat seine Geschäftsanteile verkauft. Die neue Geschäftsführerin heißt Marianna Tóth.

MN: Dann hat Liszkay auf seinen Anteil verzichtet?

SL: Nicht verzichtet, verkauft.

MN: An wen?

SL: Moment, ich frage nach (…) an die Pro Aurum AG.

MN: Nach den Daten sind Sie Mehrheitsgesellschafter der Pro Aurum AG.

SL: Richtig, aber ich musste nachfragen, über welches Unternehmen genau das Geschäft abgewickelt wurde. Ich habe angewiesen, dass Liszkay ausbezahlt wird, und die Zuständigen haben das so vollzogen.

MN: Also haben Sie Liszkay gebeten, wenn er zurücktreten wolle, auch seine Anteile in der Nemzet GmbH an Sie abzugeben?

SL: Ja, ich sagte ihm, gut, er könne zurücktreten, aber dann müsse er verkaufen. Du bekommst dafür Geld, und dann fuck off. Er hatte keine Einwände. Ich habe die neue Geschäftsführerin und den neuen Chefredakteur ernannt, und das war’s. Auf Wiedersehen Verräter, alle anderen, bei denen es nötig ist, schmeiße ich raus, ab sofort setze ich nur noch auf meine Leute. Das finden Sie doch in Ordnung, oder?

MN: Was hat Liszkay für seine Anteile erhalten?

SL: Was weiß ich. Warten Sie, auch das frage ich nach (…) es waren rund 100 Mio. Forint.

MN: Musste man auch andere Eigentumsfragen lösen? Gibt es denn noch andere Anteilseigner unter den alten Managern, die an Sie verkauft haben?

SL: Ist doch egal. Ich habe gekauft, was ich kaufen musste, und fertig.

MN: Wie hoch ist Ihr Anteil in der Pro Aurum?

SL: Fragen Sie doch nicht so einen Quatsch, auswendig weiß ich nicht genau, wie hoch. Die Firma gehört mir. Das Reich hat sich ausgedehnt, ich habe viele Unternehmensbeteiligungen.

MN: Ottó Gajdics, der Chefredakteur des Lánchíd Rádió, hat auch abgedankt. Gibt es auch hier schon einen Nachfolger?

SL: Ja. Seine Name ist Csaba Schlecht.

MN: Wie alleine fühlen Sie sich? Halten Sie Zsolt Nyerges oder Károly Fonyó weiterhin für Verbündete? Oder gehören auch sie zu den Verrätern?

SL: Nein, sie nicht. Ich halte nur Liszkay und die unter seiner Führung arbeitenden Manager für Verräter. Jene, die zurückgetreten sind. Nyerges und Fonyó sind meine Geschäftspartner, sie haben mit dem ganzen Thema nichts zu tun.

MN: Man schreibt bereits, dass Viktor Orbán und sein Chefberater Árpád Habony hinter der Aktion stecken. Angeblich ist ein neues Medienimperium im Entstehen, in dem die Leute um Liszkay die Spitze bilden sollen.

SL: Dazu kann ich nichts sagen. Es tobt ein Krieg, da kann es durchaus sein, dass auch solche Mittel eingesetzt werden. Ich bin energischer Gegner der Medienpolitik der Regierung, und das habe ich seit Monaten auch so gesagt.

MN: Man sagt, Ihnen gefalle die russlandfreundliche Außen- und Energiepolitik nicht. Ist das richtig?

SL: Sie gefällt mir nicht im Geringsten. Ich bin aufgewachsen, als es noch die Sowjetunion gab, und ich habe keine guten Erinnerungen an die Anwesenheit der Ruskis in Ungarn. Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, zwischen dem damaligen sowjetischen und dem heutigen russischen politischen Verhalten Unterschiede zu entdecken.

MN: Manch einer sagt, dass Sie deswegen wütend auf Orbán seien, weil seine engsten Vertrauten Sie aus dem Erdgasgeschäft zwischen der MVM Földgázszállító und der Mol Energy Trade Zrt. herausgehalten haben, mit dem die Begünstigten einen Ertrag von 10 Mrd. Forint abgreifen konnten.

SL: Vielleicht überrascht Sie das: Aber die Welt besteht nicht nur aus Geschäften. Ich mache meine Dinge – hier lachen Sie vielleicht – orientiert an Werten und Verpflichtungen. Das ist mir im Einzelfall wichtiger, als das Geschäft. Möglich, dass das in der heutigen Welt komisch klingt, aber so bin ich. Ich schulde meinem Land, meiner Familie und mir selbst, dass ich nur tue, was ich für richtig halte, und nur mit Leuten Geschäfte mache, die ich für annehmbare Geschäftspartner halte. Glauben Sie es oder nicht: Mein Bündnis mit Orbán begann damit, dass wir die Diktatur und das postkommunistische System beseitigen wollten. Es stellte sich heraus, dass das keine leichte Aufgabe ist, man musste hart dafür arbeiten. Aber es war, verflucht noch mal, nicht Teil der Absprache, dass wir stattdessen eine andere Diktatur errichten. Da will ich kein Partner sein.

MN: Aber es muss doch etwas Persönliches in diesem Konflikt geben: Sie sind doch immerhin gute 35 Jahre Freunde und Kampfgefährten. Erzählen Sie uns nicht, dass hier keine Emotionen im Spiel sind.

SL: Klar. Ich erlebe eine große Enttäuschung. Ich hielt ihn für einen Staatsmann, der diesem Land Gutes tun könnte, aber ich bin darauf gekommen, dass er es nicht ist. Das können Sie ruhig schreiben.

MN: Sie sagten dem Portal hír24.hu, Sie fühlten sich in Gefahr: Es könnte Sie ein Auto überfahren, man könnte Sie sogar erschießen. Warum sehen Sie das so?

SL: Ich kenne die Darsteller dieser Story, ich weiß, wozu sie fähig sind. Aber eigentlich fürchte ich mich nicht, nur als mich dieser Reporter anrief, war ich gerade auf dem Weg zur Redaktion; ich war noch sehr irritiert, und dann sagte ich, man könne mich ja gleich erschießen. Vielleicht passiert es ja noch, aber es macht mir keine Angst. Die Welt ist hart. Lachen Sie mich aus, aber ich bin ein überzeugter Demokrat. Und es gefällt mir ganz und gar nicht, wie die Jungs ihre Sachen in diesem Land erledigen.

MN: Orbáns autoritäre Versuche begannen ja nicht erst im vergangenen Jahr, aber so lange Ihre Interessen nicht negativ betroffen waren, störten Sie sich nicht an den Beschränkungen demokratischer Rechte. Wann zerbrach die Beziehung? Was war der Wendepunkt?

SL: Im April letzten Jahres setzten wir uns zusammen und er erläuterte mir seine Vorstellungen. Ich gehe jetzt nicht ins Detail, aber es gefiel mir nicht, was ich hörte. Ich sagte ihm, dass ich ihn auf diesem Weg nicht mehr begleiten wolle. Ab dann wurden die Ereignisse immer wilder.

MN: Sie haben sich seitdem nicht mehr mit den einflussreichen Fidesz’lern – ich denke in erster Linie an Antal Rogán und János Lázár – zusammengesetzt, mit denen Sie früher häufig zusammentrafen?

SL: Hierzu kann ich nur sagen, dass diese Kontakte auch früher nicht sehr aktiv waren. So läuft das nicht. So weit ich mich erinnere, habe seit einem ganzen Jahr nicht mehr mit einem Politiker gesprochen. Wozu auch?

MN: Ruhen Sie sich jetzt aus?

SL: Ab morgen, für eine Woche.

MN: Unter Journalisten sagt man sich oft, dass Simicska und Orbán so viele alte Geschichten übereinander wissen, dass sie sich schon deshalb – aus Angst – nicht in die öffentliche Konfrontation begeben werden.

SL: Was wollen Sie wissen? Ich kenne ihn seit 35 Jahren, sagt Ihnen das was? Ich kenne ihn, weiß vieles über ihn, ja. Und?

MN: Na dann sind Sie sicher ein politischer Risikofaktor, aus Sicht des Regierungschefs.

SL: Und was passiert dann, erschießen sie mich? (Lacht). Vertrauen wir darauf, dass das nicht passieren wird.

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4 Kommentare zu “„Ich weiß sehr viel über Orbán“ – Interview mit Lajos Simicska

  1. So redet kein Gewinner. So reden nur Verlierer.

    https://www.google.de/search?q=McCain+Verlierer&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=mozXVNKaM8yOaNPagJgM

    Wie der Verelierer McCain, der nicht nur Orbán, sondern auch Merkel verbal angegriffen hat.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-waffen-fuer-ukraine-merkel-angreifen-um-obama-zu-treffen-1.2341401

    Wäre wirklich interessant, zu erfahren, was Simicska reitet? Sind es die Schulden, die ihn drücken?

  2. Pingback: Streit mit einstigem Vertrauten eskaliert: Orban droht ein «Medienkrieg» | BridgeWard News

  3. Pingback: Streit mit früherem Vertrauten: Orban droht ein «Medienkrieg» | BridgeWard News

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