Wer bin ich?

Die nachfolgende Textpassage erschien im Januar 2010 auf der Webseite eines ungarischen Parlamentsabgeordneten. Lassen wir seine Worte auf uns wirken. Und raten wir, um wen es sich handelt.

„Es wäre toll, wenn man endlich mit diesem hirnlosen Magyarisieren aufhören würde. Langsam weiß ich nicht mehr, ob ich Magyare bin, denn jeder Schlaumeier da draußen bewertet mein Magyarentum anders.

Ich bin Ungar, weil ich hier geboren wurde, ich diese Sprache spreche. Als ich im Ausland lebte, war ich stolz darauf, Ungar zu sein, wir haben sogar eine Nationalflagge im Garten.

Ich bin kein Magyare, weil fast alle meine Vorfahren deutschstämmig waren. Meine Urgroßmutter sprach besser deutsch als ungarisch. Ich kann meinen Stammbaum nicht bis zu den Árpáden zurückverfolgen, ich schwenke auch keine Árpádfahne (ich lehne sie ab), ich könnte auch keinen Treueschwur auf die Kunstkrone ablegen (vor allem, weil wir in einer Republik leben), und ich will auch keine in schwarzer Uniform marschierenden Jugendlichen im Land sehen.

Ich bin liberal (nicht im ungarischen Wortsinn), weil ich an gleiche Freiheitsrechte, an die bürgerliche Demokratie glaube und Extremismus ablehne.

Ich bin ein Befürworter der Globalisierung, weil ich es genieße, alles überall bestellen zu können, selbst in Hongkong. Ich will nicht, dass mir jemand vorschreibt, aus welcher Nation die Waren stammen müssen, die ich kaufe, wo ich tanken und in welcher Sprache ich meinen Sohn unterrichten soll.

Ich bin auch konservativ, weil ich in Traditionen glaube, wobei ich auch denke, dass die Bewahrung von Traditionen nicht bedeutet, dass sie unveränderlich seien. Ich glaube daran, dass wir keine so große politische Klasse, kein so großes Parlament brauchen. Ich glaube nicht an ein allgemeines Wahlrecht, weil so lange die Stimme des Nichtsteuerzahlers den selben Wert hat wie die des Steuerzahlers, nur die Demagogie und der Populismus die politische Kultur bzw. Kulturlosigkeit bestimmen.

Ich bin Republikaner, weil ich nicht daran glaube, dass die Reichen für alles aufkommen und zugleich die Hälfte der Menschen im Land von öffentlicher Hilfe leben sollten.

Ich bin radikal, weil ich nicht an das System öffentlicher Fürsorge glaube, noch nicht einmal an die Chancengleichheit. Natürlich hört sich das schön an, aber verstehen wir doch endlich, dass wir niemals alle gleich sein werden. Wir haben es schon einmal versucht. Es lief nicht. Noch immer leiden wir darunter. Wer gleich sein will, soll nach Nord-Korea gehen. Da sind alle gleich arm, mit Ausnahme der Parteibonzen. Ich würde jeden aus der Politik verbannen, der vor 1990 irgendeine politische Position hielt. Ich würde es nicht erlauben, dass junge Leute, die noch nicht einmal in der Nähe von Arbeit waren, Volksvertreter werden.

Aber egal. Es ist ohne Bedeutung, unter welcher Identitätskrise ich leide. Aber was soll der Staatsbürger sagen, der sich zum Islam bekennt, eine ungarische Frau hat, hier lebt, Steuern zahlt und öffentliche Hilfen noch nicht einmal vom Hörensagen kennt? Zum Beispiel, dass er ein nützlicheres Mitglied der ungarischen Gesellschaft ist als die, die Kinder nur zur Welt bringen, um öffentliche Hilfen zu kassieren, oder die EU-Abgeordnete werden, ohne im Leben für längere Zeit gearbeitet zu haben. Oder als die, die unter Ausnutzung ihrer politischen Macht korrupt sind, lügen und betrügen.

Man wird es schwer haben, meinen Geschmack zu treffen, doch ich wette, dass ich zwischen irrsinnig vielen großartigen Ideen wählen kann.“

Nun, wer bin ich?

Auflösung folgt.

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14 Kommentare zu “Wer bin ich?

  1. Das ist wohl Zoltán Kész, der neoliberale Kandidat der ungarischen „Linksliberalen“, die weder links noch liberal sind.

    • Wer interessiert sich schon für Aussagen von Zoltán Kész, wenn es jetzt um Schlagzeilen geht, wie : War Orbán Stasispitzel?
      Das geht doch der gesamten Weltpresse runter wie Öl. Dagegen verblasst doch alles, sogar dass Ferkolein sein Firmenimperium ein wenig umorganisiert hat.

  2. Um genauer zu sein: Gegen die „illiberalen“ Machthaber ist der neoliberale Kész die Hoffnung der „sozialliberalen“ Opposition, die weder links noch liberal ist.

    Da fällt mir der Witz ein, in dem es um ein Gespräch zwischen Präsident Roosevelt und seinem Außenminister Hull während des zweiten Weltkrieges geht:
    „Hull: Ich muss Ihnen leider mitteilen, Herr Präsident, dass Ungarn uns den Krieg erklärt hat.
    Roosevelt: Ungarn? Was ist das für ein Land?
    Hull: Es ist ein Königreich.
    Roosevelt: Wer ist der König?
    Hull: Sie haben keinen König.
    Roosevelt: Ein Königreich ohne König? Wer ist das Staatsoberhaupt?
    Hull: Admiral Horthy.
    Roosevelt: Admiral? Haben wir also nach Pearl Harbor wieder eine Flotte am Hals?
    Hull: Nein, Herr Präsident. Ungarn hat keine Flotte, nicht einmal eine Meeresküste.
    Roosevelt: Merkwürdig. Was wollen sie denn von uns? Haben sie vielleicht territoriale Ansprüche?
    Hull: Nein. Sie wollen Land von Rumänien.
    Roosevelt: Haben sie Rumänien den Krieg erklärt?
    Hull: Nein, Herr Präsident, Rumänien ist ihr Verbündeter.“

    (Paul Lendvai: Die Ungarn)

  3. Na, da leide ich doch gleich mal mit unter einer Identätskrise, man ist schliesslich solidarisch.
    ausgeprochen gut gefällt mir das hier (irgendwie so „demokratisch“:
    „Zum Beispiel, dass er ein nützlicheres Mitglied der ungarischen Gesellschaft ist als die, die Kinder nur zur Welt bringen, um öffentliche Hilfen zu kassieren,… “
    Ja, wem er wohl damit meint? Dazu würde ich doch gerne mal die Meinung von Gauch (das ist ch kein Tippfehler) hören. Aber da der gute Mann die 2/3 Mehrheit gebrochen hat , dient das einem guten Zweck und da zählt das nicht, kész!
    Eines würde ich aber gerne noch erklärt bekommen:
    “ Ich will nicht, dass mir jemand vorschreibt, aus welcher Nation die Waren stammen müssen, die ich kaufe,
    wo ich tanken
    und in welcher Sprache ich meinen Sohn unterrichten soll.“
    Häää ??? Wie jetzt?

  4. „Aber da der gute Mann die 2/3 Mehrheit gebrochen hat , dient das einem guten Zweck und da zählt das nicht, kész!“

    Die Zweidrittelmehrheit kommt nur dann nicht mehr zum Tragen, wenn ALLE Oppositionsabgeordnete bei jeder Abstimmung über Gesetze, die der Zweidrittelmehrheit bedürfen, im Parlament erscheinen (und geschlossen gegen das jeweilige Gesetz stimmen).

    Es ist nämlich in den meisten Fällen so, dass die Zweidrittelmehrheit der anwesenden Parlamentsabgeordneten zählt.

    Sind 90 von 199 Abgeordneten anwesend, reichen 60 Stimmen zur Zweidrittelmehrheit aus.

    Und der Bürgerbund FIDESZ hat immer noch 132 Abgeordnete im ungarischen Parlament.

    • @p dann kann ich nur hoffen, dass die Presse von A (wie Presseagentur) bis Z (wie Zeit) Ihre Darstellung liest.Diese Jubelparole mit der gebrochenen 2/3 Mehrheit stammt nicht von mir, denn ich gehöre zur Gruppe „Volk“ die ja nix versteht (ganz im Gegensatz zu den Unternehmern (an deren Wortwahl man das Niveau schon erkennt) und Intelektuellen.

  5. Egymillióan a magyar sajtszabadságért:

    dass die Zweidrittelmehrheit im ungarischen Parlament gebrochen wurde (d. h. FIDESZ verfügt jetzt über weniger als 2/3 der 199 Parlamentsmandate), stelle ich nicht in Abrede.

    Ich behaupte lediglich, dass dies nicht immer zählt, weshalb ich in meinem früheren Beitrag auf Folgendes hingewiesen habe:

    „Es ist nämlich in den meisten Fällen so, dass die Zweidrittelmehrheit der anwesenden Parlamentsabgeordneten zählt.“

    Und das ist so.

    Der Verlust der 2/3-Mehrheit im Parlament ist, denke ich, für den Bürgerbund FIDESZ relativ bedeutungslos, da die Opposition auch weiterhin niemanden aufbieten kann, der Orbán das Wasser reichen könnte.

  6. Schauen Sie sich gut die Gesichter auf dem Foto an, Hartkäse:

    http://mandiner.hu/cikk/20150305_orban_kottajabol_jatszunk_ellenzeki_politikusok_a_2018_as_strategiarol

    Sehen Sie, diese Jungs + ein Mädel können Orbán NICHT das Wasser reichen:). Das meinte ich lediglich.

    Ich würde es begrüßen, wenn Orbán endlich einen ernstzunehmenden Herausforderer bekäme.

    Aber es ist keiner in Sicht (Ihr als Beispiel angeführter Vona ist dann doch eine zu trübe Funzel).

    Gute Nacht:
    p

  7. hv, ist ihnen mittlerweile die fidesz’sche rhetorik auch etwas zu simple gestrickt?

    hier mal wieder ein schönes bsp – schöpflin györgy:

    http://www.youtube.com/watch?v=nEBYmxnZTa8

    oder was bedeutet ihr nachlassender enthusiasmus? warum war ihnen der putin-besuch keinen eintrag wert (oder habe ich ihn übersehen…)?

    in den anfangszeiten ihres blogs ging es hier deutlich lebhafter zu. wie wäre es mal mit ein wenig selbstauskunft bzw manöverkritik.

    der thread heisst schliesslich: wer bin ich?

    kann man evtl ergänzen mit: was will o wollte ich (eigtl) bezwecken?

  8. Nun hat doch der Kész in Veszprém gewonnen.Eigentlich frag ich mich doch glatt, wie konnte denn das passieren, wo doch laut seiner gestrigen Aussage (sprich Rede zur Nation) die derzeitige Regierung “ buherálták meg a választási törvényt“ ?Erstaunt mich dann doch, wie man gewinnen kann, wo doch die Regierung die Wahlen manipuliert?? Macht mich dann doch stutzig.

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