Belastete Frendschaft: Polen fehlen am Nationalfeiertag

Als Zeichen des Protestes gegen den russlandfreundlichen Kurs der ungarischen Regierung wird es in diesem Jahr keine organisierte Teilnahme polnischer Befürworter von Ministerpräsident Viktor Orbán bei den Feierlichkeiten des 15. März geben. Die bis zu 2.000 erwarteten Besucher, die seit Jahren auf Initiative der Gazeta Polska anreisten, sagten ihre Reise ab.

Die Position Ungarns im Bezug auf das Verhältnis der EU zu Russland und die schwankende Position im Ukraine-Konflikt hat heftige Kritik in konservativen Kreisen Polens ausgelöst.

http://index.hu/belfold/2015/02/25/orban_oroszbaratsaga_miatt_nem_jonnek_a_lengyelek/

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter News veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu “Belastete Frendschaft: Polen fehlen am Nationalfeiertag

  1. lassen sich ersatzweise denn keine zur zeit etwas kalt gestellten friedensmärschler mit noch nicht erloschenem tatendrang finden, die zum gewünschten zeitpunkt ein paar polnische flaggen durch die strassen schleppen?

    vllt lassen sich ja ein paar cba-kassierer mit einem neuen karrierestufensupermodell zum mitmachen motivieren…

    hv, nehmen sie eigtl orbán und grosse teile dieser partei noch ernst?

    falls ja, ist ihnen meine bewunderung für ihre treue sicher!

    • Nachdem in 2015 noch kein Friedensmarsch geplant ist dürfte die „Absage“ aus Polen wohl eine andere Veranstaltung gelten.
      Laut Aussage von Csizmadia Laszlo /Iniziator/ wird in diesem Jahr kein Friedensmarsch geplant. Da nachdem Goodfriend zur pflege seine Familien Bande /oder wegen minderen Erfolg/, zurück gepfiffen wurde und die Linksliberale Schreihälse ihren Leithammel und Mäzen beraubt wurden, ebbten die „zehntausende“ Demonstranten auf „tausende“ und schließlich nur auf hunderte ab.
      Laut Csizmadia besteht daher keine Notwändigkeit eine halbe Million Menschen anreisen zu lassen um ihrer Treue zu bekunden. Dessen ist die Regierung sowieso sicher. Wobei es für einen durchschnitt Ungar auch ein erheblichen finanziellen Aufwand sei.
      Liberale stehen auch dabei besser da Sorostreue ist lukrativer..
      Anbei für krampf käse zur Kenntniserweiterung!

      http://civilosszefogas.hu/egyutt-csodakat-tudunk-tenni/

  2. Also Polen besetzt Schlesien und Preussische Gebiete (hoppla da war die Unterstützung der Sovietunion – also der damaligen Russen – willkommen), somit leidet das Land an Zweifel der Selbstdefinition, was auch noch mit dem Drang zum mehr Einfluss auf Europa vermischt ist, die Polen wollen sich als Mittelmacht betrachten. Aber man kann nicht glücklich sein, wenn man im Besitz von etwas ist, das man nicht verdient hat. Der Konfrontationskurs gegen Russland ist somit eine Handlung, um ihr schechtes Gewissen zu beruhigen, dabei verstehen sie die Ukrainer als Brudervolk. Damit sei denen diese Phase des Beleidigtseins gegenüber Ungarn verziehen. Die armen Polen werden noch sehen, wohin sie mit dem Konfrontationskurs maneuvrieren.

    • Den Stuß hätten Sie auch für sich behalten können.
      An Ihrer Stelle hätte ich erst nachgelesen und wäre nicht gleich über unsere polnischen Nachbarn hergezogen. Polen hat Schlesien mitnichten „besetzt“. Es gehört ihnen. Die Abtrennung der deutschen Ostgebiete nach dem fürchterlichen Angriffs- und Vernichtungskrieg wurde 1990 im Zuge der deutschen Wiedervereinigung durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag völkerrechtlich vollzogen. Die Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze wurde von Deutschland im deutsch-polnischen Grenzvertrag formal bestätigt. Sie sollten das zumindest zur Kenntnis nehmen.
      Im Übrigen, guter Freund. Die Schaffgotsche Grafschaft, in der meine Vorfahren mütterlicherseits seit Menschengedenken gelebt haben, gehörte zu einem Schlesien, das Teil des Heiligen Römischen Reiches war. Es ist zwar richtig, dass die deutschen Schlesier vor Flucht und Vertreibung die Mehrheit der Bevölkerung in Schlesien bildeten, aber Deutsche waren sie genausowenig , wie die Elsässer oder die Bewohner des Hennegau Franzosen sind.
      Überlass das Hetzen gegen unsere polnischen Nachbarn besser den Postkommunisten und anderen Lupenreinen.

      • Ja-ja, Zwei plus Vier gleich Sechs Vertrag, und andere langweilige Lieblingsthemen deutscher Gutmenschen. Von mir aus, wenn die Deutschen es so wollen, sollen sie es bekommen. Wenn ein gutes Stück Erbe einfach abzugeben ihnen genehm ist, will ich auch nichts gross dagegen was sagen. Meine Meinung ist, dass Görlitz viel besser klingt als Zgorzelec.

        All dies ändert nicht an der Tatsache, dass den Polen die Hilfe der Russen zur Besetzung deutscher Gebiete damals zu Recht war, und jetzt spielen sie den ach so beleidigten, wegen anderer Vorfälle im 2. WK, dabei verkaufen sie sich and die USA. Die USA „kam ja im 2. WK auch gleich zur Hilfe“, aber dass tausende polnische Flüchtlinge in Ungarn damals Zuflucht gefunden haben, müssen sie nicht mehr wissen.

      • „All dies ändert nichts an der Tatsache, dass .. “
        Ihr Stuss auch dann Unsinn bleibt, wenn Sie noch mehr Stuss reden.

        Danke übrigens für den „Gutmenschen“. Sie sind die/der Erste, der/die mich des Gutmenschentums bezichtigt hat.

        Was die Deutschen angeht, da kenne ich mich aus. Die große Mehrheit der Deutschen wollte die Ostgebiete nicht abgeben. Ihre Politiker taten es aus Kalkül, das aufging.

        Aber abgesehen davon halte ich es nicht für schädlich, wenn ich als Deutscher Reue dafür empfinde, was mein Volk im Laufe der Geschichte dem polnischen angetan hat. Die persönliche Einsicht in die schuldhaften Taten meiner Vorfahren setzt übrigens Reue voraus. Reue, das ist hier der klare und endgültige Bruch mit den menschenverachtenden Taten meiner Vorfahren, für deren Auswirkungen ich als Nachkomme im Jetzt die Verantwortung trage.

        So einfach ist das.

        Im Übrigen verstehe ich Polen, das sich auf die Seite der Ukraine schlägt, um diese gegen Putins Muskowien zu unterstützen. Denn das Grauen, das Ruthenen, Russinen also, Lemken, Bojken, Huzulen und was Polen unter Stalin erlebten, erlitten haben, kann der Verstand gar nicht fassen. Es lässt sich nicht mit Worten ausdrücken.

        Weshalb ich mir hier den Seitenhieb auf György Dalos, den eminenten Absolventen der Moskauer Lomonossow-Universität des Jahres 1967, den deviationistischen Maoisten von 1968, jenen Kundschafter in Deutschland, der mit seiner „jüdischen Herkunft“ unter Vergangenheitsbewältigern hausieren geht und dem sich die Herzen so mancher linken Arschlöcher bis auf ewig geöffnet zu haben scheinen, nicht verkneifen. Dalos ist es mit der Verballhornung des Akronyms „GULag“, das für das umfassende Repressionssystem in der Sowjetunion steht, das Zwangsarbeitslager, Straflager, Gefängnisse und Verbannungs­orte für Abermillionen von Menschen, die in der Diktatur des Proletariats nur Entrechtete waren, bedeutete, Dalos ist es mit seinem „Archipel Gulasch“, erschienen1986 im Donat & Temmen Verlag, Bremen, nachhaltig gelungen, die historische Schuld des Sowjetstaats, jedenfalls in den Augen Linksgewickelter, zu relativieren. Er hat mit der Verballhornung des Akronyms GULag die Schuld des mit Gorbatschow untergegangenen kommunistischen Herrschaftssystems als vermeintlich Falsches nachhaltig berichtigen können. Er ist einer von jenen, die letztendlich den Boden bereitet haben, aus dem in Europa, insbesondere aber in Deutschland das Verständnis für einen Putin sprießt, der den Untergang des Sowjetreiches, das am Ende das Elend noch mit dem Kapital vom IWF aufstockte, zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts erklärt hat.

        Was Orbán und seine Russlandpolitik angeht, jóságos ég, Sie müssen den Blick nicht immer gen Himmel werfen. Fragen Sie doch mal Jókai!
        Irka firka, ákom bákom,
        Sohse volt a mulatságom,
        Már kis gyerek koromban,
        Az ól körül forogtam.

        Mór Jókai, Johann Strauss (Sohn) und Ignaz Schnitzer, In der Operette wird es doch auf den Punkt gebracht: Das Interesse ungarischer Politik ist Schweinespeck. Werfen Sie ihren Blick nicht gen Himmel und fantasieren Sie keinen Stuss. Blicken Sie gen Felcsút und lauschen Sie dem Gesang des reichen Zsupán.

        Hört, hören Sie den Gesang der 3. Legislaturperiode, hier als historische Aufnahme aus der Horthy-Ära, vorgetragen 1930 von Leo Schutzendorf!
        Weil Ihnen der Zwei-Plus-Vier-Vertrag zu langweilig ist.

      • „Er [dalos] ist einer von jenen, die letztendlich den Boden bereitet haben, aus dem in Europa, insbesondere aber in Deutschland das Verständnis für einen Putin sprießt,…“

        werter herr herche, ihre replik auf diesen komischen vogel teile ich zu weiten teilen (was sie vermutlich wieder zu einem angriff auf mich verleiten wird…). und dennoch lässt bei ihnen immer noch nicht genau ausmachen, was eigtl ihre triebfeder ist.

        ihnen blindwüteriches handeln (im fall dalos) zu unterstellen, fällt allerdings nicht allzu schwer.

        http://www.deutschlandfunk.de/von-hitzkopfen-und-wuterichen-choleriker-eine-aussterbende.media.904e85d65afc8c860339c651d3c1cd27.pdf

      • Ich muss, weil mein Urgroßvater der Teich-Seidel in Bunzlau war, wegen der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze hier noch mal nachlegen:
        „1. Kohl und die Frage der polnischen Westgrenze

        Das Wahljahr 1990 begann für den CDU-Chef mit einem Dilemma. Mit der Wende in der DDR waren neben der deutschen Frage auch die Interessen der Vertriebenenverbände wieder auf der politischen Agenda aufgetaucht. Deren Gebiets- und Eigentumsansprüche, formuliert von ihrem Präsidenten (und Unionsabgeordneten im Bundestag) Herbert Czaja, mußten von der CDU ernst genommen werden, wenn das nationalkonservative Wählerpotential nicht in die Arme der nationalistischen „Republikaner“ getrieben werden sollte.[4]

        Immerhin konnten sich die Vertriebenenverbände auf ein Zitat des ersten CDU-Kanzlers Konrad Adenauer berufen: „Keine deutsche Regierung wird je in der Lage, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen“, lautete der Ausspruch Adenauers aus dem Jahr 1953. Darüber hinaus argumentierten die Anhänger eines „Großdeutschen Reiches“ vor allem auf der Grundlage des Umstandes, daß das Verfassungsgericht in Karlsruhe bis dato nicht von der juristischen Formel abgewichen war, das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 sei nie untergegangen. Selbst auf den vom SPD-Kanzler Willy Brandt abgeschlossenen Warschauer Vertrag konnten sie sich beziehen, denn auch dieser enthielt nach offizieller juristischer Interpretation keinerlei Verzicht auf die im Zweiten Weltkrieg verlorenen deutschen Ostgebiete.[5]

        Auch wenn mit Ausnahme der Vertriebenen und deutschnationalen Kreise die Oder-Neiße-Grenze von niemand mehr ernsthaft in Frage gestellt wurde, konnte sich Kohl lange nicht zu einer eindeutigen Position durchringen. Der Kanzler vermied eine klare Aussage zur polnischen Westgrenze, darauf verweisend, daß er sich als Verfassungsorgan Bundeskanzler an die Rechtsprechung des Verfassungsorgans Bundesverfassungsgericht halten müsse. In Zeiten des Kalten Krieges, die deutsche Einheit in weiter Ferne, konnten die Unionsparteien sich den Vertriebenen zumindest in der Rhetorik als Hüter nationaler Interessen anbiedern. Jetzt fürchtete Kohl, obwohl selbst kein Revanchist, die Vertriebenen mit der Realität konfrontieren zu müssen und bei der Bundestagswahl im Dezember ein sicher geglaubtes Wählerreservoir unter Umständen an die rechtsradikalen Republikaner verlieren zu können. „Während Genscher, in seinem außenpolitischen Handeln ganz der Tradition sozialliberalen Ostpolitik folgend, beispielsweise Wählerschichten im konservativen und rechten Lager, die ihm ohnehin nicht zugänglich waren, vernachlässigen konnte, mußte Kohl hier nicht nur auf allgemeine innenpolitische, sondern auch auf wichtige innerparteiliche Gruppen Rücksicht nehmen“, urteilte Werner Weidenfeld.[6]

        Ebenso wie Außenminister Genscher hatten andere Repräsentanten der Bonner Republik weniger Probleme, eindeutige Positionen zu formulieren: Bundespräsident Richard von Weizsäcker ebenso wenig wie Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth. Selbst Roman Herzog, oberster Verfassungsrichter, bezog deutlicher Stellung als Kohl: Es gebe keine Rechtsprechung, ließ Herzog zu Jahresbeginn 1990 verlauten, die eine Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 fordere. Und eine Vereinigung von Bundesrepublik und DDR ohne die Gebiete von Oder und Neiße verstoße keineswegs gegen den Wiedervereinigungsauftrag des Grundgesetzes. „Denn die tatsächliche politische Entwicklung kann eine Verfassung nicht endgültig steuern“, so Herzog. In der Endphase des Vereinigungsprozesses wird das Bundesverfassungsgericht folgerichtig die Klage Czajas gegen den Einigungsvertrag, der die Anerkennung der bestehenden Grenzen durch die Streichung des Artikels 23 faktisch beinhaltete, abweisen.[7]

        Ungeachtet des negativen Echos, das im Januar 1990 im In- und Ausland auf den Bundeskanzler niederprasselte, nahm Helmut Kohl in der Frage der polnischen Westgrenze bis zu den Volkskammerwahlen im März nicht eindeutig öffentlich Stellung. Noch Ende Februar, Kohl war in Camp David Gast des amerikanischen Präsidenten George Bush, blieb der Bundeskanzler bei der juristischen Interpretation, die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie müsse einem gesamtdeutschen Souverän überlassen werden. Daß Kohl auch bei dieser Gelegenheit dargelegt hatte, daß „niemand die Frage der Einheit der Nation mit der Verschiebung bestehender Grenzen“ verbinden wolle, nahm die beunruhigte Weltöffentlichkeit weit weniger zur Kenntnis.[8]

        Die Verunsicherung war bei den polnischen Nachbarn natürlich besonders ausgeprägt: Die Zeitung Gazeta Wyborcza nannte Kohls Politik – exemplarisch für das Unverständnis in den polnischen Medien – „ein unehrliches, zweideutiges Spiel“. Marian Podkowinski, Publizist und einer der renommiertesten Deutschlandexperten, diagnostizierte beim deutschen Kanzler „einen Mangel an Vorstellungskraft“. Dieser vergesse, daß für die meisten Polen auch 45 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein großes Deutschland „immer noch ein Schreckensbild ist, das sie mit Bismarck und Hitler verbinden“.[9]

        Die politischen Repräsentanten des Nachbarlandes waren ebenso ungehalten: Ministerpräsident Mazowiecki erklärte die Garantie der Staatsgrenzen zu einer „Frage von Leben und Tod“, und Präsident Jaruzelski verwies auf das internationale Unverständnis über Kohls unklare Äußerungen: „Noch nie haben wir von Washington über London und von Paris bis Moskau eine so einhellige und intensive Unterstützung unserer Wünsche erfahren wie in der Sache der Westgrenze.“ Anders herum gesagt: Selten hat sich Helmut Kohl in der Außenpolitik stärker in die Isolation manövriert als durch die zögerliche Haltung in der Frage der Oder-Neiße-Grenze.[10]

        Dabei war Kohls Lamento um die Anerkennung der polnischen Westgrenze nicht das erste diplomatische Mißverständnis in der Kanzlerschaft des Pfälzers: Bei einem Israel-Besuch 1984 hatte der Historiker Kohl die Gastgeber mit seinem Ausspruch von der „Gnade der späten Geburt“ irritiert, 1986 sorgte er für Unverständnis, als er den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow in einem autorisierten Newsweek -Interview mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels verglich, und auch die Tatsache, daß er 1985 den US-Präsidenten Ronald Reagan bei dessen Deutschland-Besuch auf den Soldatenfriedhof von Bitburg, auf dem auch frühere SS-Mitglieder begraben liegen, geführt hatte, wurde als mißlungener Akt politischer Aussöhnungssymbolik gedeutet. Peinlichkeiten wie diese schienen ein Urteil des langjährigen Rivalen Franz Josef Strauß zu bestätigen, der Helmut Kohl nach dessen knapper Niederlage gegen Helmut Schmidt bei den Bundestagswahlen 1976 attestiert hatte, er werde angesichts seiner Unzulänglichkeiten nie Kanzler werden: „Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.“[11]

        Strauß, der vier Jahre später als Kanzlerkandidat vier Prozent unter Kohls Ergebnis von 1976 blieb, sollte sich geirrt haben: Der provinziell wirkende Pfälzer zog im Oktober 1982 durch den Seitenwechsel der FDP und ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Helmut Schmidt ins Kanzleramt ein. Dies war der vorläufige Höhepunkt einer bis dato schon langen politischen Karriere, die Kohl 1947 als Mitbegründer der Jungen Union in Ludwigshafen begonnen hatte. Ein Jahr später trat er in die CDU ein, wurde 1953 Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der CDU Pfalz, 1955 Mitglied des Landesvorstandes Rheinland-Pfalz, 1959 Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der CDU Ludwigshafen, 1966 Landesvorsitzender der rheinland-pfälzischen Union und im selben Jahr Mitglied des Bundesvorstandes. Von 1969 bis zu seiner Kanzlerkandidatur 1976 amtiert Kohl als Ministerpräsident seines Bundeslandes, um anschließend für sechs Jahre den Fraktionsvorsitz der CDU/CSU im Bundestag zu übernehmen. Bereits 1973 hatte er Rainer Barzel als Vorsitzenden der Bundes-CDU abgelöst.[12]

        „Kein Parteimann hat so geduldig und so zielstrebig auf das politische Spitzenamt Deutschlands hingearbeitet. Keiner hat dafür so viele Enttäuschungen hingenommen wie er“, urteilte Rudolf Augstein in der Endphase der Kanzlerschaft Kohl rückblickend über den „Passionsweg“ eines Politikers. Andererseits hat Helmut Kohl in den vielen Parteiämtern seiner langen Politikerkarriere viel Zeit gehabt, seine Partei gründlich zu studieren, Abhängigkeiten entstehen zu lassen und ein gefestigtes Machtsystem aufzubauen.[13]

        Im Spätsommer 1989 geriet Kohls Machtbasis zwischenzeitlich ins Bröckeln: Verluste bei Kommunal-, Europa- und Landtagswahlen sowie verheerende Umfragewerte ließen in Teilen der Union Zweifel aufkommen, ob die nächsten Bundestagswahlen mit dem Pfälzer zu gewinnen seien. Die Gruppe seiner Kritiker – angeführt von Heiner Geißler, Kurt Biedenkopf, Rita Süssmuth und Lothar Späth, der als Alternative gehandelt wurde – hätte den Bundeskanzler auf dem Bremer Parteitag Anfang September 1989 wahrscheinlich in erhebliche Schwierigkeiten gebracht, wenn Helmut Kohl nicht die Weltgeschichte zur Hilfe gekommen wäre: Immer mehr DDR-Bürger suchten über Ungarn und andere Länder die Flucht in den Westen, ließen die Agonie des SED-Staates immer deutlicher zu Tage treten und rückten die deutsche Frage unerwartet wieder auf die Tagesordnung. Just für die Nacht vom 10. auf den 11. September hatte die ungarische Regierung die Ausreise der Flüchtlinge aus Ostdeutschland vorgesehen und damit ein Loch in den „eisernen Vorhang“ geschnitten. Am selben Abend fand der traditionelle Presseempfang vor Beginn des CDU-Parteitages statt. Für den angeschlagenen Kanzler bot sich die Gelegenheit, den überraschten Journalisten die historische Nachricht bekannt zu geben und die Aufmerksamkeit von der innerparteilichen Kontroverse auf seine Rolle als westdeutscher Regierungschef inmitten einer sich abzeichnenden welt- und deutschlandpolitischen Umbruchphase zu lenken. „Wer wollte da noch von Putsch reden, als über die Monitore Bilder von glücklichen Menschen flimmerten, die gerade in den Genuß der sehnlichst erwarteten Freiheit gekommen waren? Kohl schien in dieser weltpolitischen Situation unentbehrlich zu sein, und dieser Eindruck war beabsichtigt. So verdankte der Kanzler auch den ersten Keimen der Vereinigung das Comeback von Bremen“, urteilt Guido Knopp.[14]

        Aus den „ersten Keimen der Vereinigung“ wurde in wenigen Wochen eine reale politische Option: Der Flüchtlingsstrom aus der DDR entwickelte sich zum Massenexodus, die friedlichen Demonstrationen zum Massenprotest gegen das System und seine Führung. Die nervös gewordenen Hardliner um Erich Honecker im Politbüro, vom reformorientierten sowjetischen Staatschef Gorbatschow längst nicht mehr gestützt, gaben dem Einigungsprozeß ungewollt eine zusätzliche Dynamik: Der Entwurf einer neuen Reiseverordnung wurde am 9. November von ZK-Mitglied Günther Schabowski mißverständlich vorgetragen und von vielen DDR-Bürgern als sofortige Reiseerlaubnis interpretiert. Zehntausende DDR-Bürger machten die Probe aufs Exempel, der Druck an den Ost-Berliner Grenzübergängen nahm zu, und die schlecht informierten und überraschten Beamten öffneten in ihrer Verunsicherung die Grenzen. Die Berliner Mauer, seit 1961 Symbol der deutschen Teilung, war gefallen.[15]

        Helmut Kohl befand sich zu diesem Zeitpunkt auf Polenreise, die im Zeichen der Versöhnung beider Völker stehen sollte. Die Frage nach der definitiven Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze stellte bereits zu diesem Zeitpunkt für Kohl einen heiklen Tagesordnungspunkt dar, zumal es zwischen dem FDP-Außenminister Genscher und der CSU, die die Anliegen der in Süddeutschland stark vertretenen Vertriebenen stets vehement unterstützt hatte, unterschiedliche Auffassungen gab. Vor dem Hintergrund der Ereignisse an der Berliner Mauer, wo sich tags zuvor Hunderttausende Ost- und Westdeutsche in den Armen gelegen hatten, faßte der Bundeskanzler den Entschluß, die Polenreise zu unterbrechen, um direkt nach Berlin zu fliegen, wo am 10. November zwei Kundgebungen – vor der Gedächtniskirche sowie vor dem Schöneberger Rathaus – stattfinden sollten, bei denen Kohl das Feld nicht der Konkurrenz überlassen wollte. „Angesichts der Ereignisse in Ost-Berlin, so sein Eindruck, war er in Warschau am falschen Ort. Daß Konrad Adenauer nach dem Mauerbau am 13. August 1961 nicht sogleich nach Berlin geflogen war, sondern in Augsburg seinen Wahlkampf fortgesetzt hatte, war ihm angesichts der Niederlage bei der darauffolgenden Bundestagswahl immer wieder vorgehalten worden. Einen derartigen Fehler wollte der ebenso geschichts- wie machtbewußte Helmut Kohl keinesfalls wiederholen, zumal er auch aus dem Kreis seiner Mitarbeiter zur Rückkehr nach Bonn aufgefordert wurde“, so Weidenfeld.[16]

        Der polnische Ministerpräsident wollte eine Unterbrechung des Staatsbesuchs verhindern. Dementsprechend verärgert war Tadeusz Masowiecki, als der Bundeskanzler sich von seinem Vorhaben nicht abhalten ließ. Der Unmut des polnischen Ministerpräsidenten sollte sich in den nächsten Monaten noch steigern: Kohl würde – wie eingangs ausgeführt – im weiteren Verlauf des deutsch-deutschen Einigungsprozesses die Frage nach der endgültigen völkerrechtlichen Anerkennung der polnischen Westgrenze lange unbeantwortet lassen.[17]

        Helmut Kohl hat, ungeachtet des negativen Presseechos im In- und Ausland, eine andere Erinnerung an seine Polenreise: Ihm sei es bei seinem „erfolgreichen“ Besuch gelungen, „die Sorgen und Befürchtungen Warschaus hinsichtlich der Oder-Neiße-Grenze abzubauen“. Die negative Bewertung seiner Äußerungen im Kontext der polnischen Westgrenze stellt sich in der Rückschau Kohls als Erfindung der sozialdemokratischen Opposition und ihr nahestehender Medien dar, denen ein Erfolg seiner Polenreise nicht gelegen gewesen sei: „Anders konnte ich mir damals nicht erklären, weshalb sie ständig die Behauptung verbreiteten, ich stelle die Westgrenze Polens in Frage. Für die Bundesrepublik galt der Warschauer Vertrag von 1970, und darin hieß es unzweideutig, daß wir keine Gebietsansprüche gegenüber Polen hatten. Es stand ebenso eindeutig fest, daß die Bundesregierung und der Bundeskanzler nicht legitimiert waren, eine endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze auszusprechen, solange es keinen handlungsfähigen gesamtdeutschen Souverän gab.“[18]

        An anderer Stelle räumt Helmut Kohl ein, daß es sich bei der Frage der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze um eine Gratwanderung gehandelt habe, weil sowohl den „polnischen Sorgen und Ängsten“ als auch den Gefühlen der „Millionen Menschen in der Bundesrepublik“, die „aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße vertrieben worden sind“, Rechnung getragen werden mußte:

        „Natürlich war mir in jenen Tagen ganz deutlich, daß eine wesentliche Voraussetzung für die Zustimmung der Vier Mächte und unserer Nachbarn zur deutschen Einheit die endgültige völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße Linie als polnische Westgrenze sein würde. In den früheren Ostgebieten lebten ja schon in zweiter und dritter Generation Polen, denen dieses Land zur neuen Heimat geworden war. Andererseits schuldeten wir es den Millionen deutscher Heimatvertriebener und Flüchtlinge, diese Anerkennung, die laut Grundgesetz erst von einem gesamtdeutschen Souverän ausgesprochen werden durfte, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, sondern deutlich zu machen, daß hier ein für viele Menschen schmerzhafter Preis für die deutsche Einheit entrichtet wurde. Mit ‚Revisionismus’ oder gar Revanchismus hatte dies wahrlich nichts zu tun. Im übrigen war es auch unsere Pflicht, sicherzustellen, daß im Gegenzug zur Grenzanerkennung die Rechte der deutschen Minderheit, deren Existenz von den kommunistischen Machthabern und von nationalistischen Kreisen in Polen jahrzehntelang geleugnet worden war, in völkerrechtlich verbindlicher Form gesichert werden würde.“
        Quelle:
        http://www.grin.com/de/e-book/116842/die-deutschlandpolitischen-positionen-von-helmut-kohl-und-oskar-lafontaine

        Ich schulde das einfach meiner Mutter und meinen schlesischen Vorfahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s