Boris Kálnokys „Notizen aus Budapest“

Von Boris Kálnoky, Budapest

Für die Leser des Blogs möchte ich erneut einige Details und Anekdoten aus der ungarischen Politik und Gesellschaft zugänglich machen, die vielleicht interessant, aber nicht „groß“ genug sind, um in meinen Artikeln verwertet werden zu können. Manche Namen und Quellen kann ich hier nicht nennen (manche Infos natürlich auch nicht).

Die Leser fragen sich vielleicht, warum Ungarn in der Flüchtlingskrise so offensiv vorgeht, auch auf der europäischen Bühne. Ich habe es zwar in einem Orbán-Porträt bereits geschrieben, aber dieser Glaube durchdringt wirklich die ganze Regierungspartei. Ich merke es immer wieder in Gesprächen: Man hofft/ist überzeugt, dass die Flüchtlingskrise Europa verändern wird, aber nicht so, wie es die „Veränderer“, also die Verfechter eines „offenen“ Kurses gegenüber Flüchtlingen, hoffen. Sondern dass die Krise die „Veränderer“ wegfegen wird, dass solche Parteien in Europa an die Macht kommen, die einen härteren Kurs vertreten, oder dass Altparteien ihre Haltung ändern werden müssen, um die Wählergunst nicht zu verlieren. Ich glaube, Orbán selbst will auf die europäische Öffentlichkeit einwirken, um diesen Prozess zu beschleunigen.

Viktor Orbán erzählte uns beim gemeinsamen Interview vor einigen Wochen, sein Lieblingsheld in der Literatur sei Miklós Toldi, eine klassische männliche Heldenfigur „der für das Recht kämpft und die Frauen verteidigt, ein richtiger Mann“. Adam Lebor fragte dann ob das nicht ein etwas veraltetes Männerideal sei. Orbán: „Wenn Sie wüssten, was Frauen in den Flüchtlingslagern durchmachen, würden Sie das nicht sagen, dass der schützende Mann ein veraltetes Ideal ist“.

Es wird eine spannende Frage, ob Fidesz bei den nächsten Wahlen zum EVP-Vorsitz erstmals seit dem Abtritt Orbáns aus dieser Funktion wieder eine/n Kandidaten/in als Vizevorsitzende/n durchbringen kann. Fidesz ist die fünftstärkste Fraktion, es gibt 10 Vizepräsidenten. Hinter den Kulissen hat das Gerangel um die Posten schon begonnen.

Klingt fast komisch, aber man sorgt sich bei Fidesz ganz ernsthaft um die linke Opposition. Deren chronische Selbstzerstörung kann nämlich zur Folge haben, dass als einzige Alternative zu Fidesz nur Jobbik bleibt. Und in einer Demokratie tritt jede Regierungspartei irgendwann wieder ab. Das weiß man auch bei Fidesz – und man will nicht, dass dann, irgendwann in der Zukunft, nur Jobbik nachrücken kann. Kurzum, man fragt sich tatsächlich, ob man der Opposition irgendwie helfen soll/kann…