FAZ: Positive Beurteilung für ungarische Wirtschaft

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bewertet die Wirtschaftspolitik Ungarns positiv. Die Anstrengungen der Regierung Orbán würden nun auch die Börsenkurse steigen lassen.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/aktienanlage-in-ungarn-boerse-budapest-ist-spitzenreiter-in-der-eu-14411355.html

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SPON: Keno Verseck und das Ritterkreuz für Zsolt Bayer

Lange, lange durfte die seit einigen Monaten unterbeschäftigte Armada der Ungarn-Berichterstatter ausharren, sich langweilen, nach Themen suchen. Die Suche nach aktuellen Beiträgen von Gregor Mayer, Stephan Osváth und anderen ergab kaum Erfrischendes, schon gar nichts Empörendes.

Am 20. August 2016 war es dann soweit, die ungarische Regierung gab eine echte Steilvorlage für ihre Kritiker. Zsolt Bayer, hier im Blog oft behandelter Journalist mit zweifelhafter Wortwahl und offen rassistisch-antiziganistisch-antisemitischer Einstellung (siehe Suchfunktion unter „Zsolt Bayer“), erhielt das Ritterkreuz des ungarischen Verdienstordens. Die Empörung hierüber ist – auch unter ehemaligen Preisträgern – so groß, dass bislang mehr als 30 der Ausgezeichneten ihre Orden zurückgaben. Sie wollen nicht einmal zufällig mit Bayer in einem Boot sitzen.

So weit, so schlecht. Der Autor dieser Zeilen hält die Auszeichnung Bayers für einen beispiellosen Fehlgriff, ein fragwürdiges Zeichen in Richtung jener Wählergruppen, die in Bayers verbalen Ausfällen Mut und Geradlinigkeit zu erkennen meinen. Der Kampf mit Jobbik scheint immer noch zu schwelen.

Traurig jedoch auch hier: Keno Verseck, der für Spiegel Online die Preisverleihung zerreißen darf, schafft es selbst bei einem praktisch auf dem Elfmeterpunkt liegenden Ball nicht, in seinem Beitrag bei den nackten Fakten zu bleiben. Zu groß scheint die Versuchung zu sein, den Worten Bayers Dinge hinzuzudichten oder dem Leser wichtige Informationen vorzuenthalten. Warum, wird nur der Autor beantworten können – ich vermute aber, es wird schon dem guten Zweck dienen…

„Er ruft dazu auf, Roma-Kinder mit dem Auto zu überfahren.“ Später im Text: „Im Oktober 2006 schrieb er nach einem grausamen Lynchmord an einem Lehrer, der von einem wütenden Roma-Mob begangen worden war: „Wenn jemand ein Zigeunerkind überfährt, handelt er richtig, wenn er nicht anhält. Wenn es darum geht, Zigeunerkinder zu überfahren, sollten wir kräftig aufs Gaspedal treten.“

Nun, nicht ganz. Tatsächlich schrieb Bayer in seinem Beitrag aus dem Jahr 2006:

„Mindezen tények ismeretében pedig vonjuk le a legalapvetőbb következtetéseket. 1. Bárki, aki ebben az országban elgázol egy cigány gyereket, akkor cselekszik helyesen, ha eszébe sem jut megállni. Cigány gyerek elgázolása esetén tapossunk bele a gázba. Ha időközben körbeállják autónkat a cigányok, még inkább tapossunk bele a gázba. Akit még elütünk, annak pechje van. A lehető legnagyobb sebességgel továbbhajtva, autónkból hívjunk mentőt, és a legközelebbi rendőrőrsön álljunk csak meg, ahol adjuk fel magunkat.“

(„In Kenntnis all dieser Tatsachen sollten wir folgende Erkenntnisse ableiten: 1. Jedermann, er in diesem Land ein Zigeunerkind anfährt/überfährt, handelt richtig, wenn er nicht einmal daran denkt, anzuhalten. Wenn er ein Zigeunerkind anfährt/überfährt, sollte er aufs Gas treten. Wenn die Zigeuner das Auto umstellt haben, sollte er erst Recht aufs Gas treten. Wer angefahren wurde, hat eben Pech gehabt. Während wir mit maximaler Geschwindigkeit weiterfahren, sollten wir aus dem Auto den Notarzt rufen, und an der nächsten Polizeistation anhalten, um uns zu stellen.“)

Was war der Hintergrund dieses gruseligen Beitrags? Ein gruseliger Vorfall. Der Lehrer Lajos Szögi wurde im Ort Olaszliszka, nachdem er ein plötzlich über die Straße laufendes Roma-Mädchen angefahren hatte (das Kind wurde leicht verletzt und lief davon), anhielt und sich um das Kind kümmern wollte, von einem Mob der örtlichen Roma-Bevölkerung vor den Augen seiner beiden Töchter so lange geschlagen und getreten, bis er tot war. Während des Angriffs wurde von mehreren Tätern „Bring den Ungarn um“ („Öldd a magyart„) gerufen – was nach ungarischem Recht den Tatbestand einer „Straftat gegen eine Gemeinschaft“ (worunter Mehrheiten wie Minderheiten gleichermaßen fallen) erfüllt.

Bayer verstieg sich in seinem Beitrag zwar – wie fast immer – in der Wortwahl und in seinen Thesen, doch hat er zu keinem Zeitpunkt dazu aufgerufen, Zigeuner Roma-Kinder mit dem Auto zu überfahren. Diese Aussage, Herr Verseck, ist also schlichtweg frei erfunden. Bayer zog in der von Spiegel Online verdrehten Passage vielmehr den (traurigen!) Schluss, dass man, wenn man in Ungarn nach einem Verkehrsunfall Gefahr läuft, von einem wütenden Mob totgeschlagen zu werden, man wohl besser weiterfährt, den Notarzt ruft und sich an die Polizei wendet.

Zsolt Bayer, den ich hier einmal als den von der ausländischen Presse meistüberschätzten ungarischen Publizisten bezeichnet habe (Grund, diese Meinung zu ändern, habe ich nicht), ist und bleibt der Gummiknochen für die Orbán-Kritiker. Vielleicht ist genau das einer der Gründe für seine Auszeichnung?

László Nemes, die Jüdische Allgemeine und der schmale Grat zwischen Dichtung und Wahrheit

Der Erfolg des bereits bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichneten ungarischen Holocaust-Dramas Son of Saul (Saul fia) bei der Verleihung der Golden Globes im Januar 2016 hat – wie bereits berichtet – zu gespaltenen Reaktionen in Ungarn geführt. Neben zahlreichen Gratulanten für den mit ungarischen Staatsgeldern geförderten Film krochen auch jene Antisemiten aus ihren Löchern, die in dem Film nichts „ungarisches“ zu erkennen vermochten und ihren Reflex des „schon wieder diese alte Kamelle“ mehr oder weniger lautstark auslebten. Ministerpräsident Viktor Orbán hingegen gratulierte den Beteiligten via Facebook wie folgt:

„Wow! Egyedülálló magyar siker. Őszintén gratulálok Nemes Jeles Lászlónak, valamint a Saul fia összes alkotójának és szereplőjének. Elismerésem Andy Vajnának is, aki olyan filmtámogatási rendszert alakított ki, amely utat nyit a tehetségeknek.

Wow! A unique Hungarian success! I convey my heartfelt congratulations to László Nemes Jeles and all the creators and actors of Son of Saul. I would like to express my appreciation to Andy Vajna, who has established a support system for the film industry that opens the path to talented professionals.“

Der Erfolg des zwischenzeitlich auch für den Oscar (Kategorie bester ausländischer Film) nominierten (und aussichtsreichen) Films erweckte auch das Interesse der in Berlin erscheinenden Zeitung des Zentralrats der Juden in Deutschland, Jüdische Allgemeine. Die ungewöhnliche Chronologie dieses von Philipp Peyman Engel mit dem Regisseur László Nemes geführten Interviews soll den Lesern nicht vorenthalten werden:

Die erste Fassung des Interviews datiert auf den 28.01.2016 und trägt den Titel „Ungarn ist kein normales Land“. Bedrohlich, oder? Und natürlich wird alles getan, um den Titel zu rechtfertigen…

Bereits Nemes´ Antwort auf die erste Frage, ob er von dem Erfolg des Films überrascht worden sei, löst Verwunderung beim Leser aus. Im Wortlaut:

„Herr Nemes, Ihr Film »Son of Saul« hat einen Golden Globe gewonnen und geht bei den Oscars in der Kategorie »bester fremdsprachiger Film« ins Rennen. Hat Sie der Erfolg Ihres Debüts überrascht?
Die Preise kommen sehr überraschend. Aber sie langweilen mich auch. Ich empfinde es als Verschwendung von Lebenszeit. Veranstaltungen wie die in Los Angeles oder in Cannes sind oberflächlich, sinnentleert und dumm. Ich habe einen Film über die Grausamkeit des Holocaust gedreht, da gibt es nichts zu feiern. Die Leute sollten über den Film und seine Geschichte reden – und nicht über Angelina Jolies Kleiderlänge.“

Nemes als Regisseur, der – von oben herab – diejenigen als oberflächlich, dumm und lebenszeitverschwendend brandmarkt, die einen hervorragenden Film auszeichnen und dabei helfen, ihm die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm gebührt? Die Antwort wirkt etwas schrullig, auch in Ungarn war Verwunderung vernehmbar. Das Land ist vermutlich wirklich nicht normal, denkt der Leser. Kann ein Ungar sich freuen?

Doch es geht nicht um einen gelangweilten Regisseur. Sondern – natürlich – um Antisemitismus in Ungarn. Auf die (meines Erachtens falsche) Feststellung Engels, in Ungarn habe der Film „überwiegend“ negative Reaktionen ausgelöst, und die Frage, ob den Regisseur das verwundert habe, wird folgender Inhalt wiedergegeben:

„In Ungarn fallen die Reaktion auf den Film überwiegend negativ aus. Hat Sie das gewundert?
Überhaupt nicht. Der Hass auf Juden ist in Ungarn nach wie vor sehr verbreitet. Viele würden die Konzentrationslager eher gestern als heute wieder öffnen, wenn sie könnten. Es ist nicht die Mehrheit im Land, aber genug, um sich zu ängstigen.“

Nun, dieseAntwort löste in Ungarn weitreichende Empörung und Verwunderung (auch in oppositionellen Medien) aus. Nemes, der unter anderem aus ungarischen Steuergeldern einen Film über den Holocaust dreht, äußert sich dahingehend über seine Landsleute (und Steuerzahler)? Handelt es sich um bewusste Provokation oder – bei allen bekannten Problemen mit Antisemitismus in Ungarn – die sinnentleerte Aussage eines Filmemachers, der schon nach den ersten beiden Preisen die Bodenhaftung verloren hat und sich in jene Höhen aufmacht, in denen sonst nur Intellektuelle der alten Garde schweben? Die Antwort auf diese Frage kann letztlich nur Philipp Peyman Engel geben, sie steht bis heute aus. Denn Nemes´ beteuert, dass er gar nichts derartiges gesagt habe.
Postwendend nach Erscheinen des Interviews meldeten sich der Regisseur und das Produktionsteam mit einer Pressemitteilung, in der sie sich von dem Interview ausdrücklich distanzierten. Der Regisseur und die Produzenten von Son of Saul hätten 

den Inhalt des in der Jüdischen Allgemeinen abgedruckten Interviews mit Verwunderung zur Kenntnis genommen„. 

Nemes bezeichnet gar

jedes einzelne ihm unterstellte Wort als Verleumdung“ 

und kündigte unverzügliche rechtliche Schritte gegen die Jüdische Allgemeine an.

Nur einen Tag später, am 29.01.2016, war das ursprüngliche Interview von der Webseite der Jüdischen Allgemeinen verschwunden. Die Änderung wird allerdings nicht im Detail erläutert, sondern nur als „aktualisierte Version“ betitelt, ergänzt um folgenden Satz am Ende:

„Nach Rücksprache und Übersetzungsabstimmung mit den Produzenten des Filmes veröffentlichen wir ein im Wortlaut verändertes Interview.“

Ein „im Wortlaut verändertes“ Interview…wo genau das Interview geändert wurde, erfährt der Leser nicht. Er wird in Anbetracht des Hinweises auf eine bloße „Abstimmung“ in der Übersetzung, wohl eher kleine Anpassungen vermuten. Denn man geht schließlich davon aus, dass die Gesprächspartner sich verstanden haben. Bei näherem Hinsehen handelt es sich jedoch um die völlige Veränderung des Wortlautes bei den Kernaussagen.

Statt der eingangs zitierten, herablassenden Äußerung über die Preisverleihungen liest man nun folgende, kluge Sätze:

„Herr Nemes, Ihr Film »Son of Saul« hat einen Golden Globe gewonnen und geht bei den Oscars in der Kategorie »bester fremdsprachiger Film« ins Rennen. Hat Sie der Erfolg Ihres Debüts überrascht?
Wenn man seinen ersten Film dreht, ist es immer ungewiss, welches Ergebnis man erwarten soll. Wir wussten, dass wir einen sehr neuartigen Zugang hatten, was die Darstellung des Holocaust und der Lager betrifft – und haben gehofft, dass das einen Teil des Publikums berühren würde. Aber wir waren jedenfalls nicht auf diese Art Reaktion vorbereitet – dass der Film im Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit stehen würde. Diese Preise und Nominierungen ermöglichen uns, den Film bekannter zu machen und ihn in so vielen Ländern wie möglich zu zeigen.“

Die Divergenz beider Passagen soll das Ergebnis einer Übersetzungsabstimmung sein? Wenn das stimmt, stellt sich die Frage, wer von beiden Interviewpartnern hier mit Sprach- bzw. Verständnisproblemen zu kämpfen hatte. Jeder Leser mag darüber selbst spekulieren.

Doch es wird noch bedrückender. Liest man, welche Passage jene Aussage Nemes´ ersetzt, in der er vielen seiner Landsleute den Wunsch nach „Wiedereröffnung der Konzentrationslager“ unterstellt, so sitzt man nur noch mit offenem Mund da:

„In Ungarn fallen die Reaktion auf den Film überwiegend negativ aus. Hat Sie das gewundert?
In Ungarn entwickelt sich der Film zu einem der populärsten und meistgesehenen der letzten Jahre. Die negativen Kommentare haben mich nicht gewundert, denn antisemitische Einstellungen sind in Ungarn immer noch allzu verbreitet, man erlebt sie im Alltag und in zahlreichen Gesprächen. Der Holocaust wird immer noch von vielen als ein Ereignis betrachtet, das mit Ungarn nichts zu tun hatte – weder auf Opfer- noch auf Täterseite.“

Jener Film, der „überwiegend“ negativ aufgenommen werde, entwickelt sich also – natürlich nur, wenn man sich von Fakten beeindrucken lässt – zu einem der populärsten und meistgesehenen der vergangenen Jahre. Jene, die meinen, Filme über die Shoa würden in Ungarn generell negativ aufgenommen, scheinen sich zu irren; und das ist gut so, denn Ungarn ist ein Land wie viele andere auch. 

Zugleich weist Nemes´ auf die durch Umfragen belegte Tatsache hin, dass antisemitische Vorurteile in Ungarn weit genug verbreitet sind, um als Bedrohung empfunden zu werden. Ob der Antisemitismus dabei tatsächlich höher ist als z.B. in Deutschland, oder ob die Befragten in Ungarn diesen nur offener äußern, bleibt der Beantwortung durch die Wissenschaft vorbehalten. Im weiteren Verlauf stellt Nemes jedenfalls klar, dass Ungarn sich hier in die Länder Mittel- und Osteuropas einreiht. Auch an dieser Stelle wurde am Interview „herumfrisiert“. Sollte ursprünglich der Eindruck erweckt werden, nur „die anderen“, vorliegend also Ungarn, hätten mit Judenhass zu kämpfen? Oder ist Judenhass in der ungarischen Gesellschaft nur dann ein Problem, wenn er sich als Angriffsfläche für eine ungeliebte Regierung einsetzen lässt?

Die alte Fassung klang noch völlig anders:

„Der Westen macht sich große Sorgen wegen des wachsenden Rechtsextremismus in Ungarn. Wie antisemitisch ist die Regierung Orbán?
Es gehört zur langjährigen Tradition Ungarns, mit dem Feuer zu spielen. Bis heute spricht man zum Beispiel nicht über die Kollaborationen mit den Deutschen während der NS-Zeit, und die Politiker fachen den vorhandenen Antisemitismus im Land nur allzu gern an. Andererseits setzt sich die Regierung Orbán stark für die jüdischen Gemeinden im Land ein. Und trotz der weitverbreiteten antisemitischen Stimmung haben wir neben der großzügigen Unterstützung durch die Claims Conference auch staatliche Gelder aus Ungarn bekommen. Sie müssen wissen: Ungarn ist kein normales Land – und seine Politiker und Bürger erst recht nicht.“

Und nun die korrigierte Fassung:

„Der Westen macht sich große Sorgen wegen des wachsenden Rechtsextremismus in Ungarn. Wie antisemitisch ist die Regierung Orbán?
Es gibt eine lange Tradition des ungehemmten und offenen Antisemitismus in der ungarischen Politik – wie auch in anderen Ländern, besonders in Mittel- und Osteuropa. Es gibt einfach keinen breiten, einstimmigen Konsens darüber, dass Antisemitismus jeglichen nationalen Zusammenhalt zerstört. Manchmal wird er sogar gerade deswegen genährt, um einen breiten Konsens zu erschaffen. Andererseits, und das ist paradox, war nur Ungarn bereit, diesen Film zu finanzieren, durch den Ungarischen Filmfonds. Weder in Deutschland noch in Österreich, Frankreich und Israel ist es uns gelungen, Fördermittel zu beschaffen oder auch nur Koproduzenten zu finden.“

Abermals fördert die „Übersetzungsabstimmung“ einen völlig neuen Inhalt zutage. Weg die dümmliche Aussage, Ungarn sei „kein normales Land“. Stattdessen erfährt der Leser, dass es Ungarn – nicht etwa der sich in rührender Weise um den Antisemitismus (in Ungarn!) sorgende „Westen“, nicht einmal der Staat Israel war, der den zuerst in Cannes und nun auch mit dem Golden Globe ausgezeichneten Film förderte.

Der ungarische Nachrichtensender HírTV brachte diese Woche eine Diskussionsrunde zu den Vorgängen, angebliche habe die Jüdische Allgemeine auf Anfragen aus Ungarn zum Sachverhalt – unter anderem von András Stumpf von mandinder.hu – nicht reagiert. Bedauerlich, denn es bedürfte dringend der Klarstellung, ob die Aussagen Nemes´ bewusst verfälscht wurden und was er dahinter stehende Grund gewesen sein könnte. Andernfalls könnte der Eindruck entstehen, das Interview sollte bei seinen Lesern bewusst Angst schüren und Vorurteile gegenüber Ungarn bestärken. Die Frage ist also: Transportieren Interviews Dichtung oder Wahrheit?

Bedenkt man, dass der Vorgang beängstigend an ein im Jahr 2011 veröffentlichtes Tagesspiegel-Interview mit dem ungarischen Filmemacher Béla Tarr (Das Turiner Pferd) erinnert, so gilt es dringend zu klären, ob sich deutsche Pressevertreter bei ihrer Berichterstattung über Ungarn mitunter nicht durch Faktenvermittlung, sondern eher dadurch hervortun wollen, dass sie krampfhaft nach Aussagen suchen, die ihre eigenen Vorurteile bestärken. Und dann, wenn diese Aussagen nicht fallen, sie schlichtweg selbst hinzufügen? Dass es diesen Typ Journalist gibt, zeigte ein weiterer, nicht allzu weit zurückliegender Vorgang aus dem Jahr 2013: Als eine in der Nähe von Györ (Westungarn) aufgestellte Statue des Dichters Miklós Radnóti zerstört wurde, berichteten deutsche bzw. deutschsprachige Medien umgehend von dem Vorgang und rückten ihn in die Nähe eines antisemitischen Anschlags. Hungarian Voice berichtete (lesenswert sind auch die Kommentare):

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/11/19/gyor-wie-ein-verkehrsunfall-zu-einem-antisemitischen-straftat-wurde/

Tatsächlich handelte es sich damals um eine Trunkenheitsfahrt, die sich im selben Nebel ereignete, in dem Teilen der deutschen Presse ihre Ungarn-Berichterstattung zu verfassen scheinen. Der Täter wurde – so viel zur allseitigen Beruhigung – zeitnah gefasst und verurteilt, die Statue alsbald wiedererrichtet.

Die Abneigung gegen Ungarn (kein normales Land?) scheint bisweilen so groß zu sein, dass man Augen oder Ohren verschließt. Das Bedauerliche hieran sind weniger die dämlichen Zeitungsberichte, sondern die Wellen, die diese bis in die internationale Politik schlagen. Die Frage, ob die Akteure wirklich glauben, die Welt auf diese Art und Weise besser machen zu können, bleibt bis auf weiteres natürlich ebenso unbeantwortet wie jene, warum der Vorgang zwar in Ungarn, aber in der deutschsprachigen Presse praktisch kein Echo findet.

Der Grat zwischen Dichtung und Wahrheit scheint schmal zu sein.

FAZ: Stephan Löwensten sieht Viktor Orbán „fester im Sattel denn je“

Stephan Löwenstein berichtet in der Frankfurter Allgemeine Zeitung über die aktuell überwältigende Zustimmung der Ungarn zur Politik ihrer Regierung. 3/4 der Wähler befürworten die restriktive Flüchtlingspolitik, die Partei liegt in Umfragen weit vorne. Der Fidesz-Parteitag wählte Ministerpräsident Orbán mit 99,75% Zustimmung erneut zum Parteivorsitzenden. Und auch der Umstand, dass die – anfangs viel kritisierte – ungarische Politik in der EU zahlreiche Nachahmer findet, dürfte die Regierung mit Genugtuung erfüllen.

http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/ungarn-und-fluechtlinge-wir-wollen-diese-menschen-nicht-haben-13966085.html

Spiegel: Merkel will Mittelosteuropäern Lektion erteilen

Bei der Debatte um Flüchtlingskontingente will die Bundesregierung laut Spiegel-Bericht denjenigen EU-Mitgliedstaaten, die sich gegen eine EU-weite Flüchtlingsverteilung gestellt haben, eine Lektion erteilen. Im Kern geht es zunächst darum, der Türkei einen Betrag von rund 3 Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen, im Gegenzug soll Ankara dafür sorgen, dass weniger Flüchtlinge die EU erreichen.

Letztlich geht es um die Finanzierung dieser Türkei-Hilfe. Der Spiegel:

EU-Kommission und viele kleinere EU-Mitglieder drängen darauf, aus dem EU-Budget nur eine Summe von 500 Millionen Euro zu entnehmen. Den Rest sollten die Mitgliedstaaten nach dem üblichen Verteilungsschlüssel bezahlen. In der Pflicht wären also vor allem die Geberländer: Auf Deutschland kämen so insgesamt etwa 540 Millionen Euro zu, auf die Briten 420 Millionen, heißt es.

Doch angeführt von Deutschland stellen sich die Geberländer nun quer. Sie beharren darauf, den gesamten Betrag aus dem EU-Budget zu finanzieren. Theoretisch ginge das, wenn man die sogenannte Contingency Margin angreift, quasi den bislang nicht ausgeschöpften letzten Notgroschen im EU-Budget. Vor allem für Not- und Härtefälle bei Landwirtschaft und Strukturhilfe wäre dann weniger Geld da.

Der Clou: Von diesem Geld profitieren sonst vor allem die neueren EU-Staaten im Osten, die sich in der Flüchtlingsfrage regelmäßig querstellen. Die Deutschen sehen einen solchen Schritt daher durchaus als pädagogische Maßnahme, wie beim Treffen der Botschafter am Donnerstag klar wurde. Sie bereiten den Gipfel vor. Wenn die osteuropäischen Mitglieder schon nicht bei der Aufnahme von Flüchtlingen mitmachen wollen, dann wäre es doch nur solidarisch, sich stärker an der Finanzierung des gemeinsamen Problems zu beteiligen, heißt es von deutscher Seite.“

Will heißen: Ungarn und andere sollen für ihre ablehnende Haltung in der Flüctlingsfage durch Reduzierung der Fördermittel zahlen. Dass insbesondere die Visegrád-Staaten das nicht akzeptieren werden, dürfte auf der Hand liegen, der nächste erbitterte Konflikt zwischen Geber- und Nehmerländern steht somit bevor. Insbesondere die deutsche Regierung, die Solidarität in der Flüchtlingsfrage eingefordert hat und in Mittelosteuropa „abgeblitzt“ ist, scheint verärgert und möchte offenbar ein Exempel statuieren: Mangelnde Solidarität ist auch auf anderen Ebenen möglich.

Das Kapitel „wie zerstöre ich den Geist der Europäschen Union“ wird, wie es sheint, von den Handelnden in unterschiedlichsten Mitgliedstaaten also konsequent fortgeschrieben. Beginnend mit Westeuropa und den EU-Bürokraten, die dachten, über Schengen und Dubin die Probleme an die Ränder der EU schieben zu können, über Mittelosteuropa, das sich einer Lastenverteilung widersetzt, abschottet und einen Kulturkampf führt, bis hin zu den Geberländern, die – wie es die EU vor einigen Jahren vorexerzierte – die Geldfrage dazu einsetzen, kleinere Nehmerländer zu „erziehen“. So weit kommt es eben, wenn man die EU nur noch als Geldverteilungskarussell sieht. Die VErantwortlichen sitzen in Brüssel, Straßburg, Berlin und Budapest geichermaßen.