168 óra veröffentlicht Beitrag eines ehemaligen Mitarbeiters des „Radio Free Europe“ zum Thema Lendvai

Die liberale Wochenzeitschrift 168 óra (168 Stunden) veröffentlichte am 10.12.2010 einen Gastbeitrag von László Kasza, Autor des Buches „Mókusok az angolkertben – Ügynökök a Szabad Európánál“ („Eichhörnchen im Englischen Garten – Agenten beim Sender Freies Europa„). In seinem Buch berichtet Kasza von den (erfolgreichen) Versuchen der ungarischen Staatssicherheit, Agenten in die Organisation des Senders Freies Europa in München einzubauen. In dem Buch geht es insbesondere um das von Seiten der Staatssicherheit kultivierte Feindbild und die zum Teil hanebüchenen und frei erfundenen Berichte der „eingebauten“ Agenten.

Hungarian Voice gibt den Beitrag in deutscher Übersetzung wieder:

Lendvai und die Staatssicherheit

Also auch Lendvai! – dachte ich mir, als ich zum ersten Mal von den in der Heti Válasz veröffentlichten Dokumenten hörte. Ich war nicht überrascht. Nach dreijähriger Recherche in Archiven, die zum Beispiel zu Tage förderte, dass einer meiner Kollegen, mit dem ich über zwanzig Jahre hinweg täglich in der Kantine des Radio Freies Europa zu Mittag gegessen hatte,ein Agent der Staatssicherheit war, ist man nur noch schwer zu überraschen.

Aber es steht außer Zweifel, ich war von Lendvai enttäuscht. Danach habe ich den Artikel gelesen. Die veröffentlichten Dokumente milderten die Enttäuschung, hinterließen aber auch gemischte Gefühle. Zum einen handelt es sich nicht um Agentenberichte. Die Berichte der Ungarischen Botschaft in Wien sind Zusammenfassungen ihrer Mitarbeiter von Gesprächen mit Lendvai. Auf der anderen Seite jedoch – folgt man den Dokumenten – soll Lendvai während dieser Gespräche vertrauliche Informationen an die Mitarbeiter der Botschaft weitergegeben haben. Wenn das zuträfe, könnte Lendvai zu Recht in den Verdacht der Kooperation mit dem kommunistischen System geraten.

Sehen wir uns die Dokumente an. Unter den von Heti Válasz veröffentlichten Berichten befinden sich lächerliche, die bedeutungslose Dinge als Sensation darzustellen versuchen. Aber es sind auch solche darunter, die man ernst nehmen muss. Zu den erstgenannten gehört, dass Lendvai den Botschaftsangestellten das Programm des Europäischen Kuluturellen Forums und dessen Teilnehmerliste übergab. Dieses Treffen wurde von der Internationalen Menschenrechtskommission organisiert. Ihr Programm und die Liste der Redner – neben bekannten ausländischen Andersdenkenden auch der Ungar György Konrád – erschien in einer für jedermann zugänglichen Weise, auch in gedruckter Form. Man verbreitete es in ganz Westeuropa. Nur eigentümlich denkende Hirne des Innenressorts konnten dies als geheime Information bezeichnen. Der Berichteschreiber aus der Wiener Botschaft hatte so ein Hirn. In seinem geheimnisvollen Telegramm fragte er die Zentrale am Bem-Platz: „Bis wann soll ich den Wagen“ mit den wichtigen, geheimen Dokumenten „nach Hegyeshalom senden“, damit man die Dokumente rechtzeitig erhalte?

Aber natürlich gibt es unter den Dokumenten auch solche Berichte, die, wenn sie der Wahrheit entsprächen, Belege dafür liefern, dass Lendvai  die auch von ihm anerkannten ethischen Normen des Journalismus verletzte. Den Berichten der Wiener Botschaft zufolge habe er in den unter seinem Einfluss stehenden österreichischen Medien (Fernsehen, Radio, Zeitungen) entweder solche Nachrichten verbreitet, die den Interessen der damaligen ungarischen Diplomatie entsprachen, oder er wirkte darauf hin, dass Berichte, die das Kádár-System in einem ungünstigen Lichte erscheinen ließen, nicht veröffentlicht wurden. Dem Inhalt der Dokumente zufolge habe er zum Beispiel verhindert, dass  „Wiener Zeitungen die Nachricht über die verweigerte Einreise eines Kollegen lancierten“, weil dies das in Ungarn herrschende System in Österreich in schlechtem Licht hätte erscheinen lassen. Er kümmerte sich auch darum, dass die tschechoslowakischen Oppositionellen im ORF nicht zu Wort kamen. Und er versprach, dass ein zum Jahrestag der 1956-Revolution gefertigter Bericht „einen Tonfall traf“, der auch für das ungarische System „akzeptabel“ war.

Die Frage ist, ob die Botschaft von den Gesprächen mit Lendvai das berichtete, was tatsächlich gesprochen wurde. Während meiner dreijährigen Recherche im Historischen Archiv der Staatssicherheitsdienste musste ich lernen, dass man die aus dem Ausland stammenden Berichte von Agenten oder Botschaftsmitarbeitern kritisch lesen muss. Unter ihnen befinden sich neben solchen, die Wahres berichten, auch solche, die von den in den Botschaften untergebrachten Agenten und Mitarbeiter frei erfunden oder aufgebauscht wurden. Einfachste Dinge wurden zu „Senstationen“ gemacht, von denen man glaubte, dass die vorgesetzten Stellen sie hören wollten. Damit wollte man seine eigene Wichtigkeit, die eigene sowie die Existenzberechtigung seiner Einrichtung unter Beweis stellen. Ich traf sogar auf solche „Berichte“, die ohne jeden Zweifel in der „Zentrale“ (Außenministerium, Staatssicherheit) selbst verfasst worden waren. Zum Beispiel hätte kein einziger im Radio Free Europe „eingebauter“ und mit den örtlichen Begebenheiten vertrauter Agent darüber berichten können, dass das „Gebäude mit dreifachem Elektrozaun umgeben war“. Dies wurde vielmehr in der Zentrale erfunden, um es den obersten Leitern auf den Schreibtisch zu legen. Deren Entscheidungen wurden sodann von diesen falschen Berichten beeinflusst.

Wir wissen, dass die Staatssicherheit das Außenministerium regelmäßig als Tarnorganisation verwendete. Ein wesentlicher Teil der Mitarbeiter der Botschaften und Konsulate waren haupamtlich Agenten der Staatssicherheit. Sie waren nicht mit diplomatischen, sondern mit nachrichtendienstlichen Aufgaben betraut. In ihre Dienstzimmer durfte nicht einmal der Botschafter ohne ihre Genehmigung eintreten, es sei denn, er gehörte zur „Firma“. In einigen Botschaften waren mehr Agenten beschäftigt, als echte Diplomaten. (im Wortgebrauch des Außenministeriums: „Barfüßler“.)

Die ausländischen Journalisten mussten mit diesen Botschaftsangehörigen kooperieren. Es hing in erster Linie von ihnen ab, ob sie eine Einreise- oder Drehgenehmigung bekamen. Im Laufe der Jahre traf ich viele nach Ungarn reisende Kollegen. Vor ihrer Reise suchten einige unter ihnen das Radio Free Europe auf, um Informationen über die Lage in Ungarn zu erhalten. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie über ihre eigenen Erfahrungen. Sie alle hatten erlebt, dass sie in den westeuropäischen Botschaften der Volksrepublik Ungarn in blumiger Sprache darauf hingewiesen wurden, welche Berichte ihrer Ansicht nach die „Interessen der gastgebenden Volksrepublik Ungarn verletzen würden.“ Es wurde stets darauf hingewiesen, dass man Kontakte zur demokratischen Opposition meiden sollte. Wer diese Vorgaben verletzte, konnte sich mehrere Jahre lang von seinem Einreisevisum verabschieden.

Die Situation Paul Lendvais war unter mehreren Gesichtspunkten anders. Er sprach ungarisch. Er kannte die innenpolitische Lage Ungarns. Er war Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen österreichischen Rundfunks. Als solcher musste er stets die jeweiligen Interessen der österreichischen Außenpolitik beachten.

Diese wiederum bauten auf friedliche Koexistenz. Auf der Ansicht, dass die Welt noch einige Zeit geteilt sein würde. Hier die sowjetische Diktatur, dort die westliche Demokratie. Die Politik, die Presse und die öffentliche Meinung im Westen freundete sich mit dieser Art von Ausgleich an. Für sie war es wichtig, dass ihr Frieden nicht von Gegensätzen über den Eisernen Vorhang hinweg gestört wurde. Sie fürchteten ihre Ruhe, ihren Frieden. Dass der hierfür zu zahlende Preis die Versklavung der Völker auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs war, nahmen sie als notwendiges Übel in Kauf. Gegenüber den Ungarn herrschte eine Auffassung vor, die einem den Magen umdreht: „Wie schön für Euch, Ihr seid die lustigste Baracke. Ihr dürft sogar alle drei Jahre verreisen.” Die Mitglieder der demokratischen Opposition könnten den liberalen und konservativen Kreisen im Westen von dieser entwürdigenden Behandlung umfassend berichten.

Lendvais Lieblingsmethode: Die Gegenüberstellung des Kádár-Systems mit den Diktaturen von Ceaucescu, Husák, Honecker. Er tat es berechtigt. Das ungarische System war tatsächlich erträglicher. Die Staatssicherheit erkannte wiederum, dass dem Kádár-System diese Art von Berichten dienten, und zwar im Hinblick auf die westliche Politik, die öffentliche Meinung und die Gewährung weiterer Kredite in Dollar-Millionenhöhe. In Ungarn waren die österreichischen Sendungen à la Lendvai – aus sprachlichen Gründen und wegen des fehlenden Zugangs – wirkungslos Sie wurden dort nur über das Radio Freies Europa bekannt. Nach der Wende eröffnete mir ein Mitglied des Politbüros zynisch: „Es war eine ideale Lösung: Die Menschen hörten von Euch, wie gut es ihnen hier ging. Durch Euch konnten wir uns die Übersetzungskosten sparen.”

Ich glaube, dass die rational denkende Wiener Gesandtschaft des Kádár-Systems Lendvai aus diesem Grund Zugeständnisse machte. Aus den in der Heti Válasz veröffentlichten Dokumenten geht nicht hervor, was der österreichische Journalist für diese Zugeständnisse „zahlte“, oder ob er – über die Möglichkeit der Berichterstattung aus Ungarn hinaus – überhaupt etwas dafür bezahlte. Und so lange aufgrund der Geheimhaltung der Originaldokumente es nicht eindeutig bewiesen wird, können wir die Argumentation der Heti Válasz vom „Doppelleben“ Paul Lendvais nicht als streitentscheidend ansehen. Ceterum censeo: die unnötig unter Verschluss befindlichen Geheimdienstdokumente sollten veröffentlicht werden. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten wir uns – obwohl es bei uns nicht Mode ist, sich auf das Recht zu berufen – an den Grundsatz des römischen Rechts halten: „In dubio pro reo.” Im Zweifel für den Angeklagten…“

Auch Sicht von Hungarian Voice ein lesenswerter Kommentar, der zweierlei Dinge richtig betont. Der Fall Lendvai ist keineswegs entschieden, die Dokumente der Heti Válasz kann man unterschiedlich deuten. Jedoch muss es – hierfür hat dieser Blog plädiert – möglich sein, über den Fall zu sprechen und darüber zu berichten, ohne dass dies als „Sudelkampagne“ oder „Rufmord an einem Orbán-Kritiker“ diffamiert wird. Kasza hat aus Sicht von Hungarian Voice den richtigen Tofall getroffen, auch wenn er im Hinblick auf die Weitergabe von Informationen über das Treffen oppositioneller Schriftsteller eine andere Meinung vertritt als einer der Betroffenen, György Konrád. Dieser sagte, wenn Lendvai wirklich das Programm weitergegeben hätte, wäre das „sehr traurig“.

Die Diskussion dürfte fortgesetzt werden, eine Antwort auf die Fragen um Lendvai und andere wird aber nur möglich sein, wenn – endlich – die Geheimdienstarchive geöffnet werden. Lendvais inhaltliche Thesen in seinem neuen Buch werden durch diese Diskussion nicht berührt, es stellt sich höchstens die Frage, ob er noch als „moralische Instanz“ geeignet ist, wenn sich die Vorwürfe der Kollaboration mit einer Diktatur erhärten.

Kaszas Buch, das bislang nur in ungarischer Sprache erschienen ist, muss als lesenswert bezeichnet werden, auch wenn es sich zum Teil sehr stark auf die Wiedergabe von Details beschränkt. Der Leser hat letztlich schon nach 1/3 der Lektüre den Überblick gewonnen.