Paul Jandl kommentiert Ákos Kertész´ Asylantrag in Kanada – und phantasiert über Zsolt Bayer

Paul Jandl kommentiert in der WELT den von Ákos Kertész, dem ungarischen Schriftsteller, Asylantrag in Kanda (HV berichtete):

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13905482/O-wie-schoen-ist-Kanada.html

Jandl erklärt die Handlungen Kertész´ mit der Situation in Ungarn, nennt sie eine „politisch provokante List“. Harsche Kritik daran, dass sich ein wohlhabender EU-Bürger, der unter 27 Ländern, in denen er sich niederlassen möchte, frei wählen kann – ganz anders als die Millionen politischer Flüchtlinge weltweit – übt Jandl nicht. Die Verhöhnung politischer Flüchtlinge wird zur lässlichen Sünde. Auch die Wortwahl von Kertész, der im vergangenen Jahr behauptet hatte, die Ungarn seien „genetische Untertanen“ und würden sich wie Schweine „im Schlamm der DIktatur suhlen“, scheint für Jandl die bloße Konsequenz der Situation zu sein.

Und da wird es absurd, geradezu bösartig. Nicht von Seiten des alten Mannes Kertész, sondern von seiten den Paul Jandl. Zitat:

Ist Kertész‘ Wortmeldung Polemik, ist es kontraproduktiver Unfug? Vielleicht ist da einem nur der Kragen geplatzt, angesichts der Dinge, die im heutigen Ungarn so vor sich gehen. In einem Land, wo die Grenzlinie zwischen dem Eigenen und dem Fremden immer schärfer gezogen wird und wo sich mittlerweile ein ganzes Heer von international renommierten Künstlern und Intellektuellen ausgegrenzt sieht. Die Causa Ákos Kertész offenbart, wie das Spiel der Meinungen in Ungarn heute funktioniert. Gänzlich ungeniert kann der rechte und antisemitische Publizist Zsolt Bayer als Hausintellektueller von Viktor Orbán sein Unwesen treiben, ein Mann, der in der ungarischen Tageszeitung „Magyar Hírlap“ schon einmal die Frage gestellt hat, ob im Holocaust wirklich genügend Juden ermordet worden sind.“

Zsolt Bayer wird – gleichsam als Rechtfertigung für die Auswüchse des Ákos Kertész – zum „Hausintellektuellen“ des Viktor Orbán. Ohne jede Erläuterung, warum dies so sein soll. Und noch schlimmer: Bayer, der tatsächlich oft genug einen unterträglichen, bisweilen gar antisemitischen Tonfall anschlägt, hat zu keinem Zeitpunkt die Frage gestellt, ob „im Holocaust wirklich genügend Juden ermordet worden sind„.

Diese Behauptung ist schlicht falsch. Sie dokumentiert entweder die Ahnungslosigkeit des Paul Jandl oder die systematische Lüge zum Zweck der Stimmungsmache in einem deutschen Presseorgan. Und ist eigentlich ein Fall für eine Gegendarstellung der WELT. Nicht nur, weil der ungarische Ministerpräsident in die Nähe von Neonazi-Tönen gerückt wird, sondern weil es sich eben nicht gehört, dass man die Unwahrheit stehen lässt.

Zsolt Bayer will ich nicht verteidigen. Aber man sollte bei der Wahrheit bleiben.

Was Bayer schrieb, ist hier zu lesen:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/01/15/hvg-die-bayer-greczy-achse/

Nachtrag vom 07.03.2012:

Der oben zitierte Absatz wurde heute (ohne eine ausdrückliche Richtigstellung) abgeändert:

Ist Kertész‘ Wortmeldung Polemik, ist es kontraproduktiver Unfug? Vielleicht ist da einem nur der Kragen geplatzt, angesichts der Dinge, die im heutigen Ungarn so vor sich gehen. In einem Land, wo die Grenzlinie zwischen dem Eigenen und dem Fremden immer schärfer gezogen wird und wo sich mittlerweile ein ganzes Heer von international renommierten Künstlern und Intellektuellen ausgegrenzt sieht. Die Causa Ákos Kertész offenbart, wie das Spiel der Meinungen in Ungarn heute funktioniert. Gänzlich ungeniert kann der rechte und antisemitische Publizist Zsolt Bayer als Hausintellektueller von Viktor Orbán sein Unwesen treiben.“

Die Aussage zum Holocaust ist nicht mehr vorhanden.

Ákos Kertész bittet in Kanada um Asyl

Der Schriftsteller Ákos Kertész hat in Kanada um Asyl ersucht. Der ORF berichtet:

„Der ungarische Schriftsteller Akos Kertesz hat wegen einer gegen ihn gerichteten Hetzkampagne um Asyl in Kanada angesucht. Der 79-jährige, jüdische Roman- und Drehbuchautor sei am 29. Februar mit seiner Ehefrau in Montreal eingetroffen, berichteten ungarische Medien heute unter Berufung auf ein Schreiben des Pressebüros von Kertesz.

Er habe dort den Flüchtlingsstatus beantragt, weil er infolge des medialen Kesseltreibens in seiner Heimat „physischen Belästigungen und Drohungen ausgesetzt war, auch tätlich insultiert und auf offener Straße angegriffen wurde und sein Leben in Gefahr sah“, hieß es in dem Schreiben.

„Ungar ist genetisch ein Untertan“

Kertesz, der nicht mit dem in Berlin lebenden Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz verwandt ist, hatte mit einer scharfen Polemik im vergangenen August die in Ungarn regierende Rechte gegen sich aufgebracht. In dem offenen Brief an das ungarisch-amerikanische Webportal „Amerikai Nepszava“ hatte Kertesz seinen Landsleuten vorgeworfen, die Verantwortung für den Holocaust an den ungarischen Juden zu verdrängen. Dabei schrieb er unter anderem: „Der Ungar ist genetisch ein Untertan.“

Die Behauptung zog eine massive Hetzkampagne regierungsnaher und rechtsextremer Medien nach sich. Die von der Regierungspartei FIDESZ geführte Stadt Budapest entzog Kertesz die Ehrenbürgerschaft. Einige Kommentatoren der Linken empfanden die Äußerung von Kertesz zwar als überzogen, erklärten sie aber damit, dass der jüdische Autor und Holocaust-Überlebende über die Zustände in Ungarn verbittert sei.“

Die schöne neue Welt der Asylbewerber sieht wohl so aus: Das eigene „Pressebüro“ berichtet über einen Antrag des Betroffenen in Kanada.  Hoffentlich überprüfen die kanadischen Behörden Kertész´ Behauptungen zu „tätlichen Insultationen“, angeblichen „Angriffen“ auf öffentlicher Straße und der vermeintlichen Gefahr für Leib und Leben. Wie es bei jedem anderen Flüchtling passieren würde, den Kertész mit seiner Aktion ins Lächerliche zieht. Und wenn sich dann erst herausgestellt hat, dass es tätliche „Angriffe“ gegen ihn nicht gab, müsste man seinen Asylantrag ablehnen. Was nicht so gravierend wäre: Denn als EU-Bürger hat Kertész die Auswahl zwischen 26 EU-Staaten außer dem schrecklichen Ungarn, in denen er sich niederlassen könnte. Ganz ohne Asylantrag. In einem wird er sich schon in Sicherheit fühlen.

Oder ist alles vielleicht doch nur eine publikumswirksame Aktion eines verbitterten alten Mannes und des „Orbán-Feindeskreises“ um die amerikanische Népszava? Einer Publikation, die sich durch Nazi- und Faschismusvergleiche im Bezug auf das heutige Ungarn auszeichnet? Wir werden hoffentlich mehr hören…

Die US-Népszava berichtet unverzüglich:

http://nepszava.com/2012/03/magyarorszag/kertesz-akos-kanadaba-emigralt.html

Der offene Brief Kertész´ ist in diesem Beitrag behandelt:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/09/03/akos-kertesz-die-ungarn-sind-genetisch-zum-untertan-geboren/

Ákos Kertész: „Die Ungarn sind genetisch zum Untertan geboren“

Die US-amerikanische Online-Zeitung Népszava („Volkes Stimme“) greift seit je her gerne zu drastischer Wortwahl gegenüber Ungarn. Die dahinter stehenden Personen wie László Bartus und Ákos Kertész machen mitunter von ihrer Abneigung gegenüber „den Ungarn“ keinen Hehl. Zuletzt hatte dieser Blog über eine Aussage von Rudolf Ungváry berichtet.

Die Wortwahl der Népszava überschreitet hierbei mitunter jegliche Grenzen guten Geschmacks und auch die des demokratisch erträglichen Diskurses. Eine solche Grenzüberschreitung ist seit einigen Tagen Thema in der ungarischen Presse. Sehen wir, was der Schriftsteller und Filmemacher Kertész über „die Ungarn“ geschrieben hat:

Der Ungar ist genetisch zum Untertan geboren. Attila József hatte hierfür eine Rechtfertigung: „seit tausend Jahren mit sich selbst beschäftigt, bewegt er sich wie ein Fähnchen im Wind, oder befolgt Befehle.” Aber all das ist keine Entschuldigung dafür, dass der Ungar für die schlimmsten Verbrechen in der Geschichte keinen Funken Gewissensregung verspürt, dass er alles auf andere schiebt, immer auf andere zeigt, dass er sich zufrieden in der Pfütze der Diktatur suhlt, grunzt und Abfall frisst, und nicht wissen will, dass man ihn eines Tages absticht. Er kann und will weder etwas erschaffen noch arbeiten, sondern nur neidisch sein, und wenn er kann, dann bringt er denjenigen um, der es mit seiner Arbeit, seinem Fließ und seinem Erfindungsreichtum zu etwas bringt.

Heute ist für die Schrecken des 2. Weltkrieges und den Holocaust einzig und allein der Ungar verantwortlich, denn das ungarische Volk ist es (anders als das deutsche), dass bis heute seine Verbrechen weder zugegeben noch gebeichtet oder Schuld hierfür eingestanden hat, und auch nicht „Nie wieder“ zum Ausdruck gebracht oder um Verzeihung gebeten hat.

So gibt es natürlich auch keine Vergebung.

Nachdem all das das Glaubensbekenntnis, die Ideologie und der Ethos der ungarischen Rechten ist, kann nur der Geist der Linken, nur die progressive, vorwärtsgewandte und demokratische Linke hieran etwas ändern, und hierdurch den Ungarn verändern, um ihn würdig zu machen, dass er gleichrangiges Mitglied der europäischen Gemeinschaft (oder anders: der freien Welt) wird.“

Ákos Kertész ist Ungar mit jüdischen Wurzeln. Er wurde in Ungarn geboren und überlebte den Holocaust. Sein Werk brachte ihm den namhaften ungarischen Kossuth-Preis ein. Er sieht sich offenbar trotzdem nicht als Teil des ungarischen Volkes und schließt sich aus einem Volk aus, das er zum „genetisch veranlagten Untertanen“ – in der Nazisprache zur „Kuli-Rasse“ – stilisiert und in beispiellos verfälschender und vereinfachender Form für das Übel des 2. Weltkrieges verantwortlich macht. Dabei wirft er alle in einen Topf, beiläufig übrigens auch diejenigen „Ungarn“, die gegen Diktatur aufbegehrt haben, diejenigen, die heute auf die Straße gehen und gegen Rassismus protestieren, diejenigen, die heute der Opfer des Holocaust gedenken.  „Die Ungarn“ als Volk von Schweinen, die sich im Dreck der Diktatur suhlen.

Die bösartige Generalisierung („genetisch“) ist nicht besser als das Gewäsch von „Zigeunerkriminalität“, „den Negern“ oder eben auch „den Juden“. Nebenbei werden Ereignisse wie der ungarische Volksaufstand, der Aufstand von 1848 und die Öffnung des Eisernen Vorhangs totgeschwiegen. Die Lösung hat Kertész auch parat: Die Linke.

Sind solche Aussagen zu verurteilen? Ja. Weil ein ganzes Volk kollektiv verunglimpft wird. Beschwert sich die ungarische Linke über diese Plakatisierung? Nein. Wird es in der europäischen Presse ein Echo geben, das mit der berechtigten Kritik am Publizisten Zsolt Bayer (der mehrfach durch antisemitische Äußerungen auffiel) vergleichbar ist? Nein. Auch werden ungarische Pianisten diesmal wohl keine erzürnten Briefe an die US-Presse senden. Wird Magdalena Marsovszky über diesen Vorgang schreiben und ihn zutiefst verurteilen? Warten wir es ab.

Ob sich die ungarische Linke wieder einmal als würdig erweisen wird, das Volk zu führen und „zum gleichberechtigten Mitglied der freien Welt“ zu machen, entscheidet – wie wie in allen Demokratien – die Mehrheit. Wenn sie sich ausgesuhlt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt wird Kertész uns wohl weiter mit seinen Gedanken erfreuen und die Spannung zwischen den politischen Lagern mildern helfen…