Eva Balogh attackiert ungarischen Polit-Analysten Gábor Török

Wir haben schon oft von Eva S. Balogh gehört. Die von oppositionellen Kreisen hoch geschätzte und oft zitierte Bloggerin – die vor dem Eintritt in den Ruhestand als Professorin für Geschichte u.a. in Yale tätig war – ist eine der scharfen KritikerInnen der Regierung Viktor Orbáns. Eine ungarische Webseite führt sie – gemeinsam mit vielen Personen des linken, liberalen und rechten Spektrums – unter den Top 100 der „árokások“, also derjenigen Menschen, welche die ohnehin schwer überwidbaren Gräben in der ungarischen Gesellschaft noch weiter vertiefen. Das in meinen Augen größte „Meisterwerk“ der Emeritin war ein Beitrag, in dem sie in den Raum stellte, die Unruhen des Jahres 2006 seien ein Putschversuch von Fidesz gegen die Gyurcsány-Regierung gewesen (hier).

Frau Balogh hat sich nun den ungarischen Polit-Analysten Gábor Török vorgenommen:

http://esbalogh.typepad.com/hungarianspectrum/2012/02/hungarian-political-scientists-as-spin-doctors.html

Sie lässt sich im Beitrag vom 11.02.2012 insbesondere darüber aus, Török sei „nicht vertrauenswürdig“, weil er nicht analysiere, sondern als „spin doctor“ handle. Töröks Sünde: Er, der auf seiner Webseite oft genug kritische Worte zur amtierenden Regierung und ihrer Politik findet, ist Balogh nicht oppositionell genug. Abermals greift der auch aus der deutschen Presse bekannte Reflex: Wer die ungarische Regierung nicht in Bausch und Bogen verurteilt, ist ein Sympathisant.

Der (ausgesprochen dünne) Aufhänger ist ein Interview mit Török bei der ATV-Sendung „Egyenes Beszéd“ mit Olga Kálmán, das die Rede Viktor Orbáns vom 7. Februar 2012 zur Lage des Landes thematisierte.

http://atv.hu/cikk/video-20120207_torok_gabor

Hierzu schreibt Balogh unter anderem:

Gábor Török is a „political scientist“ who notoriously avoids straight answers. She asked me whether I heard him. According to her, Török, who was always very critical when it came to Ferenc Gyurcsány’s „lies,“ „found every excuse to defend all the untrue statements of this populist politician.“

Yes, I saw the interview twice and eventually I began to understand why most of these so-called „political scientists“ are untrustworthy. If one listened carefully to the conversation between Török and Kálmán, it became clear that Török wasn’t looking at the speech from the outside but from the inside. Almost as if he had been the speech writer of Viktor Orbán. In his opinion, it was „an excellent speech from Viktor Orbán’s point of view.“ Under the circumstances the best he could come up with. It was a well constructed „narrative.“ It was logical and believable for those who are not antagonistic toward the present government.

But is it the job of a „political scientist“ to analyze a politician’s speech from the point of view of the speaker? Or from the point of view of the party he leads? I doubt it.

Well, I don´t.

Die Kritik Baloghs entfacht sich letztlich daran, Török sehe die Welt zu sehr mit den Augen der Fidesz-Anhänger. Eine ganz und gar sündige Sichtweise, mit der sich Frau Balogh – wenig überraschend – nicht identifizieren kann und will. Es zwingt sie aber auch niemand dazu. Aber rechtfertigt es dieser Umstand bereits, den Beruf des „Polit-Analysten“ in Anführungszeichen zu setzen und somit in Frage zu stellen? I doubt it.

Balogh hätte eher darauf achten sollen, sich durch ihren eigenen Beitrag nicht abermals dem Vorwurf des „árokásás“ – der Vertiefung der Gräben – auszusetzen. Eventuell hätte sie ja in ihrem Beitrag davon sprechen sollen, auf welche Frage der Moderatorin Olga Kálmán Török antwortete, als er den auf Hungarian Spectrum kritisierten „Blick von innen“ einging: Es war die Ausgangsfrage von Kálmán, an wen sich die Rede gerichtet habe. Török erläuterte daraufhin, dass die Rede Orbáns sich an das eigene Lager gerichtet habe, und insoweit ihren Zweck voll und ganz erfüllt habe. Wen wundert es, dass Török im Anschluss darauf eingeht, warum die Rede beim eigenen Lager gut angekommen sein dürfte?

Ich denke nicht, dass das Interview selbst Grund für diesen Beitrag gewesen ist. Es gab eben keinen besseren Anlass, Török anzugreifen. Aber den braucht man ja auch nicht, denn ist jemand schon als „spin doctor“ identifiziert, so heißt es: Attacke! Die Gründe, warum Viktor Orbán noch immer der beliebteste Politiker des Landes ist, warum er 2010 einen so großen Wahlerfolg feiern konnte, will man im Lager der Baloghs seit je her nicht hören. Denn man müsste sich beiläufig auch mit Fehlern des linken Lagers befassen. Das aber war und ist aber nicht das Thema von Hungarian Spectrum. Beste Voraussetzungen für den herbeigesehnten Regierungswechsel…