Pianist András Schiff zeichnet Schreckensbild und verlangt von Europa „mehr Druck“ gegenüber Ungarn

„Das Gerede von Großungarn, der Chauvinismus, der Fremdenhass – all das ist unglaublich.“ Der weltberühmte Pianist András Schiff tritt in seiner Heimat Ungarn nicht mehr auf. Ein Gespräch über Boykott, Antisemitismus und Viktor Orbans rechtspopulistische Regierung, die die Medien an die Kette legt“

So die einleitenden Worte eines Tagesspiegel-Interviews mit dem in Florenz lebenden Pianisten András Schiff, einem der heftigsten Kritiker der Regierung Orbán. Und das Interview hält, was die Ouvertüre verspricht. Schiff zeichnet, nach seinem Leserbrief an die Washington Post und mehreren Interviews im Jahr 2011 für deutsche Zeitungen, abermals das Bild eines rassistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Ungarn und betont, die EU müsse gegenüber dem Land „Druck machen“.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/rechtsruck-in-ungarn-europa-muss-endlich-druck-machen/6065504.html

Es folgt ein Gewitter von Schlagworten, freilich ohne verständnisfördernde Details (wie ist das genau mit Verfassung, Mediengesetz, Klubradio, dem Wahlrecht?). Das Interview lebt von der Berühmtheit eines Künstlers, seiner kritischen Einstellung gegenüber Orbán, vermeintlichem Sachverstand und Glaubwürdigkeit. Warum etwa das neue Wahlrecht, welches die seit zwei Jahrzehnten bestehenden Ungleichgewichte zwischen einzelnen Wahlkreisen – entsprechend den Vorgaben des Verfassungsgerichts – endlich beseitigt und in etwa gleich große Wahlkreise schafft, die Macht von Fidesz „zementiert“ und Wahlen in der Zukunft zur „Formalität“ machen soll, bleibt unklar. Ob Schiff zwischen seinen Konzertauftritten wohl das Wahlgesetz studiert hat?

Klubradio: Wenn eine Sendefrequenz – was in regelmäßigen Abständen in Ungarn passiert – öffentlich ausgeschrieben wird, Klubrádió das niedrigste Lizenzentgelt aller fünf verbliebenen Bewerber bietet und deswegen um einen Punkt gegenüber einem anderen Sender unterliegt, wo genau liegt hier das Problem? Dass Schiff Klubrádió für das „einzige interessante Radio“ in Ungarn hält, ist noch kein Grund, diesem Sender den Vortritt in einer Ausschreibung zu geben. Seine Worte sprechen indes Bände: Ebenso interessant wie Schiff findet den defizitären Sender auch die   Sozialistische Partei, die ihn über eine parteinahe Stiftung mit 10 Mio. Forint unterstützt hat. Zeitweise moderiert Gyurcsány mittlereeile sogar Radioshows mit politischem Inhalt.

Behauptungen ohne jede Substanz, ohne Nachfragen des Reporters. Journalisten als Stichwortgeber der ungarischen Opposition und den ihr nahestehenden Bedenkenträgern, wie es bei Ungarn schon fast zur Regel geworden ist. Die Botschaft steht fest, man sucht sich nur noch ihren Überbringer. Sogar Aussagen wie „Die Ungarn hatten immer einen Hang zur anonymen Denunziation„, die nicht allein auf die Regierung, sondern ausdrücklich auf ein ganzes Volk abzielen (wir erinnern uns an die Aussagen von Ákos Kertész, die Ungarn seien „genetisch zum Untetan geboren„) , dürfen unkommentiert bleiben.

Dass Freedom House Ungarn trotz gewisser Kritik an den Bestrebungen der Regierung Orbán immer noch auf Stufe „1“ sowohl bei den politischen Rechten, als auch den Freiheitsrechten einordnet und das Land somit gleichauf mit Deutschland liegt, dem Land, in dem der Tagesspiegel erscheint,interessiert – wie immer – nicht.

Und natürlich darf auch die pseudo-psychologische Ferndiagnose, die Ungarn müssten endlich „ihr Selbstmitleid“ überwinden, nicht fehlen.

Es fällt schwer, solche Worte anders zu verstehen als einen verbalen Angriff gegen ein ganzes Volk. Paradoxer Weise kommen solche Worte in Zeiten, in denen Tausende Menschen gegen die Regierung Orbán friedlich auf die Straße gehen und demonstrieren. Diese Demos würdigt Schiff zwar, unterlässt aber gleichwohl seine tiefenpsychologischen Seitenhiebe nicht.

Besonders bemerkenswert ist folgende Aussage:

Aber es ist auch ein moralisches Problem. Es gab und gibt offene Pogrome gegen Roma, die von der Polizei und der Justiz überhaupt nicht oder nur sehr schwach geahndet werden. Die bewaffneten Garden der Jobbik-Partei zünden Roma-Siedlungen an und die Polizei greift nicht ein. Ein Vater kommt mit seinem kleinen Kind auf dem Arm aus einem brennenden Haus und wird von den Jobbik-Leuten mit Maschinenpistolen niedergeschossen. Solche Dinge sind schon vor ein paar Jahren geschehen, es ist ungeheuerlich.“

Richtig, Herr Schiff! Die Morde an Roma sind bereits vor einigen Jahren geschehen, genaugesagt in den Jahren 2008 und 2009. Damals gab es regelmäßige Aufmärsche der sog. „ungarischen Garde“ in den von Roma bewohnten Ortschaften. Warum haben Sie sich seinerzeit, im Jahr 2008/2009, als diese schrecklichen Taten und Umtriebe geschahen, nicht gemeldet und so eindrucksvoll wie jetzt „Druck“ gegen die damalige Regierung gefordert? Lag es eventuell an der Tatsache, dass sie seinerzeit noch nicht den Namen Orbáns trug? Ihre Stimme war erst zum Jahreswechsel 2010/2011 zu hören, pünktlich zur Übernahme der Ratspräsidentschaft durch die heutige Regierung. Welch Zufall! Und auch Gábor Demszky, Ágnes Heller und György Konrád äußerten sich erst ab April 2010. Herr Schiff, was taugen moralische Aufrufe, wenn sie von der Couleur der Regierung abhängen?

Die Genialität Schiffs als Pianist in Zweifel zu ziehen, würde ich mir nicht erlauben. Was ich mir gestatte, ist folgende Fage: Wer hat eigentlich die Regel aufgestellt, dass ein genialer Pianist auch mit seiner politischen Einschätzung Recht haben muss?

Weil es gut zum Thema passt: Der als regierungsnah geltende private Nachrichtensender HírTV strahlte heute die Sendung „Célpont“ aus, in der die Berichterstattung über Ungarn thematisiert wird:

http://mno.hu/celpont/aggodok-1043517

TTT: Beitrag zum „ungarischen Kulturkampf“

Der ARD-Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“ brachte am gestrigen Sonntag einen Bericht über den „Kulturkampf“ in Ungarn. Hauptzeuge der Anklage ist der weltberühmte Pianist András Schiff.

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/431902_ttt—titel-thesen-temperamente/7055556_revolution-von-rechts—ungarn-im-kulturkampf

Interessant ist die Aussage Schiffs, er wundere sich darüber, dass der Operndirektor Ádám Fischer einfach „entfernt“ und durch einen „mittelmäßigen“ Dirigenten ersetzt worden sei, die Mitglieder des Orchesters aber weiter spielen, „Hauptsache, sie werden bezahlt“…

Ob es wohl daran liegt, dass Fischer nicht „entfernt“ wurde, sondern sein Amt aufgrund von Differenzen über personelle Neubesetzungen und Meinungsverschiedenheiten über die Programmausrichtung selbst niederlegte? Dass er „entfernt“ worden sei, hat nicht einmal Fischer selbst behauptet. Möglicher Weise können sich aber auch nicht alle Konzertmusiker eine Haltung leisten, wie sie ein weltbekannter Pianist an den Tag legt; ob man die Musiker dafür gleich kritisieren muss, Herr Schiff?

Was den Intendanten des Nationaltheaters betrifft, so behauptet TTT, die Kritik an Robert Alföldi mache daran fest, dass er schwul sei. Das ist in dieser Form gewiss für einen Teil der ungarischen Rechtsextremen zutreffend. Die breite Ablehnung gegenüber Alföldi hat jedoch wohl eher etwas damit zu tun, dass er im Nationaltheater eine Ausstellung zuließ, die als geschmacklose Provokation gläubiger Christen aufgefasst wurde.

Ich hatte hier schon darauf hingewiesen:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/04/09/sz-interview-mit-dem-pianisten-andras-schiff/

In dem Beitrag spricht Schiff auch davon, dass Róbert Alföldi, der Direktor des Budapester Nationaltheaters, „wegen seiner Homosexualität“ groben Angriffen ausgesetzt sei. Das ist leider richtig. Zum Gesamtbild gehört aber auch hier, dass man auf das Jahr 2010 zurückschaut, namentlich auf eine Ausstellung, die im Eingangsbereich des von Alföldi geführten Nationaltheaters stattfand. Da war auf großen Tafeln die Aufschrift „Nobody knows that I am gay“ („Keiner weiß, dass ich schwul bin“) zu sehen. Insgesamt zwölf dieser Tafeln waren mehr oder weniger unübersehbar im Nationaltheater aufgestellt. Die Ausstellung wurde komplettiert durch ein Kreuz, auf dem Jesus und Maria abgebildet waren. Empörte Beobachter deuteten diese Ausstellung als Hinweis auf Jesus und seine zwölf „schwulen“ Apostel und damit als grobe Provokation gläubiger Christen.“

Berechtigt ist die Kritik von TTT am Publizisten Zsolt Bayer. Wie kaum anders zu erwarten, stand er für ein Interview nicht zur Verfügung. Kritische Fragen zu seinen unerträglichen Texten scheinen unerwünscht zu sein.

SZ-Interview mit dem Pianisten András Schiff

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte in ihrer Online-Ausgabe vom 08.04.2011 ein Interview mit dem in Italien lebenden Pianisten András Schiff. Das Gespräch mit dem gebürtigen Ungarn führte Alex Rühle.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/ungarn-andrs-schiff-im-gespraech-leute-werden-kaltgestellt-1.1082634

Der Geist des Interviews spiegelt sich am besten in folgender Passage wider:

SZ: Am 18. April bekommt Ungarn eine neue Verfassung. Die Präambel heißt „Nationales Glaubensbekenntnis“, darin werden der ungarische Nationalstolz und der Stolz auf das tausendjährige ungarische Reich beschworen.

Schiff: Hm, tausendjähriges Reich, da war doch was. Ich komm‘ nur gerade nicht darauf. Nein, ernsthaft: Mir wird übel, wenn ich das höre. Das passt nicht zu Europa. Ich glaube an Europa, nicht an ein tausendjähriges Reich. Und Ungarn ist ein Schmelztiegel aus Asiaten, Juden, Slawen, Balten, Mitteleuropäern. Ich verstehe diesen Nationalismus nicht. Wir sind doch nicht beim Hundezüchter.“

Die SZ bleibt ihrem Stil in der Ungarn-Berichterstattung treu. Tatsächlich beschwört das „Nationale Glaubensbekenntnis“ nicht das „tausendjährige ungarische Reich“. Es verweist jedoch auf die Gründung Ungarns vor tausend Jahren durch den Staatsgründer, den Heiligen Stephan, und darauf, dass dieser den Staat auf ein „solides Fundament gestellt hat“. Zu diesem soliden Fundament gehörten übrigens alle damals im Land lebenden Volksgruppen und Nationalitäten: Ungarn war zu diesem Zeitpunkt ein multikultureller Staat. Den Begriff „Tausendjähriges Reich“, einen klaren Nazi-Vergleich, nimmt Schiff trotzdem fast dankbar auf und spielt damit („Tausendjähriges Reich, da war doch was?“).

Es ist vor dem Hintergrund der – hinreichend bekannten – Zustände in Ungarn zur Zeit der Staatsgründung auch völlig überflüssig, dass Schiff darüber belehrt, Ungarn sei ein Schmelztiegel aus vielen unterschiedlichen Völkern und Ethnien. Schiff sagt nur das, was jeder weiß. Anstatt Allgemeinplätze als Neuigkeit zu verkaufen, könnte Schiff ein Scherflein zur Versachlichung des Diskurses beitragen, indem er unsägliche Nazivergleiche unterlässt. Verärgerung in Ungarn über derartige Aussagen ist verständlich, ebenso darüber, dass Schiff am 01.01.2011 (wohl rein zufällig am Tag der Übernahme des Ratsvorsitzes durch Ungarn) einem Artikel in der Washington Post Beifall klatschte, in dem von einer „Putinisierung Ungarns“ gesprochen wurde und er das Recht Ungarns (nicht Orbáns!), den EU-Vorsitz zu halten, in Abrede gestellt hat. Selbstverständlich sind Auswüchse wie die antisemitischen Tiraden eines Zsolt Bayer als Reaktion hierauf völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen. Es gibt – neben Bayer – jedoch auch berechtigten Ärger über Schiffs inhaltliche Aussage.

Zum Niveau des Diskurses in Ungarn und diejenigen, die ständig neues Öl ins Feuer gießen, hat die ungarische HVG vor nicht allzu langer Zeit einen sehr lesenswerten Beitrag verfasst, der von Hungarian Voice übersetzt wurde.

Leider kommen die Süddeutsche und ihr Interviewpartner nicht über die Zwangsneurose, Begriffe aus den dunkelsten Diktaturen zu  auf eine demokratisch gewählte Regierung eines EU-Mitgliedstaates übertragen zu wollen, hinweg. Dies belegt auch die Behauptung Schiffs, das laufende Ermittlungsverfahren gegen Ágnes Heller und andere wegen des Verdachts zweckwidriger Verwendung von Fördermitteln an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) erinnere an „stalinistische Schauprozesse“. Oben wird mit dem Stilmittel des Nazivergleichs operiert („Tausendjähriges Reich“), weiter unten kommt Stalin zum Zuge. Besser könnten es auch die ungarischen Sozialisten nicht, die jüngst von „Rechtsradikalen Stalinisten“ sprachen. Jeder Massenmörder hat offenbar neben Orbán Platz. Das unsägliche und nicht besonders intellektuelle Fazit: Orbán ist eine schlimme Kreuzung aus beidem. Haben sich die SZ und Schiff gefragt, wie sich Opfer der beiden genannten Diktaturen – insbesondere Naziopfer – und deren Nachkommen fühlen, wenn man diese Zeiten zum heutigen Ungarn in Bezug setzt?

Und man muss hinzufügen: Dieser Ton wird angeschlagen nach jahrelangem Schweigen und damit jedenfalls konkludenter Zustimmung gegenüber der Wirtschafts-, Sicherheits-, Sozial- und Innenpolitik der Vorgängerregierungen seit 2002, die die heutige Situation in Ungarn – einschließlich einen mit 2/3 regierenden Viktor Orbán – überhaupt erst möglich gemacht haben.

Der Gedanke, dass Ungarns Regierung demokratisch gewählt wurde und – trotz aller Fehler und etwas rückläufiger Umfragewerte – immer noch haushoch vor den Sozialisten führt (die Liberalen haben sich nach der verlorenen Wahl von 2010 praktisch aufgelöst), spielt in dem Beitrag keine Rolle. Auch über die Gründe für das Erstarken der Rechtsradikalen wird nicht gesprochen. Im Hinblick darauf, dass Schiff seit Jahren in Italien lebt und die Zustände in Szabolcs-Szatmár und andernorts überhaupt nicht kennt, ist das jedoch wenig überraschend. Was Schiff weiß, hat er – ausweislich der von ihm genutzten Stichworte – ebenfalls der Presse entnommen. Und weiß daher natürlich auch, dass im allzu bekannten Postengeschachere nur die zum Zuge gekommen sind, „fünftklassige Niemande“ sind.

Der nächste Beitrag der SZ über die Reaktionen in Ungarn auf dieses Interview ist bestimmt schon reserviert. Ein wahres perpetuum mobile des Journalismus. Murdochs Fox News könnte es nicht besser.

Nachtrag:

In dem Beitrag spricht Schiff auch davon, dass Róbert Alföldi, der Direktor des Budapester Nationaltheaters, „wegen seiner Homosexualität“ groben Angriffen ausgesetzt sei. Das ist leider richtig. Zum Gesamtbild gehört aber auch hier, dass man auf das Jahr 2010 zurückschaut, namentlich auf eine Ausstellung, die im Eingangsbereich des von Alföldi geführten Nationaltheaters stattfand. Da war auf großen Tafeln die Aufschrift „Nobody knows that I am gay“ („Keiner weiß, dass ich schwul bin“) zu sehen. Insgesamt zwölf dieser Tafeln waren mehr oder weniger unübersehbar im Nationaltheater aufgestellt. Die Ausstellung wurde komplettiert durch ein Kreuz, auf dem Jesus und Maria abgebildet waren. Empörte Beobachter deuteten diese Ausstellung als Hinweis auf Jesus und seine zwölf „schwulen“ Apostel und damit als grobe Provokation gläubiger Christen.

Ist so etwas denn wirklich nötig? Kann man die dringend nötige Akzeptanz Homosexueller durch so eine – von der Kunstfreiheit zweifellos gedeckte, aber gleichwohl geschmacklose Ausstellung – wirklich verbessern? Wieder einmal scheint die Forderung nach „Respekt gegenüber dem Anderen“ merkwürdige Auswüchse an den Tag zu fördern.