Versus: Die Standpunkte von Jan Mainka und Bernhard Odehnal

Das ungarische Portal vs.hu („versus“) hat dem Journalisten Bernhard Odehnal (Tagesanzeiger) und dem Herausgeber der Budapester Zeitung, Jan Mainka, die Möglichkeit gegeben, ihre Standpunkte zur Berichterstattung der westlichen Medien über Ungarn darzustellen.

http://vs.hu/versus/mit_tesz_a_nyugati_media/0/

Mainka sieht die Berichterstattung kritisch, bemängelt insbesondere, dass wichtige – insbesondere positive – Einzelaspekte ausgespart werden. Odehnal vertritt die Gegenposition, bemängelt u.a. die fehlende Gesprächsbereitschaft der ungarischen Regierung und berichtet über persönliche Erfahrungen (beleidigende Leserbriefe) sowie die „Überwachung“ durch die Machthaber.

Die Debatte auf dem Portal könnte in den folgenden Tagen durch Kommentare von Attila Mong (Átlátszó), Frédéric Pons (valeurs actuelles), Ralf Leonhard (TAZ), Lion Edler (freier Journalist) sowie Martin Bukovics (mandiner) und Péter Techet (vs.hu) um weitere interessante Sichtweisen ergänzt werden. Es lohnt sich wohl, dabei zu bleiben.

Tagesanzeiger: Bernhard Odehnal thematisiert die Radnóti-Statue

Bernhard Odehnal, Autor des „Tagesanzeiger„, Mitverfasser (gemeinsam mit dpa-Korrespondent Gregor Mayer) des Buches „Aufmarsch – die rechte Gefahr aus Osteuropa“ und als heftiger Kritiker der ungarischen Regierung Orbán bekannt, berichtet über die Zerstörung des zu Ehren des Dichters Miklós Radnóti errichteten Denkmals am westlichen Stadrand von Győr vor etwa zwei Wochen (HV berichtete unter Bezugnahme auf Pressemeldungen).

http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Unfall-oder-antisemitischer-Anschlag/story/14037554

Die dpa hatte den Vorfall – die Statue wurde durch eine Kollision mit einem Kfz zerstört – für einen „wohl“ antisemitischen Anschlag erklärt, wohingegen die Behörden Ermittlungen wegen eines Verkehrsunfalls eingeleitet hatten. Spiegel Online übernahm die Meldung und ergänzte sie um eine Bewertung zum anstehenden Holocaust-Gedenkjahr 2014, die letztlich darauf abzielte, diese von der Regierung geplante Maßnahme als unglaubwürdig hinzustellen. Jeder schien aufgrund dieser Berichte sogleich zu wissen, dass es sich um einen antisemitischen Vorfall handeln musste.

Der Unfallfahrer meldete sich einen Tag nach der Kollision bei der Polizei und schilderte die Tat. Er sei in der Dunkelheit, aufgrund fehlender Ortskenntnisse und Nebels mit der Statue kollidiert.

Odehnal vermutet weiterhin andere Hintergründe und stellt die Schilderung des Unfallfahrers in Einzelheiten – nicht ohne Grundlage – in Frage. So ist die Schilderung, dass der Unfallfahrer sich auf dem Weg nach Győr befand (d.h. in österlicher Fahrtrichtung), eher unwahrscheinlich. Die Statue und das Unfallbild deuten auf die entgegengesetzte (westliche) Fahrtrichtung hin. Fehler in der Schilderung des Geständigen machen freilich noch keinen antisemitischen Hintergrund: Da in Ungarn im Bezug auf Alkoholfahrten eine Politik der „zero tolerance“ und eine 0,0 Promille-Grenze herrscht, könnten die Ungereimtheiten etwa damit erklärt werden, dass der Fahrer betrunken unterwegs war (nicht zwingend als seriös anzusehende Quellen im Internet behaupten, der Fahrer sei mehrfach vorbestraft und habe den Mercedes eines in Haft befindlichen Freundes genutzt), bei der Flucht das Fahrzeug stehen ließ und sich 24 Stunden später – dann schon ohne Nachweismöglichkeit von Blutalkohol – der Polizei stellte. Unter Umstände könnte auch eine Rolle gespielt haben, dass die Stelle rund um die Statue ein beliebter Treffpunkt des „ältesten Gewerbes der Welt“ sein soll. Nur die noch zu führenden Ermittlungen können die Einzelumstände erhellen und endgültigen Aufschluss über den Vorfall geben. Jedoch: Ebenso wie Odehnal den „Regierungsnahen“ vorwirft, sich eine Meinung gebildet zu haben, bevor der Vorfall auch nur ansatzweise geklärt war, so müsste sein Vorwurf die dpa treffen. In diese Richtung ist Odehnal keineswegs so angriffslustig – obgleich gerade eine Presseagentur zu besonderer Sorgfalt und Objektivität verpflichtet ist.

Stattdessen greift Odehnal, der unter sicherem Beifall der Antifa auch mal davon schrieb, der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán sehe sich als „legitimen Nachfolger des Nazi-Verbündeten Nikolaus von Horthy“ und beim ORF davon sprach, Ungarn sei eine „Quasi-Diktatur mit ganz starkem Antisemitismus und Chauvinismus„, die Budapester Zeitung heftig für deren Kritik an der unsorgfältigen, voreiligen und voreingenommenen Arbeit von dpa und Spiegel Online an. Die BZ wird pauschal als „besonders regierungsnah“ bezeichnet – was wohl für eingeweihte Leser des Tagesanzeigers nichts anderes als ein Code für „unglaubwürdig“ ist. Odehnal:

Für die regierungsnahen Medien war die Angelegenheit damit keineswegs erledigt. Die «Budapester Zeitung» fragte, warum die internationale Presse nun schweige, und sie verlangte eine Entschuldigung für den Verdacht, das Denkmal könne Opfer eines antisemitischen Anschlags gewesen sein. Die besonders regierungsfreundliche deutschsprachige Zeitung unterstellte ausländischen Journalisten, sie hätten einen banalen Discounfall zu einem Skandal aufgebauscht.“

Selbst der Blog Hungarian Voice kommt, obwohl nicht namentlich genannt, in dem nachtarockenden Beitrag Odehnals vor:

Als Kronzeugen zitierte die Zeitung einen Rechtsanwalt, der auf seinem Ungarn-Blog die Regierung Orbán gegen Kritik und Angriffe aus dem In- und Ausland verteidigt.“

Der Nachrichtenwert dieses Satzes dürfte gering sein, es geht wohl eher um die Schubladisierung des „Kronzeugen“. Der beschränkte seine Tätigkeit in diesem Fall allerdings lediglich darauf, anzumerken, dass die dpa und Teile der deutschen Presse vor Abschluss der Ermittlungen, konkret zu einem Zeitpunkt, in dem die Hintergründe des Vorfalls völlig im Unklaren lagen, sich tendenziell auf eine Tat mit antisemitischem Hintergrund festlegten. Der „Kronzeuge“, der diese Zeilen verfasst, ist kein Hellseher, weiß daher auch nicht, was sich künftig im Zuge der Ermittlungen noch herausstellt: Fest steht nur, dass die Meldung der dpa, sich deckend mit der auch von Odehnal mitgetragenen Tendenz, die ungarische Regierung in die Nähe des Antisemitismus und „Quasi-Diktatur“ zu rücken, der Polizei klandestin sogar Vertuschung vorzuwerfen (nichts anderes tut Odehnal jetzt), sich bislang nicht durch Fakten erhärten lassen. Munteres Spekulieren, im Zweifel gegen den Angklagten.

Der Preis, den der Verfasser dieses Blogs dafür zahlt, dass er Fragen stellt, die in der deutschsprachigen Presse sonst eher unbehandelt bleiben (Odehnal muss sich z.B. fragen lassen, warum er nicht über die Rede von Tibor Navracsics berichtet hat, in der dieser als ranghoher Regierungsvertreter – endlich – der langen Forderung nachkam, Ungarn möge sich zur Mitverantwortung am Holocaust bekennen), ist nicht besonders hoch: Lediglich pauschale Unterstellungen der Regierungsnähe und Beschimpfungen seiner Kritiker muss sich der Verfasser mitunter gefallen lassen. Zu den wütenden Beiträgen von links bis linksaußen gesellen sich übrigens auch solche von rechtsextremer Seite. Entscheidend für den Macher dieses Blogs ist jedoch nicht die Gefühlslage der in der Ungarnberichterstattung überproportional und lautstark vertretenen Minderheit bekennender Antifaschisten oder Rechtsradikaler, sondern allein die Leserresonanz. Und die spricht – Hungarian Voice ist seit 2010 zum mit Abstand meistgelesenen Blog zu Ungarn in deutscher Sprache geworden – eine deutliche Sprache. Bereits dieser bescheidene Erfolg scheint zu genügen, um die Wut der bisherigen Monopolhalter in Sachen Ungarn-Berichterstattung auf sich zu lenken; jener Kritiker also, die vorgeben, für Pluralismus und Meinungsfreiheit einzutreten. Dass der Blog auch von jenen gelesen wird, denen er offenkundig ein Dorn im Auge ist, betrachtet der „Kronzeuge“ übrigens als Prädikatsmerkmal besonderer Güte.

Der Standard, die Népszabadság und die fehlende Selbstkritik der Journalisten

Vor einigen Tagen las ich mit Interesse einen Beitrag im Standard über den Leiter des Osteuropabüros des Österreichischen Rundfunks (ORF), Ernst Gelegs. Der mit „Treue Diener der Regierung“ überschriebene Artikel über Ungarn macht – nicht zum ersten Mal – angebliche Versuche der amtierenden rechtskonservativen Regierung zum Thema, „kritische Journalisten“ mundtot zu machen.

http://derstandard.at/1361240851977/Treue-Diener-der-Regierung

Aufhänger des Interviews sind angebliche Sabotageakte ungarischer Regierungskreise mit dem Ziel, Gelegs Arbeit wegen seiner kritischen Haltung zu erschweren. Und Proteste des österreichischen Botschafters in Wien, der sich – unter Vorlage angeblich privater, von Gelegs verfasster E-Mails – beim ORF über Gelegs beschwerte. In den E-Mails hatte sich Gelegs mit „Grüßen aus Orbánistán“ verabschiedet. Und versteht gar nicht, was daran auszusetzen ist.

Der Botschafer betrachtete diese Wortwahl, die übrigens auch bei weiteren österreichischen Journalisten, etwa dem dpa-Nachrichtenlieferanten, bekennendem Antifaschisten und Orbán-Bekämpfer Gregor Mayer, zum eingeführten Wortgebrauch gehört, als Zeichen fehlender Neutralität, gar Feindseligkeit. Ein Eindruck, der jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist. Wenn auch die Reaktion überzogen erscheint und der Kampf gegen die Windmühlen des deutschsprachigen Mainstream-Journalismus, der seine Leser mit den immer gleichen Stichworten und oft genug Halbwahrheiten über Ungarn versorgt, kaum zu gewinnen ist.

Die Sinnhaftigkeit der amtlichen Leserbriefe und Protestnoten soll jedoch nicht mein Thema sein. Der Botschafter jedenfalls wies Vorwürfe, die Ablösung Gelegs betrieben haben, mit Nachdruck zurück. Wer aber glaubt, der ORF, der von politischer Einflussnahme völlig frei ist und als Bastion politischer Unvoreigenommenheit gilt 🙂 , ließe sich von rechtskonservativen Protestnoten beeindrucken, hat die linke Durchdringungstiefe und den Einfluss Paul Lendvais beim ORF völlig falsch eingeschätzt.

Lieber befasse ich mich mit dem Standard-Artikel. In diesem wird nämlich, was bemerkenswert ist, dem geneigten Leser nur ein Bruchteil dessen mitgeteilt, was Gelegs in der ungarischen Tageszeitung Népszabadság, der führenden und linksliberalen Publikation des Landes, zu seinem „Bann“ geäußert hat. Der ungarische Leser erfährt – anders als der des Standard – etwa, dass die Situation laut Gelegs unter den Sozialisten (namentlich Gyurcsány) auch nicht besser gewesen sei. Denen sei Gelegs zu konservativ gewesen. Gyurcsány habe erst dann auf seine Interviewanfragen reagiert, als er in die Opposition geschickt worden war. Merkwürdig, dass diese wichtigen Fakten, die ein realistisches Bild von der von Misstrauen geprägten ungarischen politischen Landschaft aufzeigen, im Wiener „Standard-Filter“ hängen geblieben sind.

Der Leser des Standard bekommt ein anderes, suggestives, Bild vermittelt: Das der Orbán-Regierung, die – vermeintlich entgegen bisheriger Praxis und guter demokratischer Traditionen – Journalisten die Arbeit unmöglich mache, sie gar ausschließe, um kritische Berichte zu verhindern. Das Mediengesetz wird auch erwähnt, obgleich Gelegs insoweit kaum Einschränkungen erlebt haben dürfte.

Auch an anderen Stellen ist die Népszabadság dem Standard ein Stück voraus: Sie lässt englischsprachige Korrespondenten zu Wort kommen, die die Erfahrungen ihrer deutschsprachigen Kollegen, namentlich die von Gregor Mayer und Bernhard Odehnal, die sogar „auf schwarze Listen gesetzt“ worden sein sollen, nicht nachvollziehen können. Adam LeBor, der für den Economist und die Times schreibt, konstatiert der aktuellen ungarischen Regierung professionelle Kommunikation, sie sei den Sozialisten gar überlegen. Eine Entwicklung, die man 1998-2002, als Fidesz der ausländischen Presse völlig unbeholfen gegenübertrat, nicht erwartet hatte.

Ein genialer Lacher ist am Schluss des Népszabadság-Artikels zu finden: Nach den Ursachen für die unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen englisch- und deutschsprachigen Kollegen befragt, beweist Mayer das zu erwartende Fehlen jeder Art von Selbstkritik:

„Nach Mayers Auffassung behandelt das Büro Orbáns die angelsächsischen Berichterstatter etwas freundlicher (Anm. HV: als die deutschsprachigen), vielleicht weil sie sich besser verständigen können.“

http://nol.hu/kulfold/20130226-kulfoldi_tudositok_magyar_feketelistan

Verehrter Herr Mayer, werter Herr Odehnal: Wie es in den Wald hineinruft, schallt es wieder heraus. Die englischsprachige Presse ist schlichtweg nicht so feindselig gegenüber dem („Copyright“ Gregor Mayer, dpa) „lieben Führer“ Orbán*. Sie versucht auch nicht, Fidesz fortwährend als antidemokratisch, faschistisch, verkappt rechtsradikal, antziganistisch und antisemitisch darzustellen. Kurz gesagt: Die britischen Journalisten verfolgen keine „Aufmarsch – die rechte Gefahr aus Osteuropa“ Agenda. Vielleicht liegt es ja an der Professionalität und eher gegebenen Unvoreingenommenheit der englischen Kollegen, die viele deutschsprachige Journalisten in ihrem politischen Kampf gegen Orbán längst abgelegt haben. Mayer (Standard, dpa), Lauer (Standard, dpa), Odehnal (Tagesanzeiger), Kahlweit (Süddeutsche Zeitung), Leonhard (TAZ) und auch Lendvai (everywhere…) sind Namen, die bei jedem Regierungsvertreter Gewissheit haben reifen lassen, dass mit einer fairen Berichterstattung nicht zu rechnen ist. Lendvai hat mit seinem 2012 gesendeten Zerrbild „Nationale Träume“ alle Dämme brechen und jeden Zweifel verschwinden lassen, wo er steht. Die fast allesamt in Wien ansässigen Ungarn-Korrespondenten eifern ihm nach, nur dass sie ihre offene Feindseligkeit nicht in Anekdoten, endlosen Monologen und Floskeln verhüllen. Sie lassen ihrer Verachtung freien Lauf.

An Verständigungsproblemen dürfte es bei Gregor Mayer nicht liegen: Der spricht nämlich hervorragend ungarisch.

Keiner verpflichtet Journalisten, fair zu berichten: Aber man sollte sich dann auch nicht beschweren, wenn die Interviewpartner abwinken.

Es gibt aber Licht am Ende des Tunnels: In den vergangenen 3 Jahren hat sich in Sachen „Pressearbeit“ des Fidesz mehr getan als in den 20 Jahren davor. Wer einen Beleg dafür braucht, der überzeuge sich von der Empörung der US-Kampfpostille „Amerikai Nepszava“, die kürzlich einen US-Journalisten unter dem Titel „Orbán kauft die amerikanische Presse“ wüst beschimpfte, weil der es gewagt hatte, den für Kommunikation zuständigen Staatssekretär Ferenc Kumin zu Wort kommen zu lassen und unverfälscht wieder zu geben (HV berichtete). So reagiert nur einer, dessen Monopol man gebrochen hat.

* Begriff („szeretett vezetö“ = geliebter Führer) ursprünglich geprägt von János Dési, der in der linksoppositionellen Tageszeitung Népszava publiziert, für Klubrádió arbeitet und bei ATV abgesetzt wurde, weil er den Zeremonienmeister für Ferenc Gyurcsánys „Demokratische Koalition“ spielte.

Basler Zeitung: Bernhard Odehnal zittert

Der Mitverfasser von „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“, Bernhard Odehnal, schrieb nachfolgenden Beitrag für die schweizerische Basler Zeitung:

http://bazonline.ch/ausland/europa/Viktor-Orban-schwaermt-von-Blut-und-Boden/story/18370383

Thema: Die „Blut und Boden Rede“ Viktor Orbáns in Ópusztaszer und die angeblich in Zweifel gezogenen Staatsgrenzen.

Kleine Nachtpolemik: Schüssel-Lob für Orbán, ORF schießt sich auf Ex-Kanzler ein

Der staatliche Österreichische Rundfunk (ORF) hat eine in Budapest gehaltene Rede von Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel genutzt, den Politiker scharf zu kritisieren. Die Berichte des Abends gerieten zu einem Anti-Schüssel-Tribunal. Die üblichen Experten inklusive.

In der Sendung ZIB 2 vom 31.05.2012 wird Schüssels Lob für Viktor Orbán – seine Rede wird natürlich nur in ganz kleinen, aus dem Zusammenhang gerissenen Fragmenten gezeigt – zu einem Verriss des Politikers genutzt. Paul Lendvai zeigt sich „enttäuscht“ und „entsetzt“ darüber, dass man Viktor Orbán einen „Persilschein“ ausstelle. Ferner spricht die Nachrichtensendung von der bekanntermaßen „fehlenden Trittsicherheit“ Schüssels.

http://tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2/episodes/4115647-ZIB-2

Der ORF setzt die Darstellung des Schüssel-Auftritts fort mit der Aussage, dass von Ungarn ja sonst nicht so viel gehalten werde, Demonstrationen gegen die Regierung seien „an der Tagesordnung“ und die EU-Kommission habe Ungarn sogar „geklagt“, Gründe dafür seien „demokratiegefährdende Änderungen bei den Medien, aber auch bei der Zentralbank oder der Justiz.“ Drei Schuss, ein Treffer, meine Damen und Herren vom ORF. Die Kommission hat nämlich weder im Zusammenhang mit dem Mediengesetz noch mit der Zentralbank „geklagt“. Vertragsverletzungsverfahren laufen derzeit wegen a) der angeblich fehlenden Unabhängigkeit des Datenschutzbeauftragten, b) wegen der kritikwürdigen Zwangspensionierung von Richtern und c) seit längerem wegen der Sondersteuern für Telekomunternehmen.

Der Zuseher erfährt auch, weshalb (Zitat) „sich ein Wolfgang Schüssel für ein solches Lob überhaupt hergibt“. Es handele sich um eine Dankbarkeitsgeste Schüssels gegenüber Orbán, der ihn während der (man will anmerken: völlig rechtswidrigen und undemokratischen) Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 empfangen und es gewagt hatte, die Phalanx der EU-Politiker zu verlassen.

Lendvai gibt sich trotzdem enttäuscht. Er werde ganz sicher viele Briefe bekommen, weil „jeder weiß“, dass er auch während der Regierung Schüssel Lob gefunden habe, auch in seinen Büchern. Der Zusammenhang zwischen Lendvais Büchern und Schüssels Rede verstehe, wer mag. Mir ist das zu hoch.

Am Ende doch noch ein klitzekleines Plätzchen für Schüssel: Der war zu einem Interview mit dem ORF nicht bereit (er ahnte wohl diesen für einen staatlichen Sender unerträglichen Tonfall), gab aber bekannt, er habe in Budapest auch kritische Punkte angesprochen. Aber wen interessiert das schon.

Jedenfalls nicht den berufsmäßigen Antifaschisten Bernhard Odehnal vom Tagesanzeiger (Schweiz). Der durfte in der ZIB 24 um 00:12 Uhr (es war also noch später als fünf vor oder gar fünf nach Zwölf) nachlegen und in sichtlicher Erregung darüber philosophieren, dass Orbán den Staat der Zwischenkriegszeit wieder restaurieren wolle, eine (Zitat) „Quasidiktatur  mit ganz starkem Antisemitismus und Chauvinismus“. Nein, wir haben uns nicht verhört: Orbán will eine „Quasidiktatur mit starkem Antisemitismus“ wieder errichten. Laut Odehnal ist das „wirklich“ so. Und ich habe keine Zweifel, dass er selbst daran glaubt. Auch aus diesem Grund haben Odehnal und sein Kollege, Herr Gregor Mayer von der dpa, der deutschsprachige Zeitungen mit Ungarn-Berichten versorgt und sich nebenbei via Facebook über „Orbánistan“ auskotzt, auch ein ganzes Buch über rechte Umtriebe in Osteuropa verfasst.

Das Drehbuch geht weiter, auch die Kritik an der EVP (Konservative sind bekanntlich verkappte Nazis) darf natürlich nicht fehlen, die – so Odehnal – „keinerlei Kritik an Orbán zulässt“. Offenbar hat sich der Gast hier nicht mit der Frontfrau österreichischer Ungarnkritik, Frau Ulrike Lunacek von den Grünen, abgesprochen: Die erachtet nämlich Schüssels Worte gerade deshalb für so empörend, weil auch die Konservativen im EU-Parlament Fidesz kritisiert hätten. Na was denn nun?

Odehnal, der in Budapest und Wien lebt, erzählt von enttäuschten Menschen, auch Freunden, die Fidesz gewählt haben (pfui, Herr Odehnal!), und greift die Anekdote von Sybille Hamann wieder auf, dass „an jedem zweiten Haus“ eine Immobilie zum Verkauf angepriesen werde (Hamann in der Presse: „In den Straßen von Budapest fallen an jedem zweiten Haus Plakate auf, die Wohnungen zum Kauf anbieten.“). Die beiden Erfahrungsberichte Odehnals und Hamanns sind so aufeinander abgestimmt (Horthy und Antisemitismus als Stichworte inklusive), man wird den Eindruck nicht los, als käme alles aus einer Feder, oder aber beide Herrschaften wären Hand in Hand durch die  Budapester Stadtbezirke spaziert. Romantisch. Wobei man ja in der ungarischen Hauptstadt angeblich seines Lebens nicht mehr sicher sein soll…

Der Immobilienmarkt sei, so Odehnal, „zusammengebrochen“. Die Menschen hätten alle Kredite, die sie nicht bedienen könnten – was zutrifft, nur ist dieser Umstand kaum der heutigen Regierung in die Schuhe zu schieben, sondern eher der Politik der Notenbank unter jenem Präsidenten András Simor, gerade enormen Rückhalt aus Brüssel genießt: institutionell gesehen völlig korrekt, persönlich gesehen diskussionswürdig. Un ein weiteres Detail vergisst Odehnal geflissentlich: Dass die Regierung Orbán seit Jahren durch Moratorien verhindert, dass die Banken die Menschen aus ihren Häusern vertreiben. Sollte einem, der für die Armen Partei ergreift, letztlich gefallen. Aber kein Wort dazu.

Nun erfahren wir noch, es gebe eine „Belastungspolitik“, der kleine Mann „bekommt die Steuern aufgebrummt“, während sich die Familie von Orbán und einige Oligarchen bedienten. Die wohl im EU-Vergleich mit am niedrigsten ausfallende Einkommensteuer ist Odehnal, der nur die sehr hohe Mehrwersteuer erwähnt, keine Erwähnung wert. Die Flat Tax ist zwar ebenfalls diskussionswürdig und kommt in Anbetracht der Wirtschaftslage wohl zum falschen Zeitpunkt, sie ist aber ein Zeichen einer Umbaus des Steuersystems: Direkte Steuern runter, indirekte Steurn rauf. Jedenfalls in den Auswirkungen zu komplex für plakative Statements zwischen Horthy, Antisemitismus und Schüssel, will man meinen. In einer Sache hat Odehnal allerdings Recht: Die Korruption und die Selbstbedienungsmentalität in Ungarn war, ist und bleibt unerträglich. Ich wünschte allerdings, das wäre Odehnal schon früher aufgefallen…

http://tvthek.orf.at/programs/1225-ZIB-24/episodes/4115779-ZIB-24

Hoffentlich ist der Herr Professor Lendvai mit dem Auftritt Bernhard Odehnals zufriedener als mit dem Schüssels.