Ungarische Beiträge zu Ágnes Hellers Auftritt in Brüssel

In Ergänzung zum Beitrag über Ágnes Hellers selektive Wahrnehmung der Vorkommnisse im Herbst 2006 soll den Lesern noch ein kleiner Auszug des ungarischen Presseechos vor Augen geführt werden. Er dient der Illustration, wie die konservative Presse die Aussagen Hellers in Brüssel aufgenommen hat.

 

„Ágnes Hellers Verhältnis zur Wahrheit

Gab es doch keine Polizeibrutalität im Jahre 2006?

Es gab weder herausgeschossene Augen noch Peinigung – Ungarn feierte im Jahr 2006 einen friedvollen Herbst. Jedenfalls wenn es nach Ágnes Heller geht, die Anfang März in Brüssel hiervon berichtete. Die Ungarische Sozialistische Partei hat die Philosophin am Weltfrauentag mit einer Auszeichnung geehrt.

Ágnes Heller ist seit etwa zwei Jahren die neue Medienprominente unseres kleinen Landes. Das ist als Philosophin zwar keine ehrenhafte Ontogenese, aber Heller tat in der vergangenen Zeit alles, um sicher zu stellen, dass sie in den Nachrichten bleibt. Das erste Mal wurde Sie im Zusammenhang mit der Strafanzeige von Gyula Budai zum Mittelpunkt des Interesses: Tagelang waren die Zeitungen voll davon, welche philosophischen Stücke für mehrere Zehnmillionen Forint in das Ungarische übersetzt wurden (deren Großteil schon früher in das Ungarische übersetzt worden war), danach kam die Revanche. Deutsche Busenfreunde verfassten mit tatkräftiger Hilfe einen offenen Brief, in dem der Beginn der Untersuchungen als politische Verfolgung qualifiziert wurde, und selbstverständlich wurde auch die Rassistenkarte ausgespielt. Heller jedoch war damit nicht zufrieden. Im März sprach sie in Brüssel davon: „Auf niemanden wurde im Herbst 2006 geschossen, niemand wurde gequält.“

Sie tat dies, obwohl sie sich im fraglichen Zeitram in den USA aufgehalten hatte. Nicht beim Astoria, nicht am Fuße der Elisabethbrücke, sondern einige tausend Kilometer weiter, auf einem anderen Kontinent. Heller meldete sich in Brüssel übrigens im Namen der liberalen Intellektuellen zu Wort, im Namen derer, die ursprünglich für Menschenrechte eingetreten waren. Wie kann man wohl jemanden bezeichnen, der als Vorreiter in diesen Themen grundlegende Fakten leugnet?

Der ungarische Rettungsdienst sprach von 128, der ANTSZ (Anm.: staatlicher Gesundheitsdienst) von 150 zivilen Verletzten. Im Rahmen der Straßenkämpfe wurden 134 Mal schwere Verletzungen gemeldet: 14 ausgeschossene Augen, 39 Treffer a Kopf mit Gummigeschossen, 39 Treffer mit Gummigeschossen an Hals und der Halsschlagader, 16 Fälle verletzter Wirbelsäulen. Man kann darüber moralisieren, ob die Opfer selbst Gesetzesverletzungen begangen haben, aber die Verletzungen selbst und die Polizeibrutalität zu leugnen? Unfassbar! (…)“

http://belfold.ma.hu/tart/cikk/a/0/90373/1/belfold/Megsem_tortent_rendori_brutalitas_2006ban

 

Ein weiterer Kommentar aus der Heti Válasz:

Befreien wir Ágnes Heller!

Ágnes Heller hat nicht gelogen. Sie ist nur Opfer der Verschwörung zwischen den Tatsachen und den sie umgebenden Umständen.

Denn es ist Tatsache, dass Heller in ihrer Rede vor den Grünen im EU-Parlament entschlossen bestritt, dass im Rahmen der Vorkommnisse am 23. Oktober 2006 irgendwer von den Polizisten angeschossen oder gequält worden sei. Auch sagte sie selbstbewusst, dass Fidesz weder zu Hause noch bei den Europäischen Institutionen solche Beschwerden jemals vorgebracht habe, was ebenfalls nicht gerade in engem Kontakt zur Wahrheit zu sein scheint. Bestimmt war es der psychologische Druck des Mediengesetzes, der sie davon abhielt, die Fakten wahrheitsgetreu wiederzugeben…

Dabei bemühte sich die Philosophin so sehr um die Aufdeckung der Wahrheit. Sie hätte sagen können, dass die Gyurcsány-Knechte auf Kopfhöhe schossen, das Augenlicht mehrerer Personen auslöschten, bleibende Verletzungen verursachten, am Boden liegende Menschen malträtierten, und dass die vom Staat angestellten Wächter der Ordnung einen Parlamentsabgeordneten (Máriusz Révész) blutig geschlagen haben. Genau so, wie es geschah. Aber das Mediengesetz übte einen derartigen Druck der Selbstzensur auf Heller aus, dass sie es nicht sagen konnte.

Die Philosophin hörte ihre eigenen Worte, unfähig, zu handeln, und beinahe hätte sie geweint.

Der verehrte Leser weiß nicht, sondern vermutet bestenfalls, wie Orbáns Mediengesetz die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens schockiert, und wie es die freie Meinungsentfaltung tötet. So konnte es passieren, dass der Auftritt Hellers in Brüssel in der linksgerichteten Presse nicht einmal erwähnt wurde. Natürlich aus Angst. Nicht, dass man sie noch zur Rechenschaft zieht…die Rechten wiederum haben die unausgewogene Situation schamlos ausgenutzt und Frau Heller der Lüge bezichtigt. Na sowas.

http://hetivalasz.hu/jegyzet/szabaditsuk-ki-hellert-36050

Mediengesetz: EU begrüßt Einlenken Ungarns, Sozialdemokratie bleibt kritisch

Die EU-Kommission hat die ausdrückliche Bereitschaft Ungarns, die von Brüssel kritisierten Punkte im ungarischen Mediengesetz einvernehmlich zu lösen, begrüßt. Man wolle gemeinsam auf eine schnellstmögliche Beseitigung der Probleme hinarbeiten.

Kritik an den Zeichen aus Brüssel und Budapest kam von Seiten des EU-Parlamentsabgeordneten Hannes Swoboda (SPÖ); Brüssel und Budapest liefen Gefahr, an den wesentlichen Problemen der ungarischen Mediengesetzgebung vorbei zu gehen. Dies sei die Zusammensetzung der Medienaufsicht und die Verpflichtung, ausgewogen zu berichten.

http://derstandard.at/1295571336564/Mediengesetz-EU-will-schnelle-Loesung-mit-Ungarn

Zwischenzeitlich hat sich auch der Europarat kritisch zur ungarischen Regelung geäußert. Man befürchtet eine abschreckende Wirkung der Vorschriften und einer Selbstzensur und forderte Ungarn auf, die Opposition und die Zivilgesellschaft an einer etwaigen Überprüfung des Gesetzes zu beteiligen.

http://www.stern.de/news2/aktuell/europarat-mahnt-ungarn-zur-einhaltung-der-pressefreiheit-1649539.html