Debatte zur Ungarn-Berichterstattung beim CHB: Persönliches Resümee von Keno Verseck

Am vergangenen Donnerstag, den 20.11.2013, fand im Collegium Hungaricum Berlin (CHB) eine Debatte zwischen den Journalisten und Buchautoren Keno Verseck (u.a. Spiegel, TAZ) und Boris Kálnoky (Die Welt) statt. Das Thema des Abends: “Europäische Krisenszenarien: Interpretationen. Ungarn in den deutschsprachigen Medien“.

Kálnoky hat seine persönlichen Eindrücke bereits am 21.11.2013 in einem Resümee zusammengefasst, das ich den Lesern zur Verfügung stellte. Ich freue mich, dass sich auch Keno Verseck die Zeit genommen hat, seine Eindrücke nieder zu schreiben und Hungarian Voice zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Seine Wort gebe ich nachfolgend unverändert wieder:

Eigentlich gehört Imagologie in den Bereich akademischer Spezialgebiete und -debatten. Aber mittel- und südosteuropäische Länder sind traditionell sehr besorgt um ihr (vermeintliches) externes Image. Die Öffentlichkeit und die Politik in diesen Ländern reagiert zum Teil sehr empfindlich auf „westliche“ Berichterstattung. Zu Anfang der 1990er Jahre war das post-neokommunistisch-nationalistische Rumänien der einsame Spitzenreiter dabei, ausländische Journalisten zu Feinden und Agenten zu erklären, die das Land in den Dreck ziehen.

Zwanzig Jahre später ist es der Orbán-Regierung gelungen, Rumäniens damalige „Performance“ noch zu überbieten. Sie reagiert zum Teil äußerst hysterisch auf Medienberichte, „wir“, ein Teil der ausländischen Journalisten, werden von der ungarischen Regierung für Ungarns schlechtes Image in der Welt verantwortlich gemacht, teilweise hat es den Anschein, als würden wir zu Botschaftern unserer Länder und zu Verkündern ihrer Außenpolitik erklärt. Auf diesem Hintergrund fand in der letzten Woche am Collegium Hungaricum Berlin die Debatte „Europäische Krisenszenarien: Interpretationen. Ungarn in den deutschsprachigen Medien“ statt, zu der Boris Kálnoky und ich mit Peter Engelmann vom Passagen-Verlag Wien als Moderator eingeladen waren.

Ungarns Image in der deutschsprachigen Presse ist unzweifelhaft eher negativ. Allerdings steht die Reaktion der Orbán-Regierung auf eine „schlechte Presse“ meines Erachtens in keinem Verhältnis zur Art und Weise und zur Quantität der Berichterstattung. Möglicherweise geht es um Reaktionen, deren Adressat niemand als das einheimisch Publikum ist: „Seht, wie schlecht sie uns da draußen in der Welt machen! Wir aber verteidigen unsere nationale Würde!“ Auch mit dem Aufblasen vermeintlicher Feinde kann man Stimmen gewinnen.

Im Unterschied zu einigen Kollegen stört es mich nicht wirklich, wenn ungarische Staatssekretäre mir empörte Mails oder Kurzmitteilungen auf meine Artikel schicken. Ich finde, man sollte daraus keinen öffentlichen Skandal machen, sondern solche Reaktionen als legitime Leserbriefe sehen, wie es mein hochgeschätzter Kollege Georg Paul Hefty in einer ähnlichen Debatte einmal formuliert hat. Ansonsten: Merkwürdig, dass es keine wichtigeren Beschäftigungen gibt, als sich mit uns bösen deutschen Journalisten zu beschäftigen.

Jenseits solcher Disproportionen stimme ich mit Boris Kálnoky darin überein, dass das Bild der Orbán-Regierung und der Verhältnisse in Ungarn unnuanciert ist – ich würde sagen, es ist teilweise unnuanciert. Orbán ist meines Erachtens kein Faschist, kein Antisemit, kein Dikator, allerdings hat das, soweit ich das überblicken kann, auch kein relevantes deutschsprachiges Medium in dieser Form behauptet. Wer schwingt eigentlich die „Faschismuskeule“? Oder geht es nicht vielmehr um eine Front gegen Anklagen, die niemand erhoben hat?

Boris Kálnoky meint, es werde behauptet oder suggeriert, dass Jobbik in Ungarn mitregiere, auch das habe ich in einem relevanten Medium noch nie gelesen. Anders als Kálnoky meint, gehöre ich nicht zu den Gleichsetzern, ich habe lediglich in mehreren Artikeln begründet und durchaus nuanciert beschrieben, wie die Orbán-Regierung die Jobbik-Programmatik abgeschwächt umsetzt und ihre Rethorik abgeschwächt aufgreift. Wer möchte das bestreiten?! Die Frage ist, ob diese Strategie aufgeht. Ich denke nicht. Allen ungarischen Umfragen und Studien zufolge geht sie jedenfalls zumindest bei den jüngeren Wählern nicht auf.

Auf alle Fälle ist es wichtig zu nuancieren, denn sonst kann man keine Unterschiede mehr zu anderen Regimen, etwa in Weißrussland oder in Russland, machen, und zwischen Putin/Lukaschenko und Orbán und den Verhältnissen in den drei Ländern bestehen unzweifelhaft beträchtliche Unterschiede. Insofern ist es meines Erachtens irreführend (und was die Alliteration angeht auch dümmlich), Orbán als Puszta-Putin o.ä. zu bezeichnen. Ich stimme mit György Dalos überein, der mir einmal auf die Diktatur-Frage sagte: „Ungarn ist keine Diktatur. Ungarn ist eine sehr schlechte Demokratie, und das ist ja schon schlimm genug.“ Auch die Pressefreiheit ist in Ungarn nicht abgeschafft, wie man aus manchen deutschen Medienberichten herauslesen kann. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind jedoch im Wesentlichen Verlautbarungsorgane der Regierung, und die unabhängigen privaten Medien stehen unter starkem ökonomischen Druck. Genau aus diesem Grunde ist es auch gar nicht so interessant, wie wir ausländische Journalisten von der Orbán-Regierung manchmal „verteufelt“ werden – im Unterschied zu vielen ungarischen Kollegen geht es nicht um unsere Existenz. Daher sollten wir es nicht überbewerten, wenn die Regierung ihre „Leserbriefe“ (s.o.) schickt.

Insgesamt, da waren uns Boris Kálnoky und ich einig, bewegt sich Ungarn am Rand europäischer Werte und Gesetze, ich persönlich denke im Unterschied zu Boris Kálnoky, dass Ungarn diesen Rahmen manchmal und immer öfter verlässt. Die Rethorik Orbáns und der Regierung ist jenseits aller normativen Bekundungen und Bekenntnisse zur EU, zur Demokratie, gegen Rassismus usw.usf. oft nationalistisch, ethnizistisch, sie spielt indirekt mit antisemitischen, antiziganistischen Klischees, und sie fördert fremdenfeindliche Stimmungen. Siehe die Brand- und Bürgerkriegsrede vom 23.10.2013. Orbán und andere wichtige Leute im Land wie László Kövér nehmen Rechtsstaatlichkeit nicht so besonders ernst, siehe Orbáns Äußerungen in dem anschaulichen Film der gemeinsamen Busfahrt mit Tarlos auf dem Andrássy-Boulevard („Initiiere das, und ich mach dir das Gesetz!“) oder Kövérs Vorstellungen von effektivem Ermächtigungsregieren, von dem Boris Kálnoky in der Debatte meinte, wenn die verwirklicht werden würden, dann wäre das für ihn die ultimative Grenzüberschreitung.

Ich denke, dass es in erster Linie dieses „Sich-am-Rand-der-EU-Werte-und-Normen-Bewegen“ ist, dass zu Ungarns schlechtem Image führt, nicht die Böswilligkeit irgendwelcher Journalisten und Medien, die angeblich die Interessen ausländischer Konzerne vertreten oder von der Opposition in Ungarn Befehle und Anweisungen bekommen.

Worüber leider wenig in deutschsprachigen Medien berichtet wird, ist die gescheiterte Transformation in Osteuropa, vor allem die extreme soziale Belastung und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in Mittel- und Südosteuropa. Übergang zur Marktwirtschaft, EU-Integration, Globalisierung, Finanzkrise, Eurokrise – es nimmt seit 25 Jahren kein Ende für viele Menschen in der Region, dazu kommen Korruption, Entwertung der Demokratie durch das Handeln der politischen Akteure. Die s.g. Sozialisten und Liberalen einerseits und Fidesz anderseits nehmen sich da wenig. Zudem: Insbesondere die EU-Erweiterung war vor allem für die westlichen Wirtschaften wichtig und ein gutes Geschäft, während Teile der Wirtschaften und der größte Teil der Gesellschaften in Mittel- und Südosteuropa einen „Erweiterungsschock“ erlitten. (Übrigens Dinge, über die ich seit Jahren immer wieder schreibe.) Orbáns Wahlsieg ist auch ein Ergebnis dieser Transformationskrise. Er und seine Regierungsmehrheit werfen manche richtigen Fragen auf – mit den bekannten Antworten.

Debatte zur Ungarn-Berichterstattung beim CHB: Persönliches Resümee von Boris Kálnoky

Am gestrigen Donnerstag, den 20.11.2013, fand im Collegium Hungaricum Berlin (CHB) eine Debatte zwischen den Journalisten und Buchautoren Keno Verseck (u.a. Spiegel, TAZ) und Boris Kálnoky (Die Welt) statt. Das Thema des Abends: „Europäische Krisenszenarien: Interpretationen. Ungarn in den deutschsprachigen Medien„.

Kálnoky hat seine persönlichen Eindrücke in einem Resümee zusammengefasst, das ich gerne den Lesern zur Verfügung stelle. Zusätzlich werde ich versuchen, ein solches Resümee auch von Keno Verseck zu erhalten Update: Ist mittlerweile hier veröffentlicht).  Dem Leiter des CHB, János Can Togay, gebührt – ebenso wie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – Dank, dass sie eine solche wichtige Debatte möglich gemacht haben.

Am 20. November fand im Collegium Hungaricum zu Berlin eine Debatte über das Ungarnbild in den deutschen Medien statt, Teilnehmer waren der freie Journalist und Buchautor Keno Verseck und ich selbst, Moderator war Verleger Peter Engelmann (Passagen-Verlag).

Es war ein Gespräch das zeigte, das auch Dialog und Einvernehmen möglich ist in der Debatte um Fidesz und Orban – Verseck sagte beispielsweise dass der Vorwurf stimmt, die Medien hätten die sozialliberale Vorgängerregierung nicht kritisch genug behandelt.  Zudem stimmte er der Auffassung zu, dass Orbán viele richtige Fragen stelle, die sonst niemand aufgreift. Fragen, die oft aus der verbockten Wende heraus entstanden und in vielen osteuropäischen Ländern ähnlich gelagert sind, weshalb Orbán dort großen Beifall fände. Orbán, so Verseck, gäbe freilich falsche Antworten (Was er dann in zumindest einer Sache doch relativierte: Die Energiepreise für Haushalte, die seien tatsächlich nicht fair und deren Senkung durch Fidesz hilfreich).

Ferner stimmte er ebenfalls zu, dass es viele Fehler in der Berichterstattung gebe, beispielsweise könne keine Rede davon sein, dass die Pressefreiheit abgeschafft wäre. Aber: Alles in allem sei die Regierung schuld an ihrem schlechten Image und müsse die Kritik ertragen.

Mein Anliegen war es, zu betonen, dass der größte Fehler in der Berichterstattung die Gleichsetzung Fidesz-Jobbik ist (hier war Verseck überhaupt nicht einverstanden, er gehört zu den prominenteren Gleichsetzern). Das Schema ist dabei oft, alarmierende Überschrift (zB Ungarn wird zum autoritären Staat), dazu ein Bild eines Aufmarschs der „Ungarischen Garde“ und im Text der Verweis darauf, Fidesz sei nicht viel anders als Jobbik – schwupps entseht der Eindruck, in Ungarn regierten eigentlich Faschisten. (Was nicht wenige Menschen, die mich zu Ungarn ansprechen, aufgrund dieser Art von „Berichterstattung“ wirklich glauben.)

Ich halte es für wichtig, – sagte ich – nicht nur die Ähnlichkeiten sondern die Unterschiede herauszuarbeiten (was aber kaum je Thema ist)  um zu verstehen, warum Fidesz ähnliche Themen besetzt wie Jobbik: Weil diese Themen in der Gesellschaft einfach da sind, und wer diese Fragen als konservative Kraft nicht bespielt, der wird von anderen überholt werden, die das tun.

Als Beispiel nannte ich die Großungarn-Rhetorik: Sie ist potentiell virulent und das Thema ist in der Gesellschaft, besonders im konservativen Lager vorhanden. Fidesz muss das Thema daher bedienen, aber anders als bei Jobbik geht es darum, die wieder aufgewachten „großungarischen“ Träume aus den 20er und 30er Jahren in neue Bahnen zu lenken, um sie zu bändigen – während Jobbik offen auf revisionistische Parolen setzt, entschärft Fidesz diese Gefahr, indem „Revision“ als Schlagwort durch „Zusammenhalt“ ersetzt wird. Dasselbe in der Roma-Politik: Fidesz greift das Thema auf, will aber das Problem lösen während Jobbik offen rassistische Positionen bezieht – die, wie Studien zeigen, den allgemeinen Ansichten in der Gesellschaft entsprechen.

Die „Gleichheit“ zwischen Jobbik und Fidesz besteht mithin darin, dass sie teilweise dieselben Themen ansprechen müssen, die Themen der konservativen Wählerschaft. Die Unterschiede – und das ist viel wichtiger – bestehen darin, dass Fidesz die ideologischen „Minen“, die da in der Erde schlummern, unter Wahrung der „nationalen“ Glaubwürdigkeit der Partei zu entschärfen versucht, während Jobbik sie zur Explosion bringen will.

Moderator Peter Engelmann fragte an einer Stelle, wen von uns beiden er denn lesen muss zu Ungarn, um nicht Falschmeldungen aufzusitzen. Ich antwortete: Uns beide – wenn etwa Keno Verseck etwas über „Orbán wirft Merkel Nazi-Methoden vor“ schreibt, dann solle Engelmann auch lesen, wie ich schreibe, dass diese Behauptung jeder Grundlage entbehrt, und sich dann seine Meinung bilden.

Ich trat dafür ein, statt schlecht recherchiertem Anschuldigungsjournalismus mehr konkrete Beispiele für positives Handeln zu thematisieren. Ich lobte dabei Versecks Artikel über die Familie der ersten Opfer der Roma-Morde – dieser Artikel war ausgewogen, verteilte Kritik auf beiden Seiten des politischen Lagers, und hatte eine positive Folge (es fand sich ein Spender für einen Grabstein).

Ich empfahl außerdem, statt pauschaler Verwerfung Orbáns als jemand, der sich nicht an EU-Regeln hält, seine Politik inhaltlich zu diskutieren. Braucht Ungarn mehr oder weniger Nationalstaat? Oder soll die EU mehr entscheiden? Das sind wichtige und legitime Fragen, die man diskutieren können muss. Ich vertrat die Auffassung, dass  liberale Marktwirtschaft in entwickelten Ländern wie Deutschland prima passt, aber dass Ungarn in einer doppelten Transitionskrise gefangen ist (Folgen der Wende & Finanzkrise 2008) und daher in mancher Hinsicht mehr zentralstaatliche Lenkung braucht – es gibt da Probleme, die der freie Markt nicht lösen kann, etwa die Probleme der Roma.

Recht hatte Verseck mit mehreren seiner Anmerkungen – dass die Regierung gegen die Kritik überreagiere, dass vieles von dem schlechten Image in Budapest selbst verschuldet sei, und wir waren alle der Meinung, dass die teilweise Schwächung des Rechtsstaates bedenklich sei. Konkret sagte ich dazu, dass die Schwächung von Kontrollen und Gegengewichten zwar kurzfristig eine handlungsfähigere Politik ermöglichen kann, was in Krisenzeiten hilfreich sein mag – aber längerfristig wächst damit in einem so kleinen Land wie Ungarn, wo in den Eliten jeder jeden kennt, die Gefahr systemischer Korruption.

Soviel aus Berlin, ich glaube es wird irgendwann ein Audio der Debatte geben.

Boris Kálnoky