Der „Economist“ über die Plagiatsaffäre des Staatspräsidenten Pál Schmitt

Das britische Magazin „The Economist“ berichtet über den Fall Schmitt:

http://www.economist.com/blogs/easternapproaches/2012/03/hungarys-resilient-president

Besonders gut ist der Einleitungssatz des Autors, Adam Le Boer:

There are two certainties in life, mused Benjamin Franklin: death and taxes. If the great man were alive today, no doubt he would add a third: Hungarian politicians never resign.“

Polit-Blogger Ferenc Kumin über den Economist-Beitrag „The awkward squad“

Ferenc Kumin, Politologe, Volkswirt und Blogger („Kumin Szerint„), ehemaliger Berater von Ex-Staatspräsident László Sólyom, nimmt sich den neuesten Ungarn-Beitrag des „Economist“ vor.

Irritierender Ossi, warum führst Du Dich so auf?

Ein ausgesprochen amüsanter Beitrag erschien vor wenigen Tagen im Economist, der „angesehenen britischen Wochenzeitung“, wie es nach der  obligatorischen Beschreibung heißt. Sein Verfasser verfolgte wahrscheinlich nicht das Hauptziel, für Unterhaltung zu sorgen, er wollte vielmehr zum x-ten Male erzählen, welch irritierender, unangenehmer politischer Akteur der ungarische Ministerpräsident ist, und neben ihm noch einige weitere, mehr oder weniger willkürlich zusammengesuchte „östliche“ Spitzenpolitiker, der sog. „Club der Flegel“. Es ist furchtbar, dass diese Typen, in ihrer rückständigen Provinz, nicht mit sich selbst im Reinen sind, ihren eigenen Kopf durchsetzen wollen, anstatt das einzig Richtige zu tun: dem Willen ihrer Herren zu dienen. Auf so brilliante Art und Weise hat sich bislang noch kein überheblicher und dämlicher Publizist selbst entlarvt.

Der Vorgang per se verdient eigentlich keinen Post, so alltäglich ist er mittlerweile geworden. Es erscheint ein auf den ersten Blick auf Details aufbauender, oberflächlicher, erkennbar ohne vertiefte Recherche verfasster Bericht über die bedrückenden ungarischen Verhältnisse, den ein Teil der ungarischen Presse gehorsam übernimmt. Nur dass diesmal etwas lustiges geschah. Der Verfasser des Artikels dürfte seinen Beitrag in besonders gelöster Atmosphäre geschrieben haben. So konnte er seine Missachtung und seine Abschätzung nicht verbergen. Das Beste ist schon der erste Satz: „Poor countries needing investment and favours from their richer counterparts should polish their images and avoid rows.” Flüchtig übersetzt: „Die ärmeren, auf Investitionen und Freundlichkeiten der reicheren Partner angewiesenen Länder sollten sich lieber mit ihrem Image befassen, anstatt Streit zu suchen.” Etwas lakonischer hätte der Schreiber auch sagen können, dass derjenige, der nicht reich ist, sich nicht aufführen sollte, denn „derjenige, der nichts hat, ist auch nichts wert“ . (ich hoffe, dass diejenigen, die sich über diese Worte von János Lázár aufregten, schon jetzt anfangen, empörte Kolumnen zu schreiben.)

Die Geschichte ist hier freilich noch nicht am Ende. Schauen wir uns die beiden nachfolgenden Sätze an: „So it may seem odd that so many politicians in ex-communist Europe, with wobbly economies and security, often do the opposite. A prime example is Hungary, where Viktor Orban’s government has attracted a blaze of outside criticism since it took office in May 2010.” Will heißen: „Es ist merkwürdig, dass so viele Politiker im ex-kommunistischen Teil Europas mit seiner wackligen Volkswirtschaft und öffentlichen Sicherheit, genau das Gegenteil tun. Eines der besten Beispiele hierfür ist Ungarn, wo die Regierung von Viktor Orbán massenhafte Kritik aus dem Ausland auf sich gezogen hat, seit sie im Mai 2010 das Ruder übernahm.” Beginnen wir am Schluss: Wir schreiben also weiterhin ungenauen, oberflächlichen Blödsinn über Ungarn, und nach einer gewissen Zeit beziehen wir uns auf uns selbst, um zu belegen, dass Ihr der Grund dafür seid, dass diese Regierung so schlechte Presse im Ausland hat. Und obwohl unser Schreiberling derzeit an der Tür seines Londoner Büros sogar von Plünderern mit Baseball-Schlägern angegriffen werden könnte, scheint es gleichwohl spannender, über die brüchige öffentliche Sicherheit im „ex-kommunistischen Europa“ zu berichten.

Ich könnte noch weiter zitieren, aber das bereits Gesagte dürfte wohl als Appetithappen genügen. Den letzten Satz aber kann ich nicht auslassen: „although some easterners may be irritating, noisy and unfashionable, in modern Europe they are indispensable.” Heißt: „obwohl einige Ossis irritierend, laut und unmodisch sind, im modernen Europa kommt man nicht um sie herum” . Ich versuche zwar, mit dem grötmöglichem guten Willen zu lesen, aber in diesem Satz sehe ich wirklich nicht viel mehr als den geqälten und müden Seufzer des Kolonialherrn, der auf dem Rücken seines Pferdes die auf dem Boden vor sich gehenden Arbeiten begutachtet. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ich Recht habe. Vielleicht wollte der Verfasser ja doch seine Verachtung und Geringschätzung verbergen. Denn hätte er völlig frei, ohne jede Selbstbeschränkung schreiben dürfen, so hätte er die obigen Sätze wohl noch um die Zusätze „stinkend“ und „schmutzig“ ergänzt.“

Kumin, der seine politische Beratertätigkeit mit dem Abtritt von László Sólyom abgegeben hat, arbeitete zwischenzeitlich auch beim regierungsnahen politischen Analyseinstitut „Századvég“ und beim oppositionellen Sender ATV. Erst vergangene Woche wurde er von der oppositionellen Népszava interviewt und sagte dort, er sehe es nicht als seine Aufgabe, die Regierung zu verteidigen. Bei aller kritischer Distanz scheint aber auch Kumin einer zu sein, den die Pauschalurteile der so zahlreich gewordenen Ungarn-Experten über die Regierung und auch Ungarn verärgern. Wie ich finde, nicht ganz zu Unrecht.