Ernst Gelegs versüßt den literarischen Herbst mit „Schöne Grüße aus dem Orbán-Land“

Der Herbst ist da. Und damit die Zeit, den Kamin anzuschüren und zu einem Glas Rotwein und einer passenden Lektüre zu greifen. Pünktlich bringt der in Budapest ansässige ORF-Osteuropakorrespondent Ernst Gelegs das Werk „Schöne Grüße aus dem Orbán-Land. Die rechte Revolution in Ungarn“ auf den Markt und verarbeitet – gemeinsam mit Roland Adrowitzer – seine Wut auf und die (im ORF vorherrschende) ablehnende Haltung gegenüber der ungarischen Regierung. Ungarnthemen haben schließlich Konjunktur, 2014 ist Wahljahr und das Weihnachtsgeschäft muss man auch mitnehmen.

http://www.amazon.de/Schöne-Grüße-aus-dem-Orbán-Land/dp/3222134146

Nach ORF-Meinungsmacher Paul Lendvai („Mein verspieltes Land“), Gregor Mayer und Bernhard Odehnal („Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“) sind Gelegs und Adrowitzer nun ganz offiziell in die Reihe jener (natürlich!) höchst objektiven Journalisten aufgestiegen, die ihren Lesern Ratschläge geben, wie man die von ihnen in ihrem Hauptberuf herbeigeschriebene „rechte Gefahr“ in und aus Ungarn bekämpft. Nachdem die Physik am perpetuum mobile gescheitert ist, konnte wenigstens die schreibende Zunft es umsetzen. Der Rat ist immer derselbe: Das Ausland muss Druck auf Ungarn ausüben. Warum? Lesen Sie das Buch. Oder die Artikel. Oder schauen Sie ORF. Ob auch Stephan Ozsváth, der uns wahre Horrorgeschichten über seine Erfahrungen mit Regierungsvertretern berichtete, bald mit einem Schmöker debütiert? Sie erfahren es natürlich hier, wenn es soweit ist.

Das Buch wird voraussichtlich zuerst auf den Schreibtischen der Fidesz-Wahlkämpfer landen. Nichts eignet sich schließlich besser, die Popularität der ungarischen Regierungspartei zu steigern, als Beiträge der o.g. Expertenriege. Die letzten Jahre sollten das eigentlich hinreichend bewiesen haben. Doch möglicher Weise ist es gekränkte Journalistenehre, die darauf fußt, dass die ungarische Regierung bis heute stümperhaft im Umgang mit Korrespondenten ist und sich feindselige Kritiker lieber auf Distanz hält, als sie durch Offenheit zu überzeugen. Oder der schnöde Mammon drängt die Einsicht, dass man mit seinen Beiträgen genau das Gegenteil von dem bewirken kann, als man vorgibt, in den Hintergrund.

Man kann dem ungarischen Regierungskritiker János Széky nur erneut Beifall klatschen. Die Aussage, die er als Antwort auf die Worte ausländischer Intellektueller („Stiftet Aufruhr“) und ihrer – auch vom ORF geschürter – Ungarn-Hysterie fand, konnte trefflicher nicht sein: „Schert Euch doch zum Teufel!

Und nochmal ZAPP: Ganz Wien

Das NDR-Magazin ZAPP legt nochmals nach und berichtet über „Ungarn – Kritik an Korrespondenten“.

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Zu Wort gelangen Ernst Gelegs, der vor einigen Wochen im Wiener Standard berichtete, von ungarischen Politikern ausgegrenzt und angeschwärzt worden zu sein, Stephan Ozsváth, der die Widerworte der ungarischen Offiziellen über seinen Beitrag nicht verstehen kann, in dem er Ungarns Ministerpräsidenten als „Räuberhauptmann“ bezeichnete, und Hilde Stadler, die offenbar ebenfalls Kritik für die aus Sicht des Außenamtes verzerrende Berichterstattung erntete. Abgerundet wird das Bild von der Chefredakteurin des fast schon traditionell Orbán-kritischen Standard, für den auch dpa-Korrespondent Gregor Mayer schreibt.

Ganz Wien – wo die meisten Berichte über Ungarn entstehen – scheint schon Erfahrungen mit den ungeheuerlichen Zensurversuchen der Orbán’schen Reiterhorden gemacht zu haben. Will die österreichische Hauptstadt nun also zum Lechfeld des Kampfes um europäische Meinungsfreiheit werden? Oder sind Widerworte in den Redaktionen nicht gewünscht, gelten sie gar als Majestätsbeleidigung, als Angriff auf die unfehlbare Presse, der – so selbst oppositionsnahe Zeitungen in Ungarn – teilweise haarsträubende Fehler unterlaufen?

Dass die ungarische Regierung ausländische Blätter und ihre hochdotierten Mitarbeiter „mundtot“ machen könne, glaubt wohl weder Orbán noch irgendein ausländischer Korrespondent im Ernst. Es sind vielmehr die verzweifelten, zumeist vollkommen kontraproduktiven Versuche der dünnhäutigen und vom medialen Dauerfeuer entnervten ungarischen Regierung, fachliche Fehler (wie bei Mediengesetz und jüngster Verfassungsnovelle) zu korrigieren und auch ihrer Sichtweise ein wenig mehr Raum in der Berichterstattung zu verschaffen. Denn die wird fast durchgängig konsequent ignoriert, jedenfalls von all denen, die bei ZAPP zu Wort kamen. Selbstgespräche.

Bei aller berechtigter Kritik an Orbán: Die Worte Gelegs, es gebe für die ungarische Regierung nur „eine Wahrheit“, fallen mit voller Wucht auf ihn zurück. Das gilt genau so für ZAPP, den ORF, den Standard und weitere Teile der ARD. Besonders bitter ist dies beim ORF und der gebührenfinanzierten ARD, die beide den Auftrag haben, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen. Man tut es nicht. Sei es aus Sturheit, berechtigter Sorge oder politischer Einstellung. Und kontert mit dem (zutreffenden) Argument, auch in Ungarn sei der staatliche Rundfunk einseitig und politisch infiltriert. Ja, ist er. Nur: Will man nun besser sein als Orbán oder nicht? Oder liegt die Unnachgiebigkeit der Presse daran, dass jemand, der sich – wie Orbán mit dem Mediengesetz – die Presse zum Gegner macht, keine Gnade erwarten sollte?

Dass die Regierung von dieser Art der Berichterstattung letztlich profitiert, ist den Machern solcher Berichte entweder egal oder nicht verständlich zu machen. Ebensowenig wie der Umstand, dass sie ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Spaltung und Unversöhnlichkeit leisten. Sie sollten aus dem Beitrag János Székys lernen.

Bis das geschieht, ist die Ungarnberichterstattung ein wenig wie die Pornosammlung: Hat man einen gesehen, weiß man, was einen sonst so erwartet. Da hilft auch Falcos Rezept aus „Ganz Wien“ nicht weiter.

Der Standard, die Népszabadság und die fehlende Selbstkritik der Journalisten

Vor einigen Tagen las ich mit Interesse einen Beitrag im Standard über den Leiter des Osteuropabüros des Österreichischen Rundfunks (ORF), Ernst Gelegs. Der mit „Treue Diener der Regierung“ überschriebene Artikel über Ungarn macht – nicht zum ersten Mal – angebliche Versuche der amtierenden rechtskonservativen Regierung zum Thema, „kritische Journalisten“ mundtot zu machen.

http://derstandard.at/1361240851977/Treue-Diener-der-Regierung

Aufhänger des Interviews sind angebliche Sabotageakte ungarischer Regierungskreise mit dem Ziel, Gelegs Arbeit wegen seiner kritischen Haltung zu erschweren. Und Proteste des österreichischen Botschafters in Wien, der sich – unter Vorlage angeblich privater, von Gelegs verfasster E-Mails – beim ORF über Gelegs beschwerte. In den E-Mails hatte sich Gelegs mit „Grüßen aus Orbánistán“ verabschiedet. Und versteht gar nicht, was daran auszusetzen ist.

Der Botschafer betrachtete diese Wortwahl, die übrigens auch bei weiteren österreichischen Journalisten, etwa dem dpa-Nachrichtenlieferanten, bekennendem Antifaschisten und Orbán-Bekämpfer Gregor Mayer, zum eingeführten Wortgebrauch gehört, als Zeichen fehlender Neutralität, gar Feindseligkeit. Ein Eindruck, der jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist. Wenn auch die Reaktion überzogen erscheint und der Kampf gegen die Windmühlen des deutschsprachigen Mainstream-Journalismus, der seine Leser mit den immer gleichen Stichworten und oft genug Halbwahrheiten über Ungarn versorgt, kaum zu gewinnen ist.

Die Sinnhaftigkeit der amtlichen Leserbriefe und Protestnoten soll jedoch nicht mein Thema sein. Der Botschafter jedenfalls wies Vorwürfe, die Ablösung Gelegs betrieben haben, mit Nachdruck zurück. Wer aber glaubt, der ORF, der von politischer Einflussnahme völlig frei ist und als Bastion politischer Unvoreigenommenheit gilt 🙂 , ließe sich von rechtskonservativen Protestnoten beeindrucken, hat die linke Durchdringungstiefe und den Einfluss Paul Lendvais beim ORF völlig falsch eingeschätzt.

Lieber befasse ich mich mit dem Standard-Artikel. In diesem wird nämlich, was bemerkenswert ist, dem geneigten Leser nur ein Bruchteil dessen mitgeteilt, was Gelegs in der ungarischen Tageszeitung Népszabadság, der führenden und linksliberalen Publikation des Landes, zu seinem „Bann“ geäußert hat. Der ungarische Leser erfährt – anders als der des Standard – etwa, dass die Situation laut Gelegs unter den Sozialisten (namentlich Gyurcsány) auch nicht besser gewesen sei. Denen sei Gelegs zu konservativ gewesen. Gyurcsány habe erst dann auf seine Interviewanfragen reagiert, als er in die Opposition geschickt worden war. Merkwürdig, dass diese wichtigen Fakten, die ein realistisches Bild von der von Misstrauen geprägten ungarischen politischen Landschaft aufzeigen, im Wiener „Standard-Filter“ hängen geblieben sind.

Der Leser des Standard bekommt ein anderes, suggestives, Bild vermittelt: Das der Orbán-Regierung, die – vermeintlich entgegen bisheriger Praxis und guter demokratischer Traditionen – Journalisten die Arbeit unmöglich mache, sie gar ausschließe, um kritische Berichte zu verhindern. Das Mediengesetz wird auch erwähnt, obgleich Gelegs insoweit kaum Einschränkungen erlebt haben dürfte.

Auch an anderen Stellen ist die Népszabadság dem Standard ein Stück voraus: Sie lässt englischsprachige Korrespondenten zu Wort kommen, die die Erfahrungen ihrer deutschsprachigen Kollegen, namentlich die von Gregor Mayer und Bernhard Odehnal, die sogar „auf schwarze Listen gesetzt“ worden sein sollen, nicht nachvollziehen können. Adam LeBor, der für den Economist und die Times schreibt, konstatiert der aktuellen ungarischen Regierung professionelle Kommunikation, sie sei den Sozialisten gar überlegen. Eine Entwicklung, die man 1998-2002, als Fidesz der ausländischen Presse völlig unbeholfen gegenübertrat, nicht erwartet hatte.

Ein genialer Lacher ist am Schluss des Népszabadság-Artikels zu finden: Nach den Ursachen für die unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen englisch- und deutschsprachigen Kollegen befragt, beweist Mayer das zu erwartende Fehlen jeder Art von Selbstkritik:

„Nach Mayers Auffassung behandelt das Büro Orbáns die angelsächsischen Berichterstatter etwas freundlicher (Anm. HV: als die deutschsprachigen), vielleicht weil sie sich besser verständigen können.“

http://nol.hu/kulfold/20130226-kulfoldi_tudositok_magyar_feketelistan

Verehrter Herr Mayer, werter Herr Odehnal: Wie es in den Wald hineinruft, schallt es wieder heraus. Die englischsprachige Presse ist schlichtweg nicht so feindselig gegenüber dem („Copyright“ Gregor Mayer, dpa) „lieben Führer“ Orbán*. Sie versucht auch nicht, Fidesz fortwährend als antidemokratisch, faschistisch, verkappt rechtsradikal, antziganistisch und antisemitisch darzustellen. Kurz gesagt: Die britischen Journalisten verfolgen keine „Aufmarsch – die rechte Gefahr aus Osteuropa“ Agenda. Vielleicht liegt es ja an der Professionalität und eher gegebenen Unvoreingenommenheit der englischen Kollegen, die viele deutschsprachige Journalisten in ihrem politischen Kampf gegen Orbán längst abgelegt haben. Mayer (Standard, dpa), Lauer (Standard, dpa), Odehnal (Tagesanzeiger), Kahlweit (Süddeutsche Zeitung), Leonhard (TAZ) und auch Lendvai (everywhere…) sind Namen, die bei jedem Regierungsvertreter Gewissheit haben reifen lassen, dass mit einer fairen Berichterstattung nicht zu rechnen ist. Lendvai hat mit seinem 2012 gesendeten Zerrbild „Nationale Träume“ alle Dämme brechen und jeden Zweifel verschwinden lassen, wo er steht. Die fast allesamt in Wien ansässigen Ungarn-Korrespondenten eifern ihm nach, nur dass sie ihre offene Feindseligkeit nicht in Anekdoten, endlosen Monologen und Floskeln verhüllen. Sie lassen ihrer Verachtung freien Lauf.

An Verständigungsproblemen dürfte es bei Gregor Mayer nicht liegen: Der spricht nämlich hervorragend ungarisch.

Keiner verpflichtet Journalisten, fair zu berichten: Aber man sollte sich dann auch nicht beschweren, wenn die Interviewpartner abwinken.

Es gibt aber Licht am Ende des Tunnels: In den vergangenen 3 Jahren hat sich in Sachen „Pressearbeit“ des Fidesz mehr getan als in den 20 Jahren davor. Wer einen Beleg dafür braucht, der überzeuge sich von der Empörung der US-Kampfpostille „Amerikai Nepszava“, die kürzlich einen US-Journalisten unter dem Titel „Orbán kauft die amerikanische Presse“ wüst beschimpfte, weil der es gewagt hatte, den für Kommunikation zuständigen Staatssekretär Ferenc Kumin zu Wort kommen zu lassen und unverfälscht wieder zu geben (HV berichtete). So reagiert nur einer, dessen Monopol man gebrochen hat.

* Begriff („szeretett vezetö“ = geliebter Führer) ursprünglich geprägt von János Dési, der in der linksoppositionellen Tageszeitung Népszava publiziert, für Klubrádió arbeitet und bei ATV abgesetzt wurde, weil er den Zeremonienmeister für Ferenc Gyurcsánys „Demokratische Koalition“ spielte.