Kommentar: Zum Gedenktag für die Opfer des Kommunismus am 25.02.2012

Gemeinsames Andenken in einer zutiefst gespalteten Gesellschaft scheint bisweilen fast unmöglich. Dies vor allem in einem Land wie Ungarn, in der Menschen im Namen der beiden diktatorischen und mörderischen Systeme – Nationalsozialismus und Kommunismus – zahllose Opfer verschuldet und erlitten haben. Dort, wo es kaum eine Familie geben dürfte, in der nicht wenigstens ein Vorfahre von den Verbrechen tangiert gewesen wäre. Ob als Opfer oder Täter. Oder beides. Gerade das scheint die Ursachenforschung, die Erinnerung und die Erkenntnis, dass man nur gemeinsam künftige Totalitarismen verhindern kann, so schwer zu machen.

Der Tag, an dem der Opfer des Kommunismus gedacht wird, ist in Ungarn von besonderer Brisanz. Besondere Vorsicht scheint geboten, was die Wortwahl oder die Art und Weise des Gedenkens anbetrifft. Eine zweigeteilte Gesellschaft – vereinfacht gesprochen ist von einer rechts-links-Spaltung die Rede – wacht mit Argusaugen über „die Anderen“ und verzeiht es nicht, wenn im Rahmen des Gedenkens die Opfer der jeweils anderen Seite relativiert werden. Dieser Verdacht ist jedoch schnell begründet und ebenso schnell offen ausgesprochen.

Kein vernünftig denkender Mensch im demokratischen Spektrum käme auf die Idee, das Leid der Opfer des Nationalsozialismus zu relativieren. Der Umstand, dass der Nationalsozialismus das erste (und hoffentlich auch letzte) System war, welches es fertigbrachte, Menschen aufgrund ihrer Rasse, Volks- oder Religionszugehörigkeit in industriellem Ausmaß zu ermorden – Auschwitz, Treblinka sind auf ewig Namen des Grauens -, ist Grund genug, den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus als einzigartig zu bezeichnen. Nicht das Vergessen, sondern das Gedenken ist unsere Pflicht, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Die junge Generation trägt nicht für die Taten der Vorfahren, aber sehr wohl dafür Verantwortung, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. So ist jedenfalls meine Sicht der Dinge.

Der richtige Ansatz ist aber: Naziverbrechen nicht relativieren, zugleich aber die Taten des Kommunismus nicht bagatellisieren! Nur so ist eine „gesunde“ Erinnerungskultur auf Dauer zu schaffen. Während der Nationalsozialismus – so mein subjektives Gefühl – von der absoluten Mehrheit in Europa in seiner Bedeutung durchaus richtig erkannt wird – scheint das Problem derzeit eher in Tendenzen zu liegen, den Kommunismus in seiner Bedeutung zu verharmlosen. Wer hier allzu offen der Opfer gedenkt und auf die Millionen Toten beider Systeme hinweist, setzt sich mitunter allzu schnell dem Verdacht aus, er sei ein Irredentist und versuche, die Einzigartigkeit der Naziverbrechen in Zweifel zu ziehen.

Hier dürfte auch Umstand, dass sich die Sowjetunion und der sog. Ostblock zumeist friedich transformierten, nicht aber über einen Weltkrieg geschlagen wurden, eine Rolle spielen. Wer einen Krieg verliert, dem widerfährt Zwang: Und auch diesem ist es zu verdanken, dass die Deutschen sich mit ihrer eigenen Geschichte befassen mussten – anders als es heute bisweilen scheint, war die Bereitschaft in der Bevökerung, die eigene Verantwortung freiwillig zu erkennen, nicht sonderlich groß. Fehlt aber, wie im Bezug auf den Kommunismus, dieser Zwang gänzlich, befinden sich die Täter von damals und ihre Sprachrohre bzw. Sympathisanten gar bis heute an den Schaltstellen der Macht und bei den Medien, birgt dies die Gefahr in sich, dass die linken Diktaturen als „schlechter Versuch einer guten Idee“ verharmlost werden. Wer ist schon bereit, seine Rolle vor 1989 ohne jeden äußeren Zwang kritisch  zu hinterfragen?

Wäre es im Mainstream Deutschlands vorstellbar, Taten der Nazis wie den Autobahnbau oder die Familienpolitik als Zeichen der „guten Idee“ des Verbrechensregimes zu nennen, ohne dafür postwendend heftig kritisiert zu werden? Wie der Fall Eva Herman zeigte: Nein. Und das ist auch gut so. Leider fehlt dieser gesunde Reflex bei der Befassung mit dem Kommunismus bis heute: Sendungen im deutschen Fernsehen, in der die DDR auf eine lustige Barcke mit tollen Produkten (z.B. Spreewaldgurken) reduziert wird, in der die Menschen zwar ein wenig in ihren Freiheitsrechten beschränkt waren, aber immerhin Arbeit, Brot und den Schwarzen Kanal hatten, waren vor einigen Jahren keine Seltenheit. Und auch die ungarische Diktatur unter Kádár wird zur „lustigsten Baracke“ verklärt – als sei der Plattensee Garant für ein menschenwürdiges Leben.

Unvergessen auch die Akteure der politischen Linken in Deutschland, die – unter Beifall der entsprechenden Journalisten – bis zuletzt versucht hatten, die DDR als im Grunde sympathischen und reformierbaren demokratischen Staat zu karikieren. Einen, der im Grunde besser war als Westdeutschland. Von diesen Stimmen wird man eine realistische Befassung mit dem Kommunismus kaum erwarten dürfen.

Schlimmer noch als in Deutschland stellt sich die Situation in jenen Ländern Mittel- und Osteuropas dar, in denen die vormalige Elite sich bis heute in großer Zahl an den Schalthebeln der Macht befindet – rechts wie links. Und in dieser Rolle eine gemeinsame Geschichtsaufarbeitung bis heute verhindert. „Erinnerungskultur“ existiert hier nur, wenn es um die eigenen Opfer, die eigenen historischen Rechtfertigungsgründe geht. Das eigene Leid rechtfertigt das Leid der anderen. Muss man sich aber seines Tatbeitrages bewusst werden, so herrscht Bagatellisierung. Das „sympathische Antlitz“ des Sozialismus wird gesehen, nicht aber die bestialische Fratze des Kommunismus. Erst jüngst definierte Oskar Lafontaine den „Kommunismus“ schlicht und einfach als Eigentum der Gemeinschaft an den Produktionsmitteln: eine neue Form scheußlichen Tunnelblicks – wie sehr muss dieser Tunnelblick in Mittelosteuropa verbreitet sein?

Noch vor wenigen Jahrzehnten versuchten Schriftsteller, Redakteure und Journalisten – nicht selten Mitwirkende der 1968er-Generation – ihre damalige Anbetung des Kommunismus oder Maoismus durch verbale Relativierung zu rechtfertigen. Sie geben in Politik und Medien EU-weit bis heute maßgeblich den Ton vor. Wer weiß schon, dass nicht nur der Fußballer Paul Breitner, sondern auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso einst Maoist war? Oder dass der Herausgeber der angeblich so „konservativen“ Tageszeitung WELT im Dunstkreis von Dany „le Rouge“ Cohn-Bendit agierte und für linke Kampfpostillen schrieb? Jeder kann (und wird oft) seine Einstellung ändern. Aber ist dadurch die Bereitschaft, mit seiner Vergangenheit abzuschließen und sich von seinen Positionen frührerer Zeiten zu distanzieren, automatisch groß? Oder verbleibt nicht ein gewissen Drang, sich zu rechtfertigen („Ich war jung, und im Grunde hatten wir Recht und wollten das Gute“)? Wie groß ist etwa die Bereitschaft der Antifa, sich von demjenigen Sozialismus zu distanzieren, der einen oberflächlichen, scheinheiligen und mitunter geschichtsfälschenden Antifaschismus zu seinem Markenzeichen machte, unter dessen Geschichtsbild man heute noch leidet? Von einem Sozialismus, der zwar den Antisemitismus für getilgt erklärte, ihn aber nur unter den Tisch kehrte?

Und es gibt auch die hauptberuflichen Warner. Alarmisten, die jede Bezugnahme auf die Vergleichbarkeit der Ideologien als Relativierung des Holocaust und der Naziverbrechen sehen wollen. Wer etwa betont, dass die ungarischen Stalinistenführer wie Rákosi, Farkas und Gerö jüdischer Herkunft waren, dem wird unverzüglich aufkeimender Antisemitismus und der Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr unterstellt. Und mehr noch: Es wird behauptet, dass derjenige, der Nazismus und Kommunismus vergleiche, den Holocaust relativiere, weil er suggeriere, Juden seien (weil auch sie zu Tätern im Kommunismus wurden) auch nicht besser als Nazis; die Phantasie der Gedankengänge scheint schier unbegrenzt zu sein.

Eine aufrichtige Debatte über die Ursachen dafür, dass Holocaustüberlebende eventuell aus zutiefst verständlichen Rachegefühlen heraus die Arbeit bei der ungarischen Stasi aufnahmen und dabei selbst ein (wenn auch nicht mit dem Holocaust vergleichbare) Verbrechensregime zu ihrem Arbeitgeber machten, kann so natürlich nicht geführt werden. Die Erinnerungskultur ist am Boden. Beinahe jeder Gedenktag kennt Veranstaltungen für die eigene Klientel. Die Verarmlosung der Kommunismus wechselt sich mit der nostalgischen Betrachung der Horthy-Ära ab. Und selbst das Gedenken an 1956 wird nicht gemeinsam begangen.

Sein übriges tat in Ungarn der sog. sanfte Übergang, der letztlich schon sehr früh die Ahndung von Tätern aus politischen Gründen – das Verzeihen, der Großmut waren „en vogue“ – ausschloss. Ein großer Teil der Bevölkerung, deren Vorfahren in den ungarischen Gulag verschleppt worden waren, die als Aristokraten oder Bürgerliche aus ihren Häusern und Wohnungen zwangsweise ausquartiert wurden, die in Arbeitslagern erschossen wurden, verhungerten oder als Klassenfeinde im Gefängnis verrotten mussten, war gezwungen, Tür an Tür mit denjenigen weiter zu leben, die ihre Verwandten oder sie selbst an die Staatssicherheit verraten hatten. Und über ihre Parteizugehörigkeit zu hohen Renten, manchmal gar Doktortiteln gelangten. Eine staatliche Sühne für den ungarischen Kommunismus blieb, ganz anders als bei den Tätern der Naziherrschaft, aus. Bereits hier mussten sich die Opfer des Kommunismus im Stich gelassen und ihr Schicksal als bagatellisiert fühlen; Verschwörungstheorien wie dem angeblichen „Vertrag vom Rozsadomb“ wurde durch den „verhandelten“ Trnsformationsprozess Tür und Torgeöffnet. Das seinerzeit erfundene „Reden wir nicht mehr darüber“ erwies sich als keine gute Basis für Aufarbeitung und Verzeihen.

Wie lange es noch dauern wird, zu einer angemessenen Erinnerungskultur zu gelangen, die sowohl die Kommunistische Ära, als auch die Horthy- und Nazizeit ohne den ideologischen Kampf beleuchtet, ist völlig offen. Beide Seiten müssten sich aufeinander zubewegen und anerkennen, dass die Verbrechenssysteme Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen Millionen Menschen auf dem Gewissen haben und insoweit durchaus vergleichbar sind. Beide Systeme haben Berge von Leichen hinterlassen. Es spielt keine entscheidende Rolle, ob man Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Rasse oder Religion oder aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit verfolgt. Die oben betonte Einzigartigkeit des Holocaust wird durch diese Feststellung nicht in Zweifel gezogen.

Jedoch haben die Opfer sowohl des Nazismus als auch des Kommunismus gleichermaßen Anspruch auf Respekt. Dieser wird gewiss nicht dadurch gezollt, dass ein Schriftsteller wie György Moldova offen ausspricht, Kádár habe viele Menschen „wohl zu Recht“ hängen lassen. Und auch nicht dadurch, dass ein („konservativer“) MDF-Politiker namens Károly Herényi betont, die Opfer des Kommunismus hätten – anders als Juden im Nationalsozialismus – die Möglichkeit gehabt, sich dem staatlich verordneten System anzuschließen, weshalb die Verbrechen nicht vergleichbar seien…

Keine Opfergruppe hat ein Leidens- und Trauermonopol. Das weiß jeder, der Opfer zu beklagen hat.

Holocaust-Gedenktag: Rede von László Kövér

Ungarns Hauptstadt Budapest war am heutigen 17. April Schauplatz zahlreicher Veranstaltungen zum Gedenken an die ungarischen Opfer des Holocaust.

An dieser Stelle soll aus einer Mitteilung von Fidesz (an einigen Stellen sinngemäß) übersetzt werden, die Auszüge der Rede von Parlamentspräsident László Kövér enthält.

Der heutige Tag gehört der Erinnerung, wir halten furchtsam inne und neigen unser Haupt vor den Opfern“ – so begann der Parlamentspräsident seine Rede. „Vor 67 Jahren wurden die ungarischen Juden in Ghettos verschleppt, hiermit begann der ungarische Holocaust. Denen, die man fortriss, blieben weder Namen, Zukunft oder Hoffnung“ – sagte Kövér. „Seit 67 Jahren wissen wir, dass Birkenau eine Trennlinie war. Sie wirkte sich auf die Träume und die Pläne der Menschen aus. Nach Auschwitz ist nichts mehr, wie es vorher war„- zitierte Kövér die Worte von Eli Wiesenthal.

Der Parlamentspräsident hob hervor: „Obwohl 67 Jahre seit dem Schrecken vergangen sind, können wir den Massenmord bis heute nicht verarbeiten. Denn auch die ungarische Kultur und das Leben leiden bis heute unter den Verlusten. Wir stehen nicht an dem Fuße dieser Denkmäler, an den Gedenktafeln und den Gefängnismauern, damit sich unsere Kinder erschrecken, sondern damit sie wissen, was ihre Vorfahren durchgemacht haben. Und damit es Plätze gibt, an denen die Kinder unserer Kinder ihr Haupt vor den Opfern des Terrors verneigen können.

Kövér betonte: „Wenn wir uns erinnern, müssen wir auch die verlorenen Chancen, die durch verlorene Menschenleben verlorene Kraft betrauern.  Denn die Mordmaschinerie vertilgte nicht nur ganze Familien, mit ihnen ging auch die Möglichkeit verloren, das Leben in geordneten Bahnen fortzusetzen.“

Köver weiter: „Das Leben ist wunderbar. Blumen brechen durch den Asphalt, Flüsse reinigen sich selbst vom Gift, aber wenn man mit schäbiger chirurgischer Arbeit eine ganze Generation aus dem Leben reisst, ist die Heilung schwer.“ Der Parlamentspräsident sagte mit Eli Wiesenthals Worten: „Es stimmt, dass nicht alle Opfer Juden waren, aber alle Juden waren Opfer.“ Und weiter: „Obwohl man im Jahr 1944 nach dem Leben und dem Vermögen der Juden trachtete, verursachte dieser Angriff doch in der gesamten Nation eine schwer heilbare Wunde. Diese Wunde traf in das Herz der Nation. Im Frühjahr 1944 konnten wir sehen, und lernen: Wenn wir das Solidaritätsnetz der Nation zerschneiden, oder zulassen, dass man es zerstört, dann wird es sich bis zur letzten Faser auflösen. Aus diesem Grund müssen wir zu jeder Zeit neben denen stehen, die zur Nation gehören. Wir brauchen Geduld, Rücksichtnahme und Verständnis gegenüber dem anderen.“ (…)

In unserem Land leben seit tausend Jahren unterschiedliche Nationen, auch die Juden, die trotz Beibehaltung ihrer Traditionen treue Söhne der ungarischen Nation sind“, sagte Kövér, und fügte hinzu: „Das Verbrechen wurde gegen diese natürliche Einheit wurde begangen von Menschen, die es sogar fertig brachten, die Donau zu einer Totengrube zu machen. Es ist die Aufgabe von uns heutigen Ungarn, dass wir erneut einen Schwur auf das Ungarn ablegen, das uns allen gerecht wird, wir verdienen nur dann den Frieden, wenn wir im Schaffen zusammenhalten und im Zeichen der Liebe die Schicksalsgemeinschaft pflegen.

Nach der Rede entzündete der Parlamentspräsident mit den zahlreichen Gästen der Veranstaltung Kerzen im Angedenk an die Opfer des Holocaust.

Nach der Verschleppung in Ghettos ab dem 16. April 1944 wurden binnen weniger Monate mehrere hunderttausend Juden aus dem damaligen Ungarn in Vernichtungslagern ermordet. Der 16. April ist seit dem Jahr 2000 Holocaust-Gedenktag. Aufgrund des auf den 16. April fallenden jüdischen Ruhetages wurden die Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr am 15. und 17. April abgehalten.

Mittelpunkt der Gedenkveranstaltungen war auch ein „Marsch der Lebenden“, an denen auch zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens unterschiedlicher Parteien teilnahmen.

Trianon-Gedenksitzung des ungarischen Parlaments

Das ungarische Parlament hat am 04.06.2010 des vor 90 Jahren unterzeichneten Friedensvertrages von Trianon gedacht. Durch den Vertrag verlor Ungarn etwa 2/3 seines Staatsgebietes und über 60% seiner Bevölkerung an die umliegenden Länder, insbesondere Rumänien und die Slowakei. Der Präsident der Republik, László Sólyom, und Parlamentspräsident Pál Schmitt hielten Reden. Die Fraktion der Sozialisten nahm an der Sitzung nicht teilt, sondern gedachte in einer eigenen Veranstaltung den Geschehnissen vor 90 Jahren. Lediglich die frühere Parlamentspräsidentin Katalin Szili nahm an der Sitzung teil, wodurch sie – so die Meldung im Fernsehsender ATV – „riesige Verärgerung“ in ihrer Partei auslöste.

Parlamentspräsident Pál Schmitt betonte, Ungarn wolle keine Revision der Grenzen, sondern „Frieden und eine gedeihliche Zusammenarbeit mit den Nachbarländern“. Diese Bemerkung war offenkundig auch in Richtung der Slowakei gerichtet, die als einziges der Nachbarländer heftig auf den Gedenktag und die Pläne Ungarns, Auslandsungarn die Staatsangehörigkeit zu verleihen, reagierte. Bratislava sieht in den Plänen der Regierung den Versuch Ungarns, die Grenzen „schleichend“ zu revidieren. László Sólyom betonte, eine politische Nation müsse zur Kenntnis nehmen, wenn ein Teil seiner Bevölkerung zu einer anderen kulturellen Nation gehöre.

Der Rahmen der Festsitzung ohne politischen Diskurs wurde offenkundig auch gewählt, um der rechtsradikalen Partei Jobbik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eine Sitzung der Volksvertretung, in der Vertreter von Jobbik die offene Grenzrevision gefordert hätten, wäre zu einem wahren diplomatischen Desaster geworden. Gleichwohl hat sich die MSZP dazu entschieden, der Sitzung fern zu bleiben. Den Zweck hat der Gedenktag gleichwohl erfüllt: Es findet (endlich) ein Gespräch über den von dem Großteil der ungarischen Gesellschaft – selbst den Sozialisten – als „schlechten Frieden“ bezeichneten Trianon-Vertrag statt. Nicht mit dem Ziel einer Grenzrevision, sondern um die damals gerissenen Wunden zu heilen. Dies wird von bestimmten Berichterstattern zu Unrecht als Nationalismus diffamiert. Und es wird die Frage erlaubt sein, ob die Aufregung aus Bratislava vielleicht damit zu tun hat, dass diese vor gerade einmal 18 Jahren die Eigenstaatlichkeit erlangte und somit selbst den Beweis erbrachte, dass Grenzänderungen und Autonomie bis heute möglich ist?

Trianon-Gedenktag ausgerufen

Der 4. Juni, Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon aus dem Jahr 1920, ist fortan „Tag des nationalen Zusammenhaltes“. Mit ihm soll dem Zerfall des Königreiches Ungarn und der Tatsache gedacht werden, dass eine große Zahl (ca. 3 Mio.) ethnische Ungarn als Minderheit in den umliegenden Ländern lebt. Die Nation im politik- und sozialwissenschaftlichen Sinn stimmt somit nicht mit dem juristischen Begriff des „ungarischen Staatsvolkes“ (Staatsbürger der Ungarischen Republik) überein.

Im Zuge des Trianon-Vertrages, der bis heute als nationale Tragödie wahrgenommen wird, wurde das Königreich Ungarn, das damals über eine Fläche von 325.000 Quadratkilometer und eine Bevölkerung von ca. 19 Mio. verfügt verfügte, auf 93.000 Quadratklometer verkleinert. Große Teile des Landes wurden den umliegenden Staaten der sog. „Kleinen Entente“ (u.a. Rumänien und Tschechoslowakei) zugeschlagen. Allein Rumänien erhielt mehr Fläche des damaligen Ungarn zugesprochen, als dem Land insgesamt verblieb. Die Bevölkerungzahl verringerte sich um über 60%. Vergleichbare Gebietsverluste  wurden keinem anderen Land zugemutet.

Der Vertrag von Trianon, neben dem Versailler Vertrag und dem Vertrag von St. Germain einer der sog. Pariser Vorortverträge der Jahre 1919/1920, ist bis heute in der ungarischen Seele nicht verarbeitet. Ein Großteil der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zwischenkriegszeit beruhte auf dem Verlust der Landesteile und der dort bestehenden Wirtschaftsfaktoren. Viele sehen in dem Vertrag eine Einschränkung ihres Selbstbestimmungsrechtes, insbesondere weil sich die Siegermächte weigerten, das Schicksal der Regionen durch generelle Volksabstimmungen entscheiden zu lassen. Lediglich die Stadt Sopron (Ödenburg), die nach dem Vertrag eigentlich zu Österreich gehören sollte, durfte 1921 ein Plebiszit abhalten. Ergebnis: Rückkehr zu Ungarn.

Aus der Sicht der Siegermächte es 1. Weltkrieges sollte der Trianon-Vertrag Ungarns Wirtschaftskraft nicht nur im Interesse der Kriegsvermeidung begrenzen, sondern die Landkarte entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit neu ordnen. Letzteres Ziel wurde jedoch nicht erreicht, da man allein den Interessen der „Kleinen Entente“ zu folgen schien und sogar Städte und Regionen it eindeutiger ungarischer Mehrheit den umliegenden Ländern zuschlug. Der Friedensvertrag machte auf diese Weise Millionen von Ungarn zu einer Minderheit, die nicht nur nach 1920, sondern auch noch nach 1945 (Benes-Dekrete) Retorsionen ausgesetzt war. Die Probleme bestehen, wenn auch nicht gewaltsam, bis heute fort. Gerade im Rumänien Ceaucescus und selbst in der heutigen Slowakei wurde/wird die ungarische Minderheit in ihrer Identität beschränkt und gerne als politischer Feind stilisiert, kulturelle Autonomie besteht nicht. Seit 2009 wird die Verwendung der ungarischen Sprache im öffentlichen Bereich durch das slowakische Sprachengesetz sogar mit einer Strafe bis zu EUR 5.000,00 belegt.

Die konservative Mehrheit im ungarischen Parlament hat sich vorgenommen, symbolische Zeichen des Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen den Ungarn zu setzen. Neben dem Gedenktag sollen Personen mit ungarischen Vorfahren unter erleichterten Bedingungen die Staatsangehörigkeit beantragen können. Lediglich die Slowakei – selbst im Wahlkampf –  hat hiergegen heftig protestiert und jedem, der diese Möglichkeit nutzt, mit der sofortigen Entziehung der slowakischen Staatsangehörigkeit gedroht.

Das Gedenken an Trianon ist ein schwieriges Kapital der Geschichtsbewältigung. Rechtsradikale träumen bis heute von „Großungarn“, ein Wunsch, der in einer zusammenwachsenden Europäischen Union nicht politisch durchsetzbar ist. Die Botschaft, man fühle sich anderen Staaten moralisch oder sonstwie überlegen, muss vermieden werden. Jedoch ist es durchaus wünschenswert, wenn sich die ungarische Politik für die Belange der Auslandsungarn stärker artikuliert als bisher. Neben der Symbolik ist gerade die EU hierfür das richtige Forum, wo die historisch gewachsenen Probleme Mittelosteuropas bis heute nicht ausreichend bekannt sind.