Polizeigewalt 2006: Budapester Ex-Polizeichef Péter Gergényi als Beschuldigter vernommen

Die Militärstaatsanwaltschaft von Debrecen hat den ehemaligen Polizeipräsidenten von Budapest, Péter Gergényi, im Zusammenhang mit dem Vorgehen der Polizei bei den Unruhen in Budapest im Jahr 2006 als Beschuldigten vernommen. Der Fidesz-Parlamentsabgeordnete Gergely Gulyás hatte im Zusammenhang mit dem brutalen Vorgehen der Polizei – auch gegen friedliche Demonstranten – Anzeige erstattet.

Im Oktober 2006, dem 50jährigen Jubiläum des ungarischen Volksaufstandes, kam es nach Bekanntwerden einer mit unflätigsten Ausdrücken (z.B. bezeichnete er Ungarn als „Hurenland“) durchsetzten „Lügenrede“ des damaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen rechtsradikalen Demonstranten und der Polizei. Das Gebäude des Ungarischen Fernsehens wurde beschädigt, es brach Feuer aus. In den Tagen und Wochen nach diesem Vorfall kam es immer wieder zu Demonstrationen, darunter auch friedliche Protesten mit dem Ziel, Gyurcsány zum Rücktritt zu bewegen. Immer wieder kam es jedoch auch zu gewaltsamen Ausschreitungen rechtsradikaler Gruppen. Am 23. Oktober 2006, dem Jahrestag der Revolution, wurden zahlreiche friedliche Demonstranten sowie Besucher einer Fidesz-Kundgebung in der Innenstadt von Pest Opfer unverhältnismäßiger Polizeigewalt. Mehrere Menschen verloren das Augenlicht durch den Einsatz von Gummigeschossen, es wurde massiv Tränengas eingesetzt. Im Internet waren Filmsequenzen von Polizeibeamten zu sehen, die völlig unverdächtige Menschen zu Boden stießen und diese dann – wehrlos am Boden liegend – mit Schlagstöcken traktierten.

Von Beginn an wurde Kritik am unverhältnismäßigen Vorgehen der Polizei gegenüber friedlichen Demonstranten geübt, insbesondere auch daran, dass die Einsatzkräfte nicht mit Identifizierungsnummern gekennzeichnet waren. Die meisten Vorgänge konnten daher nicht aufgeklärt werden.

Polizeipräsident a.D. Gergényi stellte sich nach den Vorfällen demonstrativ vor die Polizei und rechtfertigte deren Vorgehen, ohne irgendeinen Zweifel an der Gesetzmäßigkeit der Einsätze aufkommen zu lassen. Selbst die Tatsache, dass Polizeibeamte – auf Videos dokumentiert – mit Teleskopschlagstöcken und damit unzulässigen Schlagwaffen ausgestattet gewesen waren (sog. „Vipern“), wurde von Gergényi, einem guten Freund des heutigen Innenministers Sándor Pintér, vor laufender Kamera ins lächerliche gezogen.

Der damalige SZDSZ-Bürgermeister von Budapest, Gábor Demszky, verlieh Gergényi noch vor Einleitung von Untersuchungen einen Verdienstorden. Ein anderer SZDSZ-Politiker, Gábor Horn, sprach hingegen einige Jahre nach den Unruhen davon, dass Teile der Polizei von ihren Rachegelüsten geleitet worden seien.

Das Thema der Beschuldigtenvernehmung wurde zunächst nicht bekannt. Es dürfte jedoch um die Frage gegangen sein, wie es zu der systematischen Nichtverwendung von Identifizierungsnummern gekommen war.

Weiterführend:

http://www.politics.hu/20110713/former-budapest-police-chief-gergenyi-questioned-as-suspect/

Bericht der Venedig-Kommission: Index.hu über die Rosinenpickerei der ungarischen Regierung

Das Online-Portal Index.hu fasst in kritischen Tönen die Reaktion des ungarischen Außenministeriums auf den Bericht der Venedig-Kommission zusammen. Die Kommission, ein beratendes Organ des Europarates in Verfassungsfragen, hatte am vergangenen Montag seinen kritischen Bericht zur neuen ungarischen Verfassung veröffentlicht. Seit seiner Bekanntgabe versuchen ranghohe Politiker der nach Meinungsumfragen mit rückläufiger Zustimmung kämpfenden Regierungsparteien (József Szájer, Gergely Prőhle, Zsolt Semjén u.a.) einerseits Kritik als ideologische Einmischung in die Souveränität Ungarns abzublocken, andererseits aber, die positiven Anmerkungen der Venedig-Kommission (etwa die Feststellung, dass ein EU-Mitgliedsland autonom darüber entscheide, ob es sich eine neue Verfassung gibt oder nicht) in den öffentlichen Diskurs zu tragen.

Nachfolgend die deutsche Übersetzung des Index-Beitrages, der sich mit dieser „Blindheit der ungarischen Regierung auf einem Auge“ befasst:

Nur das Lob der Venedig-Kommission ist berechtigt

Auf der Pressekonferenz des Außenministeriums, die sich mit den Einzelheiten der Stellungnahme der Venedig-Kommission zum Grundgesetz befasste, stellte sich heraus, dass die Regierung keinen Grund sieht, auch nur über einen einzigen der zum Ausdruck gebrachten Kritikpunkte nachzudenken.

Nur das Lob ist berechtigt

Es gibt Feststellungen, die wir für falsch halten, und solche, mit denen wir nicht übereinstimmen – so fasste der Fidesz-Abgeordnete Gergely Gulyás  die offizielle Meinung der Regierungsparteien zusammen; Gulyás war während des Verfassungsgebungsprozesses Vizepräsident des zuständigen Fachausschusses. Nach der Meinung des stellvertretenden Staatssekretärs im Außenministerium, Gergely Prőhle, betreffen die vom Fachgremium des Europarates zu Verfassungsfragen in seinem am Montag der Öffentlichkeit vorgestellten Bericht zum Ausdruck gebrachten Kritikpunkte in erster Linie den Verlauf des Verfassungsgebungsprozesses. Aber was bringe es schon, nachträglich über diesen zu sprechen.

Die Verabschiedung der neuen Verfassung verletze nicht das Rechtsstaatsprinzip – so hoben Gulyás und Pröhle übereinstimmend den wichtigsten Punkt des Berichtes hervor: Ungarn bleibe ein demokratischer, auf dem Grundsatz der Gewaltenteilung aufgebauter Rechtsstaat.

Obwohl der Bericht sich vorsichtig ausdrückt, enthält er doch eine große Zahl von Kritikpunkten. Im Zusammenhang mit dem Prozess der Verfassungsgebung werden hervorgehoben: Die fehlende Transparenz, der fehlende Dialog mit der Opposition, der unzureichende öffentliche Diskurs, und der zu kurz bemessene Zeitrahmen. Zugleich wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Beteiligten bei der Verabschiedung all jener 2/3-Gesetze, die die Anwendung der Verfassungsvorschriften im Detail regeln, nicht in dieselben Fehler verfallen.

Wofür wir nichts können

Auf die Frage von Index, warum man die Kritikpunkte nicht schon bei der Ernennung der Kandidaten für das personell erweiterte Verfassungsgericht umgesetzt habe, sagte Gulyás, Kandidaten der Opposition seien deshalb nicht vom Verfassungsausschuss angehört worden, weil die Opposition keine solchen nominiert habe. Über die konkreten Vorgänge im Nominierungsausschuss könne er hingegen keine Auskunft geben, weil er nicht dessen Mitglied sei.

Die Kritik der Kommission, es habe keinen angemessenen Dialog zwischen Regierung und Opposition im Hinblick auf die Verfassung gegeben, bestätigte Gulyás, seiner Auffassung nach sei hierfür jedoch die Opposition verantwortlich, die sich aus dem Verfahren zurückgezogen habe.

Streit mit Bratislava

Prőhle betonte im Hinblick auf die positive Stellungnahme des slowakischen Außenministers zum Bericht der Venedig-Kommission, das neue Grundgesetz habe keinen „exterritorialen Charakter“, bezeichnete es aber zugleich als berechtigtes Anliegen, dass Budapest für die außerhalb der Landesgrenzen lebenden Ungarn „Verantwortung übernehmen“ wolle. Nach der Meinung Bratislavas teile die Kommission voll und ganz den slowakischen Standpunkt, demzufolge für den Schutz der Minderheiten in erster Linie das Land verantwortlich sei, in dem sie leben.

Prőhle bezeichnete die Stellungnahme Dzurindas als „eigenwillige und subjektive Interpretation“ des Berichtes der Venedig-Kommission. Interessant ist, dass sich insoweit die warnenden Worte der Kommission, wonach die Ausformulierung des Schutzes der Auslandsungarn im neuen Grundgesetz zu zwischenstaatlichen Problemen führen könnte, sich als wahr erweisen.

Gergely Gulyás fügte hinzu, er würde es begrüßen, wenn Bratislava so konsequent wäre und die kritischen Worte der Venedig-Kommission zum slowakischen Sprachengesetz ebenfalls ernst nehmen würde.

Es durften vier Fragen gestellt werden

Auf die Frage, in welchen Punkten er den Bericht der Kommission für verfehlt halte, benannte der Abgeordnete unter anderem die (mit europäischen Rechtsnormen nicht im Einklang stehende) „echte lebenslange Freiheitsstrafe“, die seines Erachtens einen Verurteilten nicht in eine perspektivlose Situation bringe. Er bemängelte auch, dass die Kommission in den Fällen, in denen Regelungen des Grundgesetzes mehrere Auslegungsmöglichkeiten zuließen, immer bösen Willen unterstellte.

Als solche Einwände müsse man diejenigen zur Beschränkung der Befugnisse des Verfassungsgerichts, zum Vetorecht des Haushaltsrates bezüglich der Budgetgesetze sowie die zu den in der Präambel (Nationales Glaubensbekenntnis) aufgezählten Werte und die Rechtsunsicherheit bei deren Schutz durch die Verfassung betrachten.

Auf der Pressekonferenz waren insgesamt vier Fragen der Journalisten zugelassen, aus diesem Grund gab es keine Möglichkeit, auf die übrige Kritik der Venedig-Kommission einzugehen. Hierzu zählt unter anderem, dass man kulturelle, religiöse, moralische, soziale, wirtschaftliche und steuerliche Themen nicht in 2/3-Gesetzen festschreiben solle. Gulyás hob demgegenüber die Aufnahme einzelner Fragen zur Wirtschaftspolitik als vorblildliche Punkte in der neuen Verfassung hervor.“

Nachtrag:

Eine weitere bemitleidenswerte Reaktion kommt vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Zsolt Semjén. Er sagte beim oppositionsnahen Fernsehsender ATV (Link, Thema Verfassung ab 5:00 min – Zähler läuft rückwärts), die Verfassung sei nicht „von der Regierung“, sondern von 2/3 des Parlaments verabschiedet worden. Im Hinblick darauf könne es eine Menge von „interessanten“ Meinungen zur Verfassung geben, sie sei jedoch der Wille des Volkes – dass die Verabschiedung einer völlig neuen Verfassung gerade nicht im Mittelpunkt des von Fidesz/KDNP geführten Wahlkampfes war, übersieht Semjén geflissentlich. Im Hinblick darauf ist die Aussage, die Verfassung sei nicht das Ergebnis von Parteipolitik, sondern Ausfluss des Willens des Volkes, fragwürdig: Wären sich Fidesz/KDNP nämlich so sicher gewesen, dass die Bevölkerung eine (bzw. diese) neue Verfassung wünscht, so wäre eine Volksabstimmung angezeigt gewesen. Das Versenden von Fragebögen, d.h. die Durchführung einer nicht repräsentativen Umfrage in der Bevölkerung, kann dem nicht gleichgestellt werden.

Auf die Meinung des slowakischen Außenministers zum Bericht der Venedig-Kommission sagte Semjén, dieser habe wohl kaum die „170 Seiten“  gelesen. Hier unterliegt Semjén wohl einem weiteren „Irrtum“: Die Stellungnahme der Venedig-Kommission hat einen Umfang von exakt 29 Seiten.

Fest steht, dass der Umgang der ungarischen Regierung mit der fachlichen und ausführlich begründeten Kritik der Venedig-Kommission alles andere als souverän ist. Die Regierung sollte sich fragen, ob diese Art der Kommunikation auf Dauer ihrem Ziel der Durchsetzung (berechtigter oder jedenfalls diskussionswürdiger) ungarischer Interessen dient. Zweifel sind angebracht.

„Burgkomitat“ oder weiterhin „Komitat“?

Die Fraktionsvorsitzenden von Fidesz und KDNP, János Lázár und Péter Harrach, unterbreiteten dem Verfassungsausschuss gestern den Vorschlag, die Bezeichnung „Komitat“ (ungarisch „megye“) für die staatlichen Verwaltungsbezirke in der Verfassung beizubehalten und von einer Rückkehr zum alten „Burgkomitat“ Abstand zu nehmen. Letztgenannter Begriff (ungarisch „vármegye“) war bis nach dem Krieg in Gebrauch. Kritiker sehen in der Rückkehr zur alten Bezeichnung einen versteckten Revisionismus, d.h. eine Bezugnahme auf „Großungarn“.

Der Verfassungsausschuss des Parlaments vertrat in seiner heutigen Sitzung weiterhin die Meinung, dass zur traditionellen Bezeichnung, die nach dem 2. Weltkrieg von den Kommunisten abgeschafft wurde, zurückgekehrt werden sollte. Der Änderungsvorschlag von Lázár und Harrach wurde daher abgelehnt. Für eine Wiedereinführung des Burgkomitates stimmten – gegen den Vorschlag des Ausschussvorsitzenden – die Mehrheit der Fidesz- und der Jobbik-Vertreter im Ausschuss.

Der Vorschlag, das Oberste Gericht in „Kurie“ („Kúria“) umzubenennen, bleibt aufrecht erhalten. Auch insoweit gab es Kritik, allerdings bezeichnet sich der Europäische Gerichtshof auf seiner Internetseite selbst entsprechend (http://curia.europa.eu).