Kleine Übersetzungsschule mit Ágnes Heller: „To shoot at“ und „to shoot“

Ágnes Heller, ehemalige ungarische Dissidentin und weltweit angesehene Philosophin, befindet sich seit Januar 2011 im Kreuzfeuer der konservativen ungarischen Presse. Ihr wird vorgeworfen, Finanzmittel im Rahmen ihrer Forschungsarbeit an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) zweckentfremdet genutzt zu haben. Heller bestreitet die Vorwürfe, bis heute wurde weder Anklage erhoben noch ein Urteil ausgesprochen. Derzeit laufen Ermittlungen, deren Ausgang völlig offen ist.

Die bekennende „liberale Intellektuelle“ Heller ist seit Beginn der Anschuldigungen gegen ihre Person zu einer (noch) beliebteren Interviewpartnerin im oppositionsnahen Fernsehen und in der Presse geworden. Auch international zählt man auf die Meinung der Gelehrten, die aus ihrer Abneigung gegen die aktuelle ungarische Regierung und ihre Sorge um demokratische Grundwerte in Ungarn keinen Hehl macht und als Gallionsfigur der Orbán-kritischen Intellektuellen in Ungarn gilt. Namhafte Philosophen (unter ihnen Julian Nida-Rümelin und Jürgen Habermas) ergriffen für Heller Partei und bemängelten nicht nur das Ende der Rechtsstaatlichkeit, sondern auch antisemitische Motive: „Liberal“ bedeute „jüdisch“. Auf Einladung der Grünen im EU-Parlament erschien Heller am 01.03.2011 in Brüssel und gab ihre Sichtweise der ungarischen Situation in Ungarn kund.

Die Rede Hellers – die sich zu Beginn selbst als „liberale Intellektuelle“ vorstellte, ist hier abrufbar (in englisch): http://www.greenmediabox.eu/archive/2011/03/01/agnesheller/

Dieser Beitrag möchte sich mit einem einzelnen, nicht zur Tagespolitik zählenden Detail in der anschließenden Diskussion mit Heller befassen.

Die EU-Abgeordnete der rechtsradikalen Partei Jobbik, Krisztina Morvai, meldete sich im Hinblick auf Hellers Aussage, die „Ungarn hätten eine Tendenz, der Regierung zu sehr zu gehorchen„, zu Wort und führt aus:

Thank you very much. Professor Heller, you said that Hungarians have a tendency to follow their governments unconditionally. With all due respect, I don´t think that´s the worlds experience with Hungarians in 1956. And let me ask you, if Hungarians follow the power and their government unconditionally, then why did the liberal socialist coalition had to shoot at Hungarians in 2006, on the 50th anniversary of the 1956 revolution? Why did they have to cause serious injury to hundreds of people, why did they put hundreds of people in prison and torture them in prison? (…) Where were you, Professor Heller, during all those years, where were all your european liberal friends during all those years, why didn´t this group get together during all those years when anti-government protestors were in prison and they were tortured and they were beaten and they lost their eyes because they were shot at by the communist socialist liberal government? (…)

Hintergrund für diese Frage sind Beispiele von nachweisbarer Polizeibrutalität während der Anti-Regierungs-Proteste des Jahres 2006.

Ágnes Heller antwortete mit folgenden Worten (ab ca. 37:00):

You presented another fiction in form of a question. No one was shot. Show me a fact. No one was shot, no one was tortured. Show me a fact about anyone being shot or anyone being tortured. Dear, I need a fact, because that is not even Fidesz that claims that anyone would have been shot, what they claim is not this, they claim something else which is also very problematic, but never claimed that anyone had been shot. Never clamed that people were tortured. I´m sorry. That´s your story, that´s your fiction. I don´t want to talk about 2006, because it would take us too far away, but I repeat that no one was shot, no one was tortured (…)

Wir halten fest: Heller bezeichnet Morvais Aussage, es sei auf Menschen geschossen worden (people were shot at), Menschen seien gequält und verprügelt worden (people were tortured and beaten) und eine Person habe ein Auge verloren (lost their eyes), als „Fiktion“ in Form einer Frage.

Im Lauf der weiteren Debatte meldeten sich auch Politiker des Fidesz zu Wort und kritisieren Heller für Ihre Aussage zu den Vorkommnissen im Jahre 2006. Es entspricht nämlich nicht nur den Tatsachen, dass rechtsradikale Gruppen in Budapest auf Verwüstungsfeldzug gingen, sondern auch, dass die Polizei teilweise brutal gegen unbeteiligte Demonstranten vorging und unverhältnismäßige Gewalt anwandte. Mehrere Personen wurden durch Polizisten – am Boden liegend – geschlagen, ein Demonstrant verlor ein Auge durch ein Gummigeschoss, es gab Vorfälle, in denen gefesselten Personen die Finger gebrochen wurden. Dies in Abrede zu stellen, ist eine glatte Lüge.

Die Partei Jobbik im allgemeinen und Morvai im besonderen erhebt sich seit ihrer Wahl in das EU-Parlament (2009) zur Vertreterin der Opfer der Polizeigewalt im Jahre 2006, ohne freilich ein einziges Wort zu den rechtsradikalen Angriffen auf das Ungarische Fernsehen und die nächtelangen Ausschreitungen zu verlieren. Dieses Bild kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen, welche undemokratischen Ziele diese Partei verfolgt. Auch ohne jede Sympathie für Morvai und ihre Ziele bleibt jedoch die Frage berechtigt, warum Heller – die um die Demokratie so sehr besorgte „liberale Philosophin“  – sich im Jahre 2006 nicht zu Wort gemeldet hatte, um die Vorgänge zu kritiseren. Ausschreitungen geben der Polizei nicht das Recht, unbeteiligte Demonstranten zu verprügeln, wie es auch auf o.g. Video zu sehen ist. Amnesty International kritisierte die ungarischen Behörden in dem Jahresbericht für 2006, mahnende Worte aus den Reihen liberaler Intellektueller hielten sich – im Gegensatz zum heutigen Aufruhr – sehr stark in Grenzen.

Morvai sprach in ihrer Frage ausdrücklich davon, dass

auf Leute geschossen worden sei („people were shot at“),
– jemand das Augenlicht verloren habe („lost their eyes“) und
– Menschen in das Gefängnis geworfen worden und gequält worden seien („put into prison“, „were tortured“).

Wie der Antwort von Heller entnommen werden kann, bestritt sie, dass „Menschen erschossen worden“ und „Menschen gefoltert worden“ seien, ging jedoch nicht auf die Frage Morvais ein. Die Jobbik-Abgeordnete hatte nie behauptet, es seien Menschen zu Tode gekommen. Eine interessante Art, eine Frage, deren unangenehme Antwort man sehr wohl kennt, zu umschiffen. Natürlich kannte Heller die Antwort. Die Darstellung von Morvai in diesem Punkt war korrekt. Hierauf wiesen auch weitere Fragesteller im Nachgang hin.

Nach dem Auftritt Hellers nahm die rechte bis rechtsradikale Presse in Ungarn – kaum überraschend – die Antwort Hellers zum Anlass, sie heftig unter Beschuss zu nehmen als Person, die die Vorgänge des Jahres 2006 nicht zur Kenntnis nehmen wolle.

In diesem Gewitter erschien Heller daraufhin vor kurzem im ungarischen Fernsehen und wurde zu ihren Aussagen befragt:

http://premier.mtv.hu/Hirek/2011/03/12/08/Kituntetes_utan_megoszto_nyilatkozat_a_2006_os_esemenyekrol.aspx

Der Moderator konfrontierte Heller mit ihrer damaligen Aussage. Und erneut begann Professor Heller einen bemerkenswerten Husarenritt, diesmal durch die englische Sprache:

1. Zum einen habe sie nie in Zweifel gezogen, dass Menschen gequält worden seien, sie habe nur bestritten, dass „gefoltert“ (wohl im Sinne von Verhörfolter) worden sei. Tatsächlich bedeutet „to torture“ im ungarischen sowohl „Verhörfolter anwenden“ als auch „jemanden quälen“ (valakit kínozni). Heller bestritt dies und behauptete weiterhin, „to torture“ bedeute nicht „jemanden quälen“. Heller wusste und weiß jedoch, worauf Morvai hinaus wollte, differenzierte bei ihrer Antwort jedoch nicht nicht und stellte die Anwendung ungesetzlicher körperlicher Zwangsmaßnahmen, jedenfalls bei ihrem Auftritt in Brüssel, in vollem Umfang in Abrede. Hierüber kann auch die Haarspalterei um die Bedeutung einzelner Worte nicht hinwegtäuschen. Bemerkenswert ist aber, dass Heller am Ende des Interviews mit dem ungarischen Fernsehen  einräumte, dass es diese ungesetzlichen Maßnahmen gegeben hat. Leider hatte sie in Brüssel nicht die Bereitschaft dazu.

2. Ferner beharrte Heller im Interview auf MTV darauf, sie habe nur bestritten, dass jemand „erschossen“ (valakit lelöni) worden sei. Das ist zwar richtig. Nur ergibt sich aus den oben wiedergegebenen englischen Passagen, dass Morvai nie behauptet hatte, jemand sei erschossen worden. Auch hier drückte sich Heller also in Brüssel um eine Stellungnahme zu den Vorfällen im Jahre 2006 und beantwortete die Frage schlichtweg nicht. Sich im ungarischen Fernsehen weiterhin darauf zu beziehen und sich damit zu rechtfertigen, belegt eine gewisse Dreistigkeit. Immerhin gab sie am Ende auch hier zu, dass – wie es den Tatsachen entspricht – eine Person ein Auge verlor und hunderte verletzt worden sind. Traurig, dass Heller nicht den Mut hatte, dies auch in Brüssel offen zu kritisieren.

Am Ende erklärte Heller ihr Verhalten in Brüssel damit, dass, wenn sie die Aussage Morvais stehen gelassen hätte, man gedacht hätte, Ungarn sei Libyen. Im Hinblick auf den Versuch, die ungarische Politik des Jahres 2011 in die Nähe diktatorischer Systeme zu rücken, spricht auch diese Aussage Bände. Geht es darum, die Politik des Jahres 2006 zu verteidigen? Jedenfalls war Hellers Auftritt in Brüssel von bewusster Negierung solcher Fakten geprägt, die die Vorgängerregierungen, die sich heute in Brüssel als Garanten der demokratischen Werte aufspielen, schlecht aussehen lassen.

Ágnes Hankiss, Fidesz-Abgeordnete im EU-Parlament, wies Heller darauf hin und konstatierte, sie sei „sehr traurig über den Vortrag gewesen“, weil Heller all das, was nicht ihrem Weltbild entspreche, schlichtweg nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Hiervon bekommen die Zuseher des Grünen-Videos jedoch nichts mit, da die ungarischen (kritischen) Redebeiträge nicht übersetzt werden…

Vielleicht gilt am Ende doch, was Gáspár Miklós Tamás kürzlich auf ATV gesagt hat: „Ágnes Heller hat in politischen Fragen nur selten Recht“ („Heller Ágnesnek politikai dologban ritkán van igaza„).