ATV: Pressegespräch zwischen András Stumpf und András Kósa

Allen Lesern, die die ungarische Sprache verstehen, sei dieses interessante Gespräch zwischen András Kósa (HVG) und András Stumpf (Heti Válasz) empfohlen. Das Thema: „Haben wir der EU nachgegeben?“ .

http://atv.hu/videotar/20120124_engedtunk_az_unionak

Neben den Gesprächen der ungarischen Regierung mit der EU wird auch die Pro-Regierungs-Demo vom vergangenen Wochenende angesprochen.

Heti Válasz: Interview mit Nick Thorpe von der BBC

Die ungarische Wochenzeitung Heti Válasz hat Nick Thorpe, der seit langer Zeit für die BBC aus Budapest berichtet, zur Lage in Ungarn interviewt. Das Gespräch erscheint am kommenden Donnerstag in der Print-Ausgabe der Zeitung. Die Online-Ausgabe bringt einen Teaser:

Nick Thorpe: Das hier ist noch lange keine Autokratie

Nick Thorpe berichtet seit 25 Jahren für die BBC aus Ungarn; er spricht unsere Sprache, er lebt mit seiner ungarischen Frau und seinen fünf Kindern in Budapest. Mit seinen ausgewogenen Berichten belehrt er seit Jahren viele ausländische Kollegen. Inmitten des auf die ungarische Regierung gerichteten Dauerfeuers fragten wir ihn, inwieweit er die Bewertungen für gerechtfertigt erachtet, und was er als Hysterie bezeichnen würde.

„Die Karikatur in der Le Monde war schrecklich, sie hat Ungarn viel Schaden zugefügt“ – sagt Nick Thorpe der Heti Válasz über jene Zeichnung, die Viktor Orbán in der französischen Tageszeitung als Reinkarnation Hitlers darstellte. Der Budapester Berichterstatter der BBC zitiert lieber den ehemaligen SZDSZ-Politiker Péter Hack, der sich wie folgt ausdrückte: Obwohl sich die Regierung regelmäßig verschätzt hat, und ihr auch die Sensibilität für europäische Werte zu fehlen scheint, so ist sie doch zur Zeit das wirkungsvollste Mittel, um einen weiteren Aufstieg der rechtsextremistischen Jobbik zu verhindern.

Der Journalist, der über unser Land bekannter Maßen ausgewogen berichtet, bezeichnet Viktor Orbán – anders als viele seiner Kollegen – nicht als Diktator, er selbst nennt einige Punkte der Politik des Regierungschefs „autoritär“. Seiner Auffassung nach gibt es in den Bewertungen des Kabinetts „viele Übertreibungen, insbesondere wenn das Wort Diktatur erwähnt wird. Wir haben schon Diktaturen in Europa gesehen, und Ungarn befindet sich nicht einmal in der Nähe einer solchen“ .

Nick Thorpe meint: Die Regierung hat Recht, wenn sie versucht, Arbeitsplätze zu schaffen – seiner Auffassung nach sollte man jedoch hierbei keine Menschenrechte beschränken. „Das war nicht nötig, denn mit ihrem 2/3-Sieg bekam Fidesz die Möglichkeit, großzügig zu sein“ . Man solle – und könne – Arbeitsplätze auf eine Art und Weise schaffen, mit der sich ein Großteil der Gesellschaft  identifizieren kann. Ein weiterer Fall: Wäre die Verfassung weniger auf Grundlage der christdemokratischen Sichtweise, sondern integrativer formuliert worden, könnten sich mehr Menschen mit ihr identifizieren. Die Macht zieht Verantwortung nach sich – formuliert zwar auch das Grundgesetz, aber es scheint, als hätte Fidesz die eigene Botschaft nicht vernommen.

http://hetivalasz.hu/itthon/ez-korantsem-onkenyuralom-45027

 

Heti Válasz übt heftige Kritik an der Regierung

Bálint Ablonczy nimmt sich in der als regierungsnah geltenden Wochenzeitschrift Heti Válasz die Regierungspolitik vor:

Die Regierung, die ihre beispiellose Unterstützung durch die Wähler teilweise dem totalen Vertrauenverlust ihrer Vorgängerin zu verdanken hat, bewegt sich gerade mit dem Tempo eines Schnellzuges in Richtung des politisch gefährlichen und für das Land unwürdigen Niemandslands der fehlenden Ernsthaftigkeit.“

http://hetivalasz.hu/jegyzet/mi-lesz-itt-43896/

 

Heti Válasz: András Stumpf über „Rassistische Windmühlen“

Der Journalist András Stumpf berichtet über das Global Media Forum in Bonn.

Schwerer Angriff aus dem Ausland: Orbáns Getreue auf der schwarzen Liste

Windmühlen des Rassismus

„Probleme bei den Menschenrechten betreffen uns alle unmittelbar“ – so begann der Zeremonienmeister des Global Media Forum in Bonn vergangene Woche seine Einleitung.

Ich wiederum saß im Saal herum, und konnte es kaum erwarten, bis er aufzählt, was ihm – insbesondere in Bezug auf Ungarn – alles Sorge bereitet, Mediengesetz, Autokratie usw.

Und lange musste ich nicht warten. Als er Dunja Mijatovic vorstellte und zu einem der ersten Diskussionsvorträge bat, merkte der Zeremonienmeister zur Person der OSZE-Beauftragten für Pressefreiheit nur so viel an, dass sie bis zum vergangenen Jahr eher unbekannt gewesen sei, aber ihr Name in der Causa Mediengesetz jedermann bekannt geworden sei – sie sei es gewesen, die Druck auf Budapest ausgeübt habe. Nun, ich spitzte meinen Bleistift, jetzt würden wir es wohl abbekommen, aber falsch gedacht. Mijatovic hielt eine sehr korrekte Rede darüber, dass man auch in der westlichen Welt einiges für die Verwirklichung der Pressefreiheit tun müsse, hingegen erwähnte sie den Namen Ungarns, des Landes, welches ihr zu Bekanntheit verholfen hatte, mit keinem Wort.

Die Debatte um das Mediengesetz ging allerdings nicht spurlos vorbei. Ich geriet hierdurch in den Kaffeepausen zwischen den Foren in richtig lustige Situationen. Es war zum Beispiel ein unvergleichliches Gefühl, als mich afghanische und pakistanische Kollegen nach meiner Freiheit bei der Berichterstattung fragten. Sie konnte ich noch beruhigen, ich weihte sie in das große ungarische Geheimnis ein. Darauf hatte ich bei Dr. Hans Hesselmann hingegen keine Lust mehr. Der Herr trat als Redner in einem Workshop zum Thema Antisemitismus und Rassismus auf – er ist Vorsitzender der Koalition europäischer Stadte gegen Rassismus (eines eingetragenen Vereins) –  und begründete die wachsende Notwendigkeit des internationalen Kampfes mit einer Landkarte: „Rechtsradikale, populistische Parteien in Europa“. Und Ja! Bei Ungarn: Fidesz – Bund Junger Demokraten. Mehr nicht. Wer oder was die Quelle für die Landkarte war, diese Frage konnte ich leider nicht stellen, dabei mache ich mir ernsthafte Sorgen. Wenn es auch andernorts so leicht ist, den Feind auszumachen, wird der tugendhafte antirassistische Kampf wohl nie zu Ende gehen. Denn im Kampf gegen Windmühlen wird es schwer, Ergebnisse zu präsentieren.“

http://hetivalasz.hu/jegyzet/rasszista-szelmalmok-39036/

András Hajós: Schauen wir, was passiert

Der ungarische Musiker, Soziologe und ehemalige Berater des Budapester Oberbürgermeisters Gábor Demszky (SZDSZ), András Hajós, hat sich in einem aktuellen Interview mit der Wochenzeitung Heti Válasz zur Thematik des Mediengesetzes geäußert. Die Wochenzeitung HVG hat das Interview in zusammengefasster Form abgedruckt.

András Hajós über das Mediengesetz: „Gehen wir etwas vom Gas, und schauen wir, was passiert“

Interview mit dem Musiker András Hajós, dem ehemaligen Berater von Oberbürgermeister Gábor Demszky, über den dringend notwendigen Generationswechsel bei der Linken, über Fidesz und das Medienesetz.

„Die „Großen Alten“ der Liberalen stehen mir viel näher als die der nationalen Seite, ich denke nicht einmal im Traum daran, sie zu verleugnen, aber eines stimmt: es fehlen die jüngeren Generationen“ – so beantwortete András Hajós im Interview mit der Heti Válasz die Frage, ob es ihn „störe“, dass der Liberalismus auch heute noch durch die Generation um György Konrád vertreten wird“.

Hajós „glaubt nicht, dass mit dem Mediengesetz „alles in Ordnung sei“, jedoch zeige seines Erachtens der um das Gesetz herum ausgebrochene Streit „hervorragend die Geteiltheit der Generationen – auch im liberalen Lager.“ „Die ganz jungen interessiere das Ganze nicht, sie veröffentlichen über Twitter das, was sie gerade wollen. Die Älteren sehen schon das Ende der Welt. Dann gibt es meine Generation, die es so sieht: wir haben zwar schon Krähen auf Holpflöcken sitzen sehen, aber das bedeutet nicht, dass das Ende der Welt gekommen wäre, gehen wir etwas vom Gas, schauen wir, was passiert“ – so Hajós. Über die Reaktion der Linksliberalen sagte er: „das ist selbstverständlich nicht nur rationale Kritik. Sondern eher emotional begründete.“

Hajós: „Allein deshalb, weil ein Politiker nicht nach meinem Geschmack mit seinen Möglichkeiten umgeht, wie es bei Viktor Orbán zweifellos der Fall ist, glaube ich noch nicht, dass er in einer der Hexenküchen im Parlament einen faschistischen Eintopf zusammenköchelt. In dieser Sache wird aber auch unsere Generation bis zu ihrem Lebensende mit den gleichaltrigen Rechten und Konservativen streiten, obwohl wir mit ihnen schon viel besser reden können als unsere direkten Vorfahren.“

„Die Auflösung der Wagenburgen hat begonnen, die am meisten streitige Frage ist aber noch immer, wer für die jetzt entstandene Situation verantwortlich ist“ – fügt Hajós hinzu. Seiner Meinung nach ist es sinnlos, darüber zu streiten, weil es dort „nie ein Ende gibt“, die „tief im Innern sitzende Antipathie“ könne auch er nicht besiegen. „Aber ich habe eines gelernt. Warten. Einen Schritt zurücktreten. Als erster Schritt ist vielleicht auch das schon etwas. Damit akzeptiere ich eines: Die liberale Schnoddrigkeit bedarf einiger Korrekturen“ – brachte der Musiker zum Ausdruck.

Im Zusammenhang mit Fidesz sagte Hajós: „sie haben wohl nicht ganz begriffen, was Zweidrittel bedeuten“. „Sie können sich ganz oben auf die Siegertreppe stellen, die Medaille an ihrem Hals, die Hymne spielt nur für sie, und sie spucken noch immer auf den Drittplatzierten. Nach einer gewissen Zeit ist das komisch“.

Seiner Auffassung nach kann man so keine Politik betreiben, als gutes Gegenbeispiel nannte er István Tarlós (Anm. Hungarianvoice: den Oberbürgermeister von Budapest). „Auch er schwärmt nicht für SZDSZ, trotzdem hat er János Atkári ernannt, da er am meisten von den Finanzen der Hauptstadt versteht“. „Diese Art von Konsenspolitik wird von mir viel besser verstanden und für sympathischer gehalten als das Gerempel auf Landesebene“ – sagte Hajós der Heti Válasz.“

Heti Válasz: Bericht über das Mediengesetz vom 07.01.2011

Die regierungsnahe ungarische Wochenzeitung Heti Válasz veröffentlichte heute einen Beitrag zur beginnenden ungarischen Ratspräsidentschaft. Das Hauptthema ist – wenig überraschend – das Mediengesetz und die hieran geübte internationale Kritik.

Hungarian Voice hat den (hier im Original abrufbaren) Artikel übersetzt:

 

Man will Orbán nicht mehr belehren

Obwohl weiterhin zahlreiche Artikel erscheinen, die das Mediengesetz kritisch bewerten, kann man feststellen, dass die hysterische Stimmung  ein Ende hat. Sogar die ungarische Diplomatie hat nach langem Schweigen zu sich gefunden.

Frankreich möchte Ungarn nicht belehren –  betonte am Donnerstag Laurent Wauquiez, der französische Minister für EU-Angelegenheiten, nachdem Budapest mit scharfer Kritik auf die französische Bitte nach Änderung des Mediengesetzes reagiert hatte. „Es geht nicht darum, dass wir irgendjemanden belehren möchten“ – äußerte sich der Minister gegenüber Radio France Inter. Seiner Meinung nach erhofft sich Frankreich lediglich „ernste, objektive Arbeit“ zwischen Ungarn und der Europäischen Kommission, die es ermöglicht, dass die im vorliegenden Fall existierenden „Probleme“ gelöst werden.

Francois Baron, der französische Regierungssprecher hatte am Dienstag verlautbart, Frankreich wünsche sich „die Änderung des ungarischen Mediengesetzes“, das eine tiefgreifende Änderung der Pressefreiheit bedeute. „Wir müssen uns bemühen, dass wir unterscheiden zwischen den Fragen, die das „Innere“ Ungarns betreffen und den Aufgaben im Rahmen der EU-Präsidentschaft“ – meinte Laurent Wauquiez heute.

Ministerpräsident Viktor Orbán nannte am Donnerstag die französischen (und deutschen) Reaktionen „übereilt und unnötig“. „Ich erinnere mich nicht daran, dass Ungarn zu irgendeiner Zeit die französischen Mediengesetze bewertet hätte“. Er erwähnte, dass es in Ungarn – anders als in Frankreich – keine Vorschrift gäbe, die es dem Staatspräsidenten ermögliche, den Präsidenten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu ernennen. „Ich habe nie behauptet, dass das ein antidemokratisches Gesetz sei“ – unterstrich Orbán.

Die scharfen Reaktionen auf das Mediengesetz halten Ungarn nicht davon ab, auf die drängendsten Fragen der Ratspräsidentschaft, die EU-Wirtschaftspolitik, zu fokussieren – schrieb Ministerpräsident Orbán in der Freitagsausgabe der Financial Times. Die Zeitung veröffentlichte in dieser Ausgabe auch einen Meinungsartikel, der für eine Änderung des Mediengesetzes eintritt.

In dem Beitrag schreibt Orbán: man muss erläutern, dass Ungarn möglicher Weise diejenige Inhaberin der turnusmäßigen EU-Ratspräsidentschaft sei könnte, die sich am meisten auf die demokratischen Werte der EU verpflichtet sieht, aus denen sich die Kraft der Union ergibt. Die heftigen Reaktionen nach Verabschiedung des Gesetzes beruhten auf der völligen Unkenntnis des Gesetzeswortlautes – formulierte Orbán und wiederholte, dass das Gesetz auf europäischen Werten aufbaut, und den Reformbestrebungen des 21. Jahrhunderts entspräche.

Nach Orbáns Auffassung Orbán gebe es in anderen Mitgliedstaaten noch größere Befugnisse bei der Ernennung der Leiter der Fernsehanstalten, in Deutschland und Finnland könnten ähnliche Bußgelder für den Fall der Verletzung der Medienvorschriften verhängt werden, und auch in Italien, Portugal und Frankreich überwacht die Einhaltung der Vorschriften eine Institution, wie in Ungarn.

Der Regierungschef wiederholte auch, Ungarn sei nur dann zur Änderung der Vorschriften verpflichtet, wenn diejenigen Vorschriften in den anderen Mitgliedstaaten, die den in Ungarn gerügten entsprechen, ebenfalls geändert würden, andernfalls handele es sich um Diskriminierung. All das werde die Regierung jedoch nicht davon abhalten, sich auf die Kernfragen der Ratspräsidentschaft zu konzentrieren.

DIesbezüglich, im Bezug auf die Wirtschaftspolitik, brachte er um Ausdruck, dass in Europa (aber auch in den USA und in Asien) unterschiedliche Antworten auf die scheinbar einfache Frage gegeben würden, welches optimale Gleichgewicht sei zwischen den Zielvorgaben Senkung der Neuverschuldung,  Senkung des Schuldenstands, der Beschäftigungssicherung und dem Wirtschaftswachstum. Sogar innerhalb Europas existierten gut begründbare Meinungsunterschiede bezüglich der idealen Strategie, je nachdem, in welcher Situation sich die jeweiligen Länder befänden.

Europa stehe vor schwierigen Herausforderungen – beendet der Ministerpräsident seinen Beitrag, seiner Hoffnung Ausdruck gebend, dass Europa diesen mit vereinten Kräften begegnen könne. Jeder Mitgliedstaat müsse dazu beitragen, dass Europa stark und erfolgreich sei, und es sei Ziel der ungarischen Präsidentschaft, diesem Ziel zu dienen – schrieb Viktor Orbán.

Die Financial Times – welche außer dem Orban-Artikel auch von der Pressekonferenz für die ausländischen Journalisten in Budapest berichtete vertrat die Ansicht, das Gesetz „müsse überdacht werden“. Die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit seien so grundlegende Rechte und europäische Werte, die nicht kompromittierbar seien – formulierte die Zeitung.

Als die beiden größten Bedenken im Zusammenhang mit dem Mediengesetz bezeichnete die Zeitung die „lähmend hohe“ Geldbußen, sowie den Umstand, dass der für die Einhaltung des Gesetzes verantwortliche Medienrat „für die Dauer von neun Jahren mit Fidesz-Partigängern aufgefüllt“ worden sei. Dem Kommentar zufolge ist es sinnvoll, dass man Gesetze, die von den Ereignissen überholt wurden, auf den neuesten Stand gebracht werden. Auch könne es richtig sein, dass viele Artikel des Gesetzes in den Medienvorschriften der EU-Mitgliedstaaten zu finden seien. Aber es ginge es – so die Zeitung – um solche Länder, die im Hinblick auf die Pressefreiheit selbst nicht über eine blütenweiße Weste verfügten, wie zum Beispiel Italien.

Seit dem Fall des Kommunismus verabschiedeten die mitteleuropäischen Staaten zeitweise Gesetze, die auf dem Papier schlecht gewesen seien, aber in der praktischen Anwendung keine fortlaufende Verletzung der bürgerlichen Freiheiten nach sich gezogen hätten – brachte das Blatt zum Ausdruck; das ungarische Mediengesetz könne ebenfalls zu einem solchen Beispiel werden. Es sei allerdings keine gute Art der Gesetzgebung, wenn es von den Politikern abhängt, dass eine fehlerhafte Norm nicht genutzt werde – steht im Artikel.

Laut FT bestehe in dem neuen Gesetz das Risiko, dass es ein Umfeld der Selbstzensur schaffe, und zwar selbst dann, wenn die drakonischen Strafen nie verhängt werden. Ministerpräsident Viktor Orbán sagte, seine Regierung werde das Gesetz ändern, wenn die EU-Kommission dies für gut halte.  „Budapest sollte die Zeit der Kommission sparen und von sich aus das Gesetz ändern“, schrieb die Londoner Zeitung.“

Fall Lendvai: Heti Válasz reagiert und nimmt Bezug auf die „Presse“

Die ungarische konservative Wochenzeitung Heti Válasz, deren Beitrag über Paul Lendvai großen Wirbel hervorgerufen hat, befasst sich in einem Beitrag vom 22.11.2010 mit den Reaktionen des Standard und vergleicht diese mit der konservativen Presse.

„Die Presse über Paul Lendvai

Die in der letzten Ausgabe der Heti Válasz veröffentlichte Analyse und die auf unserer Internetseite veröffentlichten Dokumente haben zwischenzeitlich nicht nur das Interesse der Unterstützer des Betroffenen geweckt

Den Standard interessiert im Fall Lendvai augenscheinlich nur die Meinung des Betroffenen, wohingegen Die Presse ausgewogen über die Dokumente aus dem Jahr 1985 berichtet.

Das konservative Wiener Blatt übernimmt im Wesentlichen den Bericht der Presseagentur APA, die den wesentlichen Inhalt der Dokumente aus dem Jahr 1985 wiedergibt. In dem Bericht wird Heti Válasz zwar als „regierungsnah“ bezeichnet, anders als Der Standard behauptet man jedoch nicht, dass der Beitrag einen Racheakt für das neueste Buch Lendvais darstelle. (Lendvais Buch erscheint erst im Frühjahr in ungarischer Sprache, und es kritisiert nicht allein den aktuellen konservativen Regerungskurs, sondern auch die acht vorangegangenen Jahre.)

Die Presse merkt an, dass der Vorwurf nicht auf „Agententätigkeit“ lautet, sondern von freiwilliger Kooperation mit den ungarischen Behörden gesprochen wird. Es gab also keinerlei offiziellen Kontakt zwischen dem österreichischen Journalisten und der damaligen ungarischen Regierung, Lendvai war nicht bedroht, niemand zwang ihn zur Mitarbeit. Den stets zum sozialdemokratschen Lager gehörenden Journalisten, der auch als Biograph von Bruno Kreisky gilt, bewegten gewiss persönliche Sympathien, als er das etwas moderatere Kádár-System im Westen in positivem Licht erscheinen lassen wollte.

Nach der Ansicht Lendvais sagen die Dokumente hingegen nichts über seine Absichten aus, vielmehr habe die ungarische Seite die Berichte nach „eigenem Geschmack“ gefertigt. Ferner sei das Treffen oppositioneller Schriftsteller in keiner Weise geheim gewesen, wer darüber etwas erfahren wollte, konnte dies auch tun Die Presse zitiert die Stellungnahme Lendvais an die ungarische Presseagentur MTI: hierin stellt der Journalist fest, dass er nichts getan habe, was gegen de Journalistenethik verstoße. Aber er selbst gesteht ein, dass – wie es auch die Presse schreibt – man in  jenen Zeiten in irgendeiner Weise gezwungen war, „Kompromisse zu schließen und zu paktieren“.

Die österreichischen Medien scheint das Thema derzeit offenbar nicht sonderlich zu interessieren, auch der ehemalige Arbeitgeber Lendvais, der ORF, berichtete nicht über den Artikel der Heti Válasz. Die allgemeine Auffassung in vielen Redaktion ist, dass die neue ungarische Regierung nur bestrebt sei, mögliche Gegner zu diffamieren, wie es auch die russische Regierung mit ihren Kritikern tue.

Genau so bringt es auch Lendvais Arbeitger, der liberale Standard, zum Ausdruck, der sich noch nicht einmal ansatzweiese mit dem Inhalt der durch Heti Válasz veröffentlichten Dokumente befasst, und stattdessen Lendvais oberflächliche Rechtfertigung, es handle sich um politische Verleumdung, übernimmt. Wie es auch Ferenc Gyurcsány tat, der es im Geiste eines „heute er, morgen ich“ ebensowenig für nötig erachtete, die auf unserer Internesete einsehbaren Dokumente zu sichten.

Der gestrige Bericht in der Népszabadság brachte es hingegen so zum Ausdruck: Der Wiener Journalist, der zum Kader der Sozialdemokratischen Partei Österreichs zählt, war kein Agent, sondern freiwilliger Informant der Kádár-Diktatur. „Und als solcher hat er der ungarischen demokratischen Opposition und dem Gedenken an die Revolution von 1956 geschadet, jedenfalls so viel, dass es das Kádár-Regime wertschätzte.“

Der Bericht aus der Presse ist hier einsehbar. In der Tat fällt auf, dass das Blatt, ohne den renommierten Kollegen Lendvai vorzuverurteilen, keinen politischen Gegenangriff nach Art des Standard unternimmt. Jeder Leser kann sich seine Meinung darüber bilden, welcher Art von Bericht den journalistischen Regeln eher gerecht wird.

Die liberale ungarische Tageszeitung Népszabadság über den „Fall Lendvai“

Die linksliberale ungarische Tageszeitung Népszabadság, ein Blatt also, das über jeden Vorwurf erhaben ist, in das Lager von Ministerpräsident Orbán zu gehören, hat heute in der Online-Ausgabe einen Kommentar zu den Vorwürfen gegenüber Paul Lendvai veröffentlicht. Der Verfasser, Ádám Petri Lukács, schreibt auch für die HVG.

Das Original ist hier abrufbar: http://nol.hu/velemeny/lendvai___az_onkentes_kollaborans

Hungarian Voice gibt den Beitrag ins Deutsche übersetzt wieder:

„Lendvai war kein Agent – er war freiwilliger Informant

Paul Lendvai bezeichnete den „Vorwurf der Agententätigkeit“ als lächerlich, und er hat Recht. Der Wiener Journalist, der zum Kader der Österreichischen Sozialdemokratie gehört, war kein Agent, sondern, wie wir es aus dem mit Dokumenten untermauerten Zeitungsbericht in der Heti Válasz wissen, freiwilliger Kollaborateur der Kádár-Regimes. Und als solcher schadete er der ungarischen Opposition und der Erinnerung an die Revolution von 1956, jedenfalls in einem Umfang, dass das Kádár-Regimes dies wertschätzte.

Der Schöpfer der österreichischen Politik der „aktiven Neutralität“, Bruno Kreisky, und seine Partei, glaubten fest daran, dass Ungarn nicht mehr verdient habe als die Stellung der lustigsten Baracke innerhalb des Sozialismus, weshalb sie mit dem diktatorischen Regime zusammenarbeiteten, es unterstützten und viel dafür taten, dass es – auch mit westlichem Auge betrachtet – salonfähig wirkte. Kreisky war insoweit nicht allein, auch andere Parteien (auch renommierte westdeutsche) taten dies so.

Lendvai verfolgte nur die Linie seiner Partei. Er nutzte sein Ansehen und Wissen dazu, die diktatorische Wahrheit aufzuhübschen (Trotzdem wurde er, als leitender Westjournalist, selbstverständlich durch die Geheimpolizei überwacht. Jede Diktatur basiert auf Misstrauen).

Ein Beispiel: Im Jahre 1980 fertigte Lendvai ein Interview mit György Aczél, das hierzulande in der „Wahrheit“ erschien. In diesem Interview behauptete Aczél, dass die ungarischen Unterzeichner der Charta 77 wegen ihres Protestes keinerlei Rechtsverletzungen erleiden mussten.  Lendvai bestätigte diese Lügen, indem er sagte: „Wenn es zentrale Maßnahmen gegeben hätte, dann wären sie doch gegen alle 81 Unterzeichner gerichtet gewesen”. Zwar hatten in der Tat nicht alle Menschen ihre Arbeit verloren, gleichwohl wurden die – bestrittenen – zentral durchgeführten Vergeltungsmaßnahmen, von denen Lendvai jedenfalls in einigen Fällen gewusst haben musste, durch das Politbüro der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpertei auf Vorschlag eben dieses György Aczél beschlossen. Sehr viele verloren daraufhin ihre Arbeit, oder aber waren von rechtlichen Nachteilen betroffen, weil sie sich der Protestaktion angeschlossen hatten.

Als Lendvai vertrauliche Informationen über das ungarische kulturelle Oppositionelle Forum übergab, wusste er, dass es unmöglich ist, was er tut, darum bat er die Botschaft um Diskretion. Im übrigen berichtete er mit großer Freude den Mitarbeitern der Diktatur, dass er in seinen  gefertigten Sendungen verhindert habe, dass tschechoslowakische Oppositionelle auf der Budapester Veranstaltung dem Österreichischen Staatsrundfunk gegenüber Stellungnahmen abgeben konnten.

Der „szamizdat Beszélő“ veröffentlicht in seiner 15. Ausgabe den Aufruf der ungarischen demokratischen Opposition an das Europäische Kulturelle Forum. Dort heißt es: „In Ungarn gibt es keine Pressefreiheit! Die Massenmedien werden von geheimen und rechtlich unüberschaubarer Zensur umgeben. (…)”. Der Aufruf fordert Pressefreiheit, Freiheit für die Wissenschaft und die Schulen, Freiheit der kulturellen Beziehungen, den Schutz der nationalen und ethnischen Minderheiten. Im Jahre 1985, zur Zeit dieses Oppositionellen Forums, fanden bei den Mitgliedern der demokratischen Opposition regelmäßig Hausdurchsuchungen statt.

Die aktiven Mitglieder der Opposition verloren allesamt ihre Arbeitsplätze, vielen wurde nachgestellt, die Reisepässe entzogen, man wurde mit Publikations- und Forschungsverboten belegt. In Ungarn herrschte eine stabile Diktatur, es gab keine freie Presse, keine Versammlungs-, Koalitionsfreiheit oder andere Rechte, es existierten keine freien Wahlen, man missachtete die Menschenrechte. Unter solchen Bedingungen beteiligte sich Lendvai an der Ausforschung einer oppositionellen Organisation, kollaborierte mit dem Machtapparat der Diktatur, aber erbat für sich selbst – freilich – Diskretion.

Zahlreiche österreichische Politiker dachten damals, dass es natürliches Interesse des Landes sei, die „gute Nachbarschaft“ mit Ungarn zu pflegen, schon aufgrund der historischen Beziehungen beider Länder. Dies konnte man jedoch auf vielfältige Weise tun: Erhard Busek, einer der führenden Politiker der Österreichischen Volkspartei, einstiger Vizekanzler, überbrachte Ferenc Köszeg im Rahmen eines offiziellen Besuches in Ungarn im Jahre 1986 eine Vervielfältigungsmatrize, denn er unterstütze lieber die Arbeit der demokratischen Opposition.

Lendvai bezeichnete es in 2006 in der ÉS – in seinem Beitrag „Der Glanz und der Fall des Michael Cole“ – als notwendiges Übel, dass „der Drehplan, wie immer, mit dem Außenministerium und der Auslandsabteilung des Ungarischen Fersehens abgestimmt werden musste“. Die  Dokumente, welche die Heti Válasz auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, belegen jedoch, dass Lendvai – über das minimale Abstimmungserfordernis hinaus – versucht hat, mit seinen Sendungen den Interessen der Regierungspropaganda zu dienen.
In diesem Bericht, in dem Lendvai unter anderem György Szepesi enttarnt, bringt er es wie folgt zum Ausdruck: „Zwei Leben – eines vor und eines nach 1956 – verbanden mich mit den Geheimdiensten der harten und weichen Diktaur, ohne dass ich mir darüber im Klaren gewesen wäre.“

Wenn er schon nichts davon wusste, so durfte jedoch in einem schlauen, mit den Realitäten des Sozialismus gut vertrauten Kommentator kein Zweifel darüber bestehen, von welcher Behörde die in der Wiener Botschaft übergebenen vertraulichen Informationen verwendet würden.

Im Anschluss an den Beitrag in der ÉS wirft Sándor Révész in der Népszabadság folgendes auf: „Ein Dilemma ist nicht dann am schärfsten, wenn der Preis, das Richtige zu tun, moralisch zu hoch ist, sondern dann, wenn der Preis so sehr gesenkt wird, dass es zweifelhaft wird, ihn zu akzeptieren. Für Paul Lendvai sank der Preis im Jahr 1970 in dieser Art und Weise. So wie er es in dem Band „Woher? Wohin?“ ausdrückt, begann die Charmeoffensive, die geschickte Taktiererei. Lendvai wurde einer der Schmiede und Profiteure der ausnahmslos guten Kontakte zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und dem ungarischen Parteienstaat. Wer eine schwere und lehrreiche Aufgabe sucht, der möge die damalige Tätigkeiten und Entscheidungen Lendvais moralisch bewerten.“

Die von Révész empfohlene „lehrreiche Aufgabe“ war für Lendvai offenbar ein Affront, wie es seine – im Hinblick auf seine geistigen Fähigkeiten unwürdigen – Reaktionen belegten, die er nach Erscheinen des Artikels in der Heti Válasz zeigte. Ein Affront sind sie offenbar auch für diejenigen linken Intellektuellen, die schon dem Regisseur István Szabó nach Aufdeckung seiner Agentenvergangenheit unterstützend zur Seite standen.

Würde nicht fortwährend über die Vergangenheit gelogen, wäre nicht über zwei Jahrzehnte hinweg die Veröffentlichung der Akten der Staatssicherheit verhindert worden, gäbe es einen echten Willen, die nationalen (und familiären) Erinnerungen anspruchsvoll aufzuarbeiten, könnte auch die Bewertung der regelmäßig auftauchenden Geschichten einfacher werden.

In der aktuellen Regierung befinden sich zwei Mitglieder – Géza Szőcs und Viktor Orbán -, die einst Leidtragende jener Berichterstatter und der Geheimpolizei der Diktatur waren. Obwohl es keine diesbezüglichen Zeichen gibt, wäre es schön, wenn man wenigstens jetzt (mit unglaublicher Verspätung) die Ergebnisse der Kenedi-Kommission veröffentlichen würde. Die schon lange einsehbaren Dokumente wiederum  – hierzu gehören z.B. jene Dokumente des Außenministeriums, die im Staatsarchiv ruhen, und aus denen Bálint Ablonczy in der Heti Válasz schöpfte –, werden nun, nach Erscheinen des Artikels, hoffentlich von der Armee der Journalisten und der Forscher aufgearbeitet.“

Der Kommentar deutet an, dass die Person Lendvai offenbar – in Ungarn – nicht zum ersten Mal Gegenstand einer Kontroverse ist. Diesbezügliche Details erfahren wir jedoch leider weder von Lendvai noch von seinen Kollegen beim Standard. Kritische Meinungen zu Lendvai sind somit nicht allein in der rechten Presse und Blogosphäre zu finden (wie es Standard-Autor Gregor Mayer in seinem Facebook-Blog behauptet), sondern finden sich auch in oppositionsnahen Presseorganen. Dem Kommentar ist in jedem Fall darin zuzustimmen, dass endlich eine Öffnung der Akten der Staatssicherheit erfolgen sollte. Dass Vertreter aller Parteien unerfreuliches lesen würden, ist der Preis des demokratischen Wandels und würde die Aufarbeitung der Vergangenheit ein gutes Stück glaubwürdiger machen.