Imre Kertész ist tot

Der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész ist tot. Er starb heute im Alter von 86 Jahren in Budapest.

Der im Jahr 1929 geborene Kertész wurde wegen seiner jüdischen Abstammung im Alter von 1 Jahren im Juli 1944 in das Konzentrationslager Auschwitz, später dann nach Buchenwald verschleppt. Im Jahr 1945 wurde er befreit. Nach dem Abitur 1948 arbeitete er zunächst als Journalist, später wurde er zum Militär einberufen. Ab 1953 betätgte er sich als Schriftsteller und Übersetzer.

Sein Werk „Roman eines Schicksallosen“ wurde 2002 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.

Der lange Zeit in Berlin lebende Kertész kehrte im Jahr 2012 nach Budapest zurück. Das Verhältnis zu seiner Heimat war – so etwa György Dalos – ambivalent. Er kritisierte nationalistische Tendenzen ebenso wie die fehlende Bereitschaft von Teilen der Gesellschaft, sich mit der eigenen Geschichte kritisch auseinander zu setzen. Zugleich aber wies er die oftmals plakativen Kritiken, die Ungarn als Diktatur bezeichnen, als übertrieben zurück. Auch unter den Gegner der aktuellen Regierung machte er sich damit bisweilen keine Freunde.

Weiterführend:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/imre-kertesz-ist-im-alter-von-86-jahren-gestorben-14154107.html

http://www.deutschlandradiokultur.de/weggefaehrte-gyoergy-dalos-ueber-imre-kertesz-ambivalentes.2156.de.html?dram:article_id=349883

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/nobelpreistraeger-imre-kertesz-im-alter-von-86-jahren-gestorben-a-1084779.html

https://hungarianvoice.wordpress.com/2014/11/11/only-bad-news-sell-new-york-times-zensiert-imre-kertesz/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2014/08/20/st-stephans-orden-fur-imre-kertesz-und-erno-rubik/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/09/14/die-zeit-literaturnobelpreistrager-imre-kertesz-beklagt-holocaust-industrie-in-der-deutschen-erinnerungskultur/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2012/02/12/imre-kertesz-interview-in-der-franzosischen-tageszeitung-le-monde/

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-03/imre-kertesz-nachruf

https://www.tagesschau.de/kultur/kertesz-gestorben-101.html

(Only) Bad news sell: New York Times zensiert Imre Kertész

Die in ihrer Ungarn-Berichterstattung betont regierungskritische New York Times hat nach ungarischen Presseberichten ein Interview mit dem Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész unter den Tisch fallen lassen – weil die Aussagen Kertész‘ nicht ins journalistische Konzept von der ungarischen „Diktatur“ gepasst haben sollen.

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Kertész, der in Budapest lebt und jüngst mit einer der höchsten staatlichen Auszeichnungen geehrt wurde, berichtet, dass ihn ein Reporter der NY Times aufgesucht habe, um ihn über die Situation in Ungarn und seine persönlichen Erfahrungen zu befragen. Zur Überraschung des Journalisten habe Kertész aber nicht den erhofften Schreckensbericht abgegeben: Er fühle sich wunderbar, die Situation in seiner Heimat sei zufriedenstellend. Kertész wollte auch den Eindruck des Reporters, er gebe seine Beschreibung aus Angst ab, nicht bestätigen. Selbst für den Umstand, dass er seine Manuskripte nach Berlin gegeben habe, gab es eine Erklärung jenseits angeblicher Ängste.

Kurzum: Der Wunsch der NY Times, Kertész Aussagen zu entlocken, die Ungarn als das so gerne gesehene Land der Unterdrückung von Minderheiten erscheinen lassen, blieb unerfüllt. Ebenso schnell verschwand das Interview in der Versenkung, es wurde nicht veröffentlicht. Man könnte auch sagen: Zensiert. Hätte Kertész dem Alarmismus gehuldigt, es wäre wohl die Titelseite geworden.

Für eine solche Praxis braucht man bei der New York Times nicht einmal ein Mediengesetz. Die Zensur resultiert aus jenen Vorurteilen, die einen oder viele Journalisten dazu bringen, anderslautende Meinungen schlichtweg zu unterschlagen, weil sie nicht ins eigene Konzept passen und die Leser nicht verunsichert werden sollen. Büttel, die längst nicht der Wahrheit, sondern der (tatsächlichen oder geglaubten) publizistischen Linie des Arbeitgebers verpflichtet sind – sie gleichen den Herrschaften vom ungarischen Staatsfernsehen so sehr, und sehen es doch nicht. György Schöpflin hatte Recht: Jene, die heute den Liberalismus vollmundig predigen, glänzen nicht selten allein durch überbordende Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Schließlich darf man „denen“ kein Forum bieten, nicht wahr?

So lange es eine Tendenz gibt, Ungarn mit jüdischen Wurzeln immerzu mit der Absicht zu befragen, Fürchterliches zu erfahren, lebt auch diese neue, ganz merkwürdige Art der Stereotype weiter: Der jedenfalls unterbewusste Missbrauch von Juden als öffentlicher Überbringer schlechter Nachrichten, zuweilen kombiniert mit offener Ablehnung, wenn das „Opfer“ ausschert (etwa eine staatliche Auszeichnung annimmt). Man greift einen Menschen an, weil er als Jude die falsche politische Position einnimmt.

Weil man eine kritische Meinung nicht selbst schreiben will, sucht man so lange, bis man jemanden findet, der es für einen tut. Stets wird dann darauf hingewiesen, dass ein Opfer „jüdische Wurzeln“ habe oder „Jude“ sei, auch wenn Imre Kertész dieser Einordnung in der Vergangenheit widersprochen hat („Die Deutschen haben mich zum Juden gemacht“).

Es gibt natürlich in allen Teilen der Gesellschaft Personen, die sich gerne exponieren, provozieren, klagen, sich mit oder ohne Grund beschweren – unter Juden und Nichtjuden gleicher Maßen. Mißstände anzukreiden, hat jedermann das Recht, vielleicht sogar die Pflicht. Dass die Mehrheit der Ungarn mit jüdischen Wurzeln oder jüdischen Glaubens aber womöglich nur in Ruhe leben möchten und auch nicht das Gefühl hat, dass sei im heutigen Ungarn nicht mehr möglich, kommt eben nicht jedem Reporter in den Sinn. Und läuft man einer solchen – gemeint seltenen – Spezies dann doch über den Weg, so ist das „not newsworthy“.

http://www.szombat.org/kultura-muvesztek/dokumentum-es-fikcio-kertesz-imrevel-beszelget-thomas-cooper

http://m.mandiner.hu/cikk/20141111_elhallgatta_a_new_york_times_kertesz_imre_velemenyet

http://valasz.hu/kultura/a-new-york-times-cenzurazta-kertesz-imret-106395

St.-Stephans-Orden für Imre Kertész und Ernö Rubik

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész sowie der Erfinder des Zauberwürfels, Ernö Rubik, wurden heute vom ungarischen Staatspräsidenten János Áder mit dem St.-Stephans-Orden, der höchsten ungarischen Auszeichnung, geehrt.

Besondere Kontroversen löste die Auszeichnung des Holocaust-Überlebenden Kertész in regierungskritischen Kreisen aus. Hier war man – in Anbetracht vergangener Anfeindungen gegenüber Kertész (auch) aus regierungsnahen Kreisen – über die Auszeichnung überrascht und machte keinen Hehl aus der Hoffnung, Kertész würde sie ausschlagen. Kritiker bewerten die Auszeichnung als Versuch der Regierung, Kertész als „Feigenblatt“ gegen Vorwürfe (angeblicher) antisemitischer Tendenzen in der Regierungspolitik zu nutzen. Kertész solle die Regierung nicht durch Annahme der Auszeichnung „legitimieren“.

http://derstandard.at/2000004519605/Umstrittene-Ehrung-fuer-Autor-Kertesz

http://index.hu/belfold/2014/08/19/vegyes_a_kertesz-kituntetes_fogadtatasa/

http://tablet.hvg.hu/itthon/20140820_friss_fotok_kertesz_imre

http://www.atv.hu/videok/video-20140818-schmidt-maria

Die Zeit: Literaturnobelpreisträger Imre Kertész beklagt „Holocaust-Industrie“ in der deutschen Erinnerungskultur

Aus Anlass des Erscheinens seines neuen Buches „Letzte Einkehr“ zieht der ungarische Literaturnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Imre Kertész in der aktuellen Printausgabe der Wochenzeitung Die Zeit ein schonungsloses Resümee seiner Rolle in der deutschen Erinnerungskultur. Der schwer an Parkinson erkrankte Kertész spricht davon, er sei ein „Holocaust-Clown“ der Deutschen und Teil der „Holocaust-Industrie“ geworden. Der Literaturnobelpreis sei an ihn verliehen worden, weil man die Erinnerungsliteratur habe preisen wollen. Kertész:

Ich habe den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil man die Literatur des Zeugentums preisen wollte. Man hat mich vorher nach Stockholm eingeladen, um eine Rede zu halten. Aber in Wahrheit wollte man wissen, ob ich eine akzeptable Figur abgebe oder ob ich mein Rührei mit den Händen esse. Man kann nicht viel dagegen tun. Man ist ohnmächtig diesen Mächten gegenüber.

Kertész bekundet, er habe eigentlich nie Literatur verfassen, sondern sich damit befassen wollen, was der Totalitarismus aus den Menschen mache. Er, der sich als „sehr müde“ bezeichnet, habe verstehen wollen, warum die Menschen sind, wie sie sind.

Kertész lebt wieder in Budapest, bekennt sich zu seiner Liebe zu Berlin und gesteht, dass er sich in der ungarischen Hauptstadt nicht besonders wohl fühle. Den Judenstern habe er nicht in Berlin, sondern in Budapest getragen (Kertész wurde als Jugendlicher aus Budapest nach Auschwitz deportiert).

Das vollständige Interview, das gewiss auch zu einer Diskussion in Ungarn führen wird, erscheint in der Printausgabe.

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/Imre-Kertesz-Vorab

http://index.hu/kultur/2013/09/13/kertesz_egy_holokauszt-bohoc_voltam/

Die linksliberale ungarische Tageszeitung Népszabadság bringt das vollständige Interview auf ungarisch: http://nol.hu/kult/a_teljes_kertesz-interju___holokauszt-bohoc_voltam_?ref=sso