Ehemaliger Chefredakteur der Wiener Zeitung kommentiert den Fall Lendvai und stellt Fragen zum ORF

Andreas Unterberger, ehemaliger Chefredakteur der Wiener Zeitung und seit 2009 politischer Blogger, kommentiert die Spitzel-Vorwürfe gegenüber Paul Lendvai und wirft kritische Fragen zum Österreichischen Rundfunk (ORF) auf.

http://www.andreas-unterberger.at/Andreas-Unterbergers-Tagebuch

Unterberger:

Der in den 50er Jahren aus Ungarn emigrierte Lendvai  hatte mehrfach selbst zugegeben, dass er in seiner Jugend an den ungarischen Sozialismus geglaubt hat. Nach seiner Emigration und als erfolgreicher Journalist für mehrere Print- und elektronische Medien hat er hingegen öffentlich keine Sympathien dieser Art mehr geäußert. Lendvai moderiert heute noch im ORF Sendungen – weit über alle Altersgrenzen hinaus, die der ORF normalerweise seinen eigenen Redaktionsmitgliedern setzt.

Während er die nunmehrigen Vorwürfe als „lächerlich“ bezeichnet, deuten die Dokumente doch auf ein sehr kooperatives Verhältnis Lendvais zu den ungarischen Kommunisten hin, das seinem Auftreten in Österreich deutlich widerspricht. Im Gegensatz zum Fall Zilk gibt es jedoch keinerlei Hinweise auf Geldflüsse oder eine formalisierte Agententätigkeit.“

Unterberger kritisiert insbesondere, dass Lendvai der Staatsmacht über ein Treffen oppositioneller Schriftsteller im Jahre 1985 vorab berichtet und sogar das Tagungsprogramm ausgehändigt haben soll. Diese Infos waren laut Lendvai aber ohnehin „für jeden verfügbar“.

Das angesprochene Tagungsprogramm trug jedoch den Vermerk „vertraulich“, offenbar um zu verhindern, dass es in falsche Hände geriet.

 

Fall Lendvai: Heti Válasz reagiert und nimmt Bezug auf die „Presse“

Die ungarische konservative Wochenzeitung Heti Válasz, deren Beitrag über Paul Lendvai großen Wirbel hervorgerufen hat, befasst sich in einem Beitrag vom 22.11.2010 mit den Reaktionen des Standard und vergleicht diese mit der konservativen Presse.

„Die Presse über Paul Lendvai

Die in der letzten Ausgabe der Heti Válasz veröffentlichte Analyse und die auf unserer Internetseite veröffentlichten Dokumente haben zwischenzeitlich nicht nur das Interesse der Unterstützer des Betroffenen geweckt

Den Standard interessiert im Fall Lendvai augenscheinlich nur die Meinung des Betroffenen, wohingegen Die Presse ausgewogen über die Dokumente aus dem Jahr 1985 berichtet.

Das konservative Wiener Blatt übernimmt im Wesentlichen den Bericht der Presseagentur APA, die den wesentlichen Inhalt der Dokumente aus dem Jahr 1985 wiedergibt. In dem Bericht wird Heti Válasz zwar als „regierungsnah“ bezeichnet, anders als Der Standard behauptet man jedoch nicht, dass der Beitrag einen Racheakt für das neueste Buch Lendvais darstelle. (Lendvais Buch erscheint erst im Frühjahr in ungarischer Sprache, und es kritisiert nicht allein den aktuellen konservativen Regerungskurs, sondern auch die acht vorangegangenen Jahre.)

Die Presse merkt an, dass der Vorwurf nicht auf „Agententätigkeit“ lautet, sondern von freiwilliger Kooperation mit den ungarischen Behörden gesprochen wird. Es gab also keinerlei offiziellen Kontakt zwischen dem österreichischen Journalisten und der damaligen ungarischen Regierung, Lendvai war nicht bedroht, niemand zwang ihn zur Mitarbeit. Den stets zum sozialdemokratschen Lager gehörenden Journalisten, der auch als Biograph von Bruno Kreisky gilt, bewegten gewiss persönliche Sympathien, als er das etwas moderatere Kádár-System im Westen in positivem Licht erscheinen lassen wollte.

Nach der Ansicht Lendvais sagen die Dokumente hingegen nichts über seine Absichten aus, vielmehr habe die ungarische Seite die Berichte nach „eigenem Geschmack“ gefertigt. Ferner sei das Treffen oppositioneller Schriftsteller in keiner Weise geheim gewesen, wer darüber etwas erfahren wollte, konnte dies auch tun Die Presse zitiert die Stellungnahme Lendvais an die ungarische Presseagentur MTI: hierin stellt der Journalist fest, dass er nichts getan habe, was gegen de Journalistenethik verstoße. Aber er selbst gesteht ein, dass – wie es auch die Presse schreibt – man in  jenen Zeiten in irgendeiner Weise gezwungen war, „Kompromisse zu schließen und zu paktieren“.

Die österreichischen Medien scheint das Thema derzeit offenbar nicht sonderlich zu interessieren, auch der ehemalige Arbeitgeber Lendvais, der ORF, berichtete nicht über den Artikel der Heti Válasz. Die allgemeine Auffassung in vielen Redaktion ist, dass die neue ungarische Regierung nur bestrebt sei, mögliche Gegner zu diffamieren, wie es auch die russische Regierung mit ihren Kritikern tue.

Genau so bringt es auch Lendvais Arbeitger, der liberale Standard, zum Ausdruck, der sich noch nicht einmal ansatzweiese mit dem Inhalt der durch Heti Válasz veröffentlichten Dokumente befasst, und stattdessen Lendvais oberflächliche Rechtfertigung, es handle sich um politische Verleumdung, übernimmt. Wie es auch Ferenc Gyurcsány tat, der es im Geiste eines „heute er, morgen ich“ ebensowenig für nötig erachtete, die auf unserer Internesete einsehbaren Dokumente zu sichten.

Der gestrige Bericht in der Népszabadság brachte es hingegen so zum Ausdruck: Der Wiener Journalist, der zum Kader der Sozialdemokratischen Partei Österreichs zählt, war kein Agent, sondern freiwilliger Informant der Kádár-Diktatur. „Und als solcher hat er der ungarischen demokratischen Opposition und dem Gedenken an die Revolution von 1956 geschadet, jedenfalls so viel, dass es das Kádár-Regime wertschätzte.“

Der Bericht aus der Presse ist hier einsehbar. In der Tat fällt auf, dass das Blatt, ohne den renommierten Kollegen Lendvai vorzuverurteilen, keinen politischen Gegenangriff nach Art des Standard unternimmt. Jeder Leser kann sich seine Meinung darüber bilden, welcher Art von Bericht den journalistischen Regeln eher gerecht wird.

Wie nicht anders zu erwarten: Standard-Autoren Kirchengast und Mayer springen Paul Lendvai zur Seite

Die heute erschienene Ausgabe der ungarischen Wochenzeitung Heti Válasz hat für große Unruhe in der Standard-Redaktion gesorgt. Heti Válasz berichtet über Paul Lendvai und dessen angeblich freiwillige Tätigkeit für die ungarische Kádár-Staatssicherheit.

Nachdem bereits vor Erscheinen des Artikels der oppositonsnahe ungarische Radiosender Klubrádió Lendvai Zeit gab, alle Vorwürfe von sich zu weisen (die angekündigten Dokumente interessierten den Fragesteller György Bolgár nicht), schreibt heute zunächst Josef Kirchengast im Standard, der „Heimatzeitung“ Lendvais, und ergreift – wie zu erwarten – heftigst Partei für seinen Kollegen. Laut Kirchengast habe Lendvai mit seinem neuen Buch „Mein verspieltes Land„, in dem er unter anderem Orbán kritisiert, „Majestätsbeleidigung“ begangen, die Veröffentlichung von belastenden Dokumenten sei die Retourkutsche. Die Vorwürfe der Kollaboration mit dem kommunistischen Geheimdienst seien nicht neu, Lendvai habe sie „glaubhaft widerlegt“. Hinter der Kampagne stehe natürlich Viktor Orbán persönlich, der die Demokratie systematisch aushöhle und einen Kritiker diskreditieren wolle.

Wo bleibt die Auseinandersetzung Kirchengasts mit den Dokumenten, die in der Heti Válasz veröffentlicht sind? Wir halten fest: Es handelt sich um Aktenvermerke von Angehörigen der Wiener Botschaft der Volksrepublik Ungarn, die einerseits über Treffen mit Lendvai berichten und andererseits Ausführungen dazu enthalten, dass Lendvai a) über Treffen Oppositioneller Schriftsteller berichtet (u.a. das Programm an die Botschaft weitergereicht) und b) sich bereit erklärt hat, einen Bericht zum 30. Jahrestag der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 zu fertigen, der – so das Dokument – dem Gusto des Kádár-Regimes voll und ganz entsprochen habe. Zu alldem hören wir im heutigen Verteidigungsschriftsatz des Standard kein Wort, es wird lediglich pauschal behauptet, Lendvai habe alles, was ihm vorgeworfen werde, glaubhaft widerlegt. Wann denn? Jeder Journalist weiß , dass neue Erkenntnisse zu geänderten Beurteilungen führen können. Kirchengast will von all dem nichts wissen, erteilt Lendvai vor einer ausführlichen Recherche einen Persilschein und erklärt den Artikel in Heti Válasz zu einer Racheaktion des Ministerpräsidenten Orbán: Ganz so, als ob es Gotteslästerung wäre, sich mit den weißen Flecken in Lendvais Lebensgeschichte zu befassen. Nur am Rande sei bemerkt, dass sich einfache Menschen sehr darüber freuen würden, so viel Raum für ungeprüfte und unzensierte Gegendarstellungen zu bekommen…

Auch der für seine betont antifaschistisch geprägte Ungarn-Berichterstattung (z.B. via Facebook) bekannte Standard-Autor Gregor Mayer hat unmittelbar reagiert und berichtet über eine „Rufmord-Kampagne“ gegen Lendvai. Auch hier wird als Motiv Rache für das neue Buch Lendvais vermutet, anders als Kirchengast hat Mayer auch gleich die Erklärung bereit, weshalb Lendvai dem Kádár-System wohlwollende Berichte versprochen habe – alles sei journalistische Taktik gewesen. Fazit: Lendvai ein Informant? Nie und nimmer…es kann nämlich nicht sein, was nicht sein darf.

Bemerkenswert ist, dass die Erläuterung Mayers und Kirchengasts eine 1:1 Wiedergabe der Erklärungen Lendvais sind, wie er sie heute abend in der ATV-Sendung „Egyenes Beszéd“ kundgetan hat. Man wolle ihn diskreditieren, sein Verhalten damals sei journalistische Taktik gewesen. Die sonst recht giftige und konkrete Antworten fordernde Redakteurin Olga Kálmán hat zu den Dokumenten selbst keine Frage gestellt.

Wie ist es zu erklären, dass die Vertreter einer bestimmten politischen Richtung (Standard, Klubrádió, ATV) Lendvai derart schonen und ihn – fast einer heiligen Kuh gleich – vor unangenehmen Fragen abzuschirmen versuchen? Warum werden generelle Dementis 1:1 übernommen, keine kritischen Fragen gestellt? Ist es Respekt vor einem in vielerlei Hinsicht verdienten und zu Recht geschätzten älteren Herrn oder journalistischer Chorgeist? Oder will man – vor allem bei ATV und Klubrádió – die allzu gerne zitierte ausländische Expertenmeinung vor Diffamierung schützen, koste es, was es wolle?

Die Unruhe und – zu erwartende – oberflächliche Replik des Standard ist von Befangenheit und Parteinahme für einen Kollegen geprägt. Auch wenn sich der Bericht der Heti Válasz als falsch herausstellen könnte (und eine Entschuldigung fällig sein sollte), ist es doch verfrüht, den Bericht zum jetzigen Zeitpunkt als Vergeltungsmaßnahme des Fidesz darzustellen, ohne sich mit dem Inhalt zunächst journalistisch vertieft zu befassen.  Offenbar will man jedoch in der betont Orbán-kritischen Redaktion des Standard das Renommée des Lieblings-Ungarnexperten retten. Und tut dies letztlich in genau der apodiktischen Art und Weise, die man dem ungarischen Ministerpräsidenten vorwirft. So edel das Motiv – menschlich gesehen – sein mag, ein besseres Mittel wäre, die Vorwürfe nachhaltig und durch sorgfältige Recherche zu widerlegen.

Ein früherer Mitarbeiter der Botschaft (und jetziger Vorsitzendes des „Bundes der Widerständler und Antifaschisten Ungarns“) bestätigte in der Sendung „Megbeszéljük“ (György Bolgár) vom 18.11.2010, die von der Zeitung Heti Válasz veröffentlichten Dokumente entsprächen der Wahrheit, er habe mit Lendvai mehrfach gesprochen und freundschaftliche Kontakte gepflegt. Es habe sich um Arbeitssitzungen gehandelt. Belastendes könne er persönlich jedoch nicht über Lendvai berichten., vor allem nicht angebliche Informantentätigkeiten, wie Heti Válasz sie andenke, bestätigen.

Die Angelegenheit dürfte weiter spannend bleiben.