Verband der jüdischen Gemeinden in Ungarn erklärt vorläufigen Boykott des Holocaust-Gedenkjahres

Der Verband der jüdischen Gemeinden Ungarns (MAZSIHISZ) hat auf seiner heutgen Sitzung einen vorläufigen Boykott des von der Regierung ausgerufenen Holocaust-Gedenkjahres beschlossen. Der Verband forderte den Stopp des geplanten und umstrittenen „Besatzungsdenkmals“ auf dem Freiheitsplatz und des „Haus der Schicksale“ am Josefstädter Bahnhof, ferner müsse der Leiter des historischen Veritas-Instituts, Sándor Szakály, wegen seiner Bewertung der Deportationen von mehreren tausend Juden im nach Kamenez-Podolsk im Jahr 1941 (die anschließend von deutschen SS-Angehörigen ermordet wurden) als „fremdenpolizeiliche Aktion“ abberufen werden. Der Vorsitzende András Heisler teilte mit, MAZSIHISZ erwarte Vorschläge der Regierung für das weitere Procedere. Bis dahin werde man den Veranstaltungen fernbleiben.

http://www.atv.hu/videok/video-20140209-a-mazsihisz-bojkottalja-a-holokauszt-emlekevet

Bereits zuvor hatten einzelne jüdische Gemeinden die Kooperation verweigert.

Ministerpräsident Viktor Orbán will in der kommenden Woche am „Runden Tisch“ der jüdischen Gemeinden teilnehmen und auf „offene Fragen“ antworten.

SZ: Cathrin Kahlweit kritisiert die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an die deutsche Besatzung Ungarns ab 1944

Cathrin Kahlweit kritisiert in einem heutigen Beitrag für die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung die Pläne zur Errichtung eines Denkmals auf dem Budapester Freiheitsplatz, das an die deutsche Besatzung Ungarns am 19. März 1944 erinnern soll. Grundtenor des Beitrags: Es handelte sich um keine Besatzung, Ungarn sei Verbündeter des Deutschen Reichs gewesen.

http://www.sueddeutsche.de/politik/einmarsch-der-wehrmacht-in-ungarn-fast-wie-kameraden-1.1863210

Freilich ist die historische Bewertung der damaligen Ereignisse durchaus komplexer, als die Vertreter der Auffassung, die Besatzung sei keine gewesen, glauben machen wollen. Fest steht, dass die deutschen Truppen zur Durchführung des „Unternehmens Margarethe“ keine Kämpfe führen mussten. Die Mehrheit der Bevölkerung war den deutschen Divisionen gegenüber nicht feindlich gesinnt, das ungarische Offizierkorps hoffte, die Sache halbwegs schadlos und schnell überstehen zu können; hier gab es allerdings auch bekennende Anhänger der Nazis, die die Besatzung begrüßten. Weiterhin war – was bis heute in Ungarn ein unbeliebtes Thema ist – die Bevölkerung nebst Behörden und Staatsbahn, maßgeblich verantwortlich für die Deportationen ab April 1944 in die deutschen Vernichtungslager. An der Rolle Ungarns gibt es daher gewiss nichts zu beschönigen.

Man kann jedoch auch die historische Tatsache nicht unter den Tisch fallen lassen, dass Adolf Hitler über den Kurs des ungarischen Reichsverwesers Miklós Horthy in mehreren Punkten ungehalten war. Zum einen ließ Ungarn vor 1944 keine Juden aus Ungarn deportieren (eine Ausnahme bildet das Massaker von Kamenec-Podolsk im Jahr 1941, dem sog. „fremde Juden“ ohne ungarische Staatsbürgerschaft zum Opfer fielen, die in das vom Deutschen Reich besetzte Gebiet der Sowjetunion deportiert worden waren und von Angehörigen des deutschen Polizeibatallions 320 und SS-Angehörigen ermordet wurden – der für die Deportation verantwortliche Innenminister, Ferenc Keresztes-Fischer, soll von der Nachricht der Ermordung vieler der Deportierten geschockt gewesen sein). Das Land nahm sogar Juden aus den umliegenden, von Deutschland besetzten Gebieten (z.B. Österreich, Polen) auf. Zum anderen versuchte Horthy schon vor 1944, in der Vorahnung, der Krieg sei nicht zu gewinnen, ein Geheimbündnis mit den Westalliierten zu schließen mit dem Ziel, Hitler zum richtigen Zeitpunkt den Rücken zuzuwenden und aus dem Krieg auszusteigen. Von den Geheimplänen Horthys erfuhr Hitler jedoch über den nach Ungarn entsandten späteren Reichsbevollmächtigten Edmund Veesenmayer. Auch Joseph Goebbels bezeichnete Horthy und seinen Ministerpräsidenten Miklós Kállay recht unscharmant als „ausgemachte Schweine“. Es gibt auch Stimmen, die sagen, Horthy und Hitler hätten sich gegenseitig verachtet.

Hitler lockte Horthy wenige Tage vor dem 19. März nach Salzburg, mit dem Ziel, ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen (die Besatzungsdivisionen befanden sich an der ungarischen Grenze) und ihm zum Einlenken bzw. zur Abdankung zu zwingen. Bereits am 12. März hatte Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs den Einmarschbefehl erhalten. Horthy wollte bei dem Gespräch mit Hitler zunächst nicht einlenken und wollte Schloß Kleßheim fluchtartig verlassen, schloss dann aber einen Kompromiss, der dazu führte, dass er weiter im Amt bleiben durfte (vgl. dazu die u.a. Ausführungen von Peter Gosztony in einer Ausgabe der ZEIT vom 18.3.1994).

Horthy war – was er stets bis zu seinem Lebensende betonte – Antisemit, Ungarn hatte unter seiner Führung Judengesetze erlassen, bevor Deutschland dies getan hatte. Juden litten in Ungarn zweifelsfrei auch vor 1944 unter Diskriminierung, waren allerdings – mit o.g. Ausnahme – nicht von Deportationen bedroht; dies führt zu der paradoxen Situation, dass Juden, die dem Tod entkommen waren, dem bekennenden Antisemiten Horthy nach dem Krieg sogar Dankbarkeit zum Ausdruck brachten (wovon in deutschen Publikationen praktisch nie zu lesen ist) – so ist sein Name auch auf einer Gedenktafel in Polen verzeichnet. Horthy verachtete zwar die Juden, äußerte aber auch ihre Bedeutung für die Wirtschaft und „dass er sie doch nicht alle umbringen könne“ (dies gegenüber Reichsaußenminister Ribbentrop).

Der (wenn auch ohne Gegenwehr erfolgte) Einmarsch der Wehrmacht im März 1944 stellte, was die Deportationen und den Handlungsspielraum Horthys anging, eine gravierende Zäsur dar. Einerseits unternahm Horthy nach seiner RÜckkehr aus Kleßheim nichts gegen die Deportationen der Landbevölkerung und trug damit Verantwortung für den Staatsapparat, den er unter sich hatte, und der sich an den Deportationen aktiv beteiligte bzw. die Vorgaben der Deutschan sogar übererfüllte (sodass die Konzentrationslager zeitweilig vollkommen überlastet waren). Auf der anderen Seite widersprach er, auch um den Preis, damit weiter in „Ungnade“ beim Deutschen Reich zu fallen, im Juli 1944 die Deportationen und bewahrte so einen Großteil der jüdischen Bevölkerung in Budapest vor der Deportation; nach seiner Absetzung im Oktober 1944 und Installation der Pfeilkreuzler-Regierung unter Ferenc Szálasi erreichte das dortige Morden seinen Höhepunkt. Die Person Horthy ist, ebenso wie die Rolle Ungarns im 2. Weltkrieg, somit eine sehr widersprüchliche.

Dass Ungarn nicht von der Wehrmacht besetzt war, geht aber in Anbetracht der anschließenden Ereignisse zweifellos an der Sache vorbei.

Ungarn wollte zwar, schon relativ früh im Krieg, durch die Kooperation mit dem Deutschen Reich seine Revisionsforderung gegenüber den Nachbarländern verwirklichen (Ungarn verlor im „Frieden von Trianon“ im Jahr 1920 2/3 seines Staatsgebietes an die Entente-Mächte, was die ) und erzielte insoweit auch – wenn man so will – „Erfolge“ in Form des Zweiten Wiener Schiedsspruchs (aus rumänischer Sicht: „Wiener Diktat“). Unter den Verbündeten Hitler-Deutschlands brach insoweit ein „Wettrennen“ um die Gunst des Führers aus, da etwa Rumänien und Ungarn beide auf Seiten des Deutschen Reiches Krieg führten. Ungarn versuchte hier, die Gebietsgewinne nicht wieder zu verlieren – und schickte an der Seite Hitlerdeutschlands 1943 mehrere hunderttausend Ungarn – darunter auch jüdische Zwangsarbeiter – am Don in den Tod (bekannt als „ungarisches Stalingrad“).

Allerdings war das „Unternehmen Margarete“ Folge der Hitler missfallenden Haltung Ungarns bei der Judenvernichtung und dessen Bestrebungen nach einem Geheimbündnis mit den Westalliierten.Das Deutsche Reich konnte es sich nicht leisten, Ungarn im Hinblick auf die nach Westen vorrückende Rote Armee zu verlieren, ferner hatte Deutschland es auf die Rohstoffvorkommen in Ungarn abgesehen.

Man sollte versuchen, die Rolle der damals Handelnden – u.a. Kállay und Horthy – unter den politischen Vorzeichen der Zeit zu sehen. Dass sie falsch handelten, steht fest, dass sich Ungarn am Holocaust aktiv beteiligte, ist unentschuldbar, ebenso wie der heutige Versuch, Ungarn als reines Opfer der Geschehnisse darzustellen, scheitern muss. Es kann dennoch nicht die Lösung sein, das Gewissen gerade der deutschen Leser dadurch erleichtern zu wollen, indem man die Besatzung als solche ausblendet und versucht, die Handlungen Ungarns ohne diese Zäsur und ohne die von Deutschland aktiv vorangetriebene Judenvernichtung zu bewerten. Man darf so weit gehen und sagen: Ohne die deutsche Besatzung hätte es wohl auch nach dem 19. März 1944 keine Massendeportationen gegeben – waren sie doch der Startschuss für jene sich aktiv beteiligenden Ungarn, sich straflos am Vermögen seiner jüdischen Mitbürger schamlos bereichern zu können. Insofern würde auch die sachlich-kritische Bewertung Horthys und das Auffinden des einen oder anderen gar vorsichtig positiven Aspektes seine Gesamthaltung ebensowenig entschuldigen wie die eines Großteils seiner Landsleute, darunter auch aktive Politiker, die das jüdische Vermögen zur Sanierung der ungarischen Volkswirtschaft verwerten wollten. Man täte gut daran, sich von der bis 1989 tragenden Staatsdoktrin des unschuldigen ungarischen Volkes zu lösen und die Aufarbeitung aktiv voran zu treiben. Aber auch den Versuch, die Person Horthy auf einen Verbündeten Hitlers zu reduzieren und den Eindruck zuzulassen, er habe vielleicht gar Deportationsbefehle unterzeichnet, führt in die Irre.

Erst wenn beide Seiten der politischen Auseinandersetzung – ein wahrer Kampf um die Deutungshoheit über die Vergangenheit – beginnen, die Argumente der anderen Seite zu Ende zu hören, werden trotzige Denkmalserrichtungen zu Ehren Horthys ebenso überflüssig sein wie versuche, Horthy als den ungarischen Hitler zu verzerren.

Was das an den 19.3.1944 erinnernde Denkmal angeht: Es lässt Deutungen zu, die man in einer auf Wahrheitserforschung gerichteten Debatte besser nicht zulassen sollte.

Der Beitrag von Peter Gosztony zum Unternehmen Margarethe aus der ZEIT, erschienen im Jahr 1994, kann hier als Ergänzungslektüre zu dem von aktueller Tagespolitik bestimmten Zwischenruf Kahlweits empfohlen werden:

http://www.zeit.de/1994/12/unternehmen-margarethe

Holocaust-Gedenkjahr: Ágnes Heller spricht von „Leichenfledderei“

Die ungarische Philosophin Ágnes Heller beginnt das (ungarische Wahl-) Jahr 2014 mit einem wuchtigen Zwischenruf.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17978

Aus Anlass des Gedenkjahres an die ungarischen Opfer des Holocaust findet sie in der Jüdischen Allgemeinen Worte, die einen an den Neujahrsgruß des Pianisten András Schiff zum Anlass der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Ungarn im Jahr 2011 erinnern – der hatte es seinerzeit allerdings noch in die Washington Post geschafft.

Heller findet, dass Ungarns Ministerpräsident „in autokratischer Manier“ die Medien des Landes kontrolliere, „Hass auf Minderheiten schürt“ und „zunehmend die Gewaltenteilung abschafft“. „Offen und unverschämt“ flirteten er und Fidesz „mit den Judenhassern von Jobbik“. Die wenig klandestine Botschaft dürfte jeder Leser sofort verstanden haben: Orbán muss – wenigstens ein verkappter – Antisemit sein, etwas, was Heller an anderer Stelle, insbesondere in Ungarn, immer wieder verneint hat. Aber im Wahljahr scheinen viele Mittel Recht.

Nach Hellers Auffassung habe Orbán „dieser schlimmen Geschichte“ nun ein Kapitel hinzugefügt, das an „Zynismus nicht zu überbieten“ sei. Und was ist es, was diese Einordnung verdient? Wahrhaft empörendes, inakzeptables ist geschehen: Orbáns Regierung hat tatsächlich gewagt, heuer, wenn sich die Ermordung der ungarischen Juden in den Konzentrationslagern der Nazis, die erst durch tatkräftige Unterstützung ungarischer Behörden, der Staatsbahn und Teilen der Bevölkerung möglich wurde, zum 70. Male jährt, dieses Grauens zu gedenken. Wohlgemerkt mit einem Schwerpunkt in der Wissensvermittlung in den Schulen.

Dass die Orbán-Gegner dieses Bemühen postwendend mit Skepsis aufnahmen, wäre in Anbetracht der Widersprüchlichkeit der Politik der Regierung in Bezug auf die historische Aufarbeitung und eine oft unklare bis diskussionswürdige Haltung im Bezug auf die Lage der Minderheiten und die gegen sie gerichteten Ausgrenzungstendenzen in Teilen der ungarischen Gesellschaft noch verständlich. Wer um die Stimmen auch des rechten Randes buhlt, scheint natürlich nicht a priori für diese Arbeit prädestiniert. Es gilt eben abzuwarten, welche Zeichen die Regierung setzt.

Was jedoch überrascht, ist die hektische Eile, in der Heller und andere Regierungsgegner versuchen, die geplanten Aktivitäten der Regierung zu diffamieren, bevor sie überhaupt sichtbar werden. Sie sind nicht bereit, die Veranstaltungen und die dort zu Tage tretenden Botschaften abzuwarten und dann einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Nein: Sie drehen sich angewidert weg, geben der Regierung keine Chance. Die ehemalige Marxistin Heller, deren Standing als ungarische Stimme im Ausland ungleich größer zu sein scheint als ihr Gewicht in Ungarn, findet freilich noch passende Worte der Empörung für das deutschsprachige Publikum. Wie zuvor in einer – im negativen Sinne – denkwürdigen Veranstaltung bei den europäischen Grünen, bei der Hellers Erinnerungsfähigkeit und Redlichkeit im Bezug auf die Polizeigewalt gegen Demonstranten im Jahr 2006 („auf niemanden wurde geschossen, niemand wurde gequält“) auf die Probe gestellt wurde..und durchfiel. Oder einem ebenso denkwürdigen Interview für das schwedische Fernsehen Ende 2013, in dem die Regierung zum unzähligsten Mal in die Nähe einer Diktatur gerückt wurde.

Dass Heller ihre aktive Teilnahme am Wahlkampf – die ihr gutes Recht ist – mit der Behauptung eröffnet, die Regierung Orbán übe sich in Zynismus, mehr noch: sie betreibe gar „Leichenfledderei“ an den jüdischen Opfern der Schoa, ist nicht nur selten geschmacklos, sondern ein erschreckendes Menetekel dessen, was bis zu den Parlamentswahlen (voraussichtlich) im April 2014 zu erwarten ist. Dass der Begriff den Tiefpunkt dessen darstellen dürfte, was die nicht gerade kritikscheue Heller in der politischen Auseinandersetzung bislang von sich gab, belegt wohl nicht nur ehrliche Sorge um die ungarische Demokratie, sondern insbesondere ein erhebliches Ausmaß persönlicher Antipathie und den Willen, zu Gunsten einer schwächelnden Opposition, der es vor allem an wählbaren Alternativangeboten fehlt, in das Geschehen einzugreifen. Natürlich können weder ihre Stimme, noch die Zeilen des György Konrád oder die Klavierklänge von András Schiff das Fehlen von politischen Inhalten vergessen machen. Alle drei kämpfen für das große Nichts, etwas, das die Wähler ausweislich aktueller Umfragen durchaus begriffen haben. Die Regierung führt weit gegenüber einer in sich gespaltenen Opposition. Und mit der (überspitzt gesagt) Faschismuskeule lassen sich 2014 keine Wahlen mehr gewinnen, insbesondere dann nicht, wenn sie sich fortwährend gegen Fidesz, und nicht den insoweit richtigen Gegner Jobbik richtet.

Wofür Heller eintritt, erfahren die wenigsten. Sie definiert sich augenscheinlich mehr und mehr über die Ablehnung Orbáns (dessen Regierung ihr persönlich diese Haltung auch nicht schwer gemacht hat), eine Eigenschaft, die in der gesamten Linksopposition tief verwurzelt ist. Ob das, über den Umweg ausländischer Publikationen, die Wahlen entscheiden wird? Zweifel sind berechtigt. Aber warten wir ab.

Eines sollte bei den starken Worten Hellers nicht vergessen werden: Es war die erste Regierung Orbán, die im Jahr 2000 den ungarischen Holocaust-Gedenktag einführte. Und es war der stellvertretende Ministerpräsident Tibor Navracsics, der im Herbst 2013 erstmals im Namen einer ungarischen Regierung die aktive Rolle und Mitverantwortung des Landes, seiner Institutionen und Bürger an der Ermordung der ungarischen Juden einräumte – etwas, was die Gegner der In Ungarn weit verbreiteten Geschichtsklitterung im Bezug auf den Reichsverweser und Hitler-Verbündeten Miklós Horthy schon lange forderten, aber dann mit keinem Wort der Anerkennung quittierten. Das Wallenberg-Gedenkjahr diente ebenfalls zur Kritik, weniger zum Lob, warum auch immer – sogar der ehemalige Außenminister Géza Jeszenzsky bekam das zu spüren. Und es gibt weitere positive Zeichen, etwa im Bereich der Entschädigung. Man kann also, trotz aller berechtigter Kritik an der Regierung Orbán und ihrer oft widersprüchlichen, ja auch falschen Signale im Bezug auf die historische Aufarbeitung, mit Fug und Recht behaupten, dass sie (unter Einbeziehung der Jahre 1998-2002) mehr Zeichen des Gedenkens in Richtung der ungarischen Holocaustopfer gesetzt hat, als jede andere Regierung seit 1949, sei sie auch noch so „antifaschistisch“ geprägt gewesen. Diejenigen, die das Monopol glaubwürdiger Abkehr von rechtsradikalem Gedankengut für sich beanspruchen, zeigen sich in Regierungsverantwortung seit je her vornehm zurückhaltend, und haben hierbei die überraschende Zustimmung der Ágnes Heller.

Sie, die zwar kritisiert, dass Fidesz ihrer Ansicht nach mit Jobbik flirte, hat offenbar kein gesteigertes Problem damit, wenn Rechtsradikale mit Motorrädern zu einer Ausfahrt unter dem Motto „Gib Gas!“ ausrücken und die Holocaust-Opfer am Tag des „Marsches der Lebenden“ in Budapest verhöhnen wollten: Sie kritisierte die Regierung sogar dafür, den Nazi-Aufmarsch untersagt zu haben. Man wähnt sich im falschen Film: die Forderung nach Versammlungsfreiheit für Antisemiten aus demselben berufenen Mund, der die Gedenkveranstaltungen der Regierung als Zynismus verleumdet…nur in Ungarn geht das zusammen.

Nein, Frau Heller: Es ist zynisch, den Antisemitismus als Wahlkampfargument zu jeder noch so unpassenden Gelegenheit gegen die Regierung ins Feld zu führen. Und selbst wenn man annähme, dass Ihre Einwände gegen die Geschichts- und sonstige Politik des Fidesz in Teilen einen wahren Kern haben, so sind Sie in Ihrer Argumentationslinie kein Deut besser als jene, deren Handeln Sie verteufeln. Wenn Sie meinen, dort nutze man die Opfer des Holocaust, so müssen Sie sich fragen lassen, was Sie hier eigentlich tun. Und mit Ihnen die gesamte politische „Linke“, die – in fragwürdiger Fortsetzung realsozialistischer Traditionen – den Antifaschismus als leeren Werbespruch nutzt, um Angst vor den Rechtskonservativen zu schüren. Im übrigen aber keine Taten zu dessen Bekämpfung sehen lässt. Heller muss sich, ebenso wie Schiff und Konrád, nach alldem fragen lassen: Warum erheben Sie Ihre Stimme gegen Antisemitismus in Ungarn nur in Zeiten der Fidesz-Regierungen?

Die Tatsache, dass der 70. Jahrestag des ungarischen Holocaust mit dem Wahljahr 2014 zusammenfällt, wird man wohl kaum Viktor Orbán anlasten können. Man sollte abwarten, was die Veranstaltungen bieten. Und dann seine Fragen stellen.

Welt: Boris Kálnoky über den Selbstfindungsprozess des ehemaligen Antisemiten und Jobbik-Politikers Csanád Szegedi

Die Welt am Sonntag bringt heute einen langen Beitrag von Boris Kálnoky über die Wandlung und Selbstfindung des Csanád Szegedi, der ehemaligen Nr. 2 der rechtsextremen Partei Jobbik – der plötzlich mit seinen jüdischen Wurzeln konfrontiert wurde.

Wie Szegedi damit umging, wie er zum Antisemiten und Rassisten wurde: Kálnoky versucht, diesen spannenden Fragen nachzugehen.

http://www.welt.de/politik/ausland/article121038974/Warum-ein-Judenhasser-zum-Judentum-konvertiert.html

„Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa“: Rede von Vize-Ministerpräsident Tibor Navracsics

Der stellvertretende ungarische Ministerpräsident Tibor Navracsics sprach (in Vertretung des wegen einer Operation abwesenden Premiers Viktor Orbán) als Eröffnungsredner auf der in Budapest abgehaltenen Konferenz „Jüdisches Leben und Antisemitismus im heutigen Europa„. Die Rede, die trotz der gesteigerten Aufmerksamkeit in der internationalen Presse im Bezug auf das Phänomen des Antisemitismus in Ungarn bislang überraschender Weise fast keine Aufmerksamkeit erregte (keine deutsche Publikation berichtete), gebe ich nachfolgend ins Deutsche übersetzt wieder:

Sehr geehrte Anette und Cathrine Lantos,
sehr geehrter Herr Lapid,
verehrte Damen und Herren,

Ungarn ist die Republik der anständigen Menschen. Eine Gemeinschaft, in der wohlwollende Menschen für gemeinsame Ziele arbeiten. So jedenfalls würden wir es gerne im Jahre 2013 sehen. Die Frage ist, ob diese These den Tatsachen entspricht, ob wir vom heutigen Ungarn wirklich sagen können, dass es die Republik der anständigen Menschen ist, in der wir alle, unabhängig von unserer Weltanschauung, Rasse, Religion und unserem Geschlecht, die Themen der Welt diskutieren, miteinander streiten, unsere Sichtweisen gegenüberstellen, manchmal auch wütend miteinander zoffen können, aber stets mit dem Ziel, Ungarn zu einem besseren Platz in der Welt zu machen. Zu einem besseren Platz für alle. Alle, die Bürger Ungarns sind, sich als solche fühlen, oder aber Menschen, die gerne in Ungarn leben möchten, aber Bürger eines anderen Landes sind.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin Vertreter einer Generation – geboren 1966 -, die die Zeit des Holocaust nicht selbst erlebte. Meine Altersgenossen und ich wurden 20 Jahre Jahre nach 1945 geboren, eine Generation trennte uns vom Holocaust und einem Kapitel in der Politik Mittelosteuropas, die in rationalen, kühlen und wissenschaftlichen Kategorien nicht beschrieben werden kann. Wir konnten höchstens Zahlen, statistische Daten und manche Details zum System kennenlernen, aber nur die Literatur veranschaulichte den Wahnsinn. Sie beschrieb uns, was es bedeutet, wenn der menschliche Geist die gesellschaftlichen Regeln, den gesunden Menschenverstand und die alltägliche Vernunft über den Haufen wirft, um dann in einem selbstzerstörerischen Amoklauf zu münden. Und was es bedeutet, wenn ein Staat sich gegen die eigenen Bürger wendet, und Entscheidungen trifft, die zur Folge haben, dass brave Bürger aus der Gesellschaft ausgegrenzt, und dann der Vernichtung – zuerst seelisch, dann körperlich – preisgegeben werden.

Wer ungefähr so alt ist wie ich, der weiß wohl, dass die seinerzeit verwendeten ungarischen Geschichtsbücher nicht gerade breit über die positiven Aspekte des ungarisch-jüdischen Zusammenlebens berichteten. Es wurde eher geschwiegen. Zwar kamen das Schicksal und die Standpunkte des ungarischen Judentums hier und da zum Vorschein, etwa bei der jüdischen Emanzipation, der Einführung der bürgerlichen Ehe und dem Holocaust. Die Zeit davor und danach spielte aber keine Rolle. Wir lernten nicht aus den Geschichtsbüchern, dass Ungarn seit Anbeginn eine multinationale und multikulturelle Gemeinschaft war, in der neben Slawen, Rumänen und Deutschstämmigen auch Juden lebten, das Gemeinwohl mehrten, ihren Teil zu unserer gemeinsamen Kultur beitrugen und das Leben unserer Vorfahren lebenswerter machten. Wir konnten das nur aus persönlichen Erlebnissen lernen. Ich erinnere mich etwa daran, dass mein Vater, der in Balatonberény aufwuchs, mir erzählte, dass ein Junge mit ihm in die Klasse ging, dessen Vater, ein Mann namens Braun, den örtlichen Laden besaß. Der Junge kam eines Tages nicht mehr in die Schule. Der Laden war geschlossen, die Familie Braun ward nie mehr gesehen. Auf die Frage, was mit ihnen geschehen sei, kam nur nervöses Schweigen und die Worte, das solle man besser nicht fragen, die Brauns seien bestimmt weggezogen. Als wir dann im Jahre 1979 einen Familienausflug nach Polen unternahmen und auch das Konzentrationslager Auschwitz besuchten, fanden wir unter den Namen der ungarischen Opfer die gesamte Familie Braun. Das war meine Begegnung mit dem Holocaust.

Nach 1990 gab es dann plötzlich einen Zeitpunkt, in dem wir uns mit der Verantwortung des ungarischen Staates auseinandersetzen konnten, schließlich durfte man auf einmal darüber sprechen, darüber diskutieren. Das Erlebnis war jedoch wie eine Überdosis. Denn wir hatten nicht gelernt, dass der ungarische Staat für den Holocaust verantwortlich war. Man hatte uns beigebracht, dass es „die Horthy-Faschisten“ gewesen seien, eine abgegrenzte Sorte Mensch, mit der wir uns nicht mehr zu befassen brauchten, denn diese Phase habe mit dem Sieg der Kommunisten im Jahr 1945 geendet. Ungarn sei über all das hinweg. Im Jahr 1990 erfuhren wir dann plötzlich, dass das alles nicht stimmte. Wir erfuhren, dass jener ungarische Staat, der die Institutionen betrieben hatte, sich gegen seine eigenen Bürger gewendet und sogar zu deren Vernichtung beigetragen hatte.

Minister Lapid sagte, er wolle nicht unhöflich dem Hausherrn gegenüber sein, aber er müsse aussprechen, dass auch die Ungarn für den Holocaust verantwortlich seien. Ich sage Ihnen als Hausherr, dass Sie nicht unhöflich waren. Wir wissen, dass wir für den Holocaust verantwortlich sind. Und wir wissen auch, dass ungarische staatliche Einrichtungen mitverantwortlich waren. Mir als Verwaltungs- und Justizminister würde es leicht fallen, die Verantwortung abzuschieben in der gleichen Weise, wie man uns in den 70ern und 80ern beibrachte, die Verantwortung abzuschieben: Mit Worten wie „das waren wir nicht, das waren andere, wir brauchen uns damit nicht zu befassen“. Doch, das müssen wir. Denn wir wissen, auch wenn meine Familie  – dem Himmel sei Dank! – nicht selbst betroffen war, dass es Ungarn waren, die die Taten begangen. Und Ungarn, die darunter litten. Ungarn haben geschossen, und Ungarn sind gestorben. Und mit dieser Verantwortung müssen wir uns befassen, hier in Ungarn, in ganz Mittelosteuropa. Wir müssen die Symbole der Erinnerung und die Spuren suchen, ebenso wie die Überlebenden, denen gegenüber wir vielleicht ein wenig die Versäumnisse der Vergangenheit wieder gut machen können. Vielleicht können wir wenigstens dafür sorgen, dass die Erinnerung bleibt. Nicht einmal das geht so einfach. Ich kann Ihnen zwar darüber berichten, dass wir – und damit meine ich Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Regierungen gleichermaßen – Einiges dafür getan haben, dass die Opfer des Holocaust eine finanzielle Entschädigung bekommen. Und dass die Symbole des ungarischen Judentums wieder öffentlich wahrgenommen werden können. Zugleich ist uns bewusst, dass es an Vielem fehlt.

Sie wissen sicher, dass wir in Ungarn seit dem Jahr 2000 am 16. April einen eigenen ungarischen Holocaust-Gedenktag begehen (zusätzlich zum europäischen). Im Jahr 1999 entschieden wir, dass wir ein Holocaust-Gedenkzentrum schaffen wollten, dieses wurde im Jahr 2004 in der Synagoge in der Pávastraße eingeweiht. 2002 wurde das „Haus des Terrors“ eröffnet, um den Besuchern die schlimmsten Episoden der ungarischen Geschichte näher zu bringen. Darüber hinaus haben wir versucht, die Zeichen jüdischer Kultur vor Ort wiederzubeleben: Im Jahr 2000 wurde die Synagoge in Jánoshalma renoviert, im gleichen Jahr wurde die Jüdische Sammlung in Balassagyarmat der Öffentlichkeit übergeben, 2002 folgte die Synagoge von Makó. 2012 wirkten wir an der Organisation des Wallenberg-Gedenkjahres mit, und mit Wirkung vom 1. Januar 2013 wurde die Zusatzrente für Holocaustüberlebende um 50 Prozent erhöht. Wir versuchen, in Kenntnis unserer Verantwortung, uns die Erinnerung und die Überlebenden zu erhalten.

Die Symbole der Erinnerung können natürlich nur erhalten werden, wo es sie noch gibt. Denn während wir in Budapest den aus- und inländischen Touristen stolz die Tradition des ungarischen Judentums zeigen können, gibt es auch Städte, in denen es keine Spuren mehr davon gibt. In meiner Heimatstadt Veszprém haben die Kommunisten aus der Synagoge das Gebäude der Führung der staatlichen Kohlebergwerke gemacht, sie lösten die jüdische Schule auf, ebenso geschah es mit dem ohnehin winzigen jüdischen Viertel. Sie löschten die Erinnerung an das Veszprémer Judentum aus, obwohl aus dieser Stadt große Menschen wie Oberrabbiner Professor Armin Hofer und der noch heute unter uns weilende József Schweitzer, dem ich lange Gesundheit wünsche, abstammen. Allerdings ist es nicht leicht, die Spuren offen zu legen. Die Überlebenden werden weniger, ein Teil der Denkmäler wurde vernichtet. Daher ist EIle bei der Aufarbeitung der Vergangenheit geboten.

Ungarn ist die Republik der anständigen Menschen, so jedenfalls möchten wir es sehen.  Und ich würde mich freuen, wenn auch Sie diese Sichtweise im Alltag teilen könnten. Aber leider wissen wir, dass es nicht immer so ist. Denn leider kann man von Ungarn ebensowenig wie von irgend einem anderen Land sagen, dass dort nur anständige Menschen leben. Es gibt immer welche, die vom Hass leben. Entweder, weil sie den Hass zum Leben brauchen, oder weil sie gute Geschäftschancen darin sehen, ihre Existenz oder Politik darauf aufbauen. Aus diesem Grund dürfen wir bei unseren Bemühungen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, auch die Gegenwart nicht vernachlässigen. Das Recht spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, die demokratischen Spielregeln aufzustellen, d.h. bei der Beantwortung der Frage, was man zulassen darf und was nicht. Die anwesenden Abgeordneten wissen genau, welch heftige Auseinandersetzungen wir in der Vergangenheit zu der Frage geführt haben, wie die Grenzen der Demokratie zu ziehen sind, die Grenze zwischen dem Hinnehmbaren und dem Inakzeptablen. Zwischen Redefreiheit und Aufstachelung zum Hass. Ist die Lösung einmal gefunden, scheint es einfach, doch die davor liegende Diskussion ist schwer und voller Dilemmas. George Bernhard Shaw sagte, er möge Diskussionen nicht, weil er am Ende immer darauf komme, dass er im Unrecht sei. Ähnlich ist es in parlamentarischen Debatten, wenn man selbst mit einer schier unerschütterbaren Position beginnt und erst durch die Gegenüberstellung der Meinungen erfährt, auf welch wackligem Fundament diese gebaut ist; so war es etwa bei der Regelung der Grenzen der Redefreiheit und der parlamentarischen Freiheit der Meinungsäußerung. Wie Sie wissen, hat das ungarische Parlament in den vergangenen Jahren leider mehr als einmal bewiesen, wie schwer es ist, die Grenze zwischen Redefreiheit im Parlament und der Hassrede zu ziehen. Márton Gyöngyösis Äußerungen etwa, die viel vom Ruf der ungarischen Demokratie zerstörten und als deren Konsequenz wir gezwungen waren, die Geschäftsordnung des Hohen Hauses strenger zu gestalten. Nennen wir das Kind beim Namen: Wir mussten die parlamentarische Redefreiheit beschränken, mit dem Ziel, zu verhindern, dass man im Parlament zu Hass anstacheln kann. Ich sage das wieder in Richtung von Minister Lapid: Wir haben aus der Vergangenheit gelernt und wissen, was bei uns geschah. Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Diese Demokratie verteidigt sich selbst. Sich selbst und ihre Bürger, und zwar vor denen, die Hass sähen. Mit Hilfe des Rechts, durch gesetzliche Ahndung der Hassrede, oder durch die Möglichkeit, als Mitglied einer gesellschaftlichen Gruppierung gegen beleidigende Äußerungen vorzugehen, wollen wir erreichen, dass sich jedermann in Ungarn sicher fühlt. 

Ungarn ist die Republik der anständigen Menschen, jedenfalls möchten wir, dass es so ist. Um diesen Traum zu verwirklichen, müssen wir sehr viel für die Zuknft tun. Was wir für die Kinder von heute tun, kommt dem Ungarn von Morgen zu Gute, ganz egal ob es sich um Magyaren, Kroaten, Serben, Juden, Zigeuner, Rumänen, Deutsche oder eine andere anerkannte nationale Minderheit handelt, die hier lebt, deren Verwandte hier leben, die hier leben möchte oder auch nur mit diesem Land sypathisiert. Und weil wir unserer Verantwortung bewusst sind, haben wir entschieden, dass das Jahr 2014 in Ungarn das Jahr des Holocaust-Gedenkens sein wird. Und weil wir auch wissen, dass wir dieser Verantwortung im Lichte der Zukunft gerecht werden müssen, fiel die Entscheidung, die Bildung in das Zentrum des Holocaust-Gedenkjahres zu stellen. Denn was man uns nicht beigebracht hat, müssen wenigstens wir unseren Kindern beibringen. Wir müssen unseren Kindern nicht nur die Verantwortung Ungarns für den Holocaust vermitteln, sondern auch die Ergebnisse des jahrhundertelangen friedlichen ungarischen-jüdischen Miteinanders. Denn ich glaube, unsere gemeinsame Geschichte ist vom Grunde her positiv. Diese Gemeinschaft war über Jahrhunderte hinweg die stärkste in ganz Mitteleuropa. Sie brachte in Ungarn und den heute außerhalb Ungarns liegenden Städten kulturell, wirtschaftlich und in allen Bereichen des Lebens Reichtum, Fortschritt und derart positive Zeichen des Zusammenlebens mit sich, dass es sich lohnt, dies unseren Kindern aufzuzeigen. All das, um sicher zu stellen, dass die Grauen der Vergangenheit sich nicht wiederholen. Damit die heutigen Hassredner keinen Nachschub mehr bekommen können. Und das Ungarn der Zukunft wirklich die Republik der anständigen Menschen werde.

Sehr geehrte Damen und Herren, in der heutigen ungarischen Politik gibt es zweifellos Menschen und politische Gruppen, die der Auffassung sind, Ungarns Platz könne im Lager des Hasses sein. Wir gehören nicht zu denen. Wir gehören zu jenen, die überzeugt sind, dass Ungarn nur dann eine Zukunft hat, wenn alle seine Bürger, und deren Verwandte, Bekannte, Freunde, auch Ungarns Freunde, sich hier wohlfühlen und in Sicherheit wähnen. Wir können es nicht zulassen, dass man, egal, auf welcher Grundlage, unsere Bürger ungleich behandelt. Vor allem dürfen wir es, in Kenntnis unserer Vergangenheit, nicht zulassen, dass der Antisemitismus zunimmt. Wenn es sein muss, müssen wir die rechtlichen Mittel verschärfen. So lange es geht, haben wir  politische Mitteln zu nutzen. Damit Ungarn wirklich die Republik der anständigen Menschen werde.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. „

Trianon und die ungarischen Juden: Beitrag in der jüdischen Kulturzeitung „Szombat“

Ein lesenswerter Beitrag in der jüdischen Kulturzeitschrift Szombat beleuchtet die Frage, ob die ungarischen Juden trotz der Ausnutzung des „Trianon-Traumas“ durch rechtsextreme Kreise versuchen könnten, die Verletzungen und den Schmerz der ungarischen Nation zu verstehen, deren Teil das ungarische Judentum ist.

Der Autor, Gábor Szántó, kommt zu folgendem Schluss:

Wenn wir einmal tief Luft holten und für einen Moment ruhig würden, wären wir in der Lage, hinter den vorurteilsbehafteten, hasserfüllten Stimmen, denen Trianon als Vorwand der Ausgrenzung dient, den stillen Schmerz der ungarischen Nation wahrzunehmen, den wir, die ungarischen Juden, als verständnisvolle, sensible und solidarische Gemeinschaft, auch als den unseren empfinden könnten.

(„Ha mély lélegzetet veszünk, és egy pillanatra elcsöndesedünk, átélhetjük a Trianon ürügyén kirekesztő, előítéletes és gyűlölködő hangokon túl a magyar nemzet csendes fájdalmát, melyet értő, érző és szolidáris közösségként, mi, magyar zsidók is magunkénak tudunk érezni.“)

http://www.szombat.org/politika/trianon-es-a-magyar-zsidok

Boris Kálnoky in der WELT: Der ungarische Kampf gegen die Fessel des Rassismus

Boris Kálnokys neuester Beitrag in der WELT befasst sich mit Antisemitismus in Ungarn.

http://www.welt.de/politik/ausland/article109156115/Der-ungarische-Kampf-gegen-die-Fessel-des-Rassismus.html

Ich freue mich auf Anmerkungen der Leserinnen und Leser.