Oberster MSZP-Funktionär in Budapest: Bemerkenswerte Geschichtskenntnisse

Csaba Horváth, ehemaliger OB-Kandidat in Budapest und oberster Funktionär der Ungarischen Sozialisten in der Hauptstadt, hat der oppositionsnahen Tageszeitung Népszabadság ein Interview gegeben.

Gábor Török, Politanalyst, zitiert eine bemerkenswerte Passage auf Facebook:

Ma lesz 94 éve annak, hogy az első köztársaságot kikiáltották, és azóta két olyan személy volt a történelemben, aki a demokrácia ellensége volt: Horthy Miklós és legújabban Orbán Viktor.“

Am heutigen Tage jährt sich zum 94. Mal der Tag, an dem erstmals die Republik ausgerufen wurde, und seitdem gab es zwei Personen in der Geschichte, die Feinde der Demokratie waren: Nikolaus von Horthy und neuerdings Viktor Orbán.“

Die historische Amnesie der MSZP-Funktionäre scheint mehrere Herrschaften ausgeblendet zu haben: Mátyás Rákosi, Stalins besten Schüler, und János Kádár. Und sogar Ferenc Szálasi. Vielleicht handelt es sich ja bei diesen nach MSZP-Lesart um aufrechte Demokraten. Was seine Aussage gegenüber der Magyar Nemzet zu bestätigen scheint: „Wir befassen uns nicht mit kommunistischen Führern, auch nicht mit Stalin oder Tolbuchin, wenn wir über Feinde der Demokratie sprechen.“

Sobald das vollständige Interview verfügbar ist, stelle ich es als Link zur Verfügung.

„Und als aktuellen Begleitgesang gab der MSZP-Vorsitzende Attila Mesterházy der italienischen Tageszeitung l´Unitá zu Protokoll, dass Ungarn zur Diktatur geworden sei („Qui in Ungheria il populismo è diventato dittatura„).

 

Nachtrag vom 17.11.2012:

Horváth hat seine Ergüsse auch auf einer Pressekonferenz der MSZP abgesondert. Hier das Video in seiner vollen Pracht:

 

Nachtrag 20.11.2012:

Und auch wenn man es nicht glauben kann: Es geht noch schlimmer. Er redet sich immer weiter um Kopf und Kragen.

http://atv.hu/videotar/20121119_kimaradtak_a_felsorolasbol_a_kommunista_antidemokratak

Kommentar: Zum Gedenktag für die Opfer des Kommunismus am 25.02.2012

Gemeinsames Andenken in einer zutiefst gespalteten Gesellschaft scheint bisweilen fast unmöglich. Dies vor allem in einem Land wie Ungarn, in der Menschen im Namen der beiden diktatorischen und mörderischen Systeme – Nationalsozialismus und Kommunismus – zahllose Opfer verschuldet und erlitten haben. Dort, wo es kaum eine Familie geben dürfte, in der nicht wenigstens ein Vorfahre von den Verbrechen tangiert gewesen wäre. Ob als Opfer oder Täter. Oder beides. Gerade das scheint die Ursachenforschung, die Erinnerung und die Erkenntnis, dass man nur gemeinsam künftige Totalitarismen verhindern kann, so schwer zu machen.

Der Tag, an dem der Opfer des Kommunismus gedacht wird, ist in Ungarn von besonderer Brisanz. Besondere Vorsicht scheint geboten, was die Wortwahl oder die Art und Weise des Gedenkens anbetrifft. Eine zweigeteilte Gesellschaft – vereinfacht gesprochen ist von einer rechts-links-Spaltung die Rede – wacht mit Argusaugen über „die Anderen“ und verzeiht es nicht, wenn im Rahmen des Gedenkens die Opfer der jeweils anderen Seite relativiert werden. Dieser Verdacht ist jedoch schnell begründet und ebenso schnell offen ausgesprochen.

Kein vernünftig denkender Mensch im demokratischen Spektrum käme auf die Idee, das Leid der Opfer des Nationalsozialismus zu relativieren. Der Umstand, dass der Nationalsozialismus das erste (und hoffentlich auch letzte) System war, welches es fertigbrachte, Menschen aufgrund ihrer Rasse, Volks- oder Religionszugehörigkeit in industriellem Ausmaß zu ermorden – Auschwitz, Treblinka sind auf ewig Namen des Grauens -, ist Grund genug, den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus als einzigartig zu bezeichnen. Nicht das Vergessen, sondern das Gedenken ist unsere Pflicht, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Die junge Generation trägt nicht für die Taten der Vorfahren, aber sehr wohl dafür Verantwortung, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. So ist jedenfalls meine Sicht der Dinge.

Der richtige Ansatz ist aber: Naziverbrechen nicht relativieren, zugleich aber die Taten des Kommunismus nicht bagatellisieren! Nur so ist eine „gesunde“ Erinnerungskultur auf Dauer zu schaffen. Während der Nationalsozialismus – so mein subjektives Gefühl – von der absoluten Mehrheit in Europa in seiner Bedeutung durchaus richtig erkannt wird – scheint das Problem derzeit eher in Tendenzen zu liegen, den Kommunismus in seiner Bedeutung zu verharmlosen. Wer hier allzu offen der Opfer gedenkt und auf die Millionen Toten beider Systeme hinweist, setzt sich mitunter allzu schnell dem Verdacht aus, er sei ein Irredentist und versuche, die Einzigartigkeit der Naziverbrechen in Zweifel zu ziehen.

Hier dürfte auch Umstand, dass sich die Sowjetunion und der sog. Ostblock zumeist friedich transformierten, nicht aber über einen Weltkrieg geschlagen wurden, eine Rolle spielen. Wer einen Krieg verliert, dem widerfährt Zwang: Und auch diesem ist es zu verdanken, dass die Deutschen sich mit ihrer eigenen Geschichte befassen mussten – anders als es heute bisweilen scheint, war die Bereitschaft in der Bevökerung, die eigene Verantwortung freiwillig zu erkennen, nicht sonderlich groß. Fehlt aber, wie im Bezug auf den Kommunismus, dieser Zwang gänzlich, befinden sich die Täter von damals und ihre Sprachrohre bzw. Sympathisanten gar bis heute an den Schaltstellen der Macht und bei den Medien, birgt dies die Gefahr in sich, dass die linken Diktaturen als „schlechter Versuch einer guten Idee“ verharmlost werden. Wer ist schon bereit, seine Rolle vor 1989 ohne jeden äußeren Zwang kritisch  zu hinterfragen?

Wäre es im Mainstream Deutschlands vorstellbar, Taten der Nazis wie den Autobahnbau oder die Familienpolitik als Zeichen der „guten Idee“ des Verbrechensregimes zu nennen, ohne dafür postwendend heftig kritisiert zu werden? Wie der Fall Eva Herman zeigte: Nein. Und das ist auch gut so. Leider fehlt dieser gesunde Reflex bei der Befassung mit dem Kommunismus bis heute: Sendungen im deutschen Fernsehen, in der die DDR auf eine lustige Barcke mit tollen Produkten (z.B. Spreewaldgurken) reduziert wird, in der die Menschen zwar ein wenig in ihren Freiheitsrechten beschränkt waren, aber immerhin Arbeit, Brot und den Schwarzen Kanal hatten, waren vor einigen Jahren keine Seltenheit. Und auch die ungarische Diktatur unter Kádár wird zur „lustigsten Baracke“ verklärt – als sei der Plattensee Garant für ein menschenwürdiges Leben.

Unvergessen auch die Akteure der politischen Linken in Deutschland, die – unter Beifall der entsprechenden Journalisten – bis zuletzt versucht hatten, die DDR als im Grunde sympathischen und reformierbaren demokratischen Staat zu karikieren. Einen, der im Grunde besser war als Westdeutschland. Von diesen Stimmen wird man eine realistische Befassung mit dem Kommunismus kaum erwarten dürfen.

Schlimmer noch als in Deutschland stellt sich die Situation in jenen Ländern Mittel- und Osteuropas dar, in denen die vormalige Elite sich bis heute in großer Zahl an den Schalthebeln der Macht befindet – rechts wie links. Und in dieser Rolle eine gemeinsame Geschichtsaufarbeitung bis heute verhindert. „Erinnerungskultur“ existiert hier nur, wenn es um die eigenen Opfer, die eigenen historischen Rechtfertigungsgründe geht. Das eigene Leid rechtfertigt das Leid der anderen. Muss man sich aber seines Tatbeitrages bewusst werden, so herrscht Bagatellisierung. Das „sympathische Antlitz“ des Sozialismus wird gesehen, nicht aber die bestialische Fratze des Kommunismus. Erst jüngst definierte Oskar Lafontaine den „Kommunismus“ schlicht und einfach als Eigentum der Gemeinschaft an den Produktionsmitteln: eine neue Form scheußlichen Tunnelblicks – wie sehr muss dieser Tunnelblick in Mittelosteuropa verbreitet sein?

Noch vor wenigen Jahrzehnten versuchten Schriftsteller, Redakteure und Journalisten – nicht selten Mitwirkende der 1968er-Generation – ihre damalige Anbetung des Kommunismus oder Maoismus durch verbale Relativierung zu rechtfertigen. Sie geben in Politik und Medien EU-weit bis heute maßgeblich den Ton vor. Wer weiß schon, dass nicht nur der Fußballer Paul Breitner, sondern auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso einst Maoist war? Oder dass der Herausgeber der angeblich so „konservativen“ Tageszeitung WELT im Dunstkreis von Dany „le Rouge“ Cohn-Bendit agierte und für linke Kampfpostillen schrieb? Jeder kann (und wird oft) seine Einstellung ändern. Aber ist dadurch die Bereitschaft, mit seiner Vergangenheit abzuschließen und sich von seinen Positionen frührerer Zeiten zu distanzieren, automatisch groß? Oder verbleibt nicht ein gewissen Drang, sich zu rechtfertigen („Ich war jung, und im Grunde hatten wir Recht und wollten das Gute“)? Wie groß ist etwa die Bereitschaft der Antifa, sich von demjenigen Sozialismus zu distanzieren, der einen oberflächlichen, scheinheiligen und mitunter geschichtsfälschenden Antifaschismus zu seinem Markenzeichen machte, unter dessen Geschichtsbild man heute noch leidet? Von einem Sozialismus, der zwar den Antisemitismus für getilgt erklärte, ihn aber nur unter den Tisch kehrte?

Und es gibt auch die hauptberuflichen Warner. Alarmisten, die jede Bezugnahme auf die Vergleichbarkeit der Ideologien als Relativierung des Holocaust und der Naziverbrechen sehen wollen. Wer etwa betont, dass die ungarischen Stalinistenführer wie Rákosi, Farkas und Gerö jüdischer Herkunft waren, dem wird unverzüglich aufkeimender Antisemitismus und der Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr unterstellt. Und mehr noch: Es wird behauptet, dass derjenige, der Nazismus und Kommunismus vergleiche, den Holocaust relativiere, weil er suggeriere, Juden seien (weil auch sie zu Tätern im Kommunismus wurden) auch nicht besser als Nazis; die Phantasie der Gedankengänge scheint schier unbegrenzt zu sein.

Eine aufrichtige Debatte über die Ursachen dafür, dass Holocaustüberlebende eventuell aus zutiefst verständlichen Rachegefühlen heraus die Arbeit bei der ungarischen Stasi aufnahmen und dabei selbst ein (wenn auch nicht mit dem Holocaust vergleichbare) Verbrechensregime zu ihrem Arbeitgeber machten, kann so natürlich nicht geführt werden. Die Erinnerungskultur ist am Boden. Beinahe jeder Gedenktag kennt Veranstaltungen für die eigene Klientel. Die Verarmlosung der Kommunismus wechselt sich mit der nostalgischen Betrachung der Horthy-Ära ab. Und selbst das Gedenken an 1956 wird nicht gemeinsam begangen.

Sein übriges tat in Ungarn der sog. sanfte Übergang, der letztlich schon sehr früh die Ahndung von Tätern aus politischen Gründen – das Verzeihen, der Großmut waren „en vogue“ – ausschloss. Ein großer Teil der Bevölkerung, deren Vorfahren in den ungarischen Gulag verschleppt worden waren, die als Aristokraten oder Bürgerliche aus ihren Häusern und Wohnungen zwangsweise ausquartiert wurden, die in Arbeitslagern erschossen wurden, verhungerten oder als Klassenfeinde im Gefängnis verrotten mussten, war gezwungen, Tür an Tür mit denjenigen weiter zu leben, die ihre Verwandten oder sie selbst an die Staatssicherheit verraten hatten. Und über ihre Parteizugehörigkeit zu hohen Renten, manchmal gar Doktortiteln gelangten. Eine staatliche Sühne für den ungarischen Kommunismus blieb, ganz anders als bei den Tätern der Naziherrschaft, aus. Bereits hier mussten sich die Opfer des Kommunismus im Stich gelassen und ihr Schicksal als bagatellisiert fühlen; Verschwörungstheorien wie dem angeblichen „Vertrag vom Rozsadomb“ wurde durch den „verhandelten“ Trnsformationsprozess Tür und Torgeöffnet. Das seinerzeit erfundene „Reden wir nicht mehr darüber“ erwies sich als keine gute Basis für Aufarbeitung und Verzeihen.

Wie lange es noch dauern wird, zu einer angemessenen Erinnerungskultur zu gelangen, die sowohl die Kommunistische Ära, als auch die Horthy- und Nazizeit ohne den ideologischen Kampf beleuchtet, ist völlig offen. Beide Seiten müssten sich aufeinander zubewegen und anerkennen, dass die Verbrechenssysteme Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen Millionen Menschen auf dem Gewissen haben und insoweit durchaus vergleichbar sind. Beide Systeme haben Berge von Leichen hinterlassen. Es spielt keine entscheidende Rolle, ob man Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Rasse oder Religion oder aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit verfolgt. Die oben betonte Einzigartigkeit des Holocaust wird durch diese Feststellung nicht in Zweifel gezogen.

Jedoch haben die Opfer sowohl des Nazismus als auch des Kommunismus gleichermaßen Anspruch auf Respekt. Dieser wird gewiss nicht dadurch gezollt, dass ein Schriftsteller wie György Moldova offen ausspricht, Kádár habe viele Menschen „wohl zu Recht“ hängen lassen. Und auch nicht dadurch, dass ein („konservativer“) MDF-Politiker namens Károly Herényi betont, die Opfer des Kommunismus hätten – anders als Juden im Nationalsozialismus – die Möglichkeit gehabt, sich dem staatlich verordneten System anzuschließen, weshalb die Verbrechen nicht vergleichbar seien…

Keine Opfergruppe hat ein Leidens- und Trauermonopol. Das weiß jeder, der Opfer zu beklagen hat.

War Paul Lendvai freiwilliger Informant des Kádár-Regimes?

Eine Vorabmeldung des konservativen Wochenmagazins Heti Válasz berichtet über den österreichisch-ungarischen Journalisten Paul Lendvai. Der Zeitschrift zufolge soll Lendvai, der schon vor 1989 (von Wien aus) stets für den Widerstand gegen die kommunistische Diktatur eingetreten sei, dem kommunistischen Kádár-Regime in Ungarn – aus Wien – als freiwilliger Informant gedient haben. Er habe bei einem 1985-er Gipfeltreffen Oppositioneller unter anderem über systemkritische Schriftsteller wie György Konrád berichtet.

Heti Válasz hat die Veröffentlichung von Dokumenten, die die Beteiligung Lendvais an der Überwachungsmaschinerie der Kádár-Diktatur belegen sollen, für die morgige Ausgabe angekündigt. Auch auf dem Webportal von Inforádió.hu ist ein Bericht in ungarischer Sprache  erschienen: Hiernach soll Lendvai über die Ungarn-Berichterstattung österreichischer Sender Meldung erstattet und 1956 einen „dem Geschmack der Diktatur vollständig entsprechenden Beitrag erstellt haben„.

Paul Lendvai gilt als einer der am meisten respektieren Ungarn-Experten. Er vertritt eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Regierung und hat jüngst ein Buch mit dem Titel „Mein verspieltes Land: Ungarn im Umbruch“ veröffentlicht.

Der vollständige Bericht ist (auf ungarisch) seit 18.11.2010 hier abrufbar:

http://hetivalasz.hu/itthon/dokumentumok-paul-lendvai-kettos-eleterol-33395

Paul Lendvai wurde noch vor dem Erscheinen des Artikels vom liberalen Radiosender Klubrádió interviewt. Er bezeichnete die Vorwürfe als „lächerlich“.

Der Inhalt der Dokumente scheint gleichwohl zu belegen, dass der Journalist gute Kontakte zur Wiener Botschaft der Volksrepublik Ungarn aufrecht erhielt und über ORF-Berichte vorab Meldung erstattete. Unter anderem geht aus einem Dokument hervor, dass Lendvai angeboten hat, einen Bericht zum 30-jährigen Jubiläum des 1956-er Volksaufstands zu fertigen (nach Lesart der VR: „Konterrevolution“), der am 4.11.1986 von Budapest aus gesendet werden sollte (dies war der Tag der Niederschlagung des Aufstands durch die Sowjetunion). Der Bericht sollte sich freilich nicht mit dem Aufstand selbst, sondern mit den „30 Jahren davor“ befassen. Der Botschaftsmitarbeiter Dr. József Bényi: „Der ORF wird solche Mittel einsetzen, die für uns (gemeint ist die Volksrepublik) auch akzeptabel sind.“

Eine Übersetzung der Dokumente folgt, wird aber etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Das historische (Un-)Verständnis der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei und der ewig Gestrigen

Die Aufarbeitung der jüngeren ungarischen Geschichte steckt auch fast 20 Jahre nach der Wende in den Kinderschuhen.

Allerdings ist diese Aussage in der Presse derzeit fast ausschließlich im Zusammenhang mit dem Erstarken einer rechtsradikalen Partei (Jobbik) zu hören. Man weist auf die fehlende historische Aufarbeitung der Horthy-Ära und der Zeit des zweiten Weltkrieges und der Deportationen hunderttausender ungarischer Juden in den Jahren 1944-45 hin. Die Kritik ist berechtigt, in der Tat fehlt eine weitgehend ideologiefreie Aufarbeitung der ungarischen Geschichte der Zeit von 1920-1945. Dies liegt jedoch nicht allein an einer nationalistischen ungarischen Seele, sondern auch daran, dass sich die kommunistische Diktatur als Gegenbewegung zu den „Horthy-Faschisten“ definierte und eine  objektive Aufarbeitung der Zwischenkriegsphase (u.a. Trianon, Béla Kun usw.) selbst verhindert hat.

Geschichte diente der Propaganda. Der sozialistischen Geschichtsscheibung fehlte daher beim Systemwechsel, auch wenn Tatsachen richtig wiedergegeben wurden, die Glaubwürdigkeit. Auch deshalb konnte sich nach 1989 eine ebenso unsägliche „Gegenbewegung“ in Form ungarischer Publikationen ausbilden,  die versuchen, die Geschichte umzuschreiben und die Horthy-Ära in krassem Gegensatz zur „kommunistischen Sichtweise“ aufzuzeigen, d.h. sie in ein bewusst positives Licht zu rücken.

Auf die damit einhergehende Verklärung des ungarischen Geschichtsbildes wird zutreffend hingewiesen, leider aber nur im Zusammenhang mit der ungarischen Rechten. Während die Aufarbeitung der Horthy-Ära jedenfalls im Gange war und man lediglich über die richtige Sichtweise streiten konnte, fehlt es bis heute an einer grundlegenden und von der Politik unterstützten Aufarbeitung der kommunistischen Ära. Die große Zahl von Personen, die ihre Positionen vom alten in das neue System herüberretten konnten, sorgen dafür, dass bis heute keine Öffnung der ungarischen Stasi-Unterlagen stattgefunden hat. Was in der Bundesrepublik Deutschland unmittelbar nach der Wende umgesetzt wurde, ist in Ungarn bis heute tabu. Verfolgte kennen daher weder die Geschichte ihrer Verfolgung, noch die Namen ihrer Verfolger. Die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur wird so erkennbar erschwert.

Hinzu kommt, dass – wie die aktuelle Debatte um das Gesetz zur Strafbarkeit der Holocaustleugnung zeigt -, Sozialisten bis heute ein großes Problem damit haben, den Opfern der von ihnen und ihrer Vorgängerpartei begangenen / ermöglichten Verbrechen einen Schutz zu gewähren, der mit dem Schutz der Holocaustopfer gleichwertig ist. Holocaustleugnung soll (zu Recht!) strafbar sein, nicht aber die Leugnung und Relativierung von Verbrechen der kommunistischen Diktatur. Die antifaschistische Idee lebt fort, die eigenen Taten werden aber ausgeklammert. Dabei wäre im Hinblick auf die Versöhnung ein Schutz der Andenken der Opfer des Kommunismus, insbesondere des Volksaufstandes von 1956, dringend nötig.

Wie weit die Geschichtsblinheit unter sozialistischen Altkadern bis heute verbreitet ist, zeigt exemplarisch ein vor einigen Jahren gedrehter Film des ungarischen (Fidesz-nahen) Senders Hir-TV.

Was war passiert? Ein Kamerateam des Senders besuchte eine Gedenkveranstaltung des „Kádár-Freundeskreises“ (János Kádár: Von 1956 bis 1989 1. Sekretär der Ungarischen Kommunisten) und der „Ungarischen Arbeiterpartei“ (Munkáspárt) . Das Team wurde von den Besuchern u.a. mit folgenden Aussagen begrüßt:

Besucher: Nehmen Sie die Kamera weg! Gehen Sie doch zur Veranstaltung von Fidesz (Anm: konservative Opposition in Ungarn), scheren Sie sich zum Fidesz! Oder gehen Sie doch zum Grab von József Antall (Anm: der erste frei gewählte Ministerpräsident Ungarns, 1990). Mit Kádár haben Sie doch gar nichts zu tun.
Hír TV: Da haben Sie Recht, das haben wir nicht. Aber wir berichten von dieser Veranstaltung.
Besucher: Lassen Sie das! Sie wollen doch nur alles in den Schmutz ziehen! Sie sind eine widerliche Verbrecherbande! Lecken Sie doch dem Zigeuner Orbán (Anm: Viktor Orbán, Vorsitzender des Fidesz) den Arsch aus!

Weitere Aussagen:

Hír TV: An welches Eregnis erinnern Sie?
Besucherin: An die Niederschlagung der Konterrevolution von 1956.
Weitere Besucherin: Ich gedenke Kádár János und den Gefallenen von 1956, den jungen Soldaten, die den Märtyrertod für unsere Heimat gestorben sind, um für Frieden zu sorgen und Blutvergießen zu verhindern.
Hír TV: Wenn ich Sie richtig verstehe, gedenken Sie derer, die den Volksaufstand niedergeschlagen haben?
Besucherin: Für uns war das eine Konterrevolution.

Kurz zuvor hatte sich auch die MSZP-Parlamentsabgeordnete Szófia Havas dazu verstiegen, die Aufständischen des Volksaufstandes von 1956 mit den Pfeilkreuzlern zu vergleichen. All das im 21. Jahrhundert. Der Vorsitzende des „Kádár Freundeskreises“, Attila Moravcsik, lobte Havas für ihre Äußerungen und wies Forderungen, sie solle abdanken, vehement zurück: “ Bei wem soll sie sich entschuldigen? Bei diesen brandschatzenden Pfeilkreuzler-Horthy-Faschisten, die sich eine große Gaudi aus der Sache gemacht haben? Mir soll doch keiner was erzählen, ich war dort, ich habe gesehen, was das für Menschen waren!

Auf der Veranstaltung wurde auch den Mitgliedern der kommunistischen Staatssicherheit gedacht, die den Volksaufstand mit sowjetischer Hilfe niedergeschlagen hatten und ab 1957 die Restauration anführten. Bemerkenswert ist auch, dass die ungarischen Sozialisten bis 2007 einen Gedenkstein in ihrer Parteizentrale aufbewahrten, der denjenigen zu Ehre gerichen soll, die „für die Partei gefallen waren, als Budapest unter Angriff von konterrevolutionären Elementen stand„. So viel zur Distanzierung der MSZP von der eigenen Geschichte.

Geschichtsaufarbeitung von links? In Ungarn Fehlanzeige! Stattdessen wird, je nach politischer Orientierung, entweder das Rákosi- und Kádár-System vehement verteidigt oder jedenfalls die eigene historische Verantwortung totgeschwiegen. Zudem scheint Rassismus („Zigeuner Orbán“) nur dann verwerflich zu sein, wenn er von rechts kommt.

Was würde passieren, wenn man die Freiheitskämpfer im Warschauer Ghetto in derartiger Weise öffentlich verhöhnen oder öffentlich Kränze an Gedenksteinen für Gestapo-Mitglieder gedenken würde?

So lange die ungarische Linke sich nicht deutlich von den Verbrechen der Kommunisten distanziert, muss man sich über derartige Geschichtsfälschungen nicht wundern. Vorwürfe der Sozialisten und der ihnen nahe stehenden Presseorgane sind meines Erachtens erst dann glaubwürdig, wenn die ungarische Linke endlich damit beginnt, die eigene Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten.