Deutschlandfunk: Kritische Anmerkungen zur Berufung von Attila Vidnyánszky an die Spitze des Nationaltheaters

Attila Vidnyánszky wird Mitte des Jahres 2013 Intendant des Budapester Nationaltheaters (Nemzeti Színház). Stephan Ozsváth und Stefan Koldehoff kommentieren im Deutschlandfunk die Ernennung des „Kandidaten von Orbáns Gnaden“:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1953344/

Schon vor dem ersten Wort zu Vidnyánszky teilt Koldehoff den Zuhörern mit, was (seiner Meinung nach) über diese Ernennung zu denken ist: Der Kultur geht es schlecht. Und Vidnyánszka sei der Mann (Zitat) „von Ministerpräsidenten´s Gnaden“. Es folgt ein Rückblick auf „die schlimmen Säuberungen“ im Kulturbereich durch den Freund Vidnyánszkys, den ehemaligen Kulturstaatssekretär Géza Szöcs.

Der bisherige Intendant, Róbert Alföldi, das (so Ozsváth) „enfant terrible“ des ungarischen Theaterbetriebs, habe zu oft mit den Nationalkonservativen angeeckt. Das ist in der Tat so: Wer die „Tragödie des Menschen“ mit Gruppen- und Oralsexszenen „verziert“ und dies Minderjährigen zumutet, wer im öffentlichen Bereich des Nationaltheaters eine Ausstellung zulässt, welche die zwölf Apostel als Homosexuelle karikiert, stellt zwar hierdurch gewiss nicht sein künstlerisches Talent in Frage, aber er eckt – ganz bewusst – an. Die Diskussion darüber, ob solche experimentellen und einem gehörigen Teil der Gesellschaft missfallenden Details in ein Nationaltheater gehören, ist durchaus zulässig, man könnte gar sagen: gewollt. Ebenso wie es eine Frage des Geschmacks ist, ob man ein „Nationaltheater“ für eine Veranstaltung zur Verfügung stellt, in der der Besatzung Siebenbürgens durch die rumänische Armee gedacht wird. Würde der Intendant der Wiener Staatsoper seinen Ballsaal zur Feier des Friedens von St. Germain zur Verfügung stellen?

Die Abwahl des Intendanten ist somit letztlich eine Frage des Geschmacks. Und über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Wer provoziert, will eine Diskussion auslösen, und darf nicht damit rechnen, dass der aktuelle Zeitgeist ihm vorbehaltlos zustimmt. Das hat wohl selbst Alföldi, dessen Fähigkeiten als Künstler unbezweifelbar sind, nicht angenommen.

Die Abberufung ist im Übrigen ebensowenig überraschend wie seine Berufung im Jahr 2008 unter einer sozialliberalen Koalition. Auch Alföldi war damit ein Mann „von Gnaden“ der damaligen Regierung. Anders als heute interessierte das jedoch niemanden.

Was bedauerlich ist: Kein Wort im Beitrag gilt den Fähigkeiten Vidnyánszkys. Die stehen nämlich, wie man hört, außer Zweifel. Warten wir also am besten ab, wie sich Vidnyánszky schlägt. Falls er das Theater nicht füllt, falls er den hohen Ansprüchen der Heerscharen von Kritikern nicht gerecht wird, die in den Startlöchern stehen, mag man ihn zwerfleischen. Bis dahin sollte sich der linksliberale Wächterrat, der immer dann von „Kulturkampf“ spricht, wenn die ihm nahestehenden Personen von der Ablösung betroffen sind, noch ein wenig gedulden.

Georg Paul Hefty in der FAZ: Kulturkampf nur von rechts?

Georg Paul Hefty kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den „unausgesprochenen Kulturkampf“ in Ungarn.

http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E5F73950A2C9A493B80D8839E6DE38E24~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Seit mehr als vier Monaten führt Ungarn den Vorsitz in der EU. Seit mehr als vier Monaten sucht die ungarische Regierung diese besondere Reifeprüfung für jedes neues Mitgliedsland mit Glanz zu bestehen. Seit mehr als vier Monaten lässt ein breites Kritikerbündnis kein gutes Haar am Ministerpräsidenten und Fidesz-Vorsitzenden Orbán. Liegt der Grund dafür in der Misstrauen erregenden Zweidrittelmehrheit des Regierungsbündnisses im Parlament? Weckt der Eifer, mit dem diese Mehrheit das Medienrecht neu gefasst und eine neue Verfassung formuliert hat, Zweifel? Ruft das Regierungsprogramm mit dem Anspruch, eine wirkliche geistig-moralische Wende herbeizuführen, die Widerstände im In- und Ausland hervor? Oder gilt die Ablehnung in erster Linie der Person Orbán, gleich was der über zwei Jahrzehnte dominante und jetzt erst 47 Jahre alte ungarische Politiker im Einzelnen macht?“ (…)

Über den Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Hefty

Georg Paul Hefty besuchte die Katholische Knabenschule und das Gymnasium in Pfarrkirchen. Sein Abitur machte er 1968 in Kastl, wo er mit seinem Bruder eine Schülerzeitung gründete. Später studierte er Politikwissenschaft, Geschichte, Pädagogik und Wirtschaftsgeographie in München. Unterstützt durch ein Graduiertenstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung schrieb er eine Arbeit über die Außenpolitik Ungarns seit 1945, die später als das Buch „Schwerpunkte der Aussenpolitik Ungarns“ veröffentlicht wurde. Er promovierte 1977. Ebenfalls 1977 ging er als Fraktionsmitarbeiter nach Bonn, wo er als persönlicher Referent diente.

Anfang 1981 zog er mit seiner Frau und zwei Töchtern nach Frankfurt am Main; seitdem ist er Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 1986 bis 1993 verfolgte er als Korrespondent den Wandel Ungarns von der kommunistischen Volksrepublik zur demokratischen Republik. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist er für die Seite „Zeitgeschehen“ verantwortlich.[1]

2005 erhielt er den Preis der Lebensrechtsbewegung Stiftung Ja zum Leben.“

TTT: Beitrag zum „ungarischen Kulturkampf“

Der ARD-Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“ brachte am gestrigen Sonntag einen Bericht über den „Kulturkampf“ in Ungarn. Hauptzeuge der Anklage ist der weltberühmte Pianist András Schiff.

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/431902_ttt—titel-thesen-temperamente/7055556_revolution-von-rechts—ungarn-im-kulturkampf

Interessant ist die Aussage Schiffs, er wundere sich darüber, dass der Operndirektor Ádám Fischer einfach „entfernt“ und durch einen „mittelmäßigen“ Dirigenten ersetzt worden sei, die Mitglieder des Orchesters aber weiter spielen, „Hauptsache, sie werden bezahlt“…

Ob es wohl daran liegt, dass Fischer nicht „entfernt“ wurde, sondern sein Amt aufgrund von Differenzen über personelle Neubesetzungen und Meinungsverschiedenheiten über die Programmausrichtung selbst niederlegte? Dass er „entfernt“ worden sei, hat nicht einmal Fischer selbst behauptet. Möglicher Weise können sich aber auch nicht alle Konzertmusiker eine Haltung leisten, wie sie ein weltbekannter Pianist an den Tag legt; ob man die Musiker dafür gleich kritisieren muss, Herr Schiff?

Was den Intendanten des Nationaltheaters betrifft, so behauptet TTT, die Kritik an Robert Alföldi mache daran fest, dass er schwul sei. Das ist in dieser Form gewiss für einen Teil der ungarischen Rechtsextremen zutreffend. Die breite Ablehnung gegenüber Alföldi hat jedoch wohl eher etwas damit zu tun, dass er im Nationaltheater eine Ausstellung zuließ, die als geschmacklose Provokation gläubiger Christen aufgefasst wurde.

Ich hatte hier schon darauf hingewiesen:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/04/09/sz-interview-mit-dem-pianisten-andras-schiff/

In dem Beitrag spricht Schiff auch davon, dass Róbert Alföldi, der Direktor des Budapester Nationaltheaters, „wegen seiner Homosexualität“ groben Angriffen ausgesetzt sei. Das ist leider richtig. Zum Gesamtbild gehört aber auch hier, dass man auf das Jahr 2010 zurückschaut, namentlich auf eine Ausstellung, die im Eingangsbereich des von Alföldi geführten Nationaltheaters stattfand. Da war auf großen Tafeln die Aufschrift „Nobody knows that I am gay“ („Keiner weiß, dass ich schwul bin“) zu sehen. Insgesamt zwölf dieser Tafeln waren mehr oder weniger unübersehbar im Nationaltheater aufgestellt. Die Ausstellung wurde komplettiert durch ein Kreuz, auf dem Jesus und Maria abgebildet waren. Empörte Beobachter deuteten diese Ausstellung als Hinweis auf Jesus und seine zwölf „schwulen“ Apostel und damit als grobe Provokation gläubiger Christen.“

Berechtigt ist die Kritik von TTT am Publizisten Zsolt Bayer. Wie kaum anders zu erwarten, stand er für ein Interview nicht zur Verfügung. Kritische Fragen zu seinen unerträglichen Texten scheinen unerwünscht zu sein.

Zeitreise nach 2008 in Sachen Kulturförderung

Kahlschlag im Kulturbereich. Gleichschaltung. Bevorzugung regierungsnaher Organisationen. Vetternwirtschaft.

So etwa hört es sich an, wenn man oppositionelle Kreise zur Kulturpolitik der Orbán-Regierung befragt oder deutsche bzw. österreichische Publikationen aufschlägt. Hört man ihnen zu oder liest sie, erweckt es den Eindruck, als wäre aus einem Land, in dem in Sachen Kulturförderung Milch und Honig flossen, seit 2010 ein wahres „Death Valley“ geworden.

Gerade in solchen Tagen lohnt sich eine kleine Google-Recherche, wie sie der Leser Kullancs durchgeführt hat (danke hierfür!). Da findet man plötzlich einen Beitrag des Pester Lloyd aus dem Jahr 2008. Ein Interview mit der Direktorin des im Jahr 2000 gegründeten Museums „Terrorhaus“ in Budapest, Maria Schmidt, das zwar keineswegs unumstritten ist (vgl. den Beitrag von Krisztián Ungváry hier), dessen Wert für die Darstellung der Geschichte von Pfeilkreuzler- und kommunistischer Diktatur jedoch letztlich unbestreitbar ist. Wie sich beim Lesen jenes Lloyd-Artikels unweigerlich herausstellt, ist, dass nicht etwa Orbán den „Kulturkampf“ erfunden, sondern auch die gerade weltweit für die ungarische Demokratie und den Kulturpluralismus eintretende MSZP/SZDSZ-Regierung den ihr nahestehenden Einrichtungen im Kultur- und Forschungsbereich den Vorzug gegeben hat. Dies führte dazu, dass das Terrorhaus, gegen dessen Errichtung die MSZP sich wegen der „Überbetonung“ der kommunistischen Diktatur mit Händen und Füßen gewehrt hatte, wirtschaftlich arg kämpfen musste.

Hört, Hört. Was den weniger Informierten in Sachen Ungarn überraschen mag, ist dem Kenner des Landes seit Jahren bekannt: Man gibt (leider) am ehesten den Seinen. Es hat sich somit nur wenig (zum besseren) geändert, nun geht es renommierten Instituten wie dem 1956-er Intézet an den Kragen. So kritikwrdig dies auch sein mag: . Was im Jahr 2008 fehlte, ist das EU-weite Medienecho in den großen Tageszeitungen.Wo waren sie, die Mahner, die heute empört sind und Listen derjeniger Einrichtungen veröffentlichen, die im Hinblick (auch) auf knappe Kassen Einschränkungen im Budget hinzunehmen haben? Sie waren wohl mit anderen Themen beschäftigt. Damals herrschte ja „Demokratie“. Die Erkenntnis ist klar: Kulturkampf nennt man es nur, wenn Orbán regiert.  Denn Kulturkampf setzt Kampf gegen „Kultur“ voraus, und die wird – fragt man bestimmte Leute – ja bekanntlich ohnehin nur von Linken und Liberalen gemacht.