Jungle World mit Ungarn-Special: Marsovszky, Pfeifer und Pusztaranger klagen an

Die linke Wochenzeitung Jungle World bringt in ihrer aktuellen Ausgabe einen Schwerpunkt zu Ungarn.

Magdalena Marsovszky, Kulturwissenschaftlerin, schreibt über die „völkischen“ Aspekte des neuen ungarischen Grundgesetzes. Karl Pfeifer, Orbán-Kritiker, stellt seine Sicht der Dinge über „Rassismus und Antisemitismus in der Politik der Regierung“ dar. Und die antifaschistische Bloggerin Pusztaranger gibt ein Interview über die „Schwierigkeiten der Opposition“.

Die Beiträge fasst Jungle World u.a. mit der Drohkulisse einer „scheibchenweisen“ Bewegung in den „Faschismus“ zusammen:

„Scheibchenweise Richtung Faschismus. Viktor Orbáns Regierung führt Ungarn Stück für Stück weiter nach ganz rechts außen, wo die Jobbik-Nazis darauf warten, mit der Fidesz ein Bündnis einzugehen. Nachdem Orbán die Verfassung ändern ließ, ist die Empörung groß in Europa, doch Konsequenzen scheut die EU bislang. Die autoritäre, völkische, rassistische und antisemitische Politik der Regierung stößt in Ungarn zwar auf Protest, doch die Opposition wird in ihren Rechten immer mehr beschnitten. Alles über faschistische Tendenzen mitten in der EU.“

Radio Corax: Gespräch mit Magdalena Marsovszky

Der freie Radiosender Corax (Halle) brachte bereits vor einigen Tagen ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsoszky zur Situation in Ungarn. Anlass des Interviews ist die Wählerregistrierung, es dauert jedoch nicht lange, bis Marsovszky auf ihr Lieblingsthema zu sprechen kommt: Das „völkische“ Ungarn und die Turul-Statue in Ópusztaszer.

http://www.freie-radios.net/51135

 

Magdalena Marsovszky: „Arier-Denken“ ist in Ungarn Mainstream

Bereits am 14.12.2011 gab die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ein Interview für das SWR 2 Journal:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/journal/interviews/-/id=659252/did=9019366/pv=mplayer/vv=popup/nid=659252/2n73m6/index.html

Thema des Interviews war der Einführung zufolge die Frage, wie das Vordringen der „braunen Gefahr“ vom Rand in die Mitte der Gesellschaft aufgehalten werden kann. Der Blick sollte auf Ungarn gerichtet werden.

Marsovszky zufolge sei das „extreme Denken“ im Sinne des „Völkischen“ in Ungarn „Mainstream“ . Auf die Anmerkung des Moderators, dies  erinnere an das „Ariertum aus der Zeit des Nationalsozialismus“ , antwortete die Interviewpartnerin:

Hundertprozentig so ist es.“

So denke der Mainstream in Ungarn.

Auf die Frage, welche Partei in Ungarn derartiges Gedankengut transportiere, identifizierte Marsovszky die Regierungsparteien Fidesz und KDNP. Der Vize-Regierungschef Zsolt Semjén (KDNP) bezeichne die Auslandsungarn als „Blutsbrüder“ , das völkische Denken lasse sich zudem dadurch stabilisieren, dass man andere ausgrenze und (zum Beispiel) „als verjudet“ darstelle, oder aber Menschen ausschließe, die „keine weiße Hautfarbe“ hätten. Die „Volksgemeinschaft“ werde als „weiß“ und „vom Holocaust unbefleckt“ dargestellt.

Es sei betont: Marsovszky spricht nicht von der extremen Rechten (Jobbik), sondern dem Bündnis aus Fidesz und KDNP, das über 2/3 der Parlamentsmandate verfügt.

Marsovszky weiter:

Und eigentlich ist auch eine Rhetorik zu beobachten wie in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg, eine biologistische, eine hygienistische Rhetorik, in der alles, was so als schmutzig empfunden wird, auch biologisiert wird in der Art, ich sage Ihnen ein Beispiel, das ist auch ein Zitat vom Europaabgeordneten Tamás Deutsch, Mitglied der Fidesz-Partei. Er sagte zum Beispiel: „Es gibt eklige Spermien“. Also diese biologistische, hygienistische Ausdrucksweise, die man in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg kannte, die ist in Ungarn absolut gängig (…)“ .

Wieder einmal erweist sich die ungarische Sprache, wie es der ungarische Pianist András Schiff im Frühjahr sagte, als eine Art Geheimsprache. Da die Hörer in diesem Fall die Aussagen Marsovszkys in den meisten Fällen wohl nicht überprüfen können, werden sich ihnen die Phantasmen   leider nicht erschließen. Sie nennt den EU-Abgeordneten Tamás Deutsch, der des Öfteren durch unflätige Begriffe aufgefallen ist. Dieser beschimpfte den ehemalien Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány via Twitter mit folgenden Worten:

Vannak szemét alakok. Vannak aljas emberek. Vannak rosszindulatú örültek. Vannak irtózatos gecik. Vannak gusztustalan rohadékok. És van Gyurcsány.“

(„Es gibt miese Gestalten. Es gibt niederträchtige Menschen. Es gibt bösartige Verrückte. Es gibt fürchterliche Sperma. Es gibt geschmacklosen Abschaum. Und es gibt Gyurcsány.“)

Dieser – um die Worte Deutschs aufzugreifen – im Tonfall miese, niederträchtige, bösartige, fürchterliche und geschmacklose Ausbruch gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten, der den unerträglichen Zustand des politischen Diskurses in Ungarn an einem einzigen Twitter-Beitrag unwiderlegbar dokumentiert, war Thema in der ungarischen Presse, selbst der österreichische Journalist Karl Pfeifer, der aktiv an den Diskussionen auf Hungarian Voice mitwirkt, schrieb über die Unflätigkeiten des „nützlichen Hofjuden“ (so Pfeifer früher) Deutsch auf dem Portal „The Propagandist“ .

Die Wortwahl des EU-Parlamentariers Deutsch muss nicht weiter kommentiert werden. Ungarisch Sprechende werden jedoch bestätigen, dass das Schimpfwort „geci“ fester Bestandteil der ungarischen Fäkalsprache ist, und keinerlei „biologistischen, hygienistischen“ Unterton hat. Es handelt sich letztlich um das – die Leser mögen es mir nachsehen – Pendant beziehungsweise den Superlativ zum deutschen „dreckigen Wi..ser“ .

Und hier kommen wir zurück zum SWR-Beitrag. Wie Frau Marsovszky, die ungarische Muttersprachlerin ist, auf die Idee kommt, ihren deutschen Zuhörern die ungarische Fäkalsprache sozusagen als letzten amtlichen Beleg für das völkische Denken zu präsentieren, ist sprachwissenschaftlich nicht nachzuvollziehen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Frau Marsovszky krampfhaft nach Belegen für ihre Auffassung sucht und zugleich hofft, die Zuhörer seien aufgrund der Sprachbarriere nicht in der Lage, die Tragfähigkeit ihrer Aussage zu überprüfen. Dass „irtózatos“ auch nicht „eklig“ bedeutet, zeigt das Ausmaß der Wortverbiegungen, die Magdalena Marsovszky hier vornimmt.

Zugleich wehrt sich die Wissenschaftlerin – wie ihre Reaktion auf einen Artikel des rechtskonservativen Publizisten István Lovas zeigt – heftig gegen den Vorwurf, sie stelle die ungarische Regierung mit der Hitler´schen, d.h. nationalsozialistischen völkischen Ideologie auf eine Stufe (Lovas hatte das in einem von der regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet publizierten Artikel behauptet):

Ich habe nie, an keiner Stelle, in keinem einzigen meiner Aufsätze geschrieben, dass Viktor Orbán der Ideologie Hitlers nacheifere.“

Richtig ist: Die Wissenschaftlerin hat tatsächlich bis dato nie geschrieben, „Orbán eifere der Ideologie Hitlers nach“ . Sie spricht jedoch von völkischem Denken und einer „Kultur des Faschismus“ . Und wie das obige Interview verdeutlicht, behauptet sie, der ungarische Mainstream, verkörpert durch Fidesz/KDNP, erinnere an die völkische Ideologie und das Arierdenken aus dem Nationalsozialismus (Das ist hundertprozentig so). Spitzfindigkeiten in der Wortwahl, die sich hoffentlich den kulturwissenschaftlich vorgebildeten Zuhörern von SWR 2 erschließen. Mir bleiben sie leider verborgen. Und ich befürchte, auch die meisten Zuhörer des Beitrages mussten den Eindruck gewinnen, in Ungarn sei  rechtsextremes Gedankengut, Arierdenken, bei der Mehrheit der Ungarn verbreitet.

Ich meine jedoch, Frau Marsovszky irrt sich. Und diese Bewertung ist – glaube ich – ausgesprochen höflich.

Nachtrag vom 07.01.2012:

In einem weiteren Radio-Interview (Deutschlandradio Kultur, 06.01.2012) berichtet die Kulturwissenschaftlerin abermals über heftige und in der Wortwahl inakzeptable Beschimpfung unflätigster Art, diesmal solche gegen ihre Person. Diese wurden z.B. in der Tageszeitung Magyar Hírlap durch den rechtsaußen stehenden Publizisten Zsolt Bayer ausgestoßen.

Im Interview äußert sich Magdalena Marsovszky aufFrage der Moderatorin Susanne Burg dann wie folgt:

Burg: Das klingt extrem. Welche Leute sind das denn, was für Kräfte, die Sie da angreifen?

Marsovszky: Das sind führende Regierungsmitglieder…

Hungarian Voice ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Regierungsmitglied sich in der im Interview angesprochenen Art über Frau Marsovszky geäußert und sie persönlich angegriffen hätte. Möglicher Weise können die Leser hier zur Klärung beitragen. Als Beispiel für unflätige Ausdrucksweise bringt Marsovszky im Anschluss an ihre o.g. Aussage dann erneut den EU-Abgeordneten Tamás Deutsch. Dieser hat jedoch nicht sie, sondern den ehemaligen Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány angegriffen (s.o.).

Veranstaltungshinweis: „Ungarn – wohin?“ am 18.09.2011, Bonn

Ich fand die Einladung heute in meinem Briefkasten vor und gebe es gerne weiter:

Im Rahmen des Beethovenfestes in Bonn findet eine Podiumsdiskussion statt zum Thema

„Ungarn wohin?“ – Zur aktuellen Situation der Kultur in Ungarn.

In der Info zur Veranstaltung heißt es:

Das Beethovenfest hat im Liszt-Jahr nicht nur viele Künstler aus Ungarn ebenso wie bedeutende Sinti- und Roma-Musiker eingeladen, es möchte auch auf die Schwierigkeiten aufmerksam machen, denen Künstler, Intellektuelle und Andersdenkende, darunter Juden, Sinti und Roma in Ungarn seit dem Regierungswechsel im April 2010 ausgesetzt sind. Nach der gerade zu Ende gegangenen ungarischen EU-Ratspräsidentschaft bedarf diese Entwicklung weiterer stetiger öffentlicher Wahrnehmung. Es diskutieren namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und zugleich intime Kenner der ungarischen Kultur, Politik und Gesellschaft.“

Teilnehmer der Diskussion werden sein:

Magdalena Marsovszky, Kulturwissenschaftlerin
Iván Fischer, Dirigent
Prof. Paul Lendvai, Publizist
Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland
Dr. Michael Kluth, Filmautor und Journalist
Dr. Peter Spary, Präsident der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft.

Ort und Zeit: Studio der Beethovenhalle Bonn, Sonntag, den 18.09.2011, 11 Uhr. Der Eintritt ist frei.

http://www.beethovenfest.de/rahmenprogramm/podiumsgespraech-ungarn-wohin/633/

Budapester Zeitung veröffentlicht „offenen Brief“ von István Lovas an die ausländischen Korrespondenten in Ungarn

Der rechtskonservative ungarische Journalist und Publizist István Lovas hat in der regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet einen offenen Brief an den Klub ausländischer Korrespondenten in Ungarn (HIPA) veröffentlicht, den die Budapester Zeitung (als Gastbeitrag) abdruckt.

http://www.budapester.hu/index.php?option=com_content&task=view&id=11153&Itemid=134

Lovas übt in seinem Beitrag scharfe Kritik an der seines Erachtens einseitigen Ungarn-Berichterstattung. Die Auslandskorrespondenten würden sich seit vielen Jahren ausschließlich im linken und linksliberalen Lager über die Politik und die Gesellschaft in Ungarn informieren. So sei es erklärbar, dass bereits in den Jahren 1998-2002 das Ende der Demokratie heraufbeschworen wurde, die Folgejahre sozialliberaler Regierungen jedoch mit bemerkenswerter Milde begleitet worden seien.

Besondere Erwähnung findet die nicht selten in deutschsprachigen Beiträgen als Quelle genannte Kulturwissenschaftlerin, Antifaschistin und Antisemitismusforscherin Magdalena Marsovszky. Sie ist – schon seit 1998 – heftige Kritikerin des Fidesz. Lovas formuliert seine Kritik an den Journalisten diesbezüglich wie folgt:

Wenn nichts passiert, das Anlass dazu gibt, die Na­zi-Keule zu schwingen, dann stauben Sie Figuren ab wie Magdalene Mar­sovszky in Deutsch­land, die zum zweihundertsten Mal erklärt, dass Viktor Orbán der Ideo­lo­gie Hitlers (völkisches Ge­dan­kengut) nacheifere.

Das Nachrichtenportal eurotopics hatte die o.g. Passage des Originalbeitrages am 17. Mai 2011 unvollständig wie folgt übersetzt:

Wenn nichts passiert, das Anlass dazu gibt, die Nazikeule zu schwingen, dann entstauben sie Figuren wie Magdalena Marsovszky in Deutschland, die zum zweihundertsten Mal erklärt, dass Viktor Orbán der Ideologie Hitlers nacheifere.“

Magdalena Marsovszky hat sich bei eurotopics über den Abdruck der Passage beschwert und deren Entfernung verlangt. Sie habe nie behauptet, Orbán eifere der Ideologie Hitlers nach. Zudem forderte sie, eurotopics solle sich von der (laut Marsovszky „völkischen“) „regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet distanzieren“.

Eurotopics hat den Beitrag zwischenzeitlich modifiziert und die entsprechende Passage vollständig entfernt, statt sie – was die Chronologie erkennbar gemacht hätte – zu ergänzen und die Gegendarstellung Marsovszkys zusätzlich zu veröffentlichen. Was im Rahmen dieser Berichtigung verloren gegangen ist, ist der Umstand, dass Marsovszky in der Tat seit Jahren undifferenziert behauptet, Fidesz sei eine völkische Partei, verfolge eine „völkische Ideologie“ bzw. eine „völkische Wende„. Insoweit ist die Behauptung Lovas´, Marsovszky unterstelle Viktor Orbán „völkisches Gedankengut“, durchaus zutreffend.

Laut Marsovszky werde die Nation durch  Fidesz als „ethnisch-biologische Einheit“ definiert. Ferner stellt sie diesen Umstand in einen direkten Zusammenhang mit Antisemitismus in Ungarn:

Das Präjudizieren und das Dichotomisieren der Völkischen haben sehr oft eine antisemitische Konnotation. Der Antisemitismus kann ja nicht im engeren Sinne als Feindschaft gegen eine bestimmte religiöse Gemeinschaft oder kulturelle Gruppe, nämlich die jüdische, aufgefasst werden, sondern vielmehr als Weltanschauung oder als kultureller Code. Er hat sehr viel mit der Definition der Nation und deren Kulturbegriff zu tun. Wird die Nation als eine völkisch-ethnisch homogene Gemeinschaft aufgefasst, wird alles, was die vermeintliche Homogenität des Volkstums hinterfragt, als „verjudet“ oder als „jüdische Unterwanderung“ des Volkskörpers gedeutet.“

Dass der Nationsbegriff des Fidesz eben kein „ethnisch-biologischer“, sondern vielmehr ein sprachlich-kultureller ist, lässt sich allerdings an der Tatsache ablesen, dass die Möglichkeit von Auslandsungarn, die Staatsbürgerschaft zu erwerben, gerade nicht von ethnischer Herkunft, sondern zuvorderst davon abhängt, dass man Staatsbürger des „geschichtlichen Ungarn“ zu seinen Vorfahren zählt und ungarisch spricht. Ob es sich „ethnisch“ um Slowaken, Roma, Rumänen, Kroaten oder Serben handelt, spielt keine Rolle.

Liest man die Zeilen Marsovszkys zum vermeintlich völkischen Ansatz von Viktor Orbáns Partei Fidesz, so kann durchaus der falsche Eindruck entstehen, die Politik der ungarischen Regierung sei jedenfalls mit den Vorläufern des Nationalsozialismus eng wesensverwandt. Als Beispiel sei auch die im Rahmen von Marsovszky auf Hungarian Voice aufgestellte These verwiesen, die Politik Ungarns im Bezug zur Staatsbürgerschaft für Auslandsungarn sei eine „Blut-und-Boden-Ideologie„:

Diese Blut-und-Boden-Ideologie war typisch für Deutschland vor dem II. Weltkrieg und auch für Ungarn. Sicherlich gibt es in Deutschland auch heute völkische Tendenzen, das ist nicht zu leugnen. Aber im Gegensatz zum heutigen Deutschland sind in Ungarn der Nationsbegriff und die ganze kulturelle Konzeption von dieser völkischen Ideologie bestimmt. (…)“

Der Bezug zum Vorkriegsdeutschland und damit auch zum Nationalsozialismus ist hier – aus Sicht des Lesers – nicht ganz von der Hand zu weisen. Gemeinsam mit Berichten aus der WELT, in denen Ungarn als „Führerstaat“ bezeichnet wird oder auf den dortigen „Faschismus“ verwiesen wird, ergibt sich dann ein verzerrtes Bild des heutigen Ungarn.