Themenschwerpunkt Ungarn in der österreichischen Zeitschrift „Couleur“

Die vom österreichischen Mittelschüler-Kartellverband (MKV) herausgegebene Zeitschrift „Couleur“ befasst sich in der Ausgabe I/2012 schwerpunktmäßig mit Ungarn.

Veröffentlicht wird ein von Marc Vecsey (WU Wien) geführtes Streitgespräch zwischen den beiden Journalisten Boris Kálnoky (WELT) und Gregor Mayer (dpa, Der Standard), ein Interview mit dem ungarischen Botschafter in Wien, Vincze Szalay-Bobrovniczky, sowie ein Kommentar von Hungarian Voice.

http://www.mkv.at/?sys=dl&type=pdf&id=1&qual=pdf&jahr=2012&ausg=1

Wie nicht anders zu erwarten: Standard-Autoren Kirchengast und Mayer springen Paul Lendvai zur Seite

Die heute erschienene Ausgabe der ungarischen Wochenzeitung Heti Válasz hat für große Unruhe in der Standard-Redaktion gesorgt. Heti Válasz berichtet über Paul Lendvai und dessen angeblich freiwillige Tätigkeit für die ungarische Kádár-Staatssicherheit.

Nachdem bereits vor Erscheinen des Artikels der oppositonsnahe ungarische Radiosender Klubrádió Lendvai Zeit gab, alle Vorwürfe von sich zu weisen (die angekündigten Dokumente interessierten den Fragesteller György Bolgár nicht), schreibt heute zunächst Josef Kirchengast im Standard, der „Heimatzeitung“ Lendvais, und ergreift – wie zu erwarten – heftigst Partei für seinen Kollegen. Laut Kirchengast habe Lendvai mit seinem neuen Buch „Mein verspieltes Land„, in dem er unter anderem Orbán kritisiert, „Majestätsbeleidigung“ begangen, die Veröffentlichung von belastenden Dokumenten sei die Retourkutsche. Die Vorwürfe der Kollaboration mit dem kommunistischen Geheimdienst seien nicht neu, Lendvai habe sie „glaubhaft widerlegt“. Hinter der Kampagne stehe natürlich Viktor Orbán persönlich, der die Demokratie systematisch aushöhle und einen Kritiker diskreditieren wolle.

Wo bleibt die Auseinandersetzung Kirchengasts mit den Dokumenten, die in der Heti Válasz veröffentlicht sind? Wir halten fest: Es handelt sich um Aktenvermerke von Angehörigen der Wiener Botschaft der Volksrepublik Ungarn, die einerseits über Treffen mit Lendvai berichten und andererseits Ausführungen dazu enthalten, dass Lendvai a) über Treffen Oppositioneller Schriftsteller berichtet (u.a. das Programm an die Botschaft weitergereicht) und b) sich bereit erklärt hat, einen Bericht zum 30. Jahrestag der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 zu fertigen, der – so das Dokument – dem Gusto des Kádár-Regimes voll und ganz entsprochen habe. Zu alldem hören wir im heutigen Verteidigungsschriftsatz des Standard kein Wort, es wird lediglich pauschal behauptet, Lendvai habe alles, was ihm vorgeworfen werde, glaubhaft widerlegt. Wann denn? Jeder Journalist weiß , dass neue Erkenntnisse zu geänderten Beurteilungen führen können. Kirchengast will von all dem nichts wissen, erteilt Lendvai vor einer ausführlichen Recherche einen Persilschein und erklärt den Artikel in Heti Válasz zu einer Racheaktion des Ministerpräsidenten Orbán: Ganz so, als ob es Gotteslästerung wäre, sich mit den weißen Flecken in Lendvais Lebensgeschichte zu befassen. Nur am Rande sei bemerkt, dass sich einfache Menschen sehr darüber freuen würden, so viel Raum für ungeprüfte und unzensierte Gegendarstellungen zu bekommen…

Auch der für seine betont antifaschistisch geprägte Ungarn-Berichterstattung (z.B. via Facebook) bekannte Standard-Autor Gregor Mayer hat unmittelbar reagiert und berichtet über eine „Rufmord-Kampagne“ gegen Lendvai. Auch hier wird als Motiv Rache für das neue Buch Lendvais vermutet, anders als Kirchengast hat Mayer auch gleich die Erklärung bereit, weshalb Lendvai dem Kádár-System wohlwollende Berichte versprochen habe – alles sei journalistische Taktik gewesen. Fazit: Lendvai ein Informant? Nie und nimmer…es kann nämlich nicht sein, was nicht sein darf.

Bemerkenswert ist, dass die Erläuterung Mayers und Kirchengasts eine 1:1 Wiedergabe der Erklärungen Lendvais sind, wie er sie heute abend in der ATV-Sendung „Egyenes Beszéd“ kundgetan hat. Man wolle ihn diskreditieren, sein Verhalten damals sei journalistische Taktik gewesen. Die sonst recht giftige und konkrete Antworten fordernde Redakteurin Olga Kálmán hat zu den Dokumenten selbst keine Frage gestellt.

Wie ist es zu erklären, dass die Vertreter einer bestimmten politischen Richtung (Standard, Klubrádió, ATV) Lendvai derart schonen und ihn – fast einer heiligen Kuh gleich – vor unangenehmen Fragen abzuschirmen versuchen? Warum werden generelle Dementis 1:1 übernommen, keine kritischen Fragen gestellt? Ist es Respekt vor einem in vielerlei Hinsicht verdienten und zu Recht geschätzten älteren Herrn oder journalistischer Chorgeist? Oder will man – vor allem bei ATV und Klubrádió – die allzu gerne zitierte ausländische Expertenmeinung vor Diffamierung schützen, koste es, was es wolle?

Die Unruhe und – zu erwartende – oberflächliche Replik des Standard ist von Befangenheit und Parteinahme für einen Kollegen geprägt. Auch wenn sich der Bericht der Heti Válasz als falsch herausstellen könnte (und eine Entschuldigung fällig sein sollte), ist es doch verfrüht, den Bericht zum jetzigen Zeitpunkt als Vergeltungsmaßnahme des Fidesz darzustellen, ohne sich mit dem Inhalt zunächst journalistisch vertieft zu befassen.  Offenbar will man jedoch in der betont Orbán-kritischen Redaktion des Standard das Renommée des Lieblings-Ungarnexperten retten. Und tut dies letztlich in genau der apodiktischen Art und Weise, die man dem ungarischen Ministerpräsidenten vorwirft. So edel das Motiv – menschlich gesehen – sein mag, ein besseres Mittel wäre, die Vorwürfe nachhaltig und durch sorgfältige Recherche zu widerlegen.

Ein früherer Mitarbeiter der Botschaft (und jetziger Vorsitzendes des „Bundes der Widerständler und Antifaschisten Ungarns“) bestätigte in der Sendung „Megbeszéljük“ (György Bolgár) vom 18.11.2010, die von der Zeitung Heti Válasz veröffentlichten Dokumente entsprächen der Wahrheit, er habe mit Lendvai mehrfach gesprochen und freundschaftliche Kontakte gepflegt. Es habe sich um Arbeitssitzungen gehandelt. Belastendes könne er persönlich jedoch nicht über Lendvai berichten., vor allem nicht angebliche Informantentätigkeiten, wie Heti Válasz sie andenke, bestätigen.

Die Angelegenheit dürfte weiter spannend bleiben.