Index.hu veröffentlicht Interviewfragen an Viktor Orbán – weil das Gespräch nicht zustande kam

Das ungarische Nachrichtenportal Index.hu hatte nach Interviews mit dem Spitzenpolitiker András Schiffer (LMP) und dem Ex-Premier Ferenc Gyurcsány (DK) auch Gespräche mit dem noch amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán (Fidesz/KDNP) und seinem Herausforderer, dem MSZP-Parteichef Attila Mesterházy (Bündnis „Kormányváltás“) auf dem Schirm. Beide Politiker sagten jedoch ab. Orbán fehle die Zeit, Mesterházy ließ ebenfalls das bereits vereinbarte Gespräch kurzfristig platzen.

Nun hat Index.hu wenigstens die Fragen veröffentlicht, die man Orbán hätte stellen wollen. Eine interessante Lektüre für alle Leser, die ungarisch sprechen. Sie können ihre Phantasie bemühen, um herauszufinden, welche Antworten Orbán wohl gegeben hätte…

http://index.hu/belfold/2014/04/04/orban_interju_kerdesek/

Mit dem Jobbik-Vorsitzenden Gábor Vona wollte sich Index.hu nicht zusammensetzen: Die Partei sei in Anbetracht rassistischer, ausgrenzender und homophober Äußerungen ihrer Politiker keine salonfähige Alternative.

Zeichen des Wahlkampfs (Teil 3): „Strick“ oder doch „Gefängnis“?

Der gestrige Parteitag der ungarischen Sozialisten (MSZP), auf dem Parteichef Attila Mesterházy mit 99,7% der Stimmen zum Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten des Linksoppositionsbündnisses „Zusammenhalt“ (MSZP, Együtt 2014/PM, DK und Liberale, ungarisch „Összefogás“) gewählt wurde, wird durch die Debatte um einen Zwischenruf aus dem Publikum überschattet. Die regierungsnahe Presse breitet das Thema genüsslich aus, MSZP-Spitzenkandidat Mesterházy gerät in Erklärungsnot und schrammt an der Unwahrheit vorbei.

Was war geschehen? Mesterházy hielt vor mehr als 10.000 Anwesenden in der Sportarena eine kämpferische Rede, in der er – wie erwartet – die Arbeit der Regierung heftig kritisierte. Im Rahmen seiner Ausführungen kam er auch auf den Lörinc Mészáros, den Bürgermeister von Felcsút (Heimatort von Ministerpräsident Viktor Orbán), und dessen plötzlichen unternehmerischen Erfolg zu sprechen. Mészáros habe innerhalb von drei Jahren die Einnahmen seines Unternehmens verfünffacht (ein Konsortium, zu dem auch das Unternehmen Mészáros´ gehört, gewann gerade eine Ausschreibung im Bereich Trinkwasser im Gesamtwert von über 80 Mio. EUR = 25 Mrd. HUF) und stehe nun auf dem 88. Platz der Liste der reichsten Ungarn. Mesterházy zufolge müsse man jemandem, der so ein guter Unternehmer sei, einen Lehrstuhl an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften zur Verfügung stellen („neki katedrát kellene adni a közgázon„).

Ein Zuhörer rief in diesem Moment „Einen Strick!“ („Kötelet!„).

Mesterházy setzte seine Rede fort, kam jedoch später auf den Zwischenruf zurück und sagte, am Ende werde es wohl doch kein Lehrstuhl, sondern „eher das andere werden, was jemand soeben hier hereingerufen hat“.

Der Blog 444.hu berichtet über den Vorfall, nicht ohne eine gewisse berechtigte Häme, da der staatliche Fernsehsender M1 in seinen gestrigen Nachrichten („Hiradó“) seinem Publikum über die Dauer von fast drei Minuten den Zwischenruf etwa 8-mal vorspielte,  um, einem Detektiv gleich, den Nachweis des Zwischenrufes zu führen und keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Auch die regierungsfreundlichen Tageszeitungen Magyar Nemzet und Magyar Hírlap breiten den Vorfall genüsslich aus.

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Mesterházy selbst behauptete hingegen im Interview mit dem oppositionellen Fernsehsender ATV, der Zwischenruf sei nicht „Einen Strick!“, sondern „Gefängnis!“ („Börtönt!“) gewesen. Er, Mesterházy, habe von rechtsstaatlichen Mitteln gesprochen, sowie davon, dass das Gesetz für alle Menschen gleichermaßen Geltung haben müsse (auch für Viktor Orbán, Lajos Simicska, Lörinc Mészáros und János Lázár). Der Zwischenruf sei in diesem Zusammenhang gestanden.

Das Interview ist hier abrufbar:

http://www.atv.hu/videok/video-20140127-mi-szukseges-a-baloldal-gyozelmehez (entscheidende Stelle ab ca. 10:10 min)

Mag jeder Zuhörer selbst entscheiden, welchen Inhalt der Zwischenruf hatte…

dpa-Korrespondentin Kathrin Lauer sieht „Ungarn fest in Orbán-Hand“

Die Wiener Zeitung veröffentlicht einen Beitrag der dpa-Korrespondentin Kathrin Lauer zur kommenden Wahl am 6. April 2014. Lauer sieht die Wahl für die Opposition als praktisch verloren und legt ihre Sicht der Dinge zu den Gründen der Favoritenrolle der Regierungspartei Fidesz dar:

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europastaaten/?em_cnt=602295

Oppositionsbündnis steht, Top-Listenplätze vergeben

Das linke Oppositionsbündnis wächst: Nach dem Strategiewechsel hin zu einem breit angelegten Bündnis inklusive der Demokratischen Koalition (DK) Ferenc Gyurcsánys und den Liberalen um Gábor Fodor wurden – innerhalb weniger Tage – Einigungen dahingehend erzielt, dass Attila Mesterházy gemeinsamer Kandidat um das Amt des Ministerpräsidenten werden solle, eine gemeinsame Landesliste erarbeitet wird und die Direktwahlkreise aufgeteilt werden.

Der Spitzenplatz soll an MSZP-Parteichef Mesterházy gehen, auf den Plätzen folgen Gordon Bajnai (Együtt 2014), Ferenc Gyurcsány (DK), Gábor Fodor (Liberálisok) und Timea Szabó (Együtt 2014).

Auch der ehemalige SZDSZ-Politiker und (kürzlich aus dem Programm genommene) Klubrádió-Moderator Gábor Kuncze wird – offenbar in einem Direktwahlkreis – für die DK ins Rennen gehen.

http://index.hu/video/2014/01/14/nagy_ellenzeki_osszeborulas/

NZZ: Meret Baumann über das Wahlbündnis der Linksopposition

Meret Baumann berichtet für die Neue Zürcher Zeitung über die Entscheidung der ungarischen Oppositionsparteien MSZP und Gemeinsam 2014, das Bündnis mit Blick auf die Wahlen im April nun doch weiter zu vertiefen und – mit MSZP-Parteichef Attila Mesterházy– einen gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten aufzustellen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/spaete-einigung-der-linksliberalen-opposition-1.18218145

Gibt es doch eine gemeinsame Oppositionsliste bei den Wahlen 2014?

Etwa vier Monate vor den ungarischen Parlamentswahlen gibt es Zeichen einer grundlegenden strategischen Trendwende bei der ungarischen Linksopposition.

Entgegen dem seit Herbst 2013 vorangetriebenen Zweierbündnis aus MSZP (Sozialisten) und der von Ex-Premierminister Gordon Bajnai geführten Partei Gemeinsam 2014 (Együtt 2014-PM) soll nach Berichten des ungarischen Portals 444.hu nun doch geplant sein, eine gemeinsame Liste aufzustellen. Selbst bei der Frage, ob die Partei Demokratische Koalition (DK) um Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány Listenplätze zugewiesen bekommt, scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Ebenso dürfte Gábor Fodor, ehemals führendes Mitglied des liberalen SZDSZ, mit seiner neuen Formation (Die Liberalen – ung. Liberálisok) vertreten sein.

Ob es es – entgegen der bisherigen Doppelspitze Mesterházy/Bajnai – einen gemeinsamen Spitzenkandidaten geben wird (dies war stets die Forderung Gyurcsánys) oder die Person des oppositionellen Kandidaten um das Amt des Regierungschefs erst nach der Wahl entschieden wird, ist noch nicht bekannt. 444.hu vermutet jedoch, dass der MSZP-Vorsitzende Attila Mesterházy zum Spitzenkandidaten ernannt werden könnte. Dies wäre in Anbetracht des innerhalb der Linksopposition weitaus größten Gewichts der Sozialisten eine nachvollziehbare Entscheidung.

http://444.hu/2014/01/08/lesz-kozos-lista-gyurcsannyal-az-elen-mesterhazyval/?utm_source=mandiner&utm_medium=link&utm_campaign=mandiner_201401

Angeblich soll über die aktuellen Entwicklungen zeitnah im Rahmen einer Pressekonferenz berichtet werden.

 

Ergänzung:

MSZP und Együtt 2014-PM haben sich auf eine gemeinsame Liste geeinigt. Man werde dies auch der DK vorschlagen. Die gemeinsame Liste sei das effektivste Mittel, um einen Regierungswechsel zu erzielen. Der Kandidat für das AMt des Ministerpräsidenten soll von der MSZP nominiert werden.

http://www.atv.hu/belfold/20140108-ellenzeki-targyalasok-mesterhazy-miniszterelnok-jelolt-gyurcsany-a-listan

Wahlbündnis zwischen MSZP und „Gemeinsam 2014“ nimmt Gestalt an

Die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) und die kürzlich gegründete Partei „Gemeinsam 2014“ (Együtt 2014) haben ein Wahlbündnis für die Parlamentswahl 2014 angekündigt. MSZP-Parteivorsitzender Attila Mesterházy und der Spitzenkandidat von Együtt 2014, Ex-Ministerpräsident Gordon Bajnai, teilten der Presse nach einem Treffen die Eckpunkte ihrer künftigen Kooperation mit:

1. Aufstellung gemeinsamer Kandidaten in den Einerwahlkreisen bei der Parlamentswahl 2014,
2. Abstimmung und gemeinsame Kandidatenfindung bei Zwischenwahlen (idöközi választások),
3. Einrichtung eines „heißen Drahtes“ zwischen Mesterházy und Bajnai, um eine gegenseitige Schwächung der Partner zu verhindern sowie
4. Abstandnahme von der Abwerbung von Aktivisten, Stärkung der Zusammenarbeit.

http://index.hu/belfold/2013/04/27/kozos_jelolteket_indit_bajnai_es_az_mszp/

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Index.hu bewertet die Abstimmung zunächst nur als Absichtserklärung, nicht als konkrete Vereinbarung. Das Treffen fand in guter Atmosphäre statt, Bajnai würdigte die bisherige Arbeit der MSZP in der Opposition ausdrücklich.

Eine spätere Erweiterung um die Partei DK („Demokratische Koalition“) um Bajnais Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten, Ferenc Gyurcsány, schloss Bajnai nicht aus.

Ein Wahlbündnis der in Umfragen aktuell größten Oppositionsgruppen des linken Parteienspektrums ist die einzige realistische Chance, die regierende Fidesz-Partei in 2014 abzulösen. Dies gilt insbesondere in den 106 neu geschaffenen Einerwahlkreisen, in denen der Kandidat mit den relativ meisten Stimmen schon nach einem Wahlgang gewinnt.

Nachtrag:
Im Budapester Stadtbezirk Zugló (Bürgermeister ist der Fidesz-Parlamentsabgeordnete Ferenc Papcsák) haben die MSZP, Együtt 2014 und die DK eine Vereinbarung über die künftige Kooperation geschlossen.

http://index.hu/belfold/2013/04/27/zugloban_osszefogott_az_mszp_az_e14_es_a_dk/

Zehntausende demonstrieren gegen Antisemitismus

Am heutigen Sonntag demonstrierten in Budapest Zehntausende auf einer überparteilichen Veranstaltung gegen Antisemitismus und Rassismus. Anlass waren Äußerungen eines Abgeordneten der rechtsradikalen Partei Jobbik, Márton Gyöngyösi, der im Höhen Haus eine Auflistung von Juden gefordert hatte, da diese ein „nationales Sicherheitsrisiko“ darstellten.

Die Veranstaltung ist die erste dieser Art, auf der Politiker des rechten und linken Parteienspektrums gemeinsam teilnahmen.

Der Fidesz-Fraktionsvorsitzende Antal Rogán betonte, Ungarn werde seine Bürger schützen, und erinnerte daran, dass jeder Völkermord des 20. Jahrhunderts mit dem Führen von Listen begonnen habe. Mit Ausnahme ganz vereinzelter Buhrufe wurde Rogán von der Menge positiv empfangen, lediglich ein einzelner Mann schrie empört „Pfui, Ihr habt Jobbik erschaffen“, wurde aber von den Teilnehmern schnell zur Ordnung gerufen.

Der Repräsentant der Vereinigung „Gemeinsam 2014“, Gordon Bajnai, kritisierte ebenfalls heftig die Worte des Jobbik-Abgeordneten Márton Gyöngyösi und sagte, Demokraten dürften keine Angst haben und auch keine verbreiten. Bajnai vermied Seitenhiebe in Richtung des politischen Gegners und betonte auch, die gegenseitigen Beschimpfungen der politischen Lager müssten enden.

Der Vorsitzende des Sozialisten (MSZP), Attila Mesterházy, holte – anders als seine Vorredner – zum Angriff gegenüber der Regierung aus. Er verlangte, Viktor Orbán müsse sich von Jobbik distanzieren. Das Internetportal Index.hu berichtet, dass Mesterházy für diese Wortwahl recht verhaltenen Applaus geerntet habe.

Am Rande der Veranstaltung demonstrierte eine Gruppe von Jobbik-Anhängern. Die Polizei hielt diese jedoch von der Großdemonstration fern.

http://index.hu/belfold/2012/12/02/a_jobbik_osszehozta_a_nagykoaliciot/

Cicero-Autor Peter Knobloch über Orbán, den „Rattenfänger von Budapest“

Cicero, das Magazin für politische Kultur, befasst sich in seiner aktuellen Ausgabe mit Ungarn. Peter Knobloch beschreibt in seinem betont Fidesz-kritischen Artikel Viktor Orbán als Rechtspopulisten und – wenig schmeichelhaft – als „Rattenfänger“.

http://www.cicero.de/97.php?item=6349

Dem Artikel von Knobloch ist zuzugestehen, dass er die Ursachen für den Erfolg von Viktor Orbán, die mit dem Totalversagen der sozialistischen und liberalen Politik der vergangenen Jahre, aber auch mit der Person Ferenc Gyurcsány zusammenhängen, sucht. Dieser Blick über die Verantwortung der politischen Linken wird sonst nur in Nebensätzen erwähnt, was es schwer macht, das volle Ausmaß der Mitverantwortung der Linken für die Situation in Ungarn und die Ursachen des Wahlerfolges von Orbáns rechtskonservativer Partei zu erkennen. Hier verdient der Autor gewissen Respekt für seinen Versuch, den Lesern diese Ursachen näher zu bringen. Zugleich konstatiert Knobloch zutreffend, dass die Sozialisten bis heute kein tagfähiges Rezept haben, um sich der Sorgen der Menschen anzunehmen. Die Partei steht stattdessen intern vor einer Zerreißprobe und definiert sich seit 2010 allein anhand des Hasses auf Orbán. Das im vergangenen Jahr abgegebene – bisweilen geradezu jämmerliche und verzweifelte – Bild dürfte für eine ernst zu nehmende politische Rolle in Ungarn zu wenig sein. Ganz zu schweigen von einer Rolle als politische Alternative.

WELT: Verfassung als Diktatur, bei der Nichtungarn, Nichtchristen, Homosexuelle und Alleinerziehende „schlecht wegkommen“

Die angeblich so „konservative“ WELT hat wieder zugeschlagen. Offenbar in dem Eifer, die Speerspitze der regierungskritischen Berichterstattung betreffend Ungarn zu bleiben, wird der von einigen Autoren (Roser, Koenen, Mayer) bekannte Stil aufgefahren und der Leser mit Plattitüden und Halbwahrheiten bombardiert. Die WELT droht – was Ungarn betrifft – leider endgültig zum unlesbaren Pamphlet zu verkommen.

Auch wenn dabei die Hand verdorrt, das „Best of“ des Beitrages „Ungarn: Opposition bezeichnet neue Verfassung als Diktatur„:

1. Bereits der Eingangssatz spricht Bände:

Ungarns Rechtspopulisten wollen eine neue Verfassung beschließen. Nichtchristen, Nichtungarn, Alleinerziehende und Homosexuelle kommen darin schlecht weg.“

Nach so einer gewaltigen Einleitung, den Ouvertüren von Beethoven gleich, sollte man besser mit gewichtigen Belegen bezüglich des angeblichen christlichen Fundamentalismus, der Benachteiligung von Nichtungarn, von Alleinerziehenden und Homosexuellen aufwarten. Um es vorwegzunehmen: Solche Belege sucht der Leser – wie so oft – vergeblich. Dass die Verfassung ausdrücklich Religionsfreiheit garantiert, die Wertschätzung gegenüber den „anderen“ Religionen zum Ausdruck bringt, die Nationalitäten samt ihrer Sprachen schützt, davon ist keine Rede. Auch der Umstand, dass die Ehe zwischen Mann und Frau unter besonderem Schutz steht, mag dem einen oder anderen Liberalen den Sicherungsschalter umlegen, dies ist jedoch weder EU-rechtlich bedenklich noch außergewöhnlich: Auch das deutsche Grundgesetz sieht den besonderen Schutz der Ehe vor (gemeint ist die Ehe zwischen Mann und Frau). Dies schließt es nicht aus, die Homoehe über das Persönlichkeitsrecht unter Schutz zu stellen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat diese Praxis jüngst gebilligt (geklagt hatten zwei österreichische gleichgeschlechtliche Lebenspartner).

2. Mesterházy kommt zu Wort:

Die rechtspopulistische Regierungspartei Fidesz plane einen „Putsch“, um Ungarns Republik zu Fall zu bringen, warnt Attila Mesterhazy, Chef der oppositionellen Sozialisten: „Sie wollen eine Art totale Diktatur schaffen, nicht mit Panzern – sondern mit der Verfassung.“

Wer kommt zu Wort? Mesterházy. György Konrád und Paul Lendvai waren offenbar verhindert. Der MSZP-Parteichef, dessen Sozialistische Partei sich an der Parlamentsdebatte über die neue Verfassung nicht einmal beteiligt und damit diejenigen Wähler höhnt, die der – damals versprochenen – „starken Opposition“ ihre Stimme gegeben haben, malt die „totale Diktatur“ an die Wand. Nur ohne Panzer. Mesterházy möge seiner Arbeit nachkommen, sich in das Parlament setzen und im Rahmen der öffentlichen Debatte die Fehler an der Verfassung aufzeigen. Oder Vorschläge unterbreiten, wie es die ehemalige MSZP-Abgeordnete Katalin Szili mit einem eigenen Entwurf tat. Anstatt bei Herrn Roser über den Untergang derjenigen Demokratie zu schwadronieren, an der zu beteiligen die MSZP keine Lust hat.

3. Präambel „trieft vor nationalem Pathos“:

In der Tat wirkt vor allem die von nationalem Pathos triefende Präambel des Verfassungsentwurfs eher als Glaubensbekenntnis denn als Grundgesetz. „Gott segne die Ungarn“ lauten die ersten Worte des Textes, der nach dem Willen des mit einer zwei Drittel Parlamentsmehrheit regierenden Fidesz-Partei schon an Ostern zur neuen Verfassung des Landes erklärt werden soll.“

„Gott segne die Ungarn“ ist die erste Strophe der ungarischen Nationalhymne. Die „konservative“ WELT teilt dies jedoch nicht mit und stört sich explizit an der Nennung Gottes. „Konservativismus“ hat viele Gesichter. Wichtiger noch ist, dass über die Nennung der ersten Strophe der Hymne sehr wenig Aufregung herrscht, offenbar deswegen, weil sich viele Ungarn, unabhängig von ihrem Bekenntnis, mit diesem Satz identifizieren können.

4. Verfassung für die „Zeit der Kreuzzüge“?

Doch statt für eine Republik im Herzen der Europäischen Union scheint gerade die Präambel eher für ein Königreich zu Zeiten der Kreuzzüge geschrieben.“

Was geht in dem Kopf eines Journalisten vor, der solchen Unsinn zu Papier bringt? Offenbar erwarten Mesterházy und Roser nicht nur die „totale Diktatur“, sondern auch gleich noch eine Christianisierung mit dem Schwert. Gute Besserung!

5. Historische Unkenntnis im Nebensatz

Als Ausdruck ungarischer Staatlichkeit und Einheit verstehen Patrioten die Krone mit dem schrägen Kreuz, mit der insgesamt 55 ungarische Könige gekrönt wurden.“

Die „Krone mit dem schrägen Kreuz“ ist die heutige „Heilige Krone“. Tatsächlich hat der Heilige Stephan, dem sie zugeschrieben wird, diese Krone nie getragen, da sie erst später (aus drei Teilen) hergestellt wurde. Es wurden auch nicht 55 Könige mit dieser Krone gekrönt.

6. „Feuchte Fidesz-Träume“?

Als „Verfassung von vorgestern“ kritisiert indes die Internet-Zeitung „Pester Lloyd“ die „erzreaktionäre“ Präambel: „Feuchte Fidesz-Träume von einer Welt voll monogamer Heteros mit drei Kindern, die Blumenkränze winden, entsprechen nicht der Realität – und drängen andere Lebensentwürfe an den Rand.“

Der Pester Lloyd ist, wie er ist. Jeder, der nicht seiner Definition von liberaler Weltoffenheit gerecht wird, ist reaktionär. Dass die Verfassung die Ehe unter besonderen Schutz stellt, ist in Deutschland seit 1949 ein Verfassungsgrundsatz, der die Welt nicht zum Einsturz gebracht hat. Auch wenn der Pester Lloyd, „Queer“ und die Demonstranten auf der Budapest Pride noch so laut krakelen. Der Schutz der Ehe schließt es nicht aus, homosexuelle Partnerschaften zu schützen: In Deutschland geschieht dies über Art. 1 und 2 GG. Würde in dem gleichen Tonfall, wie der Pester Lloyd über „Blumenkränze windende Heteros mit drei Kindern“ schreibt, über Minderheiten gesprochen, wäre der Chefredakteur Marco Schicker wohl der Erste, der diesen Stil in Frage stellen würde. Zu Recht. Offenbar ist es das Schicksal der schweigenden Mehrheit, sich von selbsternannten Schützern von Minderheitenrechten nach Belieben verspotten lassen zu müssen. Am Montag flechten wir Kränze, am Dienstag sind wir Rassisten usw. Möglicher Weise ist der Zeitpunkt gekommen, auch auf der Seite der „politisch Korrekten“ den Diskussionsstil zu überdenken.

7. Streit mit der EU?

Tatsächlich müssen sich nicht nur Alleinerziehende und Nichtchristen, sondern auch Homosexuelle nach der Lektüre der künftigen Verfassung als Ungarn zweiter Klasse fühlen. Neuer Ärger mit der EU und deren Gleichheitsgrundsätzen scheint programmiert: Ungarn schütze die Institution der Ehe zwischen Mann und Frau „als Basis für das Überleben der Nation“, so ist im Paragraph M zu lesen.“

Warum sich Alleinerziehende und Nichtchristen als Bürger zweiter Klasse fühlen sollten oder gar müssten, beschreibt uns der Autor des Beitrags nicht. Kein Hinweis auf den Grundrechtskatalog, keiner auf die „Wertschätzung“ aller religiösen Traditionen außerhalb des Christentums. Stattdessen sollen Konflikte mit der EU drohen. Nun, Herr Roser: Was sollte der EuGH denn an einer mitgliedstaatlichen Verfassung auszusetzen haben? In einer Zeit, in der auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ausdrücklich geurteilt hat, dass es zulässig ist, z.B. die Ehe unter besonderen Schutz der Verfassung zu stellen?

Und natürlich prangt auch in diesem Artikel – wie seit beinahe jedem im vergangenen Jahr – die Bilderstrecke „Ungarns mächtige Rechtspopulisten, einschließlich dem völlig macht- und parteilosen Oszkár Molnár. Für diejenigen Leser des Blattes, die auch beim Lesen eines solchen Beitrages nicht verstanden haben sollten, was Herr Roser ihnen mitteilen will. Wir sind eben im Springer-Verlag.