Polemische Gedanken zum Gati-Interview in der „Presse“: Wann ist man „antiwestlich“?

Das morgen erscheinende Interview mit dem renommierten Politologen Charles Gati in der „Presse“ enthält eine interessante Aussage, die Ausgangspunkt einer kleinen Nachtpolemik sein soll:

„(…) in Ungarn scheint derzeit eine prägnant antiwestliche Stimmung zu herrschen. Orbán weiß, dass er damit in weiten Teilen der Bevölkerung gut ankommt.“

Dass Amerikaner im Allgemeinen nicht gerade Meister der Reflexion und Selbstkritik sind, ist dem Europäer bekannt. Dass in Ungarn Teile der Gesellschaft eine vermeintlich „antiwestliche“ Haltung haben, kann meines Erachtens nur einen völlig Uninformierten überraschen. Oder aber es handelt sich um eine Definitionsfrage: Was ist „antiwestlich“? Und vor allem: Was ist „westlich“?

Man muss hier die Frage stellen dürfen, welche „westlichen Werte“ bei den Durchschnittsungarn im Alltag angekommen sind. Demokratie und Freiheit? Durchaus. Aber eben auch ein „man darf alles, als Zeichen der Freiheit des Stärkeren“. Vielleicht ein Ansatz, der in Ungarn, das zur Mitte Europas gehört, ein wenig zu amerikanisch war…

Man kann nicht umher, als auf die in großen Teilen missglückte Privatisierung, die Arbeitslosigkeit, das Verschachern von Staatsvermögen an ausländische Konzerne im Sinne des von den Wendesozialisten geprägten Spruchs „der Staat ist ein schlechter Eigentümer“ (az állam rossz tulajdonos) hinzuweisen. Und auf den Erwerb von Märkten, die systematische Zerstörung von Wirtschaftssektoren durch die westliche Konkurrenz (z.B. der Zementindustrie, um nur ein Beispiel zu nennen; Protagonist war z.B. die schweizerische Holcim-Gruppe, seinerzeit noch „Holderbank“), die Gewährung von Steuervorteilen auf Kosten des eigenen Mittelstands und den Korruptionssumpf rund um die alte Nomenklatur. Und auf neureiche Emporkömmlinge, die einen frech von den Hügeln Budas herab angrinsen und sagen, sie hätten „selbstverständlich“ alles durch Fleiß und harte Arbeit erworben.

Auch das oben Gesagte ist es, was bei vielen Menschen „den Westen“ ausmacht: Geld, das – entgegen der Romantik „blühender Landschaften“ – nicht nur Positives bewirkt, sondern auch zerstört, sich mit der alten Garde verbündet und Parvenus in finanzielle Sphären gehievt hat, von denen auch Topverdiener im Westen nur träumen können. Warum? Weil die zur rechten Zeit an den Schalthebeln der Macht saßen. Und nach kapitalistischen Erwägungen wird eben ein Auto, das fahrbereit ist und einem den Weg komfortabler gestalten kann, auch betankt … der größte Kapitalismus war eben doch der sein Leben aushauchende  Realsozialismus:  Der Staat ist ein schlechter Eigentümer – also her mit den Produktionsfaktoren!

Die EU hat Ungarn zwar Transferleistungen aus Kohäsions- und Strukturfonds von beträchtlichem Ausmaß gebracht: Das Geld floss aber auch hier nicht selten in sinnlose Projekte oder versickerte zum Teil in dunklen Kanälen – warum muss z.B. die Lichtanlage einer Diskothek mit EU-Mitteln gefördert werden, anstatt Straßen in Roma-Siedlungen zu bauen oder Schulen auf dem Land zu modernisieren? Statt den öffentlichen Verkehr, schon aus Umweltgründen heraus, zu stärken, wurden die Nebenstrecken der Bahn, für viele das einzige erreichbare Verkehrsmittel, systematisch kaputtgemacht. Dafür gab es dank Investitionshilfen und Immobilienspekulation Einkaufszentren „satt“, in denen die Verkäufer(innen) sich mangels Kundschaft fast zu Tode langweilen. Jedem Leser sei ein Besuch im „Mammut“ oder im „Westend City Center“ in der Hauptstadt empfohlen.

Und selbstredend wurden (und werden bis heute!) immer die einem selbst nahstehenden Kreise mit Zuckerln bedacht, so gut es geht. Stets auf Kosten der Bevölkerung. Ein ewiges, das Bild der Demokratie untergrabendes, dem realsozialistischen Klüngeldenken entsprechendes, unsägliches Hin und Her, das so durchschaubar wie phantasielos ist. Und dafür gesorgt hat, dass die Trennungslinie seit je her zwischen den Parteilinien verläuft. Anstatt dort, wo sie hingehört: Zwischen Anständigen und Korrupten, zwischen Demokraten und denen, die sich auf Kosten der Gesellschaft bereichern wollen.

Thema Landwirtschaft: Der ungarische Bauer, der die Vorteile der EU – d.h. den freien Export in andere Mitgliedstaaten – nicht am eigenen Leib erfährt, wird ebenfalls durch große Worte allein nicht davon abgelenkt werden können, dass der freie Warenverkehr die ungarische Landwirtschaft (z.B. den Obstanbau) durch Dumpingpreise hart mitnimmt. Gleichgültige Sprüche wie „das ist eben die EU, Ihr wolltet doch rein“ können nur von denen kommen, die aus der besseren Position, von oben herab, sprechen. Marktwirtschaftlich ist dieses Geschwätz vielleicht noch (!) verständlich, aber eine unerträgliche Ignoranz gegenüber der in den ärmeren Mitgliedstaaten herrschenden Situation und zugleich die völlige Ausblendung des Zwecks der EU. Die will nämlich nämlich nicht die schwächeren Mitgliedstaaten zerstören, sondern Unterschiede abbauen. Denn die EU ist, auch wenn das die heute vorherrschenden Roland Bergers und sonstigen BWL-Nerds dieser Welt vergessen haben, ein Friedensprojekt.

Ich selbst bin zwar ein Verfechter der Grundfreiheiten und habe die ungarischen Eingriffe in bestimmte Sachbereiche in zahlreichen Fachpublikationen kritisiert: Dennoch muss man sich in der Strukturpolitik effektiv und zügig um Nivellierung der Unterschiede bemühen. Dies setzt die Einsicht voraus, dass Profiteure der Grundfreiheiten in erster Linie diejenigen sind, die bereits heute effizient wirtschaften, weil sie über große Flächen und modernstes Gerät verfügen – und eben nicht der ungarische Bauer des beginnenden 21. Jahrhunderts. Obwohl jener vielleicht sogar näher am Ideal der naturnahen und ressourcenschonenden Landwirtschaft dran ist als die spanischen Mega-Farmen, die die Flüsse austrocknen, um uns in den Weihnachtstagen günstige Tomaten aus Almeria zu bescheren…

Und natürlich hat auch die Unberechenbarkeit der ungarischen Agrarpolitik ihren Beitrag geleistet: In den Jahren 1998-2002 wurden zahlreiche Kleinbetriebe finanziell gefördert, um einen „bäuerlichen Mittelstand“ ins Leben zu rufen, der eine Chance hat, auch in offenen Märkten zu bestehen. Beispielsweise gab es Förderungen für den Anbau von Beerenfrüchten. Nach 2002 wurden diese Förderungen postwendend gestrichen, weil die Experten von MSZP und SZDSZ die Empfänger für „nicht konkurrenzfähig“ hielten. Dass Bauern, die im Glauben an eine Förderung Invesitionen vorgenommen hatten, aus Verzweiflung Suizid begangen, sei hier nur beiläufig erwähnt, um das Ausmaß der menschlichen Tragödie zu verdeutlichen. Von der liest man nämlich nichts in den EU-Regio-Berichten.

Und wie macht man jemandem, der selbst keine wirtschaftlichen Vorteile aus der Demokratisierung und der Globalisierung ziehen konnte und sich als Spielball der Großen und Mächtigen in Budapest und Brüssel sieht, denn klar, dass gerade die zu Oligarchen und „Sozialdemokraten“ mutierten Jungkommunisten heute großspurig Vorträge über freie Marktwirtschaft (und Demokratie) halten, als seien sie höchstselbst für diese Erfindungen verantwortlich? Und ihre Sichtweise dank ideologisch ähnlich gepolter Redaktionsbüttel ungestört in die Welt hinaustragen können, um im Inland Wahlkampf zu machen? Wieder grinsen sie, diesmal nicht vom Rosenhügel, sondern von der Titelseite der westlichen Zeitungen. Der Spruch „Land of opportunities“ gilt zweifellos für diese Leute und ihren Dunstkreis, dürfte aber wohl etwas zu abgedroschen sein gegenüber „Normalbürgern“ mit einem Durchschnittseinkommen von 450 EUR bei den durch und durch westlichen Lebenshaltungskosten in Budapest, denn die Kinder werden von Motivationssprüchen nämlich nicht satt. Tatsächlich ist Ungarn – das haben alle meine Erfahrungen und Gespräche mit Unternehmen und Unternehmern bestätigt – das Land, in dem der Stärkere, der Finanzkräftige, in den letzten 20 Jahren fast unbeschränkt agieren und sich auf Kosten des Volkes bereichern konnte. Und wer die besten Ausgangspositionen hatte, nach 1989 durchzustarten, das weiß jeder, der sich mit Ungarn vertieft befasst hat.

Hinzu kommt als weitere Folge der realsozialistischen Überlebensmentalität die desolate Steuermoral: Wer keine Steuern zahlt – das gilt für Reiche und Arme gleichermaßen – darf sich zwar nicht wundern, wenn Straßen immer mehr Schlaglöcher bekommen. Hier sehe ich die Verantwortung zum einen bei einer auf sich selbst bezogenen Elite, immer von dem Willen beseelt, das Beste für sich selbst herauszuholen (Vorreiter: SZDSZ!), als auch in dem Versagen der gesamten (diesmal ungarischen) Politik, die bis heute keine effiziente Steuerkontrolle eingeführt hat. Wer ungestört Steuern hinterziehen kann, der tut es eben. Gerade wenn er gelernt hat, dass man tricksen muss, um weiter zu kommen.

Der „Westen“, der von seinen Kontakten zu den mächtigen Wendehälsen profitierte (fragen wir doch Holcim, wer dem Unternehmen die Möglichkeit gab, Zementwerke günstig zu kaufen, um sie dann postwendend schließen zu können), sollte sich Gedanken darüber machen, inwieweit er selbst zu dieser negativen Stimmung beigetragen hat, die Teile der Bevölkerung erfasst. Natürlich ist der Westen nicht an allem schuld, wie immer steht hinter den Problemen Ungarns ein Ursachenbündel. Wir alle sollten aber begreifen, dass insbesondere westeuropäische Unternehmen sich in der Wendezeit nicht selten wie Kolonialherren verhalten haben. Die Stimmung, die wir jetzt sehen, ist somit auch das Ergebnis jahrelanger Klientelpolitik auf (mit unterschiedlichen Schattierungen) allen Seiten des politischen Spektrums. Und damit eine zeitweilige Überkompensation der Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit. Und die „Westpresse“ hat nichts besseres zu tun als die Mitverantwortung des Westens fast durchgehend zu ignorieren und mit erhobenem Zeigefinger ein oberflächliches, mitunter grotesk falsches Bild Ungarns zu zeichnen.

Um nicht in den Verdacht zu kommen, hier wie Jobbik zu sprechen: Den trefflichen Vergleich von den Kolonialherren hat Péter Nádas in der ZEIT gebracht.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/04/15/zeit-interview-mit-dem-schriftsteller-peter-nadas-westeuropa-sollte-seine-mitverantwortung-erkennen/

Die Wertschätzung der freien oder sozialen Marktwirtschaft setzt voraus, dass die Politik die Rahmenbedingungen für eine faire Teilhabe eines Großteils der Bevölkerung am gesellschaftlichen Aufstieg schafft. Keine Gleichmacherei, aber möglichst die gleichen Startbedingungen. Das war in Ungarn in den vergangenen 20 Jahren nie der Fall. Falls es der jetzigen Regierung (trotz 2/3-Mehrheit) nicht gelingen sollte, hieran endlich etwas zu ändern, wird auch sie letztlich grandios scheitern. Zu Recht, sage ich schon jetzt: It´s the economy, stupid!

Wer die „antiwestliche“ Haltung der Ungarn kritisiert, mag in Teilen Recht haben. Der Westen selbst ist aber gefragt, sich an der einen oder anderen Stelle selbst ein menschlicheres Antlitz zu geben. Und von seinem hohen Ross herabzusteigen. Denn wer herumschubst, kann eben nicht nur mit  Gegenliebe rechnen.

„Katholisches“ sieht in der Kritik an Ungarns Verfassung „ideologischen Haß“

Die Zeitung „Katholisches“ tritt  der Kritik an Ungarns Verfassung mit scharfen Worten entgegen und sieht darin – obwohl es an dem ein oder anderen Punkt Anlass zu Kritik gebe – ideologische Verblendung linker und liberaler Kreise. Dies betreffe (aus Sicht der Zeitung wenig überraschend) insbesondere die Kritik an der Bezugnahme auf christliche Wurzeln und die nationale Identität.

http://www.katholisches.info/?p=11594

Im Bezug auf den Vorwurf, die neue ungarische Verfassung maße sich an, das Recht Ungarns auf die umliegenden Staaten auszudehnen (vgl. den SZ-Beitrag von Andreas Zielcke) , weist „Katholisches“ darauf hin, dass sich ein vergleichbarer Passus bereits in der bisherigen Verfassung befunden habe (§ 6 Abs. 3). Darüber habe sich jedoch niemand aufgeregt.

Auch den Vorwurf der Homophobie weist „Katholisches“ zurück. Es bestehe in Ungarn seit 2008 ein Institut der eingetragenen Lebenspartnerschaft, es sei somit ohne weiteres möglich, die Ehe als Partnerschaft zwischen Mann und Frau zu definieren (Anm.: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in mehreren Entscheidungen eine vergleichbare Paxis in Österreich als zulässig angesehen).

ARTE-Beitrag „Nationalismus in Ungarn“

Ein etwas älterer Beitrag auf ARTE über den „Nationalismus in Ungarn“:

http://videos.arte.tv/de/videos/nationalismus_in_ungarn-3622804.html

Wenn man sich die Worte des befragten Zeitungsredakteurs und des Rabbiners anhört, so scheinen beide ein deutlich differenziertes Bild von der Lage in Ungarn zu zeichnen als man im deutschsprachigen Raum zu lesen bekommt. Beide erwecken – trotz ihrer berechtigten Kritik an rechtsradikalen Tendenzen, die es zweifelsfrei gibt – nicht den Eindruck, in Ungarn hätten „Antisemiten das Sagen“ und müssten sich „Juden wieder fürchten“, wie es der in Deutschland lebende Nobelpreisträger Imre Kertész und die deutsche Presse im Jahre 2009 zum Ausdruck gebracht hatte (vgl. hier). Es wäre interessant zu erfahren, woher diese unterschiedliche Wahrnehmung kommt.

Audiatur et altera pars: Zsuzsa Breier über das verfälschte Ungarn-Bild

Ein lesenswerter Artikel über Ungarn ist in der Online-Ausgabe der WELT abrufbar (hier).

Zsuzsa Breier, Dr. phil, frühere Dozentin an der Universität ELTE in Budapest, Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität Berlin und ehemalige Leiterin der Kulturabteilung der ungarischen Botschaft in Berlin, untersucht das hierzulande verbreitete Ungarnbild.

Das Best of (Hervorhebungen durch Hungarianvoice):

Thema Rechtsradikalismus:

Wiederholt hörte ich von deutschen Zeitungslesern, wie schlimm es sei, dass in Ungarn die Rechtsradikalen mitregierten. Die Rechtsradikalen regieren doch gar nicht mit, erwidere ich – aber greift das gegen diese verbreitete Ansicht? Die rechtsradikale Partei „Jobbik“ ist weder Mitglied der Regierung, noch hat sie Einfluss auf die Regierung. Letztere kommt mit einer Zweidrittelmehrheit ohne die Stimme der Rechtsradikalen prima aus. Aber es sei doch überall zu lesen, so meine Gesprächspartner, dass die ungarischen Rechtsradikalen 17 Prozent erhalten hätten. Schlampig recherchiert, wende ich ein, Jobbik erhielt exakt 12,18 Prozent bei den Wahlen in April dieses Jahres. Rühmlich ist es zwar nicht – jede Stimme für die Rechtsradikalen ist eine zu viel – aber gerade das sieht auch die überwältigende ungarische Bevölkerungsmehrheit so. Und für die Vernunft der politischen Elite spricht, dass in Ungarn alle politischen Kräfte, egal ob rechts oder links, ein Bündnis mit den Rechtsradikalen strikt ausschließen.“

Über Viktor Orbán:

Ungarns praktisch einzig noch politisch erfolgreicher ehemaliger Oppositioneller, der nicht erst seit der Wende für demokratische Rechte kämpft, sei ein Antidemokrat? Ich sage nur leise, diese Unterstellung kenne ich doch als ungarische Wählerin, und weiß sie einzuordnen. Das war doch eine der Wahlkampfbehauptungen des linken politischen Blocks, lanciert ausgerechnet von gewendeten Kommunisten, die sich über 40 Jahre lang für die diktatorische Einparteienherrschaft ohne Opposition stark- und dabei ihre Hände schmutzig und auch blutig gemacht haben. Dass auch ehemalige Systemkritische heute mit ehemaligen Akteuren der Einparteienherrschaft gemeinsam Demokratie machen und auch schon mal auf Orbán-Jagd gehen, gehört zu den Blüten der Freiheit unserer ehemaligen Ostblockländer.“

So oder so, Orbán sei gefährlich, steht doch überall. Ja sage ich, ist er, aber nicht für das Land, das nun auf ihn setzt und von ihm erwartet, die Erbschaft des ein zweites Mal misslungenen linken Politikentwurfs zu korrigieren, der wieder einmal in Korruption und in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft strandete. Ja, Orbán ist gefährlich, für seinen politischen Gegner, dem es nicht gelungen ist, ihn zu diskreditieren. Weder der Sturm von Falschnachrichten noch Warnungen vor dem Antidemokraten konnten seinen überzeugenden Wahlsieg verhindern. Der Dämonisierungsversuch gegen ihn und sein bürgerlich-christdemokratisches Bündnis griff nicht: „alle Christen sollen ausgemerzt werden“ und „Orbáns Ermordung wäre eine Wohltat für die Nation“ – so einige mehr als geschmacklose Slogans der Hexenjagd.“

In den deutschen Medien bestimmen die Einschätzungen der unrühmlichen Verlierer über ihren politischen Gegner Orbán noch zu oft den Diskurs. So weit so gut – Politik ist ein hartes Kampffeld, Fakten kann man so oder so lesen, und die Sympathiewerte für Politiker sind immer auch Geschmacksache. Nun aber geht es bei dem Schlechtmachen des politischen Gegners längst nicht nur um einen in die ausländischen Medien ausgeweiteten innenpolitischen Kampf. Orbáns politische Gegner empfinden den beispiellosen demokratischen Wahlerfolg des Nicht-Kommunisten als unheimlich und breiten ihre Missgunst aus.“

Und genau an dieser haardünnen Bruchkante – eine Reminiszenz an die wählerverachtende alte kommunistische Führung drängt sich auf – bewegt sich die Berichterstattung über ein „gefährlich nationalistisches“ Ungarn. Die Behauptung, „die Mehrheit der ungarischen Bevölkerung ist autoritär eingestellt“, klingt so, als ob die Ungarn einen Geburtsfehler hätten. Die ungarische Bevölkerungsmehrheit halte „wenig von Freiheit, ruft nach Ordnung“. Und ich dachte noch, die Ungarn wären ein Freiheitsvolk! 1956 und all die berühmten Freiheitskämpfe gegen Tataren, Habsburger und die Sowjetdiktatur – waren das alles Rufe nach Ordnung?

Zu den angeblichen „Geschichtsrevisionisten“ in den Reihen der Regierung:

Wenn behauptet wird, Orbáns Partei Fidesz habe „Revanchismus, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz gegen die Minderheiten befördert“, dann ist das eine Aussage, die man widerlegen kann. Denn Fidesz verurteilt in seinem Programm und in seinen Erklärungen Revanchismus, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus konsequent und wiederholt. Orbán versichert regelmäßig, dass Fidesz „die Menschen- und Freiheitsrechte von einem jeden ungarischen jüdischen Staatsbürger mit allen Mitteln verteidigen wird.“ Das klingt doch nicht ausgesprochen rassistisch – oder? Außenminister Martonyi erklärt: „Wir haben längst förmlich erklärt, dass die Grenzen in Europa unantastbar sind. Wir sprechen daher überhaupt nicht über Grenzverschiebung, nicht über Revision, sondern immer über Menschen und ihre Rechte“. So sollen Revanchisten sprechen?

Der Beitrag ist als erfreuliche Ausnahmeerscheinung im journalistischen Einerlei der „üblichen Verdächtigen“ der Süddeutschen Zeitung (Michael Frank), des Standard (Gregor Mayer), der TAZ oder auch der Presse zu bewerten. Jedem, der sich für Ungarn interessiert, sei die Lektüre ans Herz gelegt…auch wenn Beiträge wie dieser von Vertretern der „Einheitsmeinung“ wieder als bezahlte Artikel der Fidesz-Regierung diffamiert werden.

Der WELT bleibt insoweit zu danken, als sie neuerdings versucht, unterschiedliche Meinungen über die Lage in Ungarn zu Wort kommen zu lassen. Mehr kann man von einer Tageszeitung nicht verlangen. Aber man sollte auch nicht weniger erwarten.

Ján Slota wütet wieder: Was vom slowakischen Wahlkampf zu erwarten ist

Der Vorsitzende der in der Slowakei mitregierenden Slowakischen Nationalpartei (SNS), Ján Slota, hat sich wieder einmal zu Wort gemeldet. Der Politiker ist für seine tiefe Verachtung gegenüber dem Nachbarn Ungarn und die ungarische Minderheit im eigenen Land bekannt. So bezeichnete er die Minderheit in der Südslowakei schon mal als „Krebsgeschwür am slowakischen Volkskörper„, die sozialistische Außenministerin Kinga Göncz war für ihn ein „zerzaustes Weib„. Zudem hätten die Slowaken die „hässlichen, mongoloiden Ungarn zivilisiert„.

Der wegen Vermögensdelikten vorbestrafte Slota hat auch nichts für die in der Slowakei zahlreiche Roma-Bevölkerung übrig:  Sie seien Kriminelle und Parasiten, die man ausmerzen müsste. Die Hasstiraden gegen alles, was nicht „slowakisch“ ist – was natürlich Slota definiert – kennt faktisch keine Grenzen.

Diesmal griff Slota auf den ersten ungarischen König und Nationalheiligen, Stephan I. (Szent István), zurück, um das Magyarentum anzugreifen: Stephan habe „sich mit den slowakischen Adligen und den fränkischen Rittern verbündet, um diese Mongoloiden auf dem Gebiet des historischen Ungarn zu töten. Möglich, dass einige von ihnen, im Schilf versteckt, überlebt haben„.

Laut Slotas jüngsten Äußerungen war Stephan (aus dem ungarischen Árpáden-Geschlecht) kein Magyare, sondern nur Herrscher über das historische Ungarn, der immerhin besser deutsch als ungarisch sprach.  Bemerkenswert ist, dass derselbe Slota, der dem Staatsgründer Stephan I. nun das Ungarntum abspricht und zum Verbündeten gegen die Magyaren stilisiert, bislang ernsthafte Probleme mit eben dieser Person hatte: Er bezeichnete ihn als „Clown auf einem Pferd“. Dass Stephan – nicht zuletzt aufgrund der Stimmungsmache der SNS – in der Slowakei durchaus als (böser) ungarischer Regent wahrgenommen wird, zeigt übrigens schon die Tatsache, dass Standbilder des Staatsgründers regelmäßig beschmiert und verunstaltet werden. Und im vergangenen Jahr wurde dem ungarischen Staatspräsidenten Sólyom die Einreise zur Einweihung eines Reiterstandbildes St. Stephans untersagt. So viel zur historischen Konsequenz.

Slota weiter:

Die slowakische Nation ist bereits seit 1500 Jahren hier seßhaft. Die mongoloiden ungarischen Stämme, die auf diesen hässlischen, pelzigen Pferden daher kamen, haben erst vor kurzem ihr 1000-jähriges Bestehen gefeiert. Die Hinterlassenschaften dieser nicht seßhaften Nomaden sind auf dem Gebiet Ungarns kaum noch vorhanden.“

Ein letzter Satz zum Geisteszustand Slotas: Er forderte jüngst die slowakische Armee zu erhöhter Alarmbereitschaft auf. Es drohe ein Angriff aus Ungarn. Offenbar hat Slota vor, die ungarische Jobbik in ihren Aussagen noch zu übertrumpfen. Die Slowakei befindet sich im Wahlkampf, das ungarische Blatt kommt bei vielen Slowaken einfach gut an.

Gute Besserung!

http://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_I._(Ungarn)