Kulturkampf? Wiener Burgtheater sagt „nein“ zu einem Gastspiel in Budapest

Das Wiener Burgtheater hat eine Einladung des Budapester Nationaltheaters, im Frühjahr 2014 im Rahmen eines internationalen Festivals ein Gastspiel zu geben, abgelehnt. In der mit „Wir fahren nicht!“ überschriebenen Pressemitteilung vom 13.09.2013 heißt es:

Das Burgtheater wurde vom Budapester Nationaltheater zu einem Gastspiel anlässlich dessen 1. Internationalen Festivals im Frühjahr 2014 eingeladen. Die Erfahrungen mit Kulturpolitikern der derzeitigen ungarischen Regierung, darunter Minister Zoltán Balog und Attila Vidnyánszky, haben gezeigt, dass diese unsere Begegnungen anschließend oft anders darstellten, als sie sich zugetragen haben. Wir wollen nicht zulassen, dass der gute Ruf des Burgtheaters erneut benützt wird, um den beschädigten Ruf der ungarischen Kulturpolitik zu reparieren. Daher nehmen wir die Einladung nicht an.
Das Burgtheater möchte den Diskurs über die Entwicklung der Kulturpolitik in Ungarn jedoch fortsetzen und eine differenzierte Diskussion ermöglichen. Das geht zur Zeit besser in Wien als in Budapest.
Schon zuvor hatte das Burgtheater ja bereits erwogen, ein Theaterfestival mit aktuellen Aufführungen aus Ungarn zu organisieren sofern die finanziellen Mittel aufgebracht werden können. Bei diesem Festival soll eine unterschiedliche Auswahl ungarischer Inszenierungen gezeigt werden. Sowohl unabhängige Theatergruppen, die sich durch die Kulturpolitik der Regierung geschädigt fühlen, als auch das Budapester Nationaltheater, das nach der neuen Besetzung dem nationalkonservativen Lager zugerechnet werden muss, sollen dort zu sehen sein.“

Der Budapester Regierung wird seit 2010 ein fortdauernden „Kulturkampf“ vorgeworfen mit dem Ziel, die eigene (konservative) Sichtweise in Kunst und Kultur durchzusetzen. Die berechtigte Frage ist, ob die jetzige Reaktion, die das ungarische Nationaltheater und seine Kunstschaffenden quasi unter „Quarantäne“ stellt, geeignet ist, jenen Dialog zu fördern, den man vorgibt, sich zu wünschen. Und mehr noch: Handelt es sich hier nicht ebenfalls um eine Art von Kulturkampf? Das Argument, Begegnungen würden „falsch dargestellt“, ist weder überprüfbar, noch tragfähig, die Verweigerungshaltung im Bezug auf ein Gastspiel zu rechtfertigen. Und die Aussage, der „gute Ruf des Burgtheaters“ könne für ungewünschte politische Kampagnen benützt werden, ist darüber hinaus nicht frei von Überheblichkeit…

Das politische Wien hat – zwei Wochen vor der Wahl in Österreich – ein Zeichen gesetzt. Schließlich ist das Burgtheater als eines von drei Bundestheatern (neben Staatsoper und Volksoper) eine staatliche Einrichtung.

http://www.salzburg.com/nachrichten/welt/kultur/sn/artikel/kein-gastspiel-des-burgtheaters-in-ungarn-74248/

TAZ-Beitrag über Róbert Alföldi

Die aus Ungarn stammende Journalistin Anna Frenyó stellt den Lesern der Tageszeitung (TAZ) den ungarischen Regisseur Róbert Alföldi vor, der (unter anderem) bis Juni 2013 Leiter des Ungarischen Nationaltheaters in Budapest war. Ein wirklich lesenswerter Beitrag, der sowohl die Anfeindungen gegenüber Alföldi von rechtsaußen darstellt, jedoch auch einzelne Kritikpunkte an Alföldi selbst nicht ausspart.

http://www.taz.de/Theater-und-Ultrarechte-in-Ungarn/!122988/

Deutschlandfunk: Kritische Anmerkungen zur Berufung von Attila Vidnyánszky an die Spitze des Nationaltheaters

Attila Vidnyánszky wird Mitte des Jahres 2013 Intendant des Budapester Nationaltheaters (Nemzeti Színház). Stephan Ozsváth und Stefan Koldehoff kommentieren im Deutschlandfunk die Ernennung des „Kandidaten von Orbáns Gnaden“:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1953344/

Schon vor dem ersten Wort zu Vidnyánszky teilt Koldehoff den Zuhörern mit, was (seiner Meinung nach) über diese Ernennung zu denken ist: Der Kultur geht es schlecht. Und Vidnyánszka sei der Mann (Zitat) „von Ministerpräsidenten´s Gnaden“. Es folgt ein Rückblick auf „die schlimmen Säuberungen“ im Kulturbereich durch den Freund Vidnyánszkys, den ehemaligen Kulturstaatssekretär Géza Szöcs.

Der bisherige Intendant, Róbert Alföldi, das (so Ozsváth) „enfant terrible“ des ungarischen Theaterbetriebs, habe zu oft mit den Nationalkonservativen angeeckt. Das ist in der Tat so: Wer die „Tragödie des Menschen“ mit Gruppen- und Oralsexszenen „verziert“ und dies Minderjährigen zumutet, wer im öffentlichen Bereich des Nationaltheaters eine Ausstellung zulässt, welche die zwölf Apostel als Homosexuelle karikiert, stellt zwar hierdurch gewiss nicht sein künstlerisches Talent in Frage, aber er eckt – ganz bewusst – an. Die Diskussion darüber, ob solche experimentellen und einem gehörigen Teil der Gesellschaft missfallenden Details in ein Nationaltheater gehören, ist durchaus zulässig, man könnte gar sagen: gewollt. Ebenso wie es eine Frage des Geschmacks ist, ob man ein „Nationaltheater“ für eine Veranstaltung zur Verfügung stellt, in der der Besatzung Siebenbürgens durch die rumänische Armee gedacht wird. Würde der Intendant der Wiener Staatsoper seinen Ballsaal zur Feier des Friedens von St. Germain zur Verfügung stellen?

Die Abwahl des Intendanten ist somit letztlich eine Frage des Geschmacks. Und über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Wer provoziert, will eine Diskussion auslösen, und darf nicht damit rechnen, dass der aktuelle Zeitgeist ihm vorbehaltlos zustimmt. Das hat wohl selbst Alföldi, dessen Fähigkeiten als Künstler unbezweifelbar sind, nicht angenommen.

Die Abberufung ist im Übrigen ebensowenig überraschend wie seine Berufung im Jahr 2008 unter einer sozialliberalen Koalition. Auch Alföldi war damit ein Mann „von Gnaden“ der damaligen Regierung. Anders als heute interessierte das jedoch niemanden.

Was bedauerlich ist: Kein Wort im Beitrag gilt den Fähigkeiten Vidnyánszkys. Die stehen nämlich, wie man hört, außer Zweifel. Warten wir also am besten ab, wie sich Vidnyánszky schlägt. Falls er das Theater nicht füllt, falls er den hohen Ansprüchen der Heerscharen von Kritikern nicht gerecht wird, die in den Startlöchern stehen, mag man ihn zwerfleischen. Bis dahin sollte sich der linksliberale Wächterrat, der immer dann von „Kulturkampf“ spricht, wenn die ihm nahestehenden Personen von der Ablösung betroffen sind, noch ein wenig gedulden.