Dunaferr: Regierung äußert Kaufinteresse

Der krisengeschüttelte ungarische Stahlproduzent ISD Dunaferr Zrt., Dunaújváros, könnte unter Umständen kurzfristig vom Staat übernommen werden. Wirtschaftsminister Mihály Varga teilte nach ersten Gesprächen mit der Dunaferr-Führung am gestrigen Tage mit, dass Kaufbereitschaft seitens der öffentlichen Hand bestehe und bat das Management darum, einen diesbezüglichen Brief des Ministers an den russisch-ukrainischen Eigentümer ISD weiter zu leiten. Die Regierung soll angeboten haben, Schulden der Gesellschaft in Höhe von 500 Mio. EUR zu übernehmen.

http://nol.hu/archivum/varga_mihaly__a_dunaferr_adasvetele_nem_allamositas

Dunaferr, seit 2009 in der Verlustzone, hatte im Juni 2013 angekündigt, einen Teil seiner 7.500 Stellen abbauen zu wollen. Im August wurde dann konkret die Entlassung von bis zu 1.500 Mitarbeitern angekündigt. Einerseits dieser Stellenabbau und die daraus sich ergebenden staatlichen Zahlungen an die arbeitslosen Stahlarbeiter (Arbeitslosenhilfe), andererseits Motive im nahenden Wahlkampf zur Parlamentswahl 2014 dürften die Entscheidung der Regierung, ein Kaufangebot zu unterbreiten, beschleunigt haben. Vor wenigen Tagen hatte die Regierung noch verkündet, eine Verstaatlichung von Dunaferr komme nicht in Betracht.

Das Stahlwerk in Dunaújváros wurde vor über 60 Jahren als „Donau-Stahlwerk“ (Dunai Vasmü) gegründet, um nach einem Ausbau der Kapazitäten kurze Zeit später (bis 1956) als „Stalin-Stahlwerk“ den Betrieb in fortzusetzen. Im Jahr des Volksaufstands erhielt das Werk im Zuge der „Entstalinisierung“ den ursprünglichen Namen zurück. Das Werk war bis zur Wende neben den Betrieben in Ózd (Ózdi Kohászati Üzemek, OKÜ) und Diósgyör (Diósgyöri Acélmüvek, DAM) eines von drei Großunternehmen der seit der Wende in zunehmend desolatem Zustand befindlichen ungarischen Metallurgiebranche.

Die DAM in Diósgyör wurde Anfang der 90er Jahre privatisiert und ging erstmals 1998 in Konkurs. Die Liquidation begann im 2000. Ein Erwerb durch ein italienisches Unternehmen brachte nicht die gewünschte Trendwende, 2003 wurde der Betrieb erneut eingestellt. Nach weiteren zwei Eigentümerwechseln wurde die Produktion von Stahl im Jahr 2004 endgültig beendet (Bilder vom heutigen Zustand).

Die OKÜ Ózd mussten die Produktion ebenfalls nach der Wende, bereits 1992, aufgrund des Wegfalls der Nachfrage aus dem COMECON erstmals einstellen: Die Privatisierung diente hier dem Zweck der Restrukturierung, führte jedoch nur dazu, dass ein kleiner Teil als OAM (Ózdi Acélmüvek Kft.) im Eigentum der süddeutschen Firmengruppe Max Aicher überlebte; der Großteil der OKÜ stellt bis heute eine Industrieruine dar, die als Spiegelbild für den Niedergang der ungarischen Schwerindustrie steht – die Stadt Ózd erholte sich nie von dem Wegfall mehrerer Tausend Arbeitsplätze.

Der Betrieb von Dunaferr war, im Vergleich zu den anderen beiden Schwesterunternehmen der sozialistischen Zeit, zunächst vergleichsweise erfolgreich. Das Unternehmen konnte umstrukturiert und das Werk teilweise modernisiert werden, es folgten Kooperationen wie z.B. mit der österreichischen Voest Alpine. Eine Privatisierung im Jahr 1996 wurde von der ersten Orbán-Regierung im Jahr 2000 faktisch rückgängig gemacht, nach Übernahme der Regierungsgeschäfte im Jahr 2002 durch die Regierung Medgyessy begannen die Verhandlungen mit Investoren jedoch erneut (Dunaferr war abermals defizitär) und führten 2004 zum Verkauf an die Donbass-Gruppe (jetzt: ISD). Dunfarr besteht seit 2006 unverändert in Form einer geschlossenen Aktiengesellschaft (Zrt.).

Unter anderem aufgrund der Wirtschaftskrise befindet sich das Unternehmen trotz steigender Einnahmen seit 2009 fortlaufend in der Verlustzone.

Die Oppositionspartei PM-Együtt 2014 um Ex-Ministerpräsident Gordon Bajnai lehnt eine Privatisierung nicht generell ab, forderte jedoch Garantien, dass es dem Unternehmen nicht so ergehe wie der MAL Rt. und der in Konkurs gefallenen staatlichen Fluglinie Málev.

Off Topic: Aufruf zur Unterstützung der europäischen Bürgerinitiative „right2water“

Heute mal ein Thema, das nicht nur Ungarn, sondern alle betrifft. Ich bitte um Unterstützung für die europäische Bürgerinitiative RIGHT2WATER. Weil Wasser keine normale Handelsware sein darf, sondern ein Menschenrecht werden muss. Für alle.

Besteht Gefahr? Ja. Nestlé ist bereits heute der größte Abfüller von Trinkwasser in Flaschen und tritt dafür ein, die Wasserreserven zu privatisieren. Das braucht kein Mensch!

Jeder EU-Bürger kann teilnehmen: http://www.right2water.eu/de

Danke!

Auch die Süddeutsche Zeitung berichtet über die fragwürdigen Seilschaften um die MAL

Ein Beitrag, der zur Lektüre empfohlen werden kann.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ungarn-mal-eigner-bakonyi-och-der-umweltschutz-1.1012646

Selbst die Süddeutsche Zeitung , sonst um Lorbeeren für die ungarischen Sozialisten und deren vermeintlichen wirtschaftlichen Sachverstand nicht verlegen, kann nunmehr die Augen vor dem offenkundigen „Raubtierkapitalismus“ im Ungarn der 90er Jahre, das Fortbestehen alter korrupter Seilschaften und dem unermesslichen Schaden für das Land, nicht mehr verschließen. Die Altkader und ihre Erben, denen hierzulande – wegen ihres vermeintlich sozialdemokratischen Aushängeschildes, gepaart mit einem „Macher-Image“ – allzu viel Verständnis entgegen gebracht wird (nicht „rechts“ zu sein, wirkt ja immer so sympathisch!), haben mit der europäischen Sozialdemokratie nicht viel zu tun. Sie vertreten vielmehr einen kalten Marktliberalismus, der einzig damit zu erklären ist, dass er ihnen die besten Möglichkeiten gibt, das zusammen geraffte Volksvermögen optimal zu verwerten.

Wer etwa glaubt, es sei Zufall oder das Ergebnis persönlichen wirtschaftlichen Geschicks, dass Männer wie Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány zu den reichsten Ungarn zählen, sollte zur Kenntnis nehmen, dass diese Menschen im „ausklingenden“ sozialistischen Zeitalter (wie Gyurcsány) als Jungkommunistenführer bestens vernetzt waren und somit alle Voraussetzungen erfüllten, um sich in die Reihe der Bakonyis und Tolnays (die Eigner der MAL AG) einzureihen. Dass die Schwiegermutter Gyurcsánys, Witwe des berüchtigten Kommunisten Antall Apró , im Kabinett Horn für die Privatisierungen mitverantwortlich zeichnete und ranghohe Positionen in den kreditgebenden staatlichen Banken hielt, ist natürlich auch alles nur Zufall…wer das Gegenteil behauptet, werden von Népszava & Co. Verschwörungstheorien vorgeworfen.

Möglicher Weise ist dies in den Reihen der westlichen Berichterstatter der Beginn eines dauerhaften Denkprozesses, der dazu führen könnte, dass man hierzulande endlich versteht, warum viele Menschen in Ungarn von der „transformierten“ Nomenklatur (früher Kommunist, jetzt Großkapitalist) genug haben. Und sich von diesen Menschen keine Vorträge über Demokratie anhören möchten. An dessen Ende könnte eine differenzierte Betrachtungsweise liegen, die nicht darauf beschränkt ist, die linksliberale Presse in Ungarn ins deutsche zu übersetzen: Diese ist übrigens gerade damit befasst, die MAL-Führung gegen den öffentlichen Druck zu verteidigen. Hinterfragen der eigenen MSZP-SZDSZ) Vergangenheit? Unerwünscht!