Oberster MSZP-Funktionär in Budapest: Bemerkenswerte Geschichtskenntnisse

Csaba Horváth, ehemaliger OB-Kandidat in Budapest und oberster Funktionär der Ungarischen Sozialisten in der Hauptstadt, hat der oppositionsnahen Tageszeitung Népszabadság ein Interview gegeben.

Gábor Török, Politanalyst, zitiert eine bemerkenswerte Passage auf Facebook:

Ma lesz 94 éve annak, hogy az első köztársaságot kikiáltották, és azóta két olyan személy volt a történelemben, aki a demokrácia ellensége volt: Horthy Miklós és legújabban Orbán Viktor.“

Am heutigen Tage jährt sich zum 94. Mal der Tag, an dem erstmals die Republik ausgerufen wurde, und seitdem gab es zwei Personen in der Geschichte, die Feinde der Demokratie waren: Nikolaus von Horthy und neuerdings Viktor Orbán.“

Die historische Amnesie der MSZP-Funktionäre scheint mehrere Herrschaften ausgeblendet zu haben: Mátyás Rákosi, Stalins besten Schüler, und János Kádár. Und sogar Ferenc Szálasi. Vielleicht handelt es sich ja bei diesen nach MSZP-Lesart um aufrechte Demokraten. Was seine Aussage gegenüber der Magyar Nemzet zu bestätigen scheint: „Wir befassen uns nicht mit kommunistischen Führern, auch nicht mit Stalin oder Tolbuchin, wenn wir über Feinde der Demokratie sprechen.“

Sobald das vollständige Interview verfügbar ist, stelle ich es als Link zur Verfügung.

„Und als aktuellen Begleitgesang gab der MSZP-Vorsitzende Attila Mesterházy der italienischen Tageszeitung l´Unitá zu Protokoll, dass Ungarn zur Diktatur geworden sei („Qui in Ungheria il populismo è diventato dittatura„).

 

Nachtrag vom 17.11.2012:

Horváth hat seine Ergüsse auch auf einer Pressekonferenz der MSZP abgesondert. Hier das Video in seiner vollen Pracht:

 

Nachtrag 20.11.2012:

Und auch wenn man es nicht glauben kann: Es geht noch schlimmer. Er redet sich immer weiter um Kopf und Kragen.

http://atv.hu/videotar/20121119_kimaradtak_a_felsorolasbol_a_kommunista_antidemokratak

Geheime Orte in Budapest: Der Rákosi-Bunker

Wenige Menschen wissen um seine Existenz, noch weniger Menschen kennen ihn von innen oder haben Bilder gesehen. Er ist ein Relikt aus der dunkelsten Zeit des ungarischen Stalinismus, ein in Stahl und Beton gemeißelter Beweis für die Angst der Blockmächte vor dem nuklearen Krieg. Er war – zum Glück – nie in Betrieb: Der Rákosi-Bunker in der Innenstadt von Budapest. Eine Spurensuche.

Wer sich auf den Szabadság tér (Freiheitsplatz) im V. Budapester Stadtbezirk begibt, besucht diesen in den vergangenen Jahren modernisierten und verschönerten Platz wohl zumeist wegen des ehemaligen Gebäude des Ungarischen Fernsehens, der Nationalbank oder auch wegen des Sowjetischen Ehrendenkmals. Im Sommer finden dort Freilichtveranstaltungen statt, die Jugend trifft sich zu Konzerten oder auch nur, um ein gemütliches Feierabendbier zu trinken und im Rasen zu sitzen.

Kaum einer der Besucher des Platzes dürfte aber wissen, dass sich 40 Meter, d.h. nict weniger als 16 Stockwerke unterhalb seiner Füße ein düsteres Bauwerk des Kalten Krieges befindet. Die amtliche Bezeichnung: Schutzbauwerk F4 („F4 objektum“, „4-es számú óvóhely“), besser bekannt unter dem Namen Rákosi-Bunker. Der nach dem „besten Schüler Stalins“, dem ungarischen Kommunistenführer Mátyás Rákosi, benannte und nie zum Einsatz gekommende Bunker sollte der stalinistischen Staatsführung und dem Spitzenpersonal der  Ungarischen Partei der Werktätigen als Schutzbauwerk für den Fall eines Nuklearkrieges dienen. Der Bunker verläuft in nordwestlicher in südöstliche Richtung zwischen Zoltán utca und dem Szabadság tér und wurde parallel zur Budapester Metrolinie 2 errichtet (Baubeginn des Bunkers: 1952). Er verfügt im Südosten über einen unterirdischen Bahnhof und einen – allerdings erst 1966 errichteten – Anschluss zur Metrolinie (zwischen den Bahnhöfen Deák tér und Kossuth tér). So war auch eine direkter Verbindung an die Fernbahn (Ostbahnhof) gegeben.

Die Metro-Bauarbeiter waren – keineswegs zufällig – überwiegend Bergleute vom Land. So bestand keine Gefahr, dass der zeitgleiche Bau des Bunkers „an die große Glocke gehängt“ würde. Kaum einer kannte die Begebenheiten der Stadt und bemerkte, dass er – 40 Meter unter der Oberfläche – gar nicht am Bau der U-Bahn, sondern am streng geheimen Schutzbauwerk für die obersten Kommunisten mitwirkte. Lediglich der Hauptzugang wurde unter strengster Geheimhaltung erbaut (das Gebäude wurde zuvor geräumt).

Da der Bunker insgesamt mehr als 2000 Personen Platz bieten sollte, waren die Ausmaße auch durchaus einer Haltestelle der Metro vergleichbar. Das Objekt misst etwa 4000 Quadratmeter, entgegen ursprünglicher Planungen wurde es aufgrund finanzieller Schwierigkeiten erst im Jahr 1962 endgültig fertig gestellt. Später galt er – wie übrigens das gesamte U-Bahn-System – als Zivilschutzbunker.

Der o.g. frühere Haupteingang zum unterirdischen Tunnelsystem befand sich im Hinterhof der Steindl Imre utca 12, der bombensichere Zugang wurde jedoch im Jahr 2009 abgerissen (Bild 2). Gut erkennbar ist bis heute eine Ventilationsöffnung, die auch als Notausgang dienen sollte, am südöstlichen Eck des Szabadság tér (Bild 3).

Das unterirdische Labyrinth einschließlich der Technik ist bis heute – wenn auch in schlechtem Zustand – vollständig erhalten. In den im Internet verfügbaren Fotostrecken erkennt man Lüftungssysteme sowjetischer Bauart ebenso wie Dieselmotoren der Marke Ganz.

Mehrere Fotostrecken und Videos geben einen guten Eindruck von Architektur und Zustand des Objektes:

http://epiteszforum.hu/imagelist/gallery&nid=18828&img_id=95132

http://www.168ora.hu/cikk.php?id=10313

http://www.noltv.hu/video/2490.html

http://index.hu/gal/?dir=0809/tudomany/rakosi_bunkere/

http://fovarosi.blog.hu/2011/03/26/rakosi_bunkereben_jartunk

http://index.hu/tudomany/tortenelem/rakbu080911/

http://kek.org.hu/varosisetak/rakosi-bunker-kepek/

Kurios: Die Budapester Verkehrsbetriebe (BKV) wollten das heute überflüssig gewordene Objekt schon mehrmals loswerden (es wird wöchentlich gelüftet und entwässert). Unter den Plänen für die weitere Verwendung war nicht nur die Umfunktionierung zu einer Ruinenkneipe oder einer Disko (wohingegen die Feuerwehr aber aus verständlichen Gründen Einspruch einlegte), sondern auch die Einrichtung einer Farm zur Pilzzucht. Vor einigen Jahren wurde dann Nokia Siemens der Mieter, der das Labyrinthsystem für „Telekommunikationszwecke“ nutzen möchte. Wie dies genau aussehen soll, fällt wohl unter das Betriebsgeheimnis – immerhin in diesem Punkt setzt sich das „streng geheime“ fort…

n hervorragender Bericht zum Tunnel ist der Bericht von epiteszforum.hu, Verfasser: Balázs Szabó. Die beiden Planzeichnungen stammen von dieser Seite.

http://epiteszforum.hu/node/18828

Ein auch im übrigen interessanter Beitrag des MTV über die Rákosi-Zeit (Stichworte: Gummi-Zug, Ungarische Orange…) befasst sich am Ende (ab ca. 21:00 min) mit dem Bunker:

http://videa.hu/videok/film-animacio/a-rakosi-rendszer-bunker-f4-gumivonat-ajnApmLPfihZNXUf

Kommentar: Zum Gedenktag für die Opfer des Kommunismus am 25.02.2012

Gemeinsames Andenken in einer zutiefst gespalteten Gesellschaft scheint bisweilen fast unmöglich. Dies vor allem in einem Land wie Ungarn, in der Menschen im Namen der beiden diktatorischen und mörderischen Systeme – Nationalsozialismus und Kommunismus – zahllose Opfer verschuldet und erlitten haben. Dort, wo es kaum eine Familie geben dürfte, in der nicht wenigstens ein Vorfahre von den Verbrechen tangiert gewesen wäre. Ob als Opfer oder Täter. Oder beides. Gerade das scheint die Ursachenforschung, die Erinnerung und die Erkenntnis, dass man nur gemeinsam künftige Totalitarismen verhindern kann, so schwer zu machen.

Der Tag, an dem der Opfer des Kommunismus gedacht wird, ist in Ungarn von besonderer Brisanz. Besondere Vorsicht scheint geboten, was die Wortwahl oder die Art und Weise des Gedenkens anbetrifft. Eine zweigeteilte Gesellschaft – vereinfacht gesprochen ist von einer rechts-links-Spaltung die Rede – wacht mit Argusaugen über „die Anderen“ und verzeiht es nicht, wenn im Rahmen des Gedenkens die Opfer der jeweils anderen Seite relativiert werden. Dieser Verdacht ist jedoch schnell begründet und ebenso schnell offen ausgesprochen.

Kein vernünftig denkender Mensch im demokratischen Spektrum käme auf die Idee, das Leid der Opfer des Nationalsozialismus zu relativieren. Der Umstand, dass der Nationalsozialismus das erste (und hoffentlich auch letzte) System war, welches es fertigbrachte, Menschen aufgrund ihrer Rasse, Volks- oder Religionszugehörigkeit in industriellem Ausmaß zu ermorden – Auschwitz, Treblinka sind auf ewig Namen des Grauens -, ist Grund genug, den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus als einzigartig zu bezeichnen. Nicht das Vergessen, sondern das Gedenken ist unsere Pflicht, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Die junge Generation trägt nicht für die Taten der Vorfahren, aber sehr wohl dafür Verantwortung, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. So ist jedenfalls meine Sicht der Dinge.

Der richtige Ansatz ist aber: Naziverbrechen nicht relativieren, zugleich aber die Taten des Kommunismus nicht bagatellisieren! Nur so ist eine „gesunde“ Erinnerungskultur auf Dauer zu schaffen. Während der Nationalsozialismus – so mein subjektives Gefühl – von der absoluten Mehrheit in Europa in seiner Bedeutung durchaus richtig erkannt wird – scheint das Problem derzeit eher in Tendenzen zu liegen, den Kommunismus in seiner Bedeutung zu verharmlosen. Wer hier allzu offen der Opfer gedenkt und auf die Millionen Toten beider Systeme hinweist, setzt sich mitunter allzu schnell dem Verdacht aus, er sei ein Irredentist und versuche, die Einzigartigkeit der Naziverbrechen in Zweifel zu ziehen.

Hier dürfte auch Umstand, dass sich die Sowjetunion und der sog. Ostblock zumeist friedich transformierten, nicht aber über einen Weltkrieg geschlagen wurden, eine Rolle spielen. Wer einen Krieg verliert, dem widerfährt Zwang: Und auch diesem ist es zu verdanken, dass die Deutschen sich mit ihrer eigenen Geschichte befassen mussten – anders als es heute bisweilen scheint, war die Bereitschaft in der Bevökerung, die eigene Verantwortung freiwillig zu erkennen, nicht sonderlich groß. Fehlt aber, wie im Bezug auf den Kommunismus, dieser Zwang gänzlich, befinden sich die Täter von damals und ihre Sprachrohre bzw. Sympathisanten gar bis heute an den Schaltstellen der Macht und bei den Medien, birgt dies die Gefahr in sich, dass die linken Diktaturen als „schlechter Versuch einer guten Idee“ verharmlost werden. Wer ist schon bereit, seine Rolle vor 1989 ohne jeden äußeren Zwang kritisch  zu hinterfragen?

Wäre es im Mainstream Deutschlands vorstellbar, Taten der Nazis wie den Autobahnbau oder die Familienpolitik als Zeichen der „guten Idee“ des Verbrechensregimes zu nennen, ohne dafür postwendend heftig kritisiert zu werden? Wie der Fall Eva Herman zeigte: Nein. Und das ist auch gut so. Leider fehlt dieser gesunde Reflex bei der Befassung mit dem Kommunismus bis heute: Sendungen im deutschen Fernsehen, in der die DDR auf eine lustige Barcke mit tollen Produkten (z.B. Spreewaldgurken) reduziert wird, in der die Menschen zwar ein wenig in ihren Freiheitsrechten beschränkt waren, aber immerhin Arbeit, Brot und den Schwarzen Kanal hatten, waren vor einigen Jahren keine Seltenheit. Und auch die ungarische Diktatur unter Kádár wird zur „lustigsten Baracke“ verklärt – als sei der Plattensee Garant für ein menschenwürdiges Leben.

Unvergessen auch die Akteure der politischen Linken in Deutschland, die – unter Beifall der entsprechenden Journalisten – bis zuletzt versucht hatten, die DDR als im Grunde sympathischen und reformierbaren demokratischen Staat zu karikieren. Einen, der im Grunde besser war als Westdeutschland. Von diesen Stimmen wird man eine realistische Befassung mit dem Kommunismus kaum erwarten dürfen.

Schlimmer noch als in Deutschland stellt sich die Situation in jenen Ländern Mittel- und Osteuropas dar, in denen die vormalige Elite sich bis heute in großer Zahl an den Schalthebeln der Macht befindet – rechts wie links. Und in dieser Rolle eine gemeinsame Geschichtsaufarbeitung bis heute verhindert. „Erinnerungskultur“ existiert hier nur, wenn es um die eigenen Opfer, die eigenen historischen Rechtfertigungsgründe geht. Das eigene Leid rechtfertigt das Leid der anderen. Muss man sich aber seines Tatbeitrages bewusst werden, so herrscht Bagatellisierung. Das „sympathische Antlitz“ des Sozialismus wird gesehen, nicht aber die bestialische Fratze des Kommunismus. Erst jüngst definierte Oskar Lafontaine den „Kommunismus“ schlicht und einfach als Eigentum der Gemeinschaft an den Produktionsmitteln: eine neue Form scheußlichen Tunnelblicks – wie sehr muss dieser Tunnelblick in Mittelosteuropa verbreitet sein?

Noch vor wenigen Jahrzehnten versuchten Schriftsteller, Redakteure und Journalisten – nicht selten Mitwirkende der 1968er-Generation – ihre damalige Anbetung des Kommunismus oder Maoismus durch verbale Relativierung zu rechtfertigen. Sie geben in Politik und Medien EU-weit bis heute maßgeblich den Ton vor. Wer weiß schon, dass nicht nur der Fußballer Paul Breitner, sondern auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso einst Maoist war? Oder dass der Herausgeber der angeblich so „konservativen“ Tageszeitung WELT im Dunstkreis von Dany „le Rouge“ Cohn-Bendit agierte und für linke Kampfpostillen schrieb? Jeder kann (und wird oft) seine Einstellung ändern. Aber ist dadurch die Bereitschaft, mit seiner Vergangenheit abzuschließen und sich von seinen Positionen frührerer Zeiten zu distanzieren, automatisch groß? Oder verbleibt nicht ein gewissen Drang, sich zu rechtfertigen („Ich war jung, und im Grunde hatten wir Recht und wollten das Gute“)? Wie groß ist etwa die Bereitschaft der Antifa, sich von demjenigen Sozialismus zu distanzieren, der einen oberflächlichen, scheinheiligen und mitunter geschichtsfälschenden Antifaschismus zu seinem Markenzeichen machte, unter dessen Geschichtsbild man heute noch leidet? Von einem Sozialismus, der zwar den Antisemitismus für getilgt erklärte, ihn aber nur unter den Tisch kehrte?

Und es gibt auch die hauptberuflichen Warner. Alarmisten, die jede Bezugnahme auf die Vergleichbarkeit der Ideologien als Relativierung des Holocaust und der Naziverbrechen sehen wollen. Wer etwa betont, dass die ungarischen Stalinistenführer wie Rákosi, Farkas und Gerö jüdischer Herkunft waren, dem wird unverzüglich aufkeimender Antisemitismus und der Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr unterstellt. Und mehr noch: Es wird behauptet, dass derjenige, der Nazismus und Kommunismus vergleiche, den Holocaust relativiere, weil er suggeriere, Juden seien (weil auch sie zu Tätern im Kommunismus wurden) auch nicht besser als Nazis; die Phantasie der Gedankengänge scheint schier unbegrenzt zu sein.

Eine aufrichtige Debatte über die Ursachen dafür, dass Holocaustüberlebende eventuell aus zutiefst verständlichen Rachegefühlen heraus die Arbeit bei der ungarischen Stasi aufnahmen und dabei selbst ein (wenn auch nicht mit dem Holocaust vergleichbare) Verbrechensregime zu ihrem Arbeitgeber machten, kann so natürlich nicht geführt werden. Die Erinnerungskultur ist am Boden. Beinahe jeder Gedenktag kennt Veranstaltungen für die eigene Klientel. Die Verarmlosung der Kommunismus wechselt sich mit der nostalgischen Betrachung der Horthy-Ära ab. Und selbst das Gedenken an 1956 wird nicht gemeinsam begangen.

Sein übriges tat in Ungarn der sog. sanfte Übergang, der letztlich schon sehr früh die Ahndung von Tätern aus politischen Gründen – das Verzeihen, der Großmut waren „en vogue“ – ausschloss. Ein großer Teil der Bevölkerung, deren Vorfahren in den ungarischen Gulag verschleppt worden waren, die als Aristokraten oder Bürgerliche aus ihren Häusern und Wohnungen zwangsweise ausquartiert wurden, die in Arbeitslagern erschossen wurden, verhungerten oder als Klassenfeinde im Gefängnis verrotten mussten, war gezwungen, Tür an Tür mit denjenigen weiter zu leben, die ihre Verwandten oder sie selbst an die Staatssicherheit verraten hatten. Und über ihre Parteizugehörigkeit zu hohen Renten, manchmal gar Doktortiteln gelangten. Eine staatliche Sühne für den ungarischen Kommunismus blieb, ganz anders als bei den Tätern der Naziherrschaft, aus. Bereits hier mussten sich die Opfer des Kommunismus im Stich gelassen und ihr Schicksal als bagatellisiert fühlen; Verschwörungstheorien wie dem angeblichen „Vertrag vom Rozsadomb“ wurde durch den „verhandelten“ Trnsformationsprozess Tür und Torgeöffnet. Das seinerzeit erfundene „Reden wir nicht mehr darüber“ erwies sich als keine gute Basis für Aufarbeitung und Verzeihen.

Wie lange es noch dauern wird, zu einer angemessenen Erinnerungskultur zu gelangen, die sowohl die Kommunistische Ära, als auch die Horthy- und Nazizeit ohne den ideologischen Kampf beleuchtet, ist völlig offen. Beide Seiten müssten sich aufeinander zubewegen und anerkennen, dass die Verbrechenssysteme Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen Millionen Menschen auf dem Gewissen haben und insoweit durchaus vergleichbar sind. Beide Systeme haben Berge von Leichen hinterlassen. Es spielt keine entscheidende Rolle, ob man Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Rasse oder Religion oder aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit verfolgt. Die oben betonte Einzigartigkeit des Holocaust wird durch diese Feststellung nicht in Zweifel gezogen.

Jedoch haben die Opfer sowohl des Nazismus als auch des Kommunismus gleichermaßen Anspruch auf Respekt. Dieser wird gewiss nicht dadurch gezollt, dass ein Schriftsteller wie György Moldova offen ausspricht, Kádár habe viele Menschen „wohl zu Recht“ hängen lassen. Und auch nicht dadurch, dass ein („konservativer“) MDF-Politiker namens Károly Herényi betont, die Opfer des Kommunismus hätten – anders als Juden im Nationalsozialismus – die Möglichkeit gehabt, sich dem staatlich verordneten System anzuschließen, weshalb die Verbrechen nicht vergleichbar seien…

Keine Opfergruppe hat ein Leidens- und Trauermonopol. Das weiß jeder, der Opfer zu beklagen hat.

Szeged: Rákosi nicht mehr Ehrenbürger

Der Stadtrat von Szeged hat beschlossen, Mátyás Rákosi, dem ersten Ministerpräsidenten des kommunistischen Ungarns nach 1945, posthum den Titel des Ehrenbürgers der Stadt zu entziehen. Die Rákosi-Diktatur gilt als düsterste Zeit des ungarischen Kommunismus. Rákosi trug wegen seiner harten Linie und seiner bedingungslosen Ergebenheit gegenüber Moskau den Spitznamen „Stalins bester Schüler“.

http://index.hu/belfold/2011/04/15/rakosi_tobbe_nem_diszpolgar_szegeden/

Gyula Gömbös, Ministerpräsident Ungarns von 1932-1936 und Mitbegründer einer nationalistisch-antisemitischen Organisation namens „Erwachendes Ungarn“, bleibt weiterhin Ehrenbürger. Der Vorschlag eines MSZP-Abgeordneten, diesen Ehrenbürgertitel ebenfalls zu entziehen, wurde von der Mehrheit nicht getragen.