FAZ berichtet über Roma, die den Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben

Ein hervorragender Beitrag mit dem Titel „Erfolgreiche Roma: Ohne Soros wäre ich nicht hier“ über die in Ungarn lebende Minderheit ist seit heute auf FAZ Online abrufbar:

http://www.faz.net/artikel/C30770/erfolgreiche-roma-ohne-soros-waere-ich-nicht-hier-30491349.html

Der Beitrag verzichtet auf das übliche, oberflächliche Bild einer Minderheit, die, den alltäglichen Diskriminierungen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt, keine andere Möglichkeit hat, als in ihrer ausweglosen und zum Teil schlicht menschenunwürdigen Situation zu verharren.

Die Autorin Michaela Seiser versucht vielmehr, an einigen – gewiss nicht alltäglichen – Musterbeispielen aufzuzeigen, dass der Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft durch Bildung, gezielte Förderung und ein hohes Maß an Eigeninitiative und Integrationswillen möglich ist. Seit längerer Zeit ist dieser Beitrag der erste, der die Tatsache offen ausspricht, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen der Roma in Ungarn (und in Europa) nicht nur eine Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft ist, sondern langfristige Anstrengungen aller Beteiligten erfordert.

Flankierend zum FAZ-Artikel empfehle ich hier verlinkten, aus meiner Sicht hervorragenden Hörbeitrag auf Deutschlandradio:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/01/19/roma-radiointerview-mit-autor-und-fotograf-rolf-bauerdick/

Jungle World über Antiziganismus in Ungarn

Die linke Wochenzeitung Jungle World interviewt Judit Geller von der NGO „European Roma Rights Center“ über die Situation der Roma in Ungarn. Sie sieht ihre Aufgabe darin, die Minderheit vor der „Tyrannei der Mehrheit“ zu schützen.

http://jungle-world.com/artikel/2011/31/43730.html

Flankierend hierzu empfehle ich den Blog-Beitrag vom 10.05.2011 inkl. des Interviews mit dem Winzer Bálint Losonci aus der Heti Válasz. Die dortige Situationsbeschreibung – einer der wenigen Fälle, in denen ein Mitglied der sog. „Mehrheitsgesellschaft“ überhaupt zu Wort kommen durfte – hört sich zwar ein wenig anders an als die von Judit Geller, ist aber für das Gesamtbild aus meiner Sicht erforderlich. Vorausgesetzt, man möchte den großen Zulauf zu Gunsten der Rechten verstehen. Audiatur et altera pars.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/05/10/gyongyospata-preisgekronter-ungarischer-winzer-kommt-in-der-heti-valasz-zu-wort/

Heti Válasz: András Stumpf über „Rassistische Windmühlen“

Der Journalist András Stumpf berichtet über das Global Media Forum in Bonn.

Schwerer Angriff aus dem Ausland: Orbáns Getreue auf der schwarzen Liste

Windmühlen des Rassismus

„Probleme bei den Menschenrechten betreffen uns alle unmittelbar“ – so begann der Zeremonienmeister des Global Media Forum in Bonn vergangene Woche seine Einleitung.

Ich wiederum saß im Saal herum, und konnte es kaum erwarten, bis er aufzählt, was ihm – insbesondere in Bezug auf Ungarn – alles Sorge bereitet, Mediengesetz, Autokratie usw.

Und lange musste ich nicht warten. Als er Dunja Mijatovic vorstellte und zu einem der ersten Diskussionsvorträge bat, merkte der Zeremonienmeister zur Person der OSZE-Beauftragten für Pressefreiheit nur so viel an, dass sie bis zum vergangenen Jahr eher unbekannt gewesen sei, aber ihr Name in der Causa Mediengesetz jedermann bekannt geworden sei – sie sei es gewesen, die Druck auf Budapest ausgeübt habe. Nun, ich spitzte meinen Bleistift, jetzt würden wir es wohl abbekommen, aber falsch gedacht. Mijatovic hielt eine sehr korrekte Rede darüber, dass man auch in der westlichen Welt einiges für die Verwirklichung der Pressefreiheit tun müsse, hingegen erwähnte sie den Namen Ungarns, des Landes, welches ihr zu Bekanntheit verholfen hatte, mit keinem Wort.

Die Debatte um das Mediengesetz ging allerdings nicht spurlos vorbei. Ich geriet hierdurch in den Kaffeepausen zwischen den Foren in richtig lustige Situationen. Es war zum Beispiel ein unvergleichliches Gefühl, als mich afghanische und pakistanische Kollegen nach meiner Freiheit bei der Berichterstattung fragten. Sie konnte ich noch beruhigen, ich weihte sie in das große ungarische Geheimnis ein. Darauf hatte ich bei Dr. Hans Hesselmann hingegen keine Lust mehr. Der Herr trat als Redner in einem Workshop zum Thema Antisemitismus und Rassismus auf – er ist Vorsitzender der Koalition europäischer Stadte gegen Rassismus (eines eingetragenen Vereins) –  und begründete die wachsende Notwendigkeit des internationalen Kampfes mit einer Landkarte: „Rechtsradikale, populistische Parteien in Europa“. Und Ja! Bei Ungarn: Fidesz – Bund Junger Demokraten. Mehr nicht. Wer oder was die Quelle für die Landkarte war, diese Frage konnte ich leider nicht stellen, dabei mache ich mir ernsthafte Sorgen. Wenn es auch andernorts so leicht ist, den Feind auszumachen, wird der tugendhafte antirassistische Kampf wohl nie zu Ende gehen. Denn im Kampf gegen Windmühlen wird es schwer, Ergebnisse zu präsentieren.“

http://hetivalasz.hu/jegyzet/rasszista-szelmalmok-39036/

Gyöngyöspata: Preisgekrönter ungarischer Winzer kommt in der Heti Valász zu Wort

Bálint Losonci ist ein ausgezeichneter Winzer. Er stammt aus Budapest, hat Außenhandel studiert und sich als 24-Jähriger entschlossen, in Gyöngyöspata Wein anzubauen. Der Vater zweier kleiner Kinder tut dies auch ausgesprochen erfolgreich, wie der sich mit ungarischen Weinen befassende, äußerst lesenswerte Blog borwerk.de zu berichten weiß. Dessen Macher Peter Klingler, ein gern gesehener und stets kritischer Kommentator bei Hungarian Voice, hat Bálint Losonci schon im März 2011 in Gyöngyöspata besucht und über die persönlichen Eindrücke einen Kommentar veröffentlicht.

Seitdem sind mehrere Wochen ins Land gegangen. Ereignisreiche Wochen. Vieles wurde europaweit über Gyöngyöspata geschrieben, die Redakteure haben sich in Bewegung gesetzt und über Neonazis, angeblich alltägliche Gewalt gegen Roma und rassische Diskriminierung durch die ungarische Mehrheitsgesellschaft berichtet.

So wichtig und richtig der Kampf gegen Rassismus und rechtsradikale Tendenzen ist: Menschen wie Bálint Losonci kamen bislang kaum zu Wort. Wenn die als „regierungsnah“ geltende ungarische Wochenzeitung Heti Válasz – wie vor einigen Wochen geschehen – einen Beitrag abdruckt, in dem ein namentlich nicht genannter Bewohner Gyöngyöspatas über die Entstehungsgeschichte und Ursachen eines Konfliktes berichtet und die seit Jahren bestehende desolate Situation einschließlich der von Teilen der Romabevölkerung im Ort ausgehenden Gewalt und Einschüchterung anspricht, führen solche Meldungen noch nicht einmal zu einem winzig kleinen Rauschen im deutschsprachigen Blätterwald. Ganz anders Berichte von „Massenschlägereien“ zwischen Roma und Rechtsradikalen, in denen verprügelte Angehörige selbsternannter „Bürgerwehren“ gerne auch einmal zum Roma-Opfer umfunktioniert werden.

Dass in Gyöngyöspata ein gesellschaftlicher Konflikt, der seit vielen Jahren schwelt und nun – auch (aber nicht nur!) durch die Wahlerfolge rechtsradikaler Kräfte und Provokationen auf beiden Seiten des politischen Spektrums – an die Oberfläche dringt, d.h. auch in den Redaktionen der großen europäischen Metropolen zur Kenntnis genommen wird, liegt am jahrzehntelangen Versagen der Politik jeglicher Couleur. Gleichwohl wird dem Ansatz, die Entstehungsgeschichte eines durch und durch sozialen, aber aufgrund des Unwillens und der Unfähigkeit der Benennung der Fakten mehr und mehr ethnisierten Konfliktes anders zu erklären als durch „Rassismus“ und „Diskriminierung“ durch die ungarische Mehrheitsgesellschaft, nur wenig Verständnis entgegengebracht. Die Kommentare in vielen Online-Ausgaben großer Zeitungen belegen, dass die Berichte ihre Wirkung haben: „Ungarn aus der EU ausschließen“, liest man dort sehr häufig.

Wie es der Autor und Fotograf Rolf Bauerdick, ein profunder Kenner der Cigány in Mittel- und Osteuropa, auf Deutschlandradio treffend sagte, ist es geradezu unerträglich, in welcher Art und Weise eine „bestimmte Clique von Intellektuellen“ und solche, die sich dafür halten, eine kritische Diskussion (auch) um die Mitverantwortung der größten Minderheit in Ungarn an ihrer Lebenssituation zu unterdrücken versuchen. Dass man so das Übel an der Wurzel packen kann, scheint im Hinblick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte höchst fraglich. Dass die in den Redaktionen westeuropäischer Zeitungen wie dem Standard und der Süddeutschen Zeitung sitzenden Meinungsmacher die übrigen Menschen in Orten wie Gyöngyöspata trotzdem nicht zu Wort kommen lassen, scheint an ihrem „moralisch“ begründeten Unwillen zu liegen, die Verantwortung aller Beteiligten eines gesellschaftlichen Konfliktes anzusprechen. Unwissenheit und Ignoranz erweisen sich hier als explosives Gemisch. Menschen wie Losonci werden entweder ignoriert oder als (jedenfalls latent) rechtsradikale Idioten dargestellt, deren Worte im demokratischen Dialog keine Rolle zu spielen haben. Wen wundert es da noch, dass außerhalb des demokratischen Spektrums stehende Parteien wie Jobbik und andere Rattenfänger, die sich mit ihrem Kampf gegen „Zigeunerkriminalität“ als Retter der Entrechteten aufspielen, so großen Zulauf haben? Wenn dann noch der Staat seine Bürger im Stich lässt, suchen sich diese eben früher oder später die falschen Freunde.

Dass man die bestehenden Probleme, die (ich wiederhole es) nicht ethnisch, sondern sozial begründet sind, durch Verschweigen nicht lösen kann, haben die vergangenen 20 Jahre unter Beweis gestellt. Auch und gerade die Regierungsjahre der sich mit großen Sonntagsreden, aber wenig Taten für die Roma einsetzenden Sozialisten und Liberalen. Vorläufiger Höhepunkt jahrelangen staatlichen Versagens war im März/April dieses Jahres die Übernahme der „Hoheitsgewalt“ durch rechtsradikale Milizen namens „Bürgerwehr für eine bessere Zukunft“, „Wehrmacht“ oder „Betyarenarmee“, die sich anmaßten, für „Recht und Ordnung“ in Gyöngyöspata zu sorgen (Hungarian Voice berichtete). Das eigentlich Erschütternde ist, dass dieser Einmarsch in den Augen vieler Menschen tatsächlich zu einer Verbeserung „ihrer eigenen“ Sicherheit geführt hat; nun waren es jedoch die Roma, die sich fürchteten. Erst nach kritischen Berichten im In- und Ausland reagierte die Regierung Orbán und trat entschlossen gegen die Rechten auf.

Hungarian Voice möchte, anknüpfend an die einleitenden Worte, einen Artikel der Heti Válasz in deutscher Sprache zur Verfügung stellen, der die Situation in Gyöngyöspata, auch die Ursachen für die Eskalation, von einer anderen Seite beleuchtet. Das Wochenblatt hat Bálint Losonci besucht und ein Interview mit ihm gefertigt. Wenn der Artikel auch nicht alle Leser überzeugen wird und auch nicht soll, so wünsche ich jedermann wenigstens die Fähigkeit, sich einmal in die Situation von Bálint Losonci und den von ihm geschilderten Alltag der Menschen vor Ort hinein zu versetzen; in den Alltag recht unpolitischer Menschen, die eigentlich nur in Ruhe und Frieden leben möchten.

Parallel hierzu hat Peter Klingler, der Urheber des borwerk-Weinblogs, einen Beitrag über den Winzer Losonci veröffentlicht.

http://borwerk.de/2011/05/09/sieh-das-gute-liegt-so-nah-am-fuse-der-matra-bei-szecsko-und-losonci/

Viele gehören schon längst ins Gefängnis

Das Dorf der Hetze

Bálint Losonci wurde in der vergangenen Woche auf der Veranstaltung „Winzer der Winzer“ zur Neuentdeckung des Jahres gekürt. Der 30-jährige Winzer aus Gyöngyöspata war sich der Gefahren bewusst, als er vor sieben Jahren als junger Mann aus Budapest seine Tätigkeit im Ort aufnahm, heute würde er nicht mehr gegen ein Grundstück in der Tokajer Weinregion tauschen wollen

Von András Stumpf

– Wenn es stimmt, dass auch guter Wein eine effektive Werbung braucht, können Sie zufrieden sein. Gyöngyöspata kann sich der internationalen Aufmerksamkeit sicher sein.
– Auf diesen Werbeeffekt könnten wir gut verzichten. Natürlich kann es sein, dass man auch auf die Weine achten wird, aber ich zweifle daran, wenn die Medien nur über ethnische Zusammenstöße berichten. Wir sind ein Dorf der Hetze geworden.

– Sie sind ein junger Mann aus Budapest mit einem Abschluss in Außenhandel, trotzdem kamen Sie vor sieben Jahren hierher, um Winzer zu werden. War Gyöngyöspata damals noch ein besserer Platz?
Wir haben es der Politik zu verdanken, dass Gyöngyöspata das überall präsentierte veterinäre Pferd geworden ist. Es gibt mehrere hundert Ortschaften, wo es noch schlimmer aussieht, Gyöngyöspata ist kein Teil der Dritten Welt, es ist nicht hoffnungslos.

Wenn Gábor Vona nicht aus Gyöngyös käme, wären die „Bürgerwehren“ auch nicht in Gyöngyöspata.
Das spielt offenkundig auch eine Rolle. Als wir unser Grundstück hier erwarben, sah ich zwar die Risikofaktoren, aus önologischer Sicht jedoch ist das, was hier unter der Erde ist, ein wahres Wunder; alle Gegenargumente wurden hiervon verdrängt. Der Boden ist andesitisch und kalkig, das ist einzigartig. Die Kalkparameter sind mit denen der Champagne vergleichbar. Ich lernte die regionalen Weine von Tamás Szecskö und Gábor Karner kennen, und sie überzeugten mich davon, dass man hier außergewöhnliche Weine mit individuellen Charakteristika  herstellen kann. Nach unserer Meinung entsteht guter Wein nicht im Keller, sondern am Rebstock. Bei unseren besten Weinen lassen wir zwischen 500 Gramm und einem Kilo Trauben auf dem Rebstock – es gibt keine Kompromisse.

Nun, Gyöngyöspata ist aber doch ein wenig der Kompromiss. Zuerst wollten Sie ja nach Tokaj.
Heute würde ich nicht mehr tauschen, aber es ist richtig, zuerst zog es mich nach Erdöbénye. Aber es ist weit, und der Boden kostet das Zehnfache. Unsere Familie hatte ein kleines Häuschen in Kutas (Komitat Nógrád), meine Frau und ich dachten zuerst, wir lassen uns dort nieder, das Weingut ist hier, 30 Kilometer kann man pendeln. Wir irrten uns, auch das ist weit. Vor drei Jahren sind wir hergezogen. Der wesentliche Teil der Gemeinde besteht aus fleißigen Menschen, die sich gegenseitig helfen und stolz auf ihre Vergangenheit sind…

Ihr Bürgermeister ist jüngst zurückgetreten.
Es war nicht gerade seine Stärke, in ernsten Situationen Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen eine strengere Führung.

Bewerber gibt es genug. Ein Vertreter von Jobbik und Tamás Eszes, der Leiter der Bürgerwehr „Wehrmacht“, streiten sich um den Posten.
Es kann gut sein, dass de beiden Kandidaten im Wettstreit stehen werden.

Gyöngyöspata ist ein Nazikaff – diese Schlussfolgerung drängt sich auf.
Dieser Stempel wurde uns schon oft aufgedrückt, und es wird weiterhin passieren. Aber man sollte zur Kenntnis nehmen: Was jetzt passiert, ist kein Normalzustand. Wir werden auf jeden Fall einen „kämpferischen“ Bürgermeister bekommen, einen, der sich um die Krisensituation kümmern muss.

Wollen Sie nicht kandidieren?
Als Winzer und Vater zweier kleiner Kinder hätte ich hierfür keine Kraft; außerdem kann ich nicht mit erzürnten Menschen umgehen. Mir ist wichtiger, dass ich mit meinem Wein zum guten Ruf der Gemeinde beitrage, und zeige, dass man durch so etwas auch Familien ernähren kann.

Sie haben aber schon vor einigen Wochen in einem Brief – auch im Namen des Gemeinderates – die wahre Situation in Gyöngyöspata beschrieben. Gleichwohl können Sie nicht wissen, wie es zu den Problemen kam.
Jeder erzählt mir, dass es bis zum Systemwechsel 189 ein harmonisches Verhältnis zwischen Zigeunern und Magyaren gab. Sogar der örtliche Jobbik-Chef erzählt, dass er als Kind mit den Zigeunern auf dem Deich gespielt hat; damals wurde die Integration bei der Erziehung zur Wirklichkeit. Man brauchte ach Verputzer und Musiker, Zigeuner übten oftmals auch einfache Hilfstätigkeiten aus. Vor 15-20 Jahren begannen die Probleme, mit einer Umsiedlung. Wie ich höre, holte man in der Zeit des Systemwechsels unter fragwürdigen Umständen Familien aus den umliegenden Ortschaften hierher. Solche, die jene Dörfer loshaben wollten. Die benahmen sich dann anders, als die alteingesessenen Einwohner von Gyöngyöspata. Sie setzten ihr kriminelles Verhalten hier fort: Diebstähle, Raub…es ist alarmierend, dass sie für die jüngere Generation schon wie der Normalfall aussehen. Fünf- bis Siebenjährige machen es sich zum Hobby, sich zu prügeln, physische Gewalt wird zur einzigen Möglichkeit, Konflikte zu lösen. Der fürchterlichste Vorfall geschah im vergangenen November: Ein achtjähriger Junge wurde bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Die Täter waren etwa 3-4 Jahre älter als das Opfer, sie taten es aus Spaß.

Werden Sie ihre Kinder hier in den Kindergarten und in die Schule schicken?
– Im Moment entscheiden wir gerade über den Kindergarten. Wenn meine Frau ein Auto hätte, würden wir sie wahrscheinlich nach Gyöngyöstarján bringen.

Ist die Situation dort besser?
– Eine praktisch rein ungarische Gemeinde, wohingegen der Zigeuneranteil in Gyöngyöspata bei 18 Prozent liegt. In der Schule sind es schon 50 Romakinder. Aber wir werden es mit dem Kindergarten versuchen, mit der Schule, glaube ich, eher nicht. Es ist tragisch, denn es handelt sich um eine bestens ausgestattete Einrichtung, sogar mit Schwimmbad. Aber all das ist keinen Pfifferling wert, wenn ich mir Sorgen darum machen muss, ob mein Kind nach der Schule unversehrt nach Hause kommt. Und das müsste ich, denn die Täter vom vergangenen Jahr sind auch hier. Ich glaube nicht daran, dass nach so einem Vorfall nichts weiter geschieht, es gibt keine Behörde, die eingreifen würde.

Man bräuchte ein Vormundschaftsamt, nicht wahr?
– Richtig. Der Bürgermeister von Érpatak besuchte uns, und sagte, das sei keine Schelmerei. Schon die geltenden Rechtsvorschriften lassen eine Handhabung der Probleme zu, man muss die Behörden nur dazu bewegen, zu handeln. In Érpatak geschah etwas, die Folge war ein wahres Wunder. Zwanzig Interessierte fuhren hin, um sich selbst zu überzeugen, und ihre Erfahrungen waren die folgenden: Man kann spazierengehen, sogar im Ortsteil der Zigeuner, man wird nicht gleich von hundert Menschen umzingelt, wie es hier der Fall ist.

War es hier im Ort nicht ratsam, den Ortsteil der Zigeuner zu besuchen?
– Nicht wirklich. Einmal allerdings wagte ich mich hin, als man die Babydecke meines sechs Monate alten Sohnes in der Arztpraxis gestohlen hatte. Ein paar Wochen später sah ich die Decke wieder, schon bei ihrem neuen „Eigentümer“. Meine Mutter wurde bei der Kellerei bestohlen, Mobiltelefon, Schlüssel, Geld. Ein Schaden von 50.000 Forint, die Decke war nur ein Bruchteil davon. Aber dass man sogar einen Neugeborenen beklaut, das war zu viel, ich sagte mir, Du musst etwas tun.

Kann es nicht sein, dass die armen Zigeunerkinder die Decke nötiger hatten?
– Das kann ich mir nicht vorstellen. Ihr Haus verfügt über zwei Parabolantennen, sie tragen Markenklamotten, haben ein Auto – so viel zur schlimmen Armut. Der SZDSZ-Begriff der „Überlebenskriminalität“ hat sehr viel kaputt gemacht. Die Straftäter kennen ihre Rechte, auch die  Bagetellgrenzen. Es ist weit verbreiteter Aberglaube, dass sie zum Beispiel die Bäume deshalb in Hüfthöhe abschneiden, weil sie zu faul sind, sich zu bücken. Aber so ist es nicht: Wenn man 80 Zentimeter stehen lässt, zählt es nur als „Verstümmelung“, die Strafe ist geringer. Es ist in Ordnung, dass die Regierung gegen die „Kriminalität in Uniform“ vorgeht, aber nur dann, wenn auf der anderen Seite ebenfalls so entschlossen gehandelt wird. 90 Prozent der Menschen in Gyöngyöspata erwarten die Hilfe der Behörden. Allerdings ist es – wenn wir nicht gerade als Kriegsschauplatz gelten – so, dass es im Ort nur einen einzigen Polizisten gibt, und für den ist nicht einmal genug Geld vorhanden, dass er den ganzen Monat lang sein Auto volltanken könnte.

Die Hauptursache für die Spannungen waren die Diebstähle?
– Der Umstand, dass sie das ehemalige Erholungsviertel, den Ziegenhügel, faktisch bis auf den letzten Gartenzaun abgebaut haben, ist nur einer der schmerzhaften Punkte. Das alltägliche Benehmen, die Anmache gegenüber Frauen, das Erheben von Wegezoll  an der Brücke oder in der Schule – das ungarische Kind kann dann passieren und seine Arbeit tun, wenn es zahlt. Das ist es, was vielen Anwohnern ihren Alltag schwer, fast unerträglich gemacht hat. Und auch, dass man Menschen vom Gehweg drängt. Selbst alte Damen und Kinder. Sollen sie doch im Straßengraben laufen und sehen, wer der Herr ist. Das war Alltag.

Bestimmt nur viele Jahre der Ausgrenzung, das Leben als Minderheit, Frustration, ist doch verständlich…
– Natürlich, sie fürchteten sich gewiss schon damals sehr. Wie letzte Woche, nicht wahr? Seit der „heiße Frühling von Gyöngyöspata“ andauert, kamen sechs Menschen physisch zu Schaden. Fünf davon sind keine Zigeuner. Man kann hier schlichtweg nicht von Gewalt gegen Zigeuner sprechen. Nach meiner Lesart handelt es sich, wenn 80 mit Eisenstangen Bewaffnete vier Menschen zusammenschlagen, nicht um eine Massenschlägerei, sondern um Lynchjustiz. Man muss wissen, dass die Zigeuner schon lange Rückenwind bekommen. Ein führender Romavertreter, István Mezei, kommt aus Gyöngyöspata, die Idee der „Evakuierung“ durch das Rote Kreuz zu Ostern dürfte auf seine Idee zurückzuführen sein – seine Freundin ist führende Mitarbeiterin des Roten Kreuzes auf Komitatsebene. Sie haben schon früher gut zusammen gearbeitet. Von Seiten führender Mitglieder der Zigeunergemeinde wird oft gesagt, dass die ganzen Probleme nur von drei Familien verursacht werden, und dass Kinderstreiche von den Rechtsradikalen aufgeblasen würden. Meine Erfahrungen sagen mir: Die Einschüchterung, die Raubstraftaten waren häufiger. Viele von ihnen müssten schon längst im Gefängnis sitzen. Auf der anderen Seite dient das Gefängnis vielen als Sanatorium und Ausbildungsplatz: Ich habe denjenigen, der meine Mutter bestohlen hat, nach seiner Entlassung kaum wiedererkannt. Innerhalb eines halben Jahres konnte er dort drin 15 kg Muskalmasse zulegen.

– Und die Lösung?
Sieht so aus wie in Érpatak. Der Bürgermeister ging hinaus in die Ortschaft, sprach mit den Menschen, sie sollten die Kinder in die Schule schicken, und der Hauseingang möge sauber bleiben. Das dürfte nicht zu viel verlangt sein. Wo die Umstände eine gesunde Erziehung von Kindern nicht zulassen, wo das Kind nicht in die Schule geht, aggressiv wird und herumflucht, sollte man das Kind nach der dritten Ermahnung von den Eltern wegholen – im eigenen Interesse. Natürlich ist das nicht alles: Man sollte diejenigen unterstützen, die in der Lage und willens sind, in der Gemeinde Werte zu schaffen. Und man sollte ihnen helfen: Die kostenlose Vergabe von Pflanzsamen bringt etwas, in Érpatak produzieren die Zigeuner nicht mehr nur für sich selbst, sondern haben genug, um ihre Produkte zu verkaufen. Und sie sind mitterweile stolz auf ihren kleinen Garten, auf die Ordnung im Vorgarten, und darauf, dass die Kinder in die Schule gehen. Das Bodenprogramm ist schon deshalb wichtig, weil es die Menschen zeitlich einbindet; wenn 15-20 Menschen in einer Bruchbude leben, sind sie nicht den ganzen Tag dort, treiben sich herum und machen wenig Sinnvolles. Auch die Halbierung der Zeit für öffentliche Arbeit ist ein Problem. In der freien Zeit werden die Betroffenen zu Hause kaum Dostojewski lesen. Wobei: Die bisherige öffentliche Arbeit war eher eine Olympiade aus den Disziplinen „Auf der Schaufel lehnen“, „Zigarettenrauchen“ und „Herumliegen“. Ich hoffe, dass für den Fall der Verwirklichung der Regierungspläne echte Arbeit geschaffen wird an Stelle vom Herumkratzen in Rosenbeeten – letzteres ist für einen im Saft stehenden Mann in den besten Jahren doch eine Demütigung. Straßen- und Kanalbau, wir haben diesbezüglich Bedarf, und wer hier in diesen Bereichen tätig ist, der kann sich wahrlich als nützliches Mitglied der Gemeinschaft fühlen.

Wen beschäftigen Sie zur Weinlese?
Überwiegend ältere Menschen, in den 60ern und 70ern. Die Bereitschaft zu körperlicher Arbeit ist auch bei den Ungarn katastrophal. Die jüngeren mit Talent gehen häufig weg, nicht selten ins Ausland. Wer unter 40 ist und in der Landwirtschaft als Erntehelfer arbeitet, ist zumeist Alkoholiker. Ausnahmen gibt es nur wenige. Auf die ältere Generation kann man besser bauen. Allerdings gibt es zwei Zigeuner in Gyöngyöspata – Vater und Sohn – mit denen es sich lohnt, zusammen zu arbeiten. Sie sind von Kopf bis Fuß zuverlässige, fleißige und sympathische Menschen. Es wäre toll, wenn sie diejenigen wären, die in der Zigeunergemeinde tonangebend wären. Leider melden sie sich nicht zu Wort. Der Umstand, dass die Uniformierten auch ihnen Angst einjagen, ist schmerzhaft und ungerecht, aber leider ist ihr Lebensstil unter den Zigeunern die Ausnahme.“

Manch ein Bericht der vergangenen Wochen muss Menschen wie Losonci wie Hohn und Spott vorkommen. Die Selbstzensur braucht bei Standard, Süddeutsche und TAZ offenbar nicht einmal ein ungarisches Mediengesetz.

Den Vogel schießt letztgenanntes Blatt mit folgender Aussage ab:

Bezahlt, so sind sich die Roma sicher, würden die Milizionäre von der örtlichen Bevölkerung. Von 47 Millionen Forint, also etwa 180.000 Euro, ist die Rede. „Sie werden bezahlt, damit sie uns töten“, glaubt ein etwa zehnjähriges Mädchen im rosa T-Shirt.“

Es wäre einer zielführenden Debatte über die Situation der Roma in Ungarn gewiss förderlich, wenn man auch Stimmen wie die von Bálint Losonci zu Wort kommen ließe. BorWerk und Hungarian Voice möchten gerne ihr Scherflein dazu beitragen.

Links:

http://borwerk.de/2011/05/09/sieh-das-gute-liegt-so-nah-am-fuse-der-matra-bei-szecsko-und-losonci/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/01/19/roma-radiointerview-mit-autor-und-fotograf-rolf-bauerdick/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/03/14/wo-ungarn-aufgehort-hat-zu-existieren-ein-beitrag-von-index-hu-zum-nazi-aufmarsch-in-gyongyospata/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/04/29/post-aus-gyongyospata-lagebeschreibung-in-der-heti-valasz/

Prozess um Morde an Roma beginnt

Die Mordanschläge auf Roma, die in den Jahren 2008 und 2009 zu Toten und Verletzten geführt hatten, werden ab heute vor dem Komitatsgericht von Pest verhandelt. Die vier Angeklagten stammen aus der rechtsradikalen Szene . Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet u.a. auf geplanten mehrfachen Mord aus niedrigen Beweggründen und unter Inkaufnahme der Gefährdung einer Vielzahl von Menschen.

Im Tatzeitraum wurden sechs Mitglieder der Roma-Minderheit getötet und fünf verletzt. Die Staatsanwaltschaft geht laut Anklageschrift davon aus, dass die körperliche Unversehrtheit weiterer 55 Menschen gefährdet wurde. Die Angeklagten sollen laut Anklageschrift insgesamt 78 Schüsse aus scharfen Waffen abgegeben und 11 Molotow-Cocktails auf Häuser geworfen haben. Die Mordserie hatte europaweit Bestürzung ausgelöst. Die Tatverdächtigen wurden am 21. August 2009 verhaftet. Trotz zweier Teilgeständnisse bestreiten alle Angeklagten eine Tatbeteiligung.

Der Anklageschrift zufolge seien zwei der Täter im Jahre 2007 bei einer Vereidigung von Mitgliedern der „Ungarischen Garde“, einer rechtsextremen Ordnungstruppe der Partei Jobbik, erschienen. Sie seien jedoch überzeugt gewesen, dass die von der „Garde“ ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichten, die „gesellschaftliche Situation“ zu lösen. Man habe daraufhin einen Jäger ausgeraubt und begonnen, Anschläge auf Roma zu verüben. Als es in Galgagyörk ein erstes Todesopfer gegeben hatte, sei man entschlossen gewesen, weiter zu machen, u.a. um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Für das Verfahren sind zunächst 34 Verhandlungstage vorgesehen. Über 160 Zeugen und 30 Sachverständige sind geladen.

http://www.fn.hu/baleset_bunugy/20110323/dobbenetes_reszletek_ro/

Zoltán Kocsis: „Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft“

Zoltán Kocsis, musikalischer Leiter der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, hat der ungarischen Wochenzeitung HVG ein Interview zur Situation im Land gegeben. Es knüpft an dem vor kurzem erschienenen SZ-Interview an, welches – auch in Ungarn – hohe Wellen schlug.

Zoltán Kocsis: Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft

In Ungarn gibt es genauso viel Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, wie in jedem beliebigen anderen europäischen Land. Schon der kleinste Rassismus ist zu viel und ekelhaft, aber es gibt ihn. Trotzdem kann man nicht ein ganzes Land dafür in die Nachrichten bringen oder mit Schlamm bewerfen“ – sagte Zoltán Kocsis, der weltbekannte Pianist und musikalische Leiter der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, der hvg.hu.

hvg.hu: In dem von der Magyar Narancs veröffentlichten Artikel „In den Stunden der Übelkeit“ regte sich der Autor über Ihr Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf. Ihm gefiel gar nicht, dass Sie sagten, Sie fühlten sich wohl in Ungarn. Sogar auf der Titelseite des Blattes verwies man darauf, dass Sie „gezählt“ hätten, wie viele Juden und wie viele Zigeuner in Ihrem Orchester spielen. Was sagen Sie dazu?

Zoltán Kocsis: Meiner Meinung nach sind in dieser aufgeheizten Stimmung, die derzeit in Ungarn vorherrscht, alle verrückt geworden. Ich muss mich für das, was ich der deutschen Zeitung gesagt habe, nicht schämen, das sollten vielmehr diejenigen tun, die aus dem Ausland unser Land und unser Volk verleumden, indem sie zu ausländischen Journalisten rennen. Ich brauchte drei Stunden meiner Zeit dafür, den einen Journalisten davon zu überzeugen, dass Ungarn nicht die Hölle oder – wie es ein englischer Journalist schrieb – ein widerliches kleines Land ist, aus dem es übel riecht.

hvg.hu: András Schiff, der in der Washington Post zum Ausdruck brachte: „als freiheitsliebender Künstler betrachte ich mit Sorge, dass im Bezug auf Ausgrenzung, die Aggression gegenüber Minderheiten und die Intoleranz, Ungarn in Europa sehr weit vorne liegt“, wurde von Ihnen nach Budapest eingeladen, er solle die Nationalen Philharmoniker dirigieren. Hat er die Einladung angenommen?

Z.K.: Leider hat er noch nicht geantwortet. Auch ich bin freiheitsliebender Künstler, aber was András Schiff und Ádám Fischer behaupten, ist schlichtweg nicht wahr. In Ungarn gibt es genau so viel Rassismus, Antisemitismus und Antiromanismus – das letztgenannte Wort habe ich von Károly Bari gelernt – wie in jedem beliebigen europäischen Land. Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft und zu viel, aber es gibt ihn. Überall. Dafür kann man aber nicht ein ganzes Land in die Nachrichten bringen und mit Schlamm bewerfen. Tatsache ist, dass man die Lage in Ungarn im Ausland – und das ist naturgemäß so – zu stark vereinfacht darstellt: „die Ungarn“. Diese vielen Skandale, die üblen Aussagen werfen ein schlechtes Bild auf das Land, und ich möchte es nicht zulassen, dass mein Land, das auch das von András, Ádám und György Konrád ist, von irgend jemandem durch den Schmutz gezerrt wird! Ich kann es einfach weder verstehen noch nachvollziehen, warum man ein Land mit solchen Vorzeichen niedermacht, nur weil ein paar einflussreiche Politiker nun etwas weiter weg von den Fleischtöpfen sitzen. So wird zum Beispiel wegen einiger, nicht einmal besonders wesentlicher Punkte im Mediengesetz völlig überflüssiger Aufruhr veranstaltet.

hvg.hu: Wo wir schon bei der Politik sind, wie bewerten Sie die Wahl im vergangenen Jahr?

Z.K.: Die Gesellschaft hat nicht für die beiden schönen Augen des Viktor Orbán gestimmt, und auch nicht gegen Ferenc Gyurcsány. Man hat die Ergebnisse der vergangenen vier bzw. acht Jahre bewertet. Die Gesellschaft hat genug von Kriminalität, von den Feindseligkeiten, aber vor allem genug von dem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Es wäre gut, endlich in die gleiche Richtung zu gehen, was man auch als wirtschaftliche, kulturelle und moralische Erholung bezeichnen könnte. Das spiegeln die Wahlergebnisse wider, die Menschen wollen eine einheitliche Regierung.

hvg.hu: Der Süddeutschen sagten Sie, Ungarn sei ein Sozialstaat geworden. Was meinen Sie damit?

Z.K.: Dass die Menschen sich um einander kümmern. Trotz aller Probleme, die das Land belasten, denke ich, dass der Begriff „Mensch“ jetzt mehr bedeutet, als in den Jahren zuvor.

hvg.hu: Manch einer titelt vom Kulturkampf, andere visionieren, dass Ungarn zur kulturellen Wüste zu verkommen droht. Wenn das auch übertrieben ist, so will die Regierung doch zweifellos ihren eigenen Geschmack etwas stärker der  Gesellschaft aufzwingen. Wie sehen Sie die Lage im Inland, vor allem, so weit es die Kultur betrifft?

Z.K.: Jede Regierung ist mutig, wenn es darum geht, die Kultur anzufassen, vor allem wenn die Kürzungen vornimmt, denn sie weiß, dass dies kurzfristig keine Folgen hat. Und es ist offenkundig auch nicht das Wichtigste für diese Regierung, die Kultur blütenweiß zu waschen, ich denke aber, trotz allem, dass man sehr genau hinsehen muss. Wenn ich nur unser Haus ansehe, so hat man uns in den vergangenen acht Jahren 300 Mio. Forint (über eine Mio. EUR) weggenommen, was wir als Staatsbürger mit Geduld ertragen haben, aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte es wohl keine Probleme bereitet; denn der Durchschnittsbürger hält Kultur für so etwas wie den Überbau. Er hält sie nicht für unbedingt notwendig, und das wissen auch die Politiker sehr genau. Die negativen Folgen nimmt man später wahr, nämlich dann, wenn solche Werte, die heute noch sehr wettbewerbsfähig sind und für die man uns in der Welt wahrnimmt, vollständig dem Boden gleich gemacht wurden. So ein Wert ist offenkundig die Musik!

hvg.hu: Wie fühlen Sie sich in Ungarn, als Privatperson und als Maestro – Pianist –  und Lehrer?

Z.K.: Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut, und ich glaube, dass ich ein normaler, anständiger Bürger bin. Ich komme gerade von einer Tour in Deutschland zurück, während der wir zehn Auftritte hatten; ich habe mit großem Erstaunen festgestellt, welch großes Publikum wir, die  Nationalen Philharmoniker, haben. Wir sind eine Truppe, in der seit sehr langer Zeit genau die Gespräche stattfinden, die es in der Gesellschaft noch nicht gibt, und deren Ausbleiben zu Leid für das ganze Land führt, und die zu jenen Vorstellungen führen, die es im Alltag gibt. Die politischen Lager verfluchen sich gegenseitig aus genau diesem Grund, und die Menschen haben genug davon. Wenn irgend etwas in Gang gesetzt wird, so sagt die andere Seite sofort, das sei schlecht, weil diese Idee nicht von ihr kommt. Wir bei den Philharmonikern kennen uns und die Geschichte des jeweils Anderen, dessen Familie, wir schätzen uns und sprechen miteinander. Und genau aus diesem Grund ist die Frage, woher man kommt, ein natürlicher Zustand, keine Quelle von Konflikten. Niemand hält den Bogen besser oder bläst ein Instrument schöner, weil er aus einer bestimmten Familie stammt, sondern deswegen, weil er begabt ist. Aber wenn er aus einer bestimmten Familie stammt, dann bereichert er damit unsere gemeinsame Kultur, und es wäre schade, darauf zu verzichten!

hvg.hu: Es hat ziemliche Misstöne ausgelöst, als Sie sagten, dass im Orchester elf jüdische und elf Musiker mit Romaabstammung arbeiten, und so lange man Ihnen nicht sage, diese Menschen müssten entlassen werden, glauben Sie nicht an solche Sachen…

Z. K.: Ich hatte gerade schon darauf hingewiesen, dass wir im Orchester all das angesprochen und ausdiskutiert haben, was in der Gesellschaft noch keinem Dialog zugänglich war. Die Nationalen Philharmoniker sind die perfekte Abbildung der Landesbevölkerung. In diesem Land leben sehr viele begabte Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, und dies ist eine der größten Reserven unseres Landes, und Bedingung für genau jenes künstlerische Niveau, welches wir verkörpern. Ich glaube an die Vermischung, die „Reinrassigkeit“ ist der größte Blödsinn, den es gibt. Wir im Karpatenbecken sind das beste Beispiel. Wie viele Nationen haben sich hier vermengt? Diesem Umstand können wir es verdanken, dass wir überlebt haben, und dass die Welt uns als begabtes Volks kennt. Allerdings auch als streitsüchtiges… Wenn die Welt sich so weiterentwickelt – da sind wir keine Ausnahme – gibt es in ein paar Jahrhunderten vielleicht gar keine Araber, Schwarzen oder Chinesen mehr, sondern nur Menschen. Ich respektiere jeden Mitmenschen, ich erwarte allerdings im Gegenzug auch, dass er mein Gewissen, meine Reizschwelle und auch meine Toleranz nicht herausfordert.“

Quelle: http://hvg.hu/velemeny/20110225_kocsis_zoltan

Zerrbilder: Magdalena Marsovszky im Interview mit „Radio Corax“

Die Regierung Orbán befindet sich in der Kritik. Und das nicht immer zu Unrecht: Die Beschneidung der Befugnisse des Verfassungsgerichts anlässlich einer aus Sicht der Regierung „unerfreulichen Entscheidung“ betreffend Abfindungen für Führungskräfte in staatlichen Betrieben gibt, ebenso wie einige Vorschriften im neuen Mediengesetz, Anlass zu Befremden.

Es gibt jedoch weiterhin Beispiele dafür, dass es Übertreibungen und stark einseitige Betrachtungsweisen der ungarischen Verhältnisse gibt, welche die tatsächliche Lage überzeichnen und zum Teil verfälscht wiedergeben. In diesem Zusammenhang wird – zumeist von einem linken oder linksliberalen Standpunkt aus – versucht, die Maßnahmen der Regierung in Richtung einer „großen völkischen Wende“ und damit in Richtung einer (scheinbar) konsequent rechtsradikalen Denkweise zu deuten. Eine der Wortführerinnen für diese Deutung ist die seit langem als Orbán-Kritikerin bekannte Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky. Sie war im November 2010 Gast bei Radio Corax, Halle.

http://www.podcast.de/episode/1895923/Ungarn_unter_Orban_-_ein_Gespr%C3%A4ch_mit_Magdalena_Marsovszky_Serie_191:_Corax-Widerhall

Einige Punkte des Interviews sollen hier in Thesenform herausgegriffen und behandelt werden:

These 1: Seit Sommer 2010 ist ein „richtiges völkisches Regierungsprogramm“ verabschiedet worden. Dieses hat das „völkische ius sanguinis-Prinzip“ („Abstammungsprinzip“) in das ungarische Staatsbürgerschaftsrecht aufgenommen. Seitdem sollen alle „Magyaren im ethnischen Sinne“, die in den umliegenden Ländern leben, die ungarische Staatsangehörigkeit erhalten können.

Anzumerken ist hierzu: Das Abstammungsprinzip ist – neben dem „ius soli“ („Recht des Geburtsortes“) eines der europäischen Grundprinzipien des Staatsbürgerschaftsrechts. Es gilt im Grundsatz auch u.a. in Deutschland, Frankeich und Österreich. Das Attribut „völkisch“ ist unangebracht, soweit es dazu dient, ein anerkanntes Rechtsprinzip, das traditionell auch in Ungarn gilt, dazu zu nutzen, ein Land in die rechte Ecke zu drängen.

In mehreren Punkten falsch ist die Behauptung Marsovszkys, das Angebot, die ungarische Staatsbürgerschaft zu erwerben, gelte „für die ethnischen Ungarn in den umliegenden Ländern“. Richtig ist, dass Ungarn durch die Neuregelung den erleichterten Erwerb der eigenen Staatsangehörigkeit an alle weltweit lebenden Menschen mit ungarischen Vorfahren (d.h. ein oder mehrere Vorfahren hatten die Staatsbürgerschaft Ungarns oder dessen Vorgängerstaaten) vorsieht. Maßstab ist allein die Staatsbürgerschaft eines der Vorfahren, nicht dessen Ethnie.

Die Verleihung der Staatsbürgerschaft an die Nachkommen eigener Staatsbürger ist kein Einzelfall und steht mit EU-Recht im Einklang. Jeder Mitgliedstaat der EU entscheidet souverän, nach welchen Maßstäben er die eigene Staatsbürgerschaft verleiht (ius sanguinis oder ius soli). Dies geschieht zudem nicht automatisch (dies wäre ein Völkerrechtverstoß), sondern auf Antrag.

Ein Einzelfall? Nein. Im Hinblick auf Mittel- und Osteuropa ist zudem erwähnenswert, dass Rumänien den Staatsbürgern des Nicht-EU-Landes Moldawien ebenfalls ohne weitere Beschränkungen die rumänische Staatsbürgerschaft verleiht und damit Nicht-EU-Bürger zu EU-Bürgern macht. Ein international vernichtendes Echo wie bei Ungarn war hier allerdings nicht zu vernehmen.

These 2: Orbán wollte immer die Herstellung der „nationalen Einheit“ über die Grenzen des heutigen Ungarn hinweg. Dies im Sinne einer „ethnisch-biologistischen, gewachsenen Einheit“. Gemeint ist „Volkstum“.

Richtig ist, dass die Regierungsparteien (Fidesz und KDNP) für die Interessen der ungarischen Minderheiten in den umliegenden Ländern einsetzen wollen. Diese große Zahl an Ungarn im Ausland (insgesamt ca. 2,5, Mio. Menschen) ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass Ungarn nach dem 1. Weltkrieg etwa 2/3 seines Staatsgebietes und 3 Mio. Menschen an die Nachbarländer verlor (im Vergleich: Deutschland musste etwa 10% seiner Gebiete abtreten). Die Vertretung der Interessen im Ausland lebender Minderheiten ist jedoch wiederum nichts Außergewöhnliches, wenn die Staatlichkeit der Nachbarländer gewahrt und respektiert wird. Ungarn hat stets bekräftigt, es würden keine Revisionen beabsichtigt. Im Kern geht es bei der Minderheitenpolitik vielmehr um die „Kulturnation“ – verbunden durch die gemeinsame Sprache und Kulturhistorie. Der KDNP-Vorsitzende und Vize-Ministerpräsident Zsolt Semjén hat im Jahre 2010 im Rahmen der „Ständigen ungarischen Konferenz“ betont, es gehe der ungarischen Regierung um die Nation im kulturellen, nicht im ethnischen Sinne.

These 3: In die neu geplanten ungarische Verfassung soll die „Heilige Ungarische Krone“ aufgenommen werden. Dies ist eine völkische Lebensraumideologie. Dadurch soll die „organisch gewachsene Einheit“ betont werden.

Hier lohnt es sich, den Arbeitsentwurf der neuen Verfassung im Wortlaut wieder zu geben:

„In Ungarn geht sämtliche Macht von der politischen Nation, d.h. vom Volk aus, deren Mitglieder einander gegenüber Verantwortung übernehmen und über gleiche Rechte und über unentziehbare Menschenwürde verfügen. Die Heilige ungarische Krone ist Ausdruck der verfassungsrechtlichen staatlichen Kontinuität. Die Nation übt ihre Macht über gewählte Abgeordnete, im Ausnahmefall auch unmittelbar aus. Ungarn übernimmt Verantwortung für das Schicksal der außerhalb der Grenzen lebenden Ungarn.“

Der Verweis auf die Heilige Krone steht noch nicht fest und ist bislang lediglich für die Präambel im Gespräch. Es handelt sich um eine symbolische und historische Bezugnahme auf die sog. „Lehre der Heiligen Krone“: Hierbei handelt es sich um eine im Mittelalter gewachsene historische (ungeschriebene) Verfassungstheorie, die bereits seinerzeit das Volk (nicht: den Monarchen, wie in mittelalterlichen europäischen Monarchien üblich!) als Souverän ansah. Kernpunkte der Lehre sind, dass der Monarch in Ungarn seine Macht „von der Heiligen Krone“, d.h. der Gemeinschaft und damit letztlich vom Volk, ableitet. Der Monarch stand „unter der Krone“. Die einzelnen Punkte der „Kronenlehre“ sind unter Wikipedia abrufbar. Der Verweis mag in westeuropäischen Ohren merkwürdig anmuten, die Lehre enthielt jedoch schon frühzeitig das Verbot der absoluten Macht des Herrschers, das Widerstandsrecht des Volkes und das Verbot, dass die Minderheit über die Mehrheit herrsche (Diktaturverbot). Man kann – etwas provokant formuliert – diese Punkte im Mittelalter sogar als ausgesprochen fortschrittlich im europäischen Vergleich bezeichnen.

Ob der Verweis in der heutigen Zeit nötig oder sinnvoll ist, darüber kann man trefflich streiten. Zweifel sind angebracht. Die Krone als Ausdruck völkischen Denkens zu bezeichnen, ist jedoch verkürzt und bei entsprechender Betonung des nationalistischen Charakters auch falsch. Der Verfassungsentwurf bekennt sich ausdrücklich zur parlamentarischen Demokratie und zu den europäischen Grundwerten. Auch dies wird bei der Diskussion über die Krone von Seiten der Kritiker fast immer verschwiegen.

These 4: Ungarns Kulturstaatssekretär hat angekündigt, den Ursprung „des Magyarentums“ durch DNA-Analysen nachweisen zu wollen (diese Anmerkung macht Marsovszky im Zusammenhang mit dem Vorwurf „völkischer Politik“).

Die Herkunft der Ungarn ist seit langer Zeit zwischen Forschern umstritten. Die bislang herrschende Auffassung, Ungarn seien „finn-ugrischer“ Herkunft, war in der jüngeren Vergangenheit heftigen Angriffen ausgesetzt. Kritiker dieses Dogmas behaupten neuerdings (mit teils fragwürdigen Bezugnahmen), die Ungarn stammten aus dem Bereich des alten Mesopotamiens und seien Nachfahren der „Sumerer“. Der objektive und kritische (so Paul Lendvai) Kulturhistorker Thomas von Bogyay, bis zu seinem Tode Anhänger der finn-ugrischen These, hat derartige Versuche stets angezweifelt: Man sei auf der Suche nach „ruhmvollen Vorfahren“. Ob die DNA-Forschung das wichtigste Thema ist, muss zwar bezweifelt werden, jedoch könnte sie neue Erkenntnisse über den Ursprung des „Magyarentums“ zu Tage fördern. Ein Bezug zu einer wie auch immer gearteten „völkischen Politik“ ist auch hier bei objektiver Betrachtung kaum möglich. Vielmehr möchte man (hoffentlich ergebnisoffene!) historsche Forschung bebtreiben.

These 5: Die Tatsache, dass man hinter Viktor Orbán steht, ist ein Beleg dafür, dass man „an die völkische Gemeinschaft glaubt“. Dies ist Ergebnis des seit 2002 erzeugten „völkischen Drucks von oben und von unten“.Die Ungarn glauben an die „Erlösung der Nation“.

Die Wahlanalysen und Umfragen zeigen, dass das Ergebnis der Wahlen und der Sieg der rechten Parteien weniger mit einer einheitlichen Ideologischen Basis, sondern vielmehr mit der Enttäuschung über die vergangenen acht Jahre verfehlter Regierungspolitik erklärbar ist. Marsovszky, die sich in Facebook als „Fan“ des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány zu erkennen gibt, versucht jedoch die (auch in den deutschen und österreichischen Medien vorkommende) Kritik an der Politik der vergangenen acht Jahre, die Ungarn 2008/2009 an den Rand des Staatsbankrotts geführt hat, zu verschweigen und argumentiert betont ideologisch. Ziel ist die Diffamierung der – scheinbar einheitlichen – politischen „Rechten“. Der Glaube an die „Erlösung der Nation“ ist in den Köpfen einiger rechter Wirrköpfe durchaus zu finden, charakterisiert jedoch nicht die Mehrheit der Gesellschaft. Belege für ihre Generalkritik an den ungarischen Wählern bleibt Marsovszky schuldig.

These 6: Es gibt einen Beauftragten für „Abrechnung“, der „so lange nicht ruhen darf“, bis die „Schuldigen der letzten acht Jahre eingesperrt werden“. Besondere Zielscheibe ist der ehemalige MP Gyurcsány.

Das Amt eines Kommissars für die Untersuchung von Straftaten und Unrecht der vergangenen acht Jahre gibt es tatsächlich. Freilich hat dieser Kommissar keine Kompetenzen für Strafverfolgung, sondern die Aufgabe, die Akten in den Archiven auf Unregelmäßigkeiten hin zu untersuchen und eventuelle Verfehlungen den Strafverfolgungsbehörden mitzuteilen. Selbst Orbán-kritische Journalisten erkennen an, dass Ungarn in den letzten acht Jahren von beispielloser Korruption geprägt war. Bei deren Aufklärung mitzuwirken, ist Aufgabe des „politischen Aufklärers“, über dessen persönliche Eignung man im übrigen trefflich streiten kann. Tatsache ist, dass auch nach der erstmaligen Abwahl Orbáns im Jahre 2002 ein identisches Amt (wenn auch mit anderem Namen) von den Souialisten eingeführt wurde. Es wurde vom Staatssektretär für Finanzen, László Keller, gehalten (Kritik Marsovszkys damals suchte man vergeblich). Keller erwarb sich schnell den Namen des „für die Anzeigeerstattung zuständigen Staatssekretärs“. Keine der Anzeigen führte zu einem Ergebnis. Schlichtweg falsch ist die Behauptung, der „Chefaufklärer“ Budai habe die Kompetenzen der Polizei.

These 7: Der Moderator von Radio Corax behauptet, die „EU sei etwas, das von Orbán im Wahlkampf als nicht sehr erstrebenswertes für Ungarn angesehen wurde“.

Eine schlichtweg falsche, frei erfundene Behauptung. Orbán sagte einmal vor vielen Jahren, wenn Ungarn den Beitritt nicht schaffe, gebe es auch ein Leben außerhalb der EU. Das Zitat wurde sodann von der Orbán-kritischen Presse in Ungarn aus dem Zusammenhang gerissen und wird bis heute als „Beleg“ für die angeblich EU-feindliche Einstellung der Regierungspartei herangezogen. Im Wahlkampf wurden zwar einzelne Punkte der EU-Politik kritisiert (wie in jedem nationalen Wahlkampf…), dies scheint jedoch der traurige europäische Konsens im mitgliedstaatlichen Wahlkampf zu sein: Alles Gute kommt von uns, alles Schlechte von der EU.

These 8: Ungarn will eine EU-Romapolitik entwickeln, wenn man aber sieht, welche Roma-Politik in Ungarn gemacht wird, könnte das wirklich schief laufen. Ein Beispiel ist ein Urteil, das gegen Roma in Ungarn verhängt wurde. Nachdem es in 2009 zu mehreren Morden an Roma in Ungarn gekommen war (Anm.: Die Verdächtigen, Rechtsradikale, befinden sich in Untersuchungshaft, das Strafverfahren läuft), seien die Roma in Angst gewesen und hätten – laut Marsovszky aus panischer Angst – ein schwarzes Auto beschädigt und dessen Insassen verletzt. Die Roma haben ein Transparent „Tod den Ungarn“ mit sich geführt und sind nun von einem ungarischen Gericht in erster Instanz wegen „Gewalt gegen die Gemeinschaft“ verurteilt worden. Dies ist laut Marsovszky eine Täter-Opfer-Umkehr.

Frau Marsovszky verkennt, dass das Urteil von einem unabhängigen Strafgericht in Miskolc gesprochen wurde und damit kein Auswuchs der „Roma-Politik“ Ungarns ist. Es ist nicht rechtskräftig. Wenn für dieses Urteil jemand zu kritisieren wäre, dann das Gericht. Ob das Urteil Bestand hat, wird sich zeigen. In jedem Fall ist erwähnenswert, dass der Angriff auf das o.g. Fahrzeug von 11 Personen mit Schaufeln, Macheten und Baseballschlägern verübt und laut Urteil durch Rufe wie „Tod den Magyaren“ begleitet wurde. Das Gericht wertete dies als Gewalt gegen eine Gemeinschaft und wendete einen relativ neuen Strafparagraphen an. Der Paragraph soll in erster Linie Minderheiten vor rassistischer Gewalt schützen, wurde nun aber erstmals „gegen“ eine gewalttätge Menge von Roma zur Anwendung gebracht. Es geht also darum, ob auch Minderheiten rassistisch verübte Gewalt begehen können. Dies wird das Berufungsgericht generell und auf diesen Einzelfall hin überprüfen. Bemerkenswert ist aber, dass Frau Marsovszky die gewalttätigen Roma durch die Verharmlosung ihrer Tat in Schutz nimmt, sie seien „in panischer Angst gewesen“. Dies kann durchaus richtig sein, nur war Frau Marsovszky – ebenso wenig wie der Autor dieses Beitrages – nicht vor Ort. Fakt ist, dass die Interviewte das Urteil als Beleg für eine rassistische Politik der „ungarischen Nation“ ansieht. Dies ist in jedem Fall kritikwürdig.

Aus Sicht des Verfassers verfehlen die Anmerkungen Marsovszkys über Ungarn nicht selten die Wirklichkeit. Es wird lediglich das (durchaus existierende) Problem Rassismus und Antisemitismus betont, jedoch der Eindruck erweckt, Ungarn könne darauf reduziert werden. Selbst wenn in ungarischen Medien (genannt sei hier Echo TV) auch antisemitische Töne angeschlagen werden, die in Deutschland und anderswo undenkbar wären und Marsovszky von diesen Stimmen teils wüst beschimpft wird, kann dies nach Ansicht des Verfassers nicht als „Beleg“ für die Denkweise der ungarischen Mehrheit herangezogen werden.  Bei denjenigen, die Ungarn nicht aus eigener Wahrnehmung kennen, kann durch solch einseitige Betrachtungen der falsche Eindruck entstehen, Ungarn sei insgesamt ein rechtsradikales Land. Genau hierin liegt die Mitverantwortung der Kulturwissenschaftlerin für das verzerrte Bild.

Amnesty International kritisiert Ungarn im Zusammenhang mit Gewalt gegen Roma

De Nichtregierungsorganisaton (NGO) Amnesty International drückt in ihrem im November 2010 veröffentlichten Bericht „Violent Attacks against Roma in Hungary“ (abrufbar hier) ihre Besorgnis über die Lage der Roma-Minderheit in Ungarn aus.  Der 47-seitige Bericht knüpft hierbei an eine Mordserie gegenüber Roma an, die im Jahre 2008 begann und Mitte 2009 mit der Festnahme einer Gruppe rechtsradikaler Verdächtiger in der Nähe von Debrecen endete. Die Strafverfahren dauern an.

Der Bericht kritisiert Ungarn wegen der aus Sicht von Amnesty International gegebenen Versäumnisse bei der Integration und beim Schutz der größten ethnischen Minderheit des Landes vor gewaltsamen Übergriffen. Die NGO fordert eine bessere Ausbildung der Ordnungskräfte bei der Aufklärung rassistisch motivierter Gewalttaten und prangert an, entsprechende Taten würden oftmals nicht statistisch als solche erfasst.

Die im Amnesty-Bericht aufgearbeitete Mordserie hat in den vergangenen Jahren in Ungarn für großes Aufsehen gesorgt. Ob die allgemeine Forderung, die Minderheit besser vor Gewalttaten zu schützen, durchsetzbar ist, ist jedoch schwer zu beantworten. Sämtliche Taten wurden scheinbar von den Tätern von langer Hand vorbereitet und in Randbereichen von Gemeinden begangen – hier dürfte ein flächendeckender Schutz kaum möglich sein. Bei der Mordserie handelt es sich also nicht etwa um Fälle von in der Öffentlichkeit ausgetragener Spontangewalt gegenüber Minderheiten, bei der die Polizei die Täter gewähren ließ.

Wichtiger wäre es wohl, bei der juristischen Aufarbeitung rassistische Motive offen an- und entsprechend harte Strafen auszusprechen. Diskriminierung von Minderheiten muss in der Gesellschaft geächtet werden. Zudem muss Ungarn weitere Anstengungen unternehmen, die Roma-Minderheit besser zu integrieren – hier ist insbesondere das Schulsystem gefragt.

Die Integration der Roma, die immerhin 8% der ungarischen Bevölkerung ausmachen, ist jedoch keine Einbahnstraße: Die Ausbildung junger Roma und ihre Integration in das Erwerbsleben scheitert nicht allein am mangelnden Integrationswillen der Mehrheitsgesellschaft: Auch die bis heute oft in archaischen Familienstrukturen und parallel zur Gesellschaft lebenden Roma müssen ihren Teil dazu beitragen, ihre Kinder in das Schulsystem einzugliedern – die hohe Zahl der Schulabbrecher, Arbeitslosen und des Analphabetismus kann nicht allein der Mehrheitsgesellschaft zum Vorwurf gemacht werden. Ohne Schulausbildung ist das Schicksal junger Menschen – nicht nur in Ungarn – besiegelt. Ein gewisser „sanfter Druck“ auf sozial Benachteiligte darf hier nicht tabuisiert werden: Etwa die Frage, ob Empfänger von öffentlicher Hilfe, die sich weigern, ihre Kinder regelmäßig in die Schule zu senden, mit Kürzungen belastet werden könnten.

Darüber hinaus sollte über die Frage nachgedacht werden, auf welche Art und Weise man  sich die „psychologische“ Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft beim Kampf gegen die zweifellos bestehende Diskriminierung am besten sichern kann. Nicht wenige Ungarn blicken mit Unverständnis auf die Tatsache, dass zwar eine ausdrückliche Erfassung von Gewalttaten an Roma verlangt wird, gleichzeitig aber eine statistische Erfassung der von Roma begangenen Straftaten (typischerweise Vermögens- und kleinere Gewaltdelikte) im Interesse einer weitreichenden political correctness gesetzlich untersagt ist. Der Eindruck, die als hoch wahrgenommene Kriminalitätsrate unter Roma – gerade auf dem Land – werde von der Politik seit Jahren verschwiegen, dürfte zum großen Wahlerfolg der Rechtsextremen in Ostungarn im April 2010 beigetragen haben. Da Statistiken helfen können, das Problem zu erkennen, erscheint es  verwunderlich, dass bis heute keine belastbare Statistik über den Beitrag der Roma an der Kriminalitätsstatistik existiert. Dies dient vordergründig dem Schutz der Minderheit, erschwert jedoch auch die Antwort auf die Frage, warum bestimmte Menschen in der Gesellschaft kriminell werden. Ein offener Umgang könnte nicht nur dazu beitragen, gezielte Ursachenbekämmpfung zu betreiben, sondern würde wohl letztlich auch das von Rechtsextremen genährte Märchen der „Zigeunerkriminalität“ zurückdrängen.

Der Amnesty-Bericht spricht wichtige Themen an, die von der ungarischen Innenpolitik ohne jede Vorbehalte angegangen werden müssen. Die Bekämpfung von Diskriminierung und die rückhaltlose Aufklärung rassistisch motivierter Gewalt ist zwingend erforderlich: Ein guter Anfang wäre ein hartes Vorgehen gegen Hetz-Portale wie Kuruc.info und Barikad.hu, die ihre roma- und judenfeindliche Propaganda in den letzten Jahren fast unbehelligt verbreiten durften. Und selbst die Mainstream-Medien müssen sich fragen lassen, ob Sendungen wie „Mónika Show“ (RTL Klub) und die dort quotenwirksam gelebten Vorurteile geeignet sind, das Bild der Roma in der Gesellschaft zu verbessern. In keinem Fall aber darf der Wunsch nach einer guten Außendarstellung des Landes dazu führen, dass die wahren Motive von Straftaten „vertuscht“ werden.

Ob eine in Art und Ausführung einzigartige Verbrechensserie zu dem Schluss zwingt, ein Mitgliedstaat der EU lasse Verbrechen gegen eine Minderheit zu, ist jedoch diskussionswürdig. Verbrechen wie diese sind nicht Auswuchs der alltäglichen Diskriminierung, sondern Taten Schwerkrimineller.

Wie „zweischneidig“ das Schwert ist, zeigt auch eine Nachricht aus Ungarn vom 29.10.2010 an (hier), der zufolge mehrere Roma von einem Gericht in Miskolc (nicht rechtskräftig!) wegen „Gewalt gegen die Gemeinschaft“ verurteilt wurden. Die Täter sollen im Jahre 2009 mit Stöcken und Messern ein Fahrzeug angegriffen und dabei „schlagt den stinkenden Ungarn“ ausgerufen haben. Ferner soll ein Schild mit der Aufschrift „Tod den Ungarn“ herumgetragen worden sein. Das Phänomen des gegen Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft gerichteten Rassismus ist bislang weitgehend im Hintergrund (das Gericht in Miskolc sprach die erste Verurteilung in einem solchen Sachverhalt aus), müsste jedoch wohl im Interesse einer vollständigen Aufarbeitung der Probleme ebenfalls offen angegangen werden. Auch bei dem im Amnesty-Bericht genannten, von Roma begangenen tödlichen Übergriff gegen den Lehrer Lajos Szögi, der vor den Augen seiner beiden minderjährigen Töchter nach einem „Beinahe-Autounfall“ aus dem Fahrzeug gerissen und totgeschlagen wurde, soll unter Beifallrufen wie „tötet den Ungarn“ stattgefunden haben. Die Täter wurden bereits verurteilt.

Dem Amnesty-Bericht ist zuzugestehen, dass er zutreffend anmerkt, dass eine vollständige Aufklärung der Tatmotive und die Anwendung der – bereits vorhandenen – Strafgesetze auf rassistische Gewalttaten ohne wenn und aber dringend notwendig ist. Andernfalls drohen sich die Gräben zwischen Mehrheitsgesellschaft und Roma noch weiter zu vertiefen.

Magdalena Marsovzsky in der Jungle World: „Über den Osten nichts Neues“?

In der aktuellen Ausgabe der linken Wochenzeitung Jungle World berichtet Magdalena Marsovszky in einem längeren Beitrag (HIER) über „Ungarns völkische Wende„.  Wer die Autorin kennt, weiß, dass sie sich bereits in der ersten Regierungszeit Viktor Orbáns (1998-2002) als eine der schärfsten KritikerInnen des Fidesz profiliert und Orbán mit völkischen, nationalistischen und teilweise sogar antisemitischen Gedanken in Verbindung gebracht hat. Wie der neuerliche Artikel zeigt, bleibt Marsovszky ihrem Ungarnbild treu und verbreitet dieses in der deutschsprachigen Presse.

Hier einige Auszüge:

Die völkische Partei Fidesz-MPSZ, die bis jetzt in der Opposition war, wird voraussichtlich mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit als stärkste Kraft daraus hervorgehen.“

Der Vorwurf des „Völkischen“ ist aus der Jungle World bekannt. Keiner der Autoren definiert jedoch genauer, was er unter diesem Begriff des „Völkischen“ genau versteht. Da das Wort vorwurfsvoll verwendet wird, kann kaum von der eher harmlosen Bedeutung „auf das Volk bezogen“ die Rede sein. Wahrscheinlicher ist – insbesondere im Hinblick auf die weiteren Ausführungen – ein Verständnis im Sinne von „national, nationalistisch, rassistsch“, eventuell soll der Bezug zu den rassistisch-antisemitischen  Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts hergestellt werden. Ohne dies allerdings klar auszusprechen, geschweige denn zu erläutern.

Die Gesamtpartei Fidesz als nationalistisch-rassistisch zu bezeichnen, entbehrt jedoch einer sachlichen Grundlage – auch wenn es Bemerkungen von Parteimitgliedern gab, die durchaus verurteilenswürdig waren. Ebenso wie es solche Äußerungen u.a. bei der deutschen CDU gab, deren Ministerpräsidenten Koch und Rüttgers einst mit Unterschriftenkampagnen gegen die doppelte Staatsangehörigkeit („Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“) und unsäglichen Slogans wie „Kinder statt Inder“ Wahlkampf betrieben; niemand wäre auf die Idee gekommen, die CDU geschlossen als rassistische Partei zu diffamieren. Auch Fidesz wird mehrheitlich als konservative oder rechtskonservative Partei angesehen und ist Mitglied der EVP.

Im Jahr 2002, als die Fidesz-MPSZ die Parlamentswahlen gegen die sozialliberale Koalition verlor, begann sich der völkisch-nationalistische »Widerstand« vorwiegend in sogenannten Bürgerkreisen zu organisieren, zu deren Gründung der Oppositionsführer Viktor Orbán aufgerufen hatte. Zu dem von Orbán selbst angeführten Bürgerkreis wurde auch der spätere Parteichef von Jobbik, Gábor Vona, eingeladen.“

Die Bürgerkreise wurden nach dem Wahlerfolg von MSZP und SZDSZ im Jahre 2002 gegründet, um das konservative Lager zusammen zu halten. Der Vorwurf von links, es handle sich um eine „scheindemokratische“ Veranstaltung, kam prompt und ist bis heute – insbesondere aus Wien – hörbar. Tatsächlich genießt die Koalitionsfreiheit Verfassungsrang, weshalb es keinem Politiker zum Vorwurf gemacht werden kann, Gleichgesinnte in „Bürgerkreisen“ zu organisieren und zu treffen. Offenbar sind basisdemokratische Bestrebungen für manch einen Autor jedoch nur glaubhaft, wenn sie von links kommen. Gábor Vona, Vorsitzender der rechtsextremen Jobbik, war tatsächlich (vor der Gründung der Partei  Jobbik) eines der Mitglieder in Orbáns Bürgerkreis, jedoch hat er vor seinem Austritt keinerlei Handlungen vorgenommen, die auf eine antidemokratische oder gar antisemitisch-rassistische Sichtweise hätten schließen lassen.

Übrigens hat die MSZP bereits angekündigt, in der Opposition das „zivile Netzwerk“ – nichts anderes als ein „linker Bürgerkreis“ – wieder zu aktivieren. Mal sehen, ob der Aufschrei aus Wien hier ebenso groß sein wird.

„Wir bräuchten eine Partei rechts von uns“, soll István Stumpf, Orbáns vormaliger Kanzleramtsminister, Ende 2002 gesagt haben, »die sich Meinungen erlaubt, die einer seriösen Partei nicht gestattet sind, die jedoch gleichzeitig der Mutterpartei nicht schaden.« Jobbik sollte also als Sprachrohr für alles fungieren, was offiziell tabuisiert ist, was aber viele denken.“

Mit Verlaub, ist das seriöser Journalismus? Man nehme ein Gerücht, setze es als wahr voraus und verwende es sodann als Vorwurf gegen eine Volkspartei. „Soll gesagt haben“…

Die Fidesz, die ethnisch-biologistisch denkt, versteht unter »Nation« eine blutmäßige Abstammungsgemeinschaft. Nach ihrer revanchistischen Meinung umfasst das »Magyarentum« nicht nur die innerhalb der Landesgrenzen lebende Bevölkerung, sondern auch die »Auslandsungarn« in dern Nachbarländern.

Denkt Fidesz wirklich ethnisch-biologisch? Zweifel sind angebracht. Historisch gesehen hat sich die „Ungarische Nation“ mehrheitlich weniger als ethnisch-biologistische, d.h. rassische Einheit definiert, sondern vielmehr kulturell. Für die Diktatur der Pfeilkreuzler und die Horty-Ära galt freilich etwas anderes. Im größten Teil der ungarischen Historie galt derjenige, der sich zum Magyarentum bekannt hat, als Ungar. Hierzu gehören bedeutende „Magyaren“ wie etwa der Dichter Sándor Petöfi, der als Alexander Petrovics geboren wurde. Verbindungsglied der Nation war vor allem die Sprache und die Kultur, aus diesem Grund gehören die bekennenden Auslandsungarn, die ihre Staatsangehörigkeit ohne ihr Zutun durch den Frieden von Trianon im Jahre 1920 verloren haben, mit guten Argumenten noch heute zur Nation. Dass sie Staatsbürger eines anderen Landes sind, ist hingegen eine staatsrechtliche Frage: Das Nation und Staatsvolk keine zwingende Einheit sind, dürfte bekannt sein. Die Auslandsungarn als zur Nation gehörig anzusehen, ist folglich nicht zwingend Nationalismus, sondern der Versuch, sich um Minderheiten in den Nachbarländern zu kümmern, die dort allzu oft als unerwünschte Störenfriede angesehen werden; hier tut sich die Slowakei durch anachronistische Versuche der sprachlichen Assimilation (Sprachengesetz 2009) derzeit besonders negativ hervor.

„Die Partei bedient seit etwa Mitte der neunziger Jahre, als sie den national turn vollzog, permanent die antisemitischen Streotype des »jüdischen Bolschewismus« und des »jüdischen Kommunismus«. Die heutigen »Fremden« bzw. »Landesverräter« – im Klartext: »die Juden« – seien in Ungarn die Sozialisten, die »Nachfolger der Kommunisten«, wie Orbán und die Mitglieder der Fidesz immer wieder betonen.“

Dieser Vorwurf taucht bei Marsovszky immer wieder auf. Konkrete Beispiele für Aussagen Orbáns, die antisemitische Züge haben, fehlen. Zwar ist der sog. „kodierte Antisemitismus“ in Ungarn (und anderen Ländern) durchaus real, allerdings hat Orbán nie gegen „jüdische Bolschewisten“ gehetzt. Ungarn als ganz normale „junge Demokratie“ und einem aktuell großen Protestwählerpotenzial anzusehen, fällt Frau Marsovszky sichtlich schwer.

„Ungarn ist mittlerweile zu einem gefährlichen rassistischen Land geworden. Allein im Jahr 2009 sind im Land neun Roma ermordet worden, in Budapest werden Juden immer wieder auf offener Straße angegriffen. Vor einigen Wochen, als eine jüdische Gemeinschaft den Seder feierte, wurden die Fenster des Rabbiners mit Steinen eingeworfen. Ein Polizist meinte dazu, es sei in Budapest nicht ratsam, mit Kippa unterwegs zu sein.“

In Anbetracht derartiger Aussagen verwundert es kaum, dass man in Ungarn mitunter von einer Schmähkampagne gegen das Land berichtet und sich herabgesetzt fühlt. Ungarn ist – was rassistische Gewalt angeht – nicht weniger gefährlich oder ungefährlich als andere EU-Länder. Und (nochmals) mit Verlaub: Was ein Polizist gesagt haben soll, ist für eine objektive Situationsbeschreibung völlig irrelevant – Budapest hat eine wachsende und sehr aktive jüdische Gemeinde, die sich nicht verstecken muss. Und das auch keineswegs sollte.

Zwar existiert in Ungarn rechtsextreme Gewalt. Das Land als „gefährlich rassistisch“ zu bezeichnen, geht jedoch deutlich zu weit.

Es überrascht nicht, dass Frau Marsovszky kein einziges Wort zu den möglichen Ursachen des Rechtsrucks verliert: Offenbar fällt es der Autorin schwer, ihre Seelenverwandten von MSZP und SZDSZ für ihren Entwicklungsbeitrag in den letzten 8 Jahren zu kritisieren. Übrigens gab es in der Zeit der ersten Orbán-Regierung nur eine rechtsextreme Partei (MIÉP), die sich bei EU-durchschnittlichen maximal 5% aufhielt.