Hamburger Abendblatt über die Ungarn-Wahl: Wer erkennt die Aussagen wieder?

Das Hamburger Abendblatt berichtet über die morgige Ungarn-Wahl (HIER).  Sylvia Wania stellt Viktor Orbán, den künftigen Ministerpräsidenten, als Mann vor, „der Silvio Berlusconi bewundert und das Parlament verachtet„. Haben wir das nicht schon am Donnerstag irgendwo gelesen? Schauen wir doch mal HIER.

Das „Best of“:

Er (Anmerkung: Orbán) versprach, im Gesundheitssystem für Ordnung zu sorgen und innerhalb eines Jahrzehnts eine Million neue Jobs zu schaffen. Über Details auf dem Weg dorthin schwieg sich Orban aus, ließ die Öffentlichkeit aber wissen, er werde die Vorgängerregierung für ihre Fehler gerichtlich zur Rechenschaft ziehen lassen. Die Zukunft beginne mit einer Abrechnung. Im Übrigen bereite er sich selbst auf eine Regierungsperiode von 15 bis 20 Jahren vor.“

Das Wahlprogramm des Fidesz ist im Internet abrufbar. Das Gesundheitssystem ist in desolatem Zustand, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt über 25%. Nach der sozialistischen Ära von 8 Jahren. Ob es Gerichtsverfahren geben wird, entscheidet die Justiz. Allerdings ist es nichts ungewöhnliches, strafrechtlich relevantes Fehlverhalten (Korruption, illegale Parteienfinanzierung, Betrug bei öffentlichen Ausschreibungen) überprüfen zu lassen. Dass die Aufregung der MSZP und SZDSZ begründet sein könnte, zeigen aktuelle Skandale wie die Verurteilung des MSZP-Politikers János Zuschlag zu 8 1/2 Jahren Haft wegen politischer Korruption.

Das lässt jene Schlimmes befürchten, die sich gut an Orbans erste Amtszeit als Ministerpräsident von 1998 bis 2002 erinnern. Damals brach er mit Tabus, bezeichnete „ausländisches Kapital“ als Gefahr für Heimat und Familie, nannte die kommunistische Regierung „fremdherzig“ und würdigte das „reine, echte Ungarntum“ der Heimat. Gleichzeitig hat er die Aufgaben des Parlaments drastisch beschnitten, das er nur noch alle drei Wochen tagen ließ. Als die Opposition einmal unter Protest den Plenarsaal verließ, rief er ihr hinterher, es ließe sich ohnehin besser ohne sie regieren. Als Orban 2002 die Wahlen verlor, versuchte er seine Anhänger zum Protest auf die Straße zu treiben.“

Frau Wania schreibt offenbar wörtlich vom SZ-Artikel des bekennenden Orbán-Hassers Michael Frank ab. Plagiate  sollen ja die ehrlichste Form des Kompliments sein. Der Wahrheitsgehalt des Beitrages ist jedoch fragwürdig.

„Ihre (Anmerkung: Die der Sozialisten) Regierungskoalition mit den Freien Demokraten hat sich in Reformversuchen heillos verheddert.“

Wörtlich aus dem Frank-Artikel vom 08.04.2010 abgeschrieben. Offenbar arbeitet die deutsche Medienlandschaft nach dem Prinzip Flüsterpost.

Es wäre erfreulich, wenn die Berichterstattung über Ungarn nicht so oft den Eindruck erwecken würde, sie sei Produkt eines simplen Abschreibens ungarischer linker Blätter wie „Népszava“ oder „168 óra“. Gehört eigene Recherche nicht mehr zum seriösen Journalismus. Wenn ja, sollte man auch die andere Seite jedenfalls zur Kenntnis nehmen: Audiatur et altera pars. Die deutschsprachige Presse sollte sich von den Franks und Mayers, die offenkundig Wortführer sind, endlich emanzipieren. Landeskenntnis sieht anders aus. Es gilt abzuwarten und später erkannte tatsächliche Fehlentwicklungen zu kritisieren, anstatt mit Artikeln der hier gezeigten Art bereits jetzt das Fundament dafür zu liefern, warum man in den kommenden 4 Jahren alles schlecht finden wird, was die Konservative in Ungarn tut. Da man den Wahlausgang in Ungarn damit nicht beeinflussen kann, stellt sich die Frage, welches Ziel hier verfolgt wird: Soll das künftige Ungarn als antidemokratisch diffamiert werden?