Das Wunder von Cserdi

László Bogdán ist parteiloser Bürgermeister der mehrheitlich von Zigeuner bewohnten Gemeinde Cserdi im ungarischen Komitat Baranya. Und er ist selbst Roma. Innerhalb von drei Jahren ist es dem Ort gelungen, unter seiner Führung vom „Rand des totalen Zusammenbruchs“ in eine Situation zu kommen, in der die Kriminalität faktisch nicht mehr existent ist, die Roma-Minderheit nicht mehr auf öffentliche Hilfen angewiesen ist, vielmehr selbst Bedürftigen Menschen hilft.

Um das zu erreichen, ergriff Bogdán unorthodoxe Mittel: So schloss er zum Beispiel die örtliche Kneipe oder nahm junge Roma mit zum Zuchthaus in Pécs, um ihnen zu demonstrieren, welches Leben auf sie warten würde, wenn sie straffällig würden. Und er ist – wie das unten verlinkte Video zeigt – ausgesprochen streng mit den Mitgliedern der eigenen Volksgruppe, wenn es um Fragen der Arbeitsmoral geht. Bogdán wörtlich: „Ich glaube nicht an eine Demokratie, die mir suggeriert, dass es mein Recht ist, öffentliche Hilfe zu verlangen, aber zugleich das Recht habe, mich der Arbeit zu verweigern“.

Bereits zu einem früheren Zeitpunkt hatte Bogdán auch klare Worte gegenüber der Mehrheitsbevölkerung gefunden: Diese müsse akzeptieren, dass die Roma-Minderheit nun einmal da sei und weiter wachsen werde. Keiner solle glauben, dass sich die Minderheit „in Luft auflösen“ werde.

Als erste seiner Amtshandlungen wurde die örtliche Kneipe geschlossen.

Regierung plant finanzielle Entschädigung für die Opfer der Roma-Morde

Wie das Internetportal Index.hu unter Bezugnahme auf die regierungsnahe Tageszeitung Magyar Nemzet berichtet, plant die ungarische Regierung eine finanzielle Entschädigung der Opfer der Roma-Morde von 2008-2009. Im Rahmen der gestrigen Regierungssitzung soll Ministerpräsident Viktor Orbán den Verwaltungs- und Justizminister Tibor Navracsics gebeten haben, einen Vorschlag für eine Entschädigungsregelung zu erarbeiten, von der die Familien der Todesopfer profitieren sollen.

In den Jahren 2008-2009 verübte eine Gruppe Rechtsradikaler Mordanschläge auf Mitglieder der Roma-Minderheit in Ungarn, bei denen sechs Personen – darunter ein fünfjähriges Kind – getötet wurden. Weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Die Haupttäter wurden Anfang August vom zuständigen Strafgericht für den Bezirk Budapest zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt, ein Gehilfe erhielt 13 Jahre Haft. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

http://index.hu/belfold/2013/08/15/karteritest_kapnak_a_romagyilkossagok_aldozatai/

EILMELDUNG: Lebenslange Freiheitsstrafe für die wegen Mordes an sechs ungarischen Roma Angeklagten

Das zuständige Strafgericht für das Budapester Umland (Budapest Környéki Törvényszék) hat soeben das Urteil gegen die wegen Mordes an sechs ungarischen Roma Angeklagten verkündet. Die drei Haupttäter, die Brüder Árpád und István Kiss sowie der Mitangeklagte Zsolt Petö wurden wegen mehrfachen, gemeinschaftlich begangenen und im voraus geplanten Mordes aus niedrigen Beweggründen, teilweise zum Nachteil an Personen unter 14 Jahren sowie wegen vielfacher Gefährdung von Menschenleben, Missbrauch von Schuss- und Kriegswaffen und Raub zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Es handelt sich um die Höchststrafe, eine Haftentlassung ist ausgeschlossen.

Gegen den viertrangigen Angeklagten István Csontos verhängte das Gericht eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen Beihilfe.

Die Angeklagten tragen die Kosten des Verfahrens von insgesamt 107 Mio. Forint.

Die Urteilsbegründung dauert an.

http://index.hu/belfold/2013/08/06/ciganygyilkossagok_itelet/

Prozess um Morde an ungarischen Roma: Urteil am 6. August

Der mehrjährige Strafprozess um die rassistisch motivierten Morde an sechs ungarischen Roma steht vor dem Abschluss. Nachdem den Angeklagten heute das letzte Wort gewährt wurde, hat das Gericht – nach zehn Minuten Hauptverhandlung – Termin zur Urteilsverkündung auf den 6. August 2013 bestimmt.

http://index.hu/belfold/2013/07/24/romagyilkossag-per_jon_az_itelethirdetes/

Das Urteil wird bereits seit Monaten mit Spannung erwartet. Nachdem die maximale Dauer von Untersuchungshaft in Ungarn auf vier Jahre begrenzt ist und das Gericht im Juni angekündigt hatte, erneut in die Beweisaufnahme eintreten zu wollen, war befürchtet worden, dass die Angeklagten auf freien Fuß kommen könnten.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/06/05/prozess-um-mordanschlage-auf-roma-wiedereroffnung-der-beweisaufnahme-gefahr-der-aussetzung-der-untersuchungshaft-steigt/

Ein Gerichtssprecher ließ kürzlich verlautbaren, diese Gefahr sehe er nur, wenn das Gericht durch „eine Atombombe zerstört werde„.

Nach beispiellosen Pannen bei den polizeilichen Ermittlungen gegen die vier Angeklagten, die bis an den Versuch der Vertuschung heranreichten, sowie dem Verdacht einer Verwicklung der Geheimdienste in die 2008-2009 verübte Mordserie stand das Gericht seit Anbeginn des Verfahrens unter enormem öffentlichen Druck. Insbesondere die ausländische Presse bemängelte mangelndes Interesse und dass es das Gericht sich auf eine „technizistische Prozessführung“ beschränkt und es versäumt habe, eine politische Aufarbeitung zu betreiben.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ungarn-politik-zeigt-kein-interesse-an-prozess-gegen-roma-moerder-a-912370.html

Bence Fliegaufs „Csak a szél“ kommt in die deutschen Kinos

Bence Fliegaufs Film „Csak a szél“ kommt in die deutschen Kinos. Das Drama, das sich mit dem Leben einer ungarischen Zigeunerfamilie befasst, wurde auf der Berlinale 2012 mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Seit einigen Tagen erscheinen Berichte, die auf das sehenswerte und tief bewegende Werk aufmerksam machen.

HV möchte anhand einer misslungenen Filmkritik, die auf SWR2 erschien, deren Lückenhaftigkeit aufzeigen. Der Autor Herbert Spaich zeigt, ob aus politischer Korrektheit oder mangelnder sprachlicher Kenntnis, nur das Hauptthema des Films, nicht aber die wertvollen Nuancen, die Fliegauf dem Zuseher quasi im Vorbeigehen präsentiert. Diese Bilder, die den „Trüffelsuchern des Antiziganismus“ verborgen bleiben, machen den Film erst vollständig und fördern die ganze bedrückende Lebensrealität ungarischer Roma zu Tage.

http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturthema/filmkritik-just-the-wind/-/id=10016988/nid=10016988/did=11754816/1l78hiz/

Der Film zeigt einen Tag im Leben der Romni Mari, ihrer beiden minderjährigen Kinder Anna und Rió sowie ihres unter den Folgen eines Schlaganfalls leidenden Vaters.

Aufhänger des Films ist der Mord an der Roma-Familie Lakatos, die von Unbekannten mit Schrotgewehren erschossen wurde. Auch die Kinder kamen dabei ums Leben. Mari ist beunruhigt, fordert ihre Kinder jedoch auf, die Schule zu besuchen. Dieser Bitte kommt nur die Tochter Anna nach, Sohn Rió beschimpft seine Schwester, die ihn wecken will, und verbringt den Tag lieber im Wald und beim Play-Station-Spiel mit anderen jungen Zigeunern. Der fehlende Schulbesuch Riós ist, anders als der SWR analysiert, allerdings mehr seiner Unlust als irgendeiner Form von Angst geschuldet – hier ist offenbar Spaichs Phantasie mit ihm durchgegangen. Es ist übrigens nicht Mari, die dem Bus hinterherläuft, sondern ihre Tochter Anna.

Mari arbeitet vormittags bei der Straßenmeisterei, nachmittags putzt sie in der Schule ihrer Kinder. Während ihre Vorarbeiterin bei der Straßenmeisterei hilfsbereit ist und ihr einen Beutel mit Kleidern für ihre Tochter schenkt, ist sie beim Job in der Schule alltäglichen Diskriminierungen durch den Hausmeister ausgesetzt. Auch hier ist Mari allerdings nicht nur unschuldiges Opfer. Sie erscheint zu spät zur Arbeit, wird vom Hausmeister deswegen ermahnt und darauf hingewiesen, „Jeder ist ersetzbar“. Mari antwortet mit einem trotzigen „Außer Dir natürlich!“.

Auch das Mobbing durch die Kollegin ist nur die halbe Realität: Als sie auf dem Posten der sich verspätenden Mari reinigt (die Turnhalle) und sie wegschicken will, ergreift Mari fluchend deren Putzeimer und wirft ihn in den Gang hinaus. Nach getaner Arbeit escheint erneut der Hausmeister und macht Anspielungen, Mari würde nach „Aas“ stinken. Aus Wut ergreift Mari das Geschirr des Hausmeisters und versenkt es in dem Putzeimer, mit dem sie kurz zuvor die Toilette gereinigt hat.

Anders als Spaich und viele seiner Kollegen in den vergangenen Tagen unisono suggerierten, handelt der Film also nicht nur von der Diskriminierung einer wehrlosen Romni, sondern auch von ihren wütenden und zum Teil bedenklichen Reaktionen. Dieses Bild zeichnet Fliegauf auch im Allgemeinen. Keine Szene zeigt dies besser als die Aufnahmen von Maris Heimweg: Sie geht durch die Siedlung und wird von einem Roma aufgefordert, mit ihm einen Schnaps zu trinken, sie könne ihm ja danach „den Schwanz lutschen“. Maris ablehnende Haltung wird von einem vorbeikommenden Nichtroma beobachtet, woraufhin dieser von den umherstehenden Zigeunern ohne Anlass wüst beschimpft („Schwuchtel“, „Wichser“) und bedroht wird. Ein Roma schlägt ihm die Mütze vom Kopf, ein anderer behauptet, er würde Streit suchen, weil sie „cigány“ seien…tatsächlich hat niemand anderes als die Roma den Konflikt provoziert. Ein weiterer Zigeuner schlichtet den Streit.

Die wohl bedrückendste Szene – außer dem tragischen Ende – bildet der Besuch Riós in dem Haus der ermordeten Familie Lakatos. Rió sucht nach Wertgegenständen, als zwei Polizeibeamte auftauchen und sich im Haus umsehen. Rió versteckt sich. Die Polizeibeamten sprechen darüber, dass es mit der Familie Lakatos „die falschen“ Zigeuner erwischt hätte, es seien keine „Parasiten“, sondern fleißige Menschen gewesen, die ihre Kinder zur Schule geschickt und ein Badezimmer besessen hätten. Der ältere Beamte äußert, er könne jederzeit die Roma aufzeigen, die es verdient hätten, so zu enden wie die Familie Lakatos, etwa jene Roma, die kürzlich eine 82-jährige Frau vergewaltigt und misshandelt hatten, um an ihre Ersparnisse von 20 Euro und eine Packung Hühnereier zu kommen. Die Szene strotzt dank der grausam fachsimpelnden Polizisten, die am Tatort Pistazienkerne verputzen und gewisse Sympathie mit den unbekannten Mördern und ihrer „Botschaft“ hegen, vor Antiziganismus und fehlender Pietät vor den Opfern. Aber auch das Bild von Gewaltverbrechen, die durch Roma begangen werden, zeigt blitzlichtartig auf eine hierzulande wenig bekannte Realität in Ungarn, die zu tiefer Besorgnis in Teilen der Gesellschaft führt und rechtsradikalen Parolen von der „Zigeunerkriminalität“ fruchtbaren Boden bietet. Diese Besorgnis kann die Parolen und Sichtweisen der Polizisten nicht rechtfertigen, gleichwohl ist sie real.

Die junge Anna, eine fürsorgliche Person, die Englisch lernt, um gemeinsam mit ihrer Familie nach Kanada zu ihrem Vater auszuwandern, ist die positive Heldin des Films. Sie kümmert sich um die kleine Romni Zita, deren total verwahrloste Mutter mit gewalttätigen Roma ihren Alltag verbringt und ihre Tochter verkommen lässt, anstatt sie zur Schule zu schicken. Hilfsbereit bringt Anna ihr Medikamente (die ihr sogleich mit den Worten „her mit den Medikamenten, Du Fotze“ von einem Zigeuner abgenommen werden) und lernt fleißig in der Schule. Das Bild der Heldin bekommt nur dadurch Kratzer, dass sie Sie Ärger um jeden Preis aus dem Weg zu gehen scheint. Das gipfelt darin, dass sie der Vergewaltigung einer Mitschülerin tatenlos zusieht und wortlos den Raum verlässt, ohne dem ihr entgegen kommenden Erwachsenen zu sagen, was passiert ist.

Am Abend findet sich die Familie wieder in ihrem kleinen Haus im Wald ein. Mari stellt ihren Sohn Rió zur Rede, weil er Kaffee gestohlen hat. Rió versucht, sich dilettantisch aus der Sache herauszulügen, was ihm aber nicht gelingt. Er möchte seiner Mutter am kommenden Tag ein Versteck zeigen, die Mutter verlangt jedoch abermals, er solle lieber die Schule besuchen.

Kurz danach beruhigt Mari ihren Sohn, ein Geräusch von draußen sei „nur der Wind“. Ein folgenschwerer Irrtum.

Nach meiner Auffassung thematisiert Bence Fliegauf mit seinem zu recht preisgekrönten Werk nicht allein das Thema „Diskriminierung der Roma“. Anknüpfungspunkt sind zwar jene tödlichen Gewaltverbrechen, denen in Ungarn in den Jahren 2008 und 2009 sechs Angehörige der Minderheit, darunter auch Kinder, zum Opfer fielen. Anders als die eindimensionalen Zuseher, die dem Film einen erhobenen Zeigefinger (nur) gegen die ungarische Mehrheitsgesellschaft entnehmen möchten, zeigt Fliegauf aber gerade die gegenseitigen Schwierigkeiten im Zusammenleben auf. Missverständnisse, gegenseitige Vorurteile und Verkrustungen, die ein gedeihliches Miteinander zunehmend erschweren. Und dafür sorgen, dass selbst bestialische rassistische Verbrechen an Landsleuten Gleichgültigkeit, Aufrechnungsmentalität und falsch verstandene Solidarität hervorrufen. „Wir“ und „Die“. Polizisten, die glauben, lebenswertes von lebensunwertem Leben unterscheiden zu können und sich bei ihrer täglichen Arbeit gewiss nicht von ihren Vorurteilen freimachen können, sind hier ebenso Mitursache des Problems wie Zigeuner, die aktiv Streit suchen und jedes eigene Fehlverhalten mit Diskriminierung „durch die anderen“ rechtfertigen wollen. Hinzu kommen Roma, die in Fliegaufs Werk quasi an jeder Ecke herumsitzen und sich mit billigem Fusel betäuben: Natürlich treibt gesellschaftliche Ausgrenzung Menschen in Armut, persönliche Verwahrlosung und Alkoholismus; doch ein Ausweg aus der Situation muss auch von der Minderheit selbst gewollt sein, wie der Rom István Forgács zu Recht betonte.

Der Wille, die eigene Situation zu verbessern, ist unter den Protagonisten nur bei Mari und ihrer Tochter Anna zu erkennen. Die entfesselte Welle von Hass verschont jedoch kein Mitglied der Familie. Das ist, wie immer, die eigentliche Tragik: Vorurteile und all ihre grausamen Folgen treffen immer die Falschen.

Es lohnt sich also, auch auf die Nebensätze des bewegenden Films zu achten, anstatt ihn nur als die heute in Mode geratene Anklage gegen die ungarische Mehrheitsgesellschaft zu verstehen. Die Welt ist komplexer: Niemand zeigte das zuletzt besser als der Autor Rolf Bauerdick mit seinem Werk „Zigeuner„. Ein Ausweg aus der beklemmenden Situation wird nur gemeinsam und ohne gegenseitige Schuldvorwürfe zu bewerkstelligen sein; und auch wenn das hier thematisierte Art von Verbrechen auch künftig nicht völlig augeschlossen werden kann, so wird eine von gegenseitigem Respekt geprägte Gesellschaft angemessen darauf reagieren: mit Empörung, Bestürzung und Trauer. Unabhängig von der ethnischen Herkunft.

Bence Fliegaufs Film ist, als Aufruf gegen Gewalt und für ein Miteinander, uneingeschränkt zu empfehlen.

Prozess um Mordanschläge auf Roma: Wiedereröffnung der Beweisaufnahme – Gefahr der Aussetzung der Untersuchungshaft steigt

Die Zeit für eine Urteilsverkündung im Prozess um die Mordserie an ungarischen Roma in den Jahren 2008-2009 wird knapp. Nachdem die Plädoyers der Anklage und der Verteidigung bereits gehalten wurden, machten die Angeklagten nunmehr von ihrem Recht Gebrauch, zusätzlich zum Verteidigerplädoyer Angaben und Anmerkungen zu machen, um sich selbst zu verteidigen. Bei diesen Wortmeldungen handelt es sich noch nicht um das sog. letzte Wort. Teilweise sprachen die Angeklagten stundenlang.

In der vergangenen Woche war durchgesickert, dass das Gericht bereits in dieser Woche ein Urteil fällen könnte. Nach der gestrigen Verhandlung setzte die Kammer jedoch die für heute und kommenden Freitag angesetzten Verhandlungstermine ab und teilte überraschend mit, dass sie erneut in die Beweisaufnahme eintreten werde.n Der Vorsitzende Richter László Miszori setzte sodann Verhandlungstage bis zum 24. Juli 2013 an, hier sollen die Angeklagten das letzte Wort erhalten. Eine Urteilsverkündung ist auch an diesem Tag noch nicht zu erwarten.

Der Grund für die neuerliche Verzögerung ergab sich nach Angaben des Gerichts aus den nun gemachten tatsächlichen Einlassungen der Angeklagten in ihren Verteidigungsreden. Der Vorsitzende wies darauf hin, dass die Angeklagten Árpád Kiss und István Kiss Teilgeständnisse abgelegt hätten. Dabei nahmen Sie Bezug auf Beweismittel, die bislang noch nicht in den Prozess eingeführt worden sind. In Anbetracht des Grundsatzes, wonach das Urteil nur auf Fakten beruhen darf, die zum Gegenstand der Hauptverhandlung gemacht worden sind, will das Gericht offensichtlich sicherstellen, dass die Entscheidung nicht nur auf den Aussagen der Angeklagten, sondern auch den diesbezüglich wichtig gewordenen objektiven Beweismitteln beruht.

Problematisch ist in jedem Fall, dass wegen einer vierjährigen Höchstfrist für die angeordnete Untersuchungshaft eine Urteilsverkündung bis zum 21. August erfolgen muss, andernfalls würden die Angeklagten vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Da mit einem Urteil nach jetzigen Angaben des Gerichts auch am 24. Juli 2013 nicht zu rechnen ist, bleibt dem Gericht – selbst wenn der jetzt aufgestellte Zeitplan hält – weniger als ein Monat, sein Urteil zu verkünden. In diese Zeit fallen jedoch die in Ungarn zwar strafprozessual nicht zwingend vorgesehenen, aber in der Praxis eingeführten sechswöchigen Gerichtsferien (Mitte Juli bis Ende August).

Zwar dürfte nicht damit zu rechnen sein, dass das Gericht, das bereits mit der Verhandlung am 24. Juli 2013 die Gerichtsferien nicht berücksichtigt, sich danach auf diese beruft und damit den mehrjährigen Prozess durch Aussetzung der Haft und die sich daraus ergebende erhöhte Fluchtgefahr der Angeklagten gefährdet. Die Gefahr ist vielmehr, dass die Angeklagten und ihre Verteidiger nach der nun wieder eröffneten Beweisaufnahme abermals versuchen, den Prozess durch stundenlange, ausufernde Einlassungen, ggf. neue Beweisanträge und Stellungnahmen zu verzögern, ggf. sogar die (im ersten Anlauf mehrtätgigen) Plädoyers neu gehalten werden müssen.

http://index.hu/belfold/2013/06/04/tobb_honapnyi_messzesegbe_kerult_a_ciganygyilkossagok_itelete/

http://www.nepszava.hu/articles/article.php?id=650986&referer_id=friss

Verfahren gegen „rassistische Roma“: Platzt der Prozess?

Das Verfahren gegen elf wegen „Gewalt gegen eine Gemeinschaft“ angeklagten und zunächst verurteilten Roma könnte im zweiten Anlauf eine überraschende Wende nehmen.

Die Angeklagten wurden im Jahr 2010 von einem Gericht in Miskolc zu Haftstrafen von insgesamt 41 Jahren verurteilt. Ihnen wurde vorgeworfen, in der Phase der gegen Roma verübten Morde (2008-2009) ein Fahrzeug und dessen Insassen attackiert zu haben. Während des Angriffs soll ein Stock mit einem Transparent „Tod den Magyaren“ zum Einsatz gekommen sein, zudem sollen die Angeklagten gegen die Mehrheitsgesellschaft gerichtete rassistische Sprüche gebrüllt haben. Das Gericht erster Instanz bewertete den Fall als „Gewalt gegen eine Gemeinschaft“, stellte also rassistische Motive fest.

Auf die Berufung der Angeklagten wurde das Urteil im Jahr 2011 aufgehoben und zu neuer Verhandlung an die Ausgangsinstanz zurückverwiesen. Das Rechtsmittelgericht rügte die mangelhafte Tatsachenfeststellung.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/05/13/miskolc-prozess-gegen-roma-wegen-des-verdachts-der-gewalt-gegen-eine-gemeinschaft-wird-neu-verhandelt/

Im neuen Prozess wurden im Jahr 2012 das erstinstanzliche Urteil gesprochen. Die Angeklagten erhielten Haftstrafen von insgesamt 34 Jahren verurteilt, wogegen sie abermals Berufung einlegten.

Heute sollte das Berufungsurteil verkündet werden. Hierzu kam es jedoch nicht, weil das Gericht erneut in die Verhandlung eintrat und denjenigen Angeklagten erneut anhörte, der als einziger während früherer Vernehmungen die rassistischen Umstände der Tat – insbesondere „magyarenfeindliche“ Aussagen der Angeklagten – eingeräumt hatte.

Dieser Angeklagte hat nunmehr nochmals ausdrücklich seine damalige Aussage widerrufen. Er berief sich darauf, dass diese erzwungen worden sei, er sei beim Verhör durch Polizeibeamte geschlagen und genötigt worden. Die Polizisten bestritten dies. Offenbar will das Gericht die Aussage des Angeklagten jedoch nochmals würdigen.

Darüber hinaus gelangten neue Beweise ans Tageslicht: Einer der Verletzten, die zum Tatzeitpunkt nach ihren Angaben nach einem Lebensmittelgeschäft gesucht hatten, wurde auf Fotos identifiziert, auf denen er vor einem Eisernen Kreuz mit Hitlergruß posierte. Die Aussagen der Tatopfer müssten insoweit ebenfalls einer genauen Würdigung unterzogen werden.

http://index.hu/belfold/2013/06/04/halal_a_magyarokra_fordulat_a_verekedo_romak_targyalasan/

Spiegel Online: Keno Verseck zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Zoltán Balog

Keno Verseck berichtet für Spiegel Online die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den ungarischen Minister für Humanressourcen, Zoltán Balog.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ungarn-deutscher-verdienstorden-fuer-umstrittenen-minister-a-903006.html