Welt: Boris Kálnoky über den Selbstfindungsprozess des ehemaligen Antisemiten und Jobbik-Politikers Csanád Szegedi

Die Welt am Sonntag bringt heute einen langen Beitrag von Boris Kálnoky über die Wandlung und Selbstfindung des Csanád Szegedi, der ehemaligen Nr. 2 der rechtsextremen Partei Jobbik – der plötzlich mit seinen jüdischen Wurzeln konfrontiert wurde.

Wie Szegedi damit umging, wie er zum Antisemiten und Rassisten wurde: Kálnoky versucht, diesen spannenden Fragen nachzugehen.

http://www.welt.de/politik/ausland/article121038974/Warum-ein-Judenhasser-zum-Judentum-konvertiert.html

Scheiterte Péter Feldmájer an „zu viel Fairness“ gegenüber Viktor Orbán?

Die Jüdische Allgemeine berichtet über das Misstrauensvotum der Vollversammlung des Verbands der Jüdischen Gemeinden in Ungarn, MAZSIHISZ, gegenüber ihrem bisherigen Vorsitzenden, Péter Feldmájer. Feldmájer war am vergangenen Wochenende das Vertrauen entzogen worden. Die Plenumssitzung fand kurz nach dem in Budapest abgehaltenen World Jewish Congress statt.

Bemerkenswert erscheint folgende Passage des Artikels:

Nach Meldungen der Jewish Telegraph Agency wirft man Feldmájer vor, die Ansicht des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán über den Antisemitismus im Land nicht genügend infrage gestellt zu haben. Dieser hatte vergangene Woche in seinem Grußwort bei der Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses in Budapest betont, dass der zunehmende Antisemitismus ein europaweites, nicht speziell ungarisches Problem sei. Während in Westeuropa jüdische Schulkinder ermordet und Anschläge auf Synagogen verübt würden, gebe es nichts Vergleichbares in Ungarn, sagte Orbán.

Feldmájer hatte bei der Vollversammlung hervorgehoben, dass sich die Situation für Juden in Ungarn in den vergangenen Jahren zwar verschlechtert habe, es aber keine wirkliche Bedrohung gebe. »Wir sind nicht so gefährdet wie beispielsweise Juden in Frankreich oder auch Deutschland«.“

Könnte sich Feldmájer, der sich etwa differenziert über die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán geäußert hatte und nicht in Pauschalkritik verfiel, durch „zu viel Fairness“ angreifbar gemacht haben? Bereits während des WJC fiel auf, dass Feldmájer nicht in das zum Teil hysterische Bild der Orbán-Kritiker einstimmte, wonach Juden in Ungarn ernsthaft um ihre Sicherheit besorgt sein müssten.

Das Präsidium des WJC gab, so der regierungsnahe Nachrichtensender HírTV unter Bezugnahme auf Befragungen von Delegierten, bereits wenige Minuten nach der Rede des ungarischen Ministerpräsidenten auf dem WJC ein Communiqué heraus, in dem Orbán scharf kritisiert wurde. Die WJC-Delegierten hatten über diese Stellungnahme aber offenbar nicht abgestimmt, der unabhängige Rabbiner Slómó Köves deutete gar an, die Stellungnahme könnte vorab gefertigt worden sein, da sie auf den Inhalt der Rede nicht konkret eingegangen sei. Er bezeichnete die Aussagen als kontraproduktiv.

Der Präsident des WJC, Ronald Lauder, hatte Orbán etwa kritisiert, weil er sich nicht von Jobbik distanziert habe. Als er später erfuhr, dass Orbán kurz zuvor Jobbik als „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnet hatte, gestand er seinen Irrtum ein und sagte, er wisse diese Aussage Orbáns zu schätzen.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15959

HírTV-Sendung Célpont: Bericht zum World Jewish Congress 2013 in Budapest

Am vergangenen Freitag (10.05.2013) berichtete die HírTV-Sendung „Célpont“ über den World Jewish Congress in Budapest.

Zu Wort kommen einige Delegierte des Kongresses, die sich mit der Rede des ungarischen Ministerpräsidente Viktor Orbán zufrieden zeigten. Zum Communiqué befragt, welches die Rede Orbáns kritisierte und die vom Präsidium des WJC unmittelbar nach der Rede herausgegeben worden war, konnten sich die befragte Delegierten nicht äußern. Es war ihnen – so die Befragten – nicht zur Kenntnis gelangt. In der Verlautbarung war Orbán vorgehalten worden, dass er sich nicht von der rechtsradikalen Partei Jobbik distanziert habe.

Wenige Tage später räumte der WJC-Präsident Ronald Lauder ein, Orbán habe sich sehr wohl von Jobbik distanziert. Lauder hatte von einem kurz vor dem WJC in einer israelischen Zeitung erschienenen Interview erfahren, in dem Orbán Jobbik als „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnet hatte. Lauder sagte, er wisse dies zu schätzen.

Der Vorsitzender des Verbands der Ungarischen Jüdischen Gemeinden (MAZSIHISZ), Péter Feldmájer, äußerte sich gegenüber Célpont positiv zur Rede. Ebenso

Der ungarische Rabbi Slómó Köves wunderte sich in einem Interview über das schnelle Tempo, in dem die Orbán-kritische Stellungnahme herausgegeben worden war. Zwischen dem Ende der Rede und dem Erscheinen auf der Homepage des WJC seien „keine zwei Minuten vergangen“, jede konkrete Bezugnahme auf die Rede, in der viele Tatsachen angesprochen worden seien, habe gefehlt. Kövers stellte in den Raum, die Stellungnahme könnte schon vorab fertiggestellt worden sein. Er habe sich „eine konstruktivere Position vom WJC erwartet“.

http://mno.hu/celpont_musor/salom-1160194

Gewisse Verwirrungen traten auch um die englische Übersetzung der Orbán-Ansprache auf. Das Ministerpräsidialamt gab eine offizielle Übersetzung heraus, in der Teile der Rede unpräzise und sinnentstellend wiedergegeben worden waren. So sprach Orbán in seiner ungarisch gehaltenen Rede sowohl die ungarische jüdische Gemeinde an, als auch die ausländischen Besucher. Er erwähnte konkret auch diejenigen, die „eigentlich nach Hause gekehrt seien“, weil ihre familiären Wurzeln in Ungarn liegen. Zudem sprach er allen Gästen das Recht zu, das zu kritisieren, was ihnen nicht gefalle.

Die internationalen Korrespondenten – etwa Stephan Löwenstein von der FAZ – bedienten sich mangels ungarischer Sprachkenntnisse aus der der wenig geglückten englischen Übersetzung, tradierten diese wiederum ins Deutsche und legten Textstellen aus, die Orbán so nie gesagt hatte. So wurde aus den „Gästen, die zu uns nach Ungarn kommen“ (ungarische Fassung) im englischen plötzlich Menschen „who knock on our door“ („die an unsere Tür klopfen“). Löwenstein bastelt um die (angeblichen) Reaktionen der Zuhörer sogar eine Geschichte: „Sitznachbarn zischelten einander zu: Haben wir geklopft oder um eine Gunst gebeten? Schon da war klar, dass das Publikum jedes Wort des Gastredners auf eine sehr feine Goldwaage gelegt werden würde.“ Nochmals: Bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass Orbán das Wort „Anklopfen“ nie in den Mund nahm.

Die Kritik muss hier aber auch die offiziellen Übersetzer treffen. Mediengesetz, Verfassung, Verfassungsnovelle, jetzt WJC: Es ist bemerkenswert und traurig zugleich, dass das Amt des Ministerpräsidenten regelmäßig seit 201 an Übersetzungen scheitert. Zugegebener Maßen ist ungarisch eine schwierige Sprache, die Fähigkeiten von Übersetzern werden vor allem von Orbán in seinen zumeist sehr blumigen Reden zusätzlich sehr stark beansprucht. Wer hier mit dem Lexikon operiert, kommt nicht ans Ziel. Nur englische Muttersprachler, die zusätzlich sehr gut ungarisch beherrschen, kommen hier ans Ziel. Der Verfasser dieser Zeilen, der bereits mehrere Gesetzestexte aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen hat, weiß, wie schwer die Aufgabe ist, „sinnerhaltend“ zu tradieren.

Neben dieser Verantwortung der Politik sollten sich Zeitungen ernsthaft überlegen, ob sie Korrespondenten mit ungarischen Sprachkenntnissen beschäftigen. Es gilt eben nach wie vor der Grundsatz, dass man ein Land erst dann versteht, wenn man die Sprache der Menschen spricht. Viele fachlich-inhaltliche Fehler in der Berichterstattung könnten so ebenso vermieden werden wie „gefilterte“ Stimmungsbilder.