Presseberichte zur Plenardebatte im EU-Parlament

Heutige Presseberichte zur Plenardebatte im EU-Parlament über den Tavares-Bericht:

http://www.welt.de/politik/ausland/article117656033/Orban-will-nicht-von-der-EU-bevormundet-werden.html

http://derstandard.at/1371171333047/EU-Parlament-Orban-spricht-von-Attacke-auf-alle-Ungarn

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/viktor-orban-weist-kritik-entschieden-zurueck-1.18109744

http://www.tagesspiegel.de/politik/eu-parlament-debattiert-ueber-ungarn-leviten-lesen/8437694.html

http://www.berliner-zeitung.de/politik/ungarn-viktor-orban-der-bulldozer-und-die-farbenlehre,10808018,23570518.html

http://index.hu/kulfold/2013/07/02/kommunistazas_orrba-szajba_az_ep-ben/

http://mno.hu/eu/orban-ez-a-legrosszabb-idokre-emlekeztet-1170350

http://www.nepszava.hu/m/articles/article.php?id=659024

Hans Rauscher und die Wahrheit…

Hans Rauscher fiel – seit 2010 – schon mehrfach durch Kommentare zur ungarischen Regierungspolitik auf. Dass er es bei seinen Tiraden nicht immer ganz so streng mit der Wahrheit hält, ist kein Novum.

Nun hat sich „Hansi“ eine Mischung aus WJC und Verfassungsreform vorgenommen.

http://mobil.derstandard.at/1363710339363/Ungarn-ist-mehr-als-am-Rand-des-Ertraeglichen

Rauscher wirft Orbán vor, nichts gegen den Jobbik-Aufmarsch zum World Jewish Congress unternommen zu haben. Man kann dies nicht anders nennen als eine dreiste Lüge: Das Innenministerium hat, auf Weisung Orbáns, den Aufmarsch untersagt. Ein unabhängiges ungarisches Gericht hat dieses Verbot jedoch aufgehoben. Ein Zeichen übrigens, dass es eine unabhängige Justiz in Ungarn durchaus gibt.

Auch die Rede Orbáns auf dem WJC wird von Rauscher zum „Mythenschwulst“ verzerrt. Dass Ronald Lauder seine anfängliche Kritik an der Orbán-Rede nicht aufrecht erhielt, sich gar bei Orbán entschuldigte? Die Standard-Leser werden mit solchen Fakten nicht belastet.

Fest steht nur das Ergebnis: Orbán ist der Feind…

Und nochmal ZAPP: Ganz Wien

Das NDR-Magazin ZAPP legt nochmals nach und berichtet über „Ungarn – Kritik an Korrespondenten“.

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Zu Wort gelangen Ernst Gelegs, der vor einigen Wochen im Wiener Standard berichtete, von ungarischen Politikern ausgegrenzt und angeschwärzt worden zu sein, Stephan Ozsváth, der die Widerworte der ungarischen Offiziellen über seinen Beitrag nicht verstehen kann, in dem er Ungarns Ministerpräsidenten als „Räuberhauptmann“ bezeichnete, und Hilde Stadler, die offenbar ebenfalls Kritik für die aus Sicht des Außenamtes verzerrende Berichterstattung erntete. Abgerundet wird das Bild von der Chefredakteurin des fast schon traditionell Orbán-kritischen Standard, für den auch dpa-Korrespondent Gregor Mayer schreibt.

Ganz Wien – wo die meisten Berichte über Ungarn entstehen – scheint schon Erfahrungen mit den ungeheuerlichen Zensurversuchen der Orbán’schen Reiterhorden gemacht zu haben. Will die österreichische Hauptstadt nun also zum Lechfeld des Kampfes um europäische Meinungsfreiheit werden? Oder sind Widerworte in den Redaktionen nicht gewünscht, gelten sie gar als Majestätsbeleidigung, als Angriff auf die unfehlbare Presse, der – so selbst oppositionsnahe Zeitungen in Ungarn – teilweise haarsträubende Fehler unterlaufen?

Dass die ungarische Regierung ausländische Blätter und ihre hochdotierten Mitarbeiter „mundtot“ machen könne, glaubt wohl weder Orbán noch irgendein ausländischer Korrespondent im Ernst. Es sind vielmehr die verzweifelten, zumeist vollkommen kontraproduktiven Versuche der dünnhäutigen und vom medialen Dauerfeuer entnervten ungarischen Regierung, fachliche Fehler (wie bei Mediengesetz und jüngster Verfassungsnovelle) zu korrigieren und auch ihrer Sichtweise ein wenig mehr Raum in der Berichterstattung zu verschaffen. Denn die wird fast durchgängig konsequent ignoriert, jedenfalls von all denen, die bei ZAPP zu Wort kamen. Selbstgespräche.

Bei aller berechtigter Kritik an Orbán: Die Worte Gelegs, es gebe für die ungarische Regierung nur „eine Wahrheit“, fallen mit voller Wucht auf ihn zurück. Das gilt genau so für ZAPP, den ORF, den Standard und weitere Teile der ARD. Besonders bitter ist dies beim ORF und der gebührenfinanzierten ARD, die beide den Auftrag haben, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen. Man tut es nicht. Sei es aus Sturheit, berechtigter Sorge oder politischer Einstellung. Und kontert mit dem (zutreffenden) Argument, auch in Ungarn sei der staatliche Rundfunk einseitig und politisch infiltriert. Ja, ist er. Nur: Will man nun besser sein als Orbán oder nicht? Oder liegt die Unnachgiebigkeit der Presse daran, dass jemand, der sich – wie Orbán mit dem Mediengesetz – die Presse zum Gegner macht, keine Gnade erwarten sollte?

Dass die Regierung von dieser Art der Berichterstattung letztlich profitiert, ist den Machern solcher Berichte entweder egal oder nicht verständlich zu machen. Ebensowenig wie der Umstand, dass sie ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Spaltung und Unversöhnlichkeit leisten. Sie sollten aus dem Beitrag János Székys lernen.

Bis das geschieht, ist die Ungarnberichterstattung ein wenig wie die Pornosammlung: Hat man einen gesehen, weiß man, was einen sonst so erwartet. Da hilft auch Falcos Rezept aus „Ganz Wien“ nicht weiter.

Nézöpont: Untersuchung zur Ungarn-Berichterstattung der internationalen Presse

Die Ungarn-Berichterstattung der ausländischen Presse war bereits in zahllosen Fällen Thema dieses Blogs. Nun hat sich das Meinungsforschungsinstitut Nézöpont die Arbeit gemacht, eine Analyse zu erstellen und zu veröffentlichen.

http://nezopontintezet.hu/files/2013/02/Nezopont_Mediamuhely_Elemzes.pdf

Interessante Ergebnisse:

– die Negativberichte über Ungarn in deutschen und österreichischen Publikationen sind deutlich stärker vertreten als z.B. in Großbritannien und den USA.
– zu den „neutraleren“ Nachrichtenquellen zählen die Agenturen Reuters und Bloomberg, die FAZ und auch das Wall Street Journal.
– beim Standard und der Süddeutschen Zeitung überwiegen die Negativberichte deutlich

Der Standard, die Népszabadság und die fehlende Selbstkritik der Journalisten

Vor einigen Tagen las ich mit Interesse einen Beitrag im Standard über den Leiter des Osteuropabüros des Österreichischen Rundfunks (ORF), Ernst Gelegs. Der mit „Treue Diener der Regierung“ überschriebene Artikel über Ungarn macht – nicht zum ersten Mal – angebliche Versuche der amtierenden rechtskonservativen Regierung zum Thema, „kritische Journalisten“ mundtot zu machen.

http://derstandard.at/1361240851977/Treue-Diener-der-Regierung

Aufhänger des Interviews sind angebliche Sabotageakte ungarischer Regierungskreise mit dem Ziel, Gelegs Arbeit wegen seiner kritischen Haltung zu erschweren. Und Proteste des österreichischen Botschafters in Wien, der sich – unter Vorlage angeblich privater, von Gelegs verfasster E-Mails – beim ORF über Gelegs beschwerte. In den E-Mails hatte sich Gelegs mit „Grüßen aus Orbánistán“ verabschiedet. Und versteht gar nicht, was daran auszusetzen ist.

Der Botschafer betrachtete diese Wortwahl, die übrigens auch bei weiteren österreichischen Journalisten, etwa dem dpa-Nachrichtenlieferanten, bekennendem Antifaschisten und Orbán-Bekämpfer Gregor Mayer, zum eingeführten Wortgebrauch gehört, als Zeichen fehlender Neutralität, gar Feindseligkeit. Ein Eindruck, der jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist. Wenn auch die Reaktion überzogen erscheint und der Kampf gegen die Windmühlen des deutschsprachigen Mainstream-Journalismus, der seine Leser mit den immer gleichen Stichworten und oft genug Halbwahrheiten über Ungarn versorgt, kaum zu gewinnen ist.

Die Sinnhaftigkeit der amtlichen Leserbriefe und Protestnoten soll jedoch nicht mein Thema sein. Der Botschafter jedenfalls wies Vorwürfe, die Ablösung Gelegs betrieben haben, mit Nachdruck zurück. Wer aber glaubt, der ORF, der von politischer Einflussnahme völlig frei ist und als Bastion politischer Unvoreigenommenheit gilt 🙂 , ließe sich von rechtskonservativen Protestnoten beeindrucken, hat die linke Durchdringungstiefe und den Einfluss Paul Lendvais beim ORF völlig falsch eingeschätzt.

Lieber befasse ich mich mit dem Standard-Artikel. In diesem wird nämlich, was bemerkenswert ist, dem geneigten Leser nur ein Bruchteil dessen mitgeteilt, was Gelegs in der ungarischen Tageszeitung Népszabadság, der führenden und linksliberalen Publikation des Landes, zu seinem „Bann“ geäußert hat. Der ungarische Leser erfährt – anders als der des Standard – etwa, dass die Situation laut Gelegs unter den Sozialisten (namentlich Gyurcsány) auch nicht besser gewesen sei. Denen sei Gelegs zu konservativ gewesen. Gyurcsány habe erst dann auf seine Interviewanfragen reagiert, als er in die Opposition geschickt worden war. Merkwürdig, dass diese wichtigen Fakten, die ein realistisches Bild von der von Misstrauen geprägten ungarischen politischen Landschaft aufzeigen, im Wiener „Standard-Filter“ hängen geblieben sind.

Der Leser des Standard bekommt ein anderes, suggestives, Bild vermittelt: Das der Orbán-Regierung, die – vermeintlich entgegen bisheriger Praxis und guter demokratischer Traditionen – Journalisten die Arbeit unmöglich mache, sie gar ausschließe, um kritische Berichte zu verhindern. Das Mediengesetz wird auch erwähnt, obgleich Gelegs insoweit kaum Einschränkungen erlebt haben dürfte.

Auch an anderen Stellen ist die Népszabadság dem Standard ein Stück voraus: Sie lässt englischsprachige Korrespondenten zu Wort kommen, die die Erfahrungen ihrer deutschsprachigen Kollegen, namentlich die von Gregor Mayer und Bernhard Odehnal, die sogar „auf schwarze Listen gesetzt“ worden sein sollen, nicht nachvollziehen können. Adam LeBor, der für den Economist und die Times schreibt, konstatiert der aktuellen ungarischen Regierung professionelle Kommunikation, sie sei den Sozialisten gar überlegen. Eine Entwicklung, die man 1998-2002, als Fidesz der ausländischen Presse völlig unbeholfen gegenübertrat, nicht erwartet hatte.

Ein genialer Lacher ist am Schluss des Népszabadság-Artikels zu finden: Nach den Ursachen für die unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen englisch- und deutschsprachigen Kollegen befragt, beweist Mayer das zu erwartende Fehlen jeder Art von Selbstkritik:

„Nach Mayers Auffassung behandelt das Büro Orbáns die angelsächsischen Berichterstatter etwas freundlicher (Anm. HV: als die deutschsprachigen), vielleicht weil sie sich besser verständigen können.“

http://nol.hu/kulfold/20130226-kulfoldi_tudositok_magyar_feketelistan

Verehrter Herr Mayer, werter Herr Odehnal: Wie es in den Wald hineinruft, schallt es wieder heraus. Die englischsprachige Presse ist schlichtweg nicht so feindselig gegenüber dem („Copyright“ Gregor Mayer, dpa) „lieben Führer“ Orbán*. Sie versucht auch nicht, Fidesz fortwährend als antidemokratisch, faschistisch, verkappt rechtsradikal, antziganistisch und antisemitisch darzustellen. Kurz gesagt: Die britischen Journalisten verfolgen keine „Aufmarsch – die rechte Gefahr aus Osteuropa“ Agenda. Vielleicht liegt es ja an der Professionalität und eher gegebenen Unvoreingenommenheit der englischen Kollegen, die viele deutschsprachige Journalisten in ihrem politischen Kampf gegen Orbán längst abgelegt haben. Mayer (Standard, dpa), Lauer (Standard, dpa), Odehnal (Tagesanzeiger), Kahlweit (Süddeutsche Zeitung), Leonhard (TAZ) und auch Lendvai (everywhere…) sind Namen, die bei jedem Regierungsvertreter Gewissheit haben reifen lassen, dass mit einer fairen Berichterstattung nicht zu rechnen ist. Lendvai hat mit seinem 2012 gesendeten Zerrbild „Nationale Träume“ alle Dämme brechen und jeden Zweifel verschwinden lassen, wo er steht. Die fast allesamt in Wien ansässigen Ungarn-Korrespondenten eifern ihm nach, nur dass sie ihre offene Feindseligkeit nicht in Anekdoten, endlosen Monologen und Floskeln verhüllen. Sie lassen ihrer Verachtung freien Lauf.

An Verständigungsproblemen dürfte es bei Gregor Mayer nicht liegen: Der spricht nämlich hervorragend ungarisch.

Keiner verpflichtet Journalisten, fair zu berichten: Aber man sollte sich dann auch nicht beschweren, wenn die Interviewpartner abwinken.

Es gibt aber Licht am Ende des Tunnels: In den vergangenen 3 Jahren hat sich in Sachen „Pressearbeit“ des Fidesz mehr getan als in den 20 Jahren davor. Wer einen Beleg dafür braucht, der überzeuge sich von der Empörung der US-Kampfpostille „Amerikai Nepszava“, die kürzlich einen US-Journalisten unter dem Titel „Orbán kauft die amerikanische Presse“ wüst beschimpfte, weil der es gewagt hatte, den für Kommunikation zuständigen Staatssekretär Ferenc Kumin zu Wort kommen zu lassen und unverfälscht wieder zu geben (HV berichtete). So reagiert nur einer, dessen Monopol man gebrochen hat.

* Begriff („szeretett vezetö“ = geliebter Führer) ursprünglich geprägt von János Dési, der in der linksoppositionellen Tageszeitung Népszava publiziert, für Klubrádió arbeitet und bei ATV abgesetzt wurde, weil er den Zeremonienmeister für Ferenc Gyurcsánys „Demokratische Koalition“ spielte.

Standard: Beitrag zu Taschenverträgen

Die österreichische Tageszeitung Standard veröffentlicht einen Beitrag zweier Anwälte zum Thema „Taschenverträge“, also zur systematischen Umgehung ungarischer Grundverkehrsgesetze durch ausländische Erwerber. Die Verfasser kommen zum Schluss, dass die Handlungen Ungarns, die der Bekämpfung der Taschenverträge gelten, verständlich sind. Zudem verweisen sie darauf, dass die ungarischen Regelungen genau dem Land nachempfunden sind, aus dem die größte Kritik stammt: Österreich.

http://derstandard.at/1345166135384/Kampf-gegen-Taschenvertraege-in-der-Puszta

 

Reinhard Olt kommentiert die feindseligen Reaktionen auf Aussagen Wolfgang Schüssels in Ungarn

Der FAZ-Korrespondent Reinhard Olt kommentiert den „Chor der Empörten“ über die Worte von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel zur Halbzeitbilanz der ungarischen Regierung:

http://derstandard.at/1338558466109/Reinhard-Olt-Schuessel-Orban-und-die-mediale-Reflexzonenmassage

 

 

EU-Währungskommissar Olli Rehn erwägt Verschärfung der Gangart bei laufenden Defizitverfahren gegen Ungarn

Auf einer heute abgehaltenen Pressekonferenz hat EU-Währungskommissar Olli Rehn eine Verschärfung der Gangart beim laufenden EU-Defizitverfahren gegen Ungarn angekündigt. Er stellte in in den Raum, die Nichteinhaltung der Vorgaben zum Defizitabbau könnten zur Suspendierung von Geldern aus dem EU-Kohäsionsfonds ab dem Jahr 2013 führen.

Olli Rehn betonte, das Defizitverfahren laufe bereits seit 2004, es handle sich somit nicht um einen Sachverhalt, der allein in den Verantwortungsbereich der Regierung Orbán falle. Der Rat hatte Ungarn bereits 2009 aufgefordert, sein Defizit nachhaltig zu senken.

Auszug aus der Rede:

Hungary has also taken measures, but these are unfortunately not sufficient to correct the deficit in a sustainable and credible manner. Its target date for taking effective action was last year, 2011. In July 2009 already the Council called on Hungary to „correct the excessive deficit in a sustainable manner“ – and I insist on the word „sustainable“.

One may argue that in 2011, Hungary will post a sizeable budgetary surplus of 3.5 %. However, Hungary will meet the target of last year only thanks to one-off measures worth some 10 % of GPD altogether, especially including the transfer of private pension funds worth 9 ¾ % of GDP to the budget, to the public sector. Without these one-off measures, the deficit last year would have reached 6 % of GDP and this is cannot be considered „a sustainable correction“.“

Rehn im Anschluss auf die Frage eines Reporters:

(…) As regards the excessive deficit of Hungary, as I said, it is a product of policies by various governments of different political colour over the past couple of years during the previous decade and the current one. And one also has to take into account that Hungary has to be in the excessive deficit procedure during the entire period of its membership in the European Union since May 2004. It is regrettable and now, as we have the new 6-Pack and new economic governance, we have to apply the rules as we can ensure equal treatment of Member States, whether they are Euro-area Member States or non-Euro-area Member States.

Die Mitschrift der Rede Rehns sind hier abrufbar:

http://ec.europa.eu/commission_2010-2014/rehn/documents/20120111_edp.pdf

Die Neue Zürcher Zeitung berichtet:

Da Ungarn kein Euro-Land sei, drohten ihm trotz des verschärften Stabilitäts- und Wachstumspakts keine Sanktionen, erklärte Rehn vor den Medien in Brüssel. Allerdings sei es möglich, die Kohäsionsgelder für Ungarn zu sperren. Dazu werde er sich mit dem zuständigen EU-Kommissar Johannes Hahn absprechen, sagte Rehn.

Rehn nahm allerdings den aktuellen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban etwas in Schutz. «Das Defizitproblem in Ungarn ist nicht neu und das Produkt der Politik mehrerer Regierungen verschiedener politischer Prägung.»

Es sei aber im Interesse des ungarischen Volkes, dass die öffentlichen Finanzen in Ordnung gebracht würden. Zwar hat Ungarn die geforderte Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach Angaben der Kommission 2011 eingehalten. Das sei aber nur durch einmalige Massnahmen gelungen.“

Die im Hinblick auf die aktuelle Berichterstattung in den Medien über die „drohende Staatspleite“ Ungarns wünschenswerte, klarstellende Aussage, dass die jetzt von Olli Rehn gerügte Defizitverstoß jedenfalls zum Teil in den Verantwortungsbereich früherer Regierungen falle (Rehn geht hier bis in das vorangegangene Jahrzehnt zurück) und das Defizitverfahren seit 2004 laufe, wird im heutigen Artikel des Standard nicht erwähnt:

http://derstandard.at/1326248947228/EU-Kommission-Kohaesionszahlungen-an-Ungarn-wackeln

Die Pressemitteilung der Kommission in deutscher Sprache:

http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/12/12&format=PDF&aged=0&language=DE&guiLanguage=en

 

Standard.at: „Ungarn tritt gerade aus dem Wertesystem der EU aus“

Der Standard-Kolumnist Hans Rauscher zeichnet ein düsteres Bild von Ungarn. Er sieht das Land aus dem „Wertesystem der EU“ austreten.

http://derstandard.at/1311802569204/Ungarn-tritt-gerade-aus-dem-Wertesystem-der-EU-aus

Rauscher sieht Ungarn als Land, dass die Werte der EU „mit Füßen tritt“ .  Er behauptet gar, Ministerpräsident Orbán habe sie in einer Absichtserklärung für obsolet erklärt – ein gewagte These vor dem Hintergrund, dass die neue ungarische Verfassung ausdrücklich auf die Europäischen Grundwerte Bezug nimmt…

Auch „Puszta-Putin“ darf bei Rauscher nicht fehlen: „Orbáns Ungarn marschiert im Eiltempo auf eine autoritäre Scheindemokratie mit ultranationalistischen Zügen zu. In Kurzform: Orbán will ein Putin-System wie in Russland oder, etwas abgewandelt, wie in China.“

Danach wird Paul Lendvai herangezogen, der genau nachgezeichnet habe, dass Orbán Widerstand aus dem Weg räume und „faschistische und antisemitische Gruppierungen dulde“. Eine pauschale Behauptung, ohne jede Substanz und ohne jeden Beleg. Aber es hört sich furchterregend an, ebenso wie das Attribut „ultranationalistisch“ .

Der Beitrag zeigt – mit zeitgleich erschienenen in der SZ und der TAZ – dass offenbar „Anti-Orbán-Woche“ ist. Ob es eines Tages möglich sein wird, mit den Verfassern solcher Artikel, die von einer Mischung aus Halbwissen, Panik, Ahnungslosigkeit und ideologischer Verblendung getrieben zu sein scheinen, sachlich zu diskutieren und Kritikpunkte an der Politik Orbáns ohne Schaum vor dem Mund zu formulieren, wird die Zukunft zeigen. Die Chancen stehen schlecht. Man könnte nämlich die These aufstellen, dass es den Rauschers nicht unbedingt um die inhaltlichen Vorgänge in Ungarn geht, sondern darum, wer an der Macht ist. Anders kann das Schweigen der vergangenen Jahre kaum erklärt werden. Hier hat Paul Lendvai Rauscher einiges voraus: Er hat wenigstens die Vorgängerregierungen in seinen Publikationen kritisiert.

Fall Lendvai: Heti Válasz reagiert und nimmt Bezug auf die „Presse“

Die ungarische konservative Wochenzeitung Heti Válasz, deren Beitrag über Paul Lendvai großen Wirbel hervorgerufen hat, befasst sich in einem Beitrag vom 22.11.2010 mit den Reaktionen des Standard und vergleicht diese mit der konservativen Presse.

„Die Presse über Paul Lendvai

Die in der letzten Ausgabe der Heti Válasz veröffentlichte Analyse und die auf unserer Internetseite veröffentlichten Dokumente haben zwischenzeitlich nicht nur das Interesse der Unterstützer des Betroffenen geweckt

Den Standard interessiert im Fall Lendvai augenscheinlich nur die Meinung des Betroffenen, wohingegen Die Presse ausgewogen über die Dokumente aus dem Jahr 1985 berichtet.

Das konservative Wiener Blatt übernimmt im Wesentlichen den Bericht der Presseagentur APA, die den wesentlichen Inhalt der Dokumente aus dem Jahr 1985 wiedergibt. In dem Bericht wird Heti Válasz zwar als „regierungsnah“ bezeichnet, anders als Der Standard behauptet man jedoch nicht, dass der Beitrag einen Racheakt für das neueste Buch Lendvais darstelle. (Lendvais Buch erscheint erst im Frühjahr in ungarischer Sprache, und es kritisiert nicht allein den aktuellen konservativen Regerungskurs, sondern auch die acht vorangegangenen Jahre.)

Die Presse merkt an, dass der Vorwurf nicht auf „Agententätigkeit“ lautet, sondern von freiwilliger Kooperation mit den ungarischen Behörden gesprochen wird. Es gab also keinerlei offiziellen Kontakt zwischen dem österreichischen Journalisten und der damaligen ungarischen Regierung, Lendvai war nicht bedroht, niemand zwang ihn zur Mitarbeit. Den stets zum sozialdemokratschen Lager gehörenden Journalisten, der auch als Biograph von Bruno Kreisky gilt, bewegten gewiss persönliche Sympathien, als er das etwas moderatere Kádár-System im Westen in positivem Licht erscheinen lassen wollte.

Nach der Ansicht Lendvais sagen die Dokumente hingegen nichts über seine Absichten aus, vielmehr habe die ungarische Seite die Berichte nach „eigenem Geschmack“ gefertigt. Ferner sei das Treffen oppositioneller Schriftsteller in keiner Weise geheim gewesen, wer darüber etwas erfahren wollte, konnte dies auch tun Die Presse zitiert die Stellungnahme Lendvais an die ungarische Presseagentur MTI: hierin stellt der Journalist fest, dass er nichts getan habe, was gegen de Journalistenethik verstoße. Aber er selbst gesteht ein, dass – wie es auch die Presse schreibt – man in  jenen Zeiten in irgendeiner Weise gezwungen war, „Kompromisse zu schließen und zu paktieren“.

Die österreichischen Medien scheint das Thema derzeit offenbar nicht sonderlich zu interessieren, auch der ehemalige Arbeitgeber Lendvais, der ORF, berichtete nicht über den Artikel der Heti Válasz. Die allgemeine Auffassung in vielen Redaktion ist, dass die neue ungarische Regierung nur bestrebt sei, mögliche Gegner zu diffamieren, wie es auch die russische Regierung mit ihren Kritikern tue.

Genau so bringt es auch Lendvais Arbeitger, der liberale Standard, zum Ausdruck, der sich noch nicht einmal ansatzweiese mit dem Inhalt der durch Heti Válasz veröffentlichten Dokumente befasst, und stattdessen Lendvais oberflächliche Rechtfertigung, es handle sich um politische Verleumdung, übernimmt. Wie es auch Ferenc Gyurcsány tat, der es im Geiste eines „heute er, morgen ich“ ebensowenig für nötig erachtete, die auf unserer Internesete einsehbaren Dokumente zu sichten.

Der gestrige Bericht in der Népszabadság brachte es hingegen so zum Ausdruck: Der Wiener Journalist, der zum Kader der Sozialdemokratischen Partei Österreichs zählt, war kein Agent, sondern freiwilliger Informant der Kádár-Diktatur. „Und als solcher hat er der ungarischen demokratischen Opposition und dem Gedenken an die Revolution von 1956 geschadet, jedenfalls so viel, dass es das Kádár-Regime wertschätzte.“

Der Bericht aus der Presse ist hier einsehbar. In der Tat fällt auf, dass das Blatt, ohne den renommierten Kollegen Lendvai vorzuverurteilen, keinen politischen Gegenangriff nach Art des Standard unternimmt. Jeder Leser kann sich seine Meinung darüber bilden, welcher Art von Bericht den journalistischen Regeln eher gerecht wird.