Deutschlandradio: Spurensuche unter Ungarns Grenzgängern

Deutschlandradio Kultur brachte gestern ein längeres Feature mit dem Titel „Spurensuche unter Ungarns Grenzgängern“:

http://www.deutschlandfunk.de/wahlen-spurensuche-unter-ungarns-grenzgaengern.1247.de.html?dram:article_id=279073

Trianon und die ungarischen Juden: Beitrag in der jüdischen Kulturzeitung „Szombat“

Ein lesenswerter Beitrag in der jüdischen Kulturzeitschrift Szombat beleuchtet die Frage, ob die ungarischen Juden trotz der Ausnutzung des „Trianon-Traumas“ durch rechtsextreme Kreise versuchen könnten, die Verletzungen und den Schmerz der ungarischen Nation zu verstehen, deren Teil das ungarische Judentum ist.

Der Autor, Gábor Szántó, kommt zu folgendem Schluss:

Wenn wir einmal tief Luft holten und für einen Moment ruhig würden, wären wir in der Lage, hinter den vorurteilsbehafteten, hasserfüllten Stimmen, denen Trianon als Vorwand der Ausgrenzung dient, den stillen Schmerz der ungarischen Nation wahrzunehmen, den wir, die ungarischen Juden, als verständnisvolle, sensible und solidarische Gemeinschaft, auch als den unseren empfinden könnten.

(„Ha mély lélegzetet veszünk, és egy pillanatra elcsöndesedünk, átélhetjük a Trianon ürügyén kirekesztő, előítéletes és gyűlölködő hangokon túl a magyar nemzet csendes fájdalmát, melyet értő, érző és szolidáris közösségként, mi, magyar zsidók is magunkénak tudunk érezni.“)

http://www.szombat.org/politika/trianon-es-a-magyar-zsidok

Deutschlandradio: Bericht über die Székler-Minderheit in Rumänien

Deutschlandradio Online bringt einen Bericht über die nach den Katalanen (Spanien) zahlenmäßig größte Minderheit in Europa, die ungarische Minderheit der Székler in Rumänien:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/weltzeit/1503650/

Der Bericht ist in meinen Augen ausgesprochen gelungen, ich empfehle den Lesern, sich dafür 15 Minuten Zeit zu nehmen. Er spricht Themen wie Geschichte, Kultur sowie positive und problematische Aspekte des Zusammenlebens mit der Bevölkerungsmehrheit ebenso an wie den Wunsch nach Autonomie und Eigenständigkeit.

Ich würde mich über Feedback der Leser sehr freuen.

Verwaltungsneuordnung in Rumänien: Tökés sieht Nachteile für ungarische Minderheit

Das Portal punkto.ro berichtet:

Nach Meinung des ungarisch-reformierten Bischofs Laszlo Tökes, Vorsitzender des Nationalrats der Ungarn in Siebenbürgen (CNMT) und Vizepräsident des Europäischen Parlaments, betreiben die Behörden in Bukarest eine „post-Trianon und post-Kommunismus-Politik“, die − insofern ihr nicht umgehend ein Ende gesetzt werde − zum „Untergang“ der ungarischen Minderheit in Rumänien führen wird. Hinter der von den rumänischen Behörden ins Auge gefassten Verwaltungsreform des Landes stecke eine „propagandistische Methode“, durch die die ungarische Minderheit in Mega-Regionen verstreut werden solle, sagte der Politiker am Sonntag dem Nachrichtensender Realitatea TV.

Selbst Diktator Ceausescu sei „großzügiger gewesen¸ er hat zumindest die Gründung der Landeskreise Harghita und Covasna mit ungarischer Mehrheitsbevölkerung genehmigt“, verlautete Tökes.

Auch im mitregierenden Ungarnverband (UDMR) − der Hauptrivale von Tökes’ Nationalrat im Wettstreit um die Stimmen der ungarischstämmigen Wählerschaft − sorgt die geplante verwaltungsmäßige Neuaufteilung des Landes nach wie vor für Aufregung: So warnte UDMR-Chef Kelemen Hunor, dass es in Covasna und Harghita zu Straßenprotesten kommen könnte, sollten die beiden Landeskreise in Zuge der Verwaltungsreform mit anderen Verwaltungsgebieten (mit rumänischer Mehrheitsbevölkerung − Anm. d. Red.) zu einer Mega-Region zusammengeschlossen werden.“

Quelle:

http://www.punkto.ro/articles/Laszlo_Toekes_beklagt_Schicksal_der_ungarischen_Minderheit:_Wenn_diese_post-Trianon-Politik_nicht_aufhoert__ist_das_unser_Untergang-2453.html

Krisztián Ungváry über die „Trianon-Frage“

In einem längeren Interview erläutert der ungarische Historiker Krisztián Ungváry, wie seines Erachtens mit dem im kollektiven Gedächtnis Ungarns noch weitgehend unverdauten Friedensvertrag von Trianon umzugehen ist.

http://www.budapester.hu/index.php?option=com_content&task=view&id=5755&Itemid=28

Trianon-Gedenktag ausgerufen

Der 4. Juni, Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon aus dem Jahr 1920, ist fortan „Tag des nationalen Zusammenhaltes“. Mit ihm soll dem Zerfall des Königreiches Ungarn und der Tatsache gedacht werden, dass eine große Zahl (ca. 3 Mio.) ethnische Ungarn als Minderheit in den umliegenden Ländern lebt. Die Nation im politik- und sozialwissenschaftlichen Sinn stimmt somit nicht mit dem juristischen Begriff des „ungarischen Staatsvolkes“ (Staatsbürger der Ungarischen Republik) überein.

Im Zuge des Trianon-Vertrages, der bis heute als nationale Tragödie wahrgenommen wird, wurde das Königreich Ungarn, das damals über eine Fläche von 325.000 Quadratkilometer und eine Bevölkerung von ca. 19 Mio. verfügt verfügte, auf 93.000 Quadratklometer verkleinert. Große Teile des Landes wurden den umliegenden Staaten der sog. „Kleinen Entente“ (u.a. Rumänien und Tschechoslowakei) zugeschlagen. Allein Rumänien erhielt mehr Fläche des damaligen Ungarn zugesprochen, als dem Land insgesamt verblieb. Die Bevölkerungzahl verringerte sich um über 60%. Vergleichbare Gebietsverluste  wurden keinem anderen Land zugemutet.

Der Vertrag von Trianon, neben dem Versailler Vertrag und dem Vertrag von St. Germain einer der sog. Pariser Vorortverträge der Jahre 1919/1920, ist bis heute in der ungarischen Seele nicht verarbeitet. Ein Großteil der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zwischenkriegszeit beruhte auf dem Verlust der Landesteile und der dort bestehenden Wirtschaftsfaktoren. Viele sehen in dem Vertrag eine Einschränkung ihres Selbstbestimmungsrechtes, insbesondere weil sich die Siegermächte weigerten, das Schicksal der Regionen durch generelle Volksabstimmungen entscheiden zu lassen. Lediglich die Stadt Sopron (Ödenburg), die nach dem Vertrag eigentlich zu Österreich gehören sollte, durfte 1921 ein Plebiszit abhalten. Ergebnis: Rückkehr zu Ungarn.

Aus der Sicht der Siegermächte es 1. Weltkrieges sollte der Trianon-Vertrag Ungarns Wirtschaftskraft nicht nur im Interesse der Kriegsvermeidung begrenzen, sondern die Landkarte entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit neu ordnen. Letzteres Ziel wurde jedoch nicht erreicht, da man allein den Interessen der „Kleinen Entente“ zu folgen schien und sogar Städte und Regionen it eindeutiger ungarischer Mehrheit den umliegenden Ländern zuschlug. Der Friedensvertrag machte auf diese Weise Millionen von Ungarn zu einer Minderheit, die nicht nur nach 1920, sondern auch noch nach 1945 (Benes-Dekrete) Retorsionen ausgesetzt war. Die Probleme bestehen, wenn auch nicht gewaltsam, bis heute fort. Gerade im Rumänien Ceaucescus und selbst in der heutigen Slowakei wurde/wird die ungarische Minderheit in ihrer Identität beschränkt und gerne als politischer Feind stilisiert, kulturelle Autonomie besteht nicht. Seit 2009 wird die Verwendung der ungarischen Sprache im öffentlichen Bereich durch das slowakische Sprachengesetz sogar mit einer Strafe bis zu EUR 5.000,00 belegt.

Die konservative Mehrheit im ungarischen Parlament hat sich vorgenommen, symbolische Zeichen des Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen den Ungarn zu setzen. Neben dem Gedenktag sollen Personen mit ungarischen Vorfahren unter erleichterten Bedingungen die Staatsangehörigkeit beantragen können. Lediglich die Slowakei – selbst im Wahlkampf –  hat hiergegen heftig protestiert und jedem, der diese Möglichkeit nutzt, mit der sofortigen Entziehung der slowakischen Staatsangehörigkeit gedroht.

Das Gedenken an Trianon ist ein schwieriges Kapital der Geschichtsbewältigung. Rechtsradikale träumen bis heute von „Großungarn“, ein Wunsch, der in einer zusammenwachsenden Europäischen Union nicht politisch durchsetzbar ist. Die Botschaft, man fühle sich anderen Staaten moralisch oder sonstwie überlegen, muss vermieden werden. Jedoch ist es durchaus wünschenswert, wenn sich die ungarische Politik für die Belange der Auslandsungarn stärker artikuliert als bisher. Neben der Symbolik ist gerade die EU hierfür das richtige Forum, wo die historisch gewachsenen Probleme Mittelosteuropas bis heute nicht ausreichend bekannt sind.