Gyurcsány: Diplom mit der Arbeit seines Schwagers?

Seit dem Rücktritt des ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt läuft die Suche nach der Diplomarbeit von Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány auf Hochtouren. Die Universität Pécs, die sämtliche Diplomarbeiten der Kommilitonen Gyurcsánys vom Abschlussjahrgang 1984 verwahrt, findet lediglich eine nicht: Die von Gyurcsány.

Nun stellte sich heraus, dass die Arbeit Gyurcsánys vom Titel her mit der Arbeit von Gyurcsány Schwager Szabolcs Rozs übereinstimmt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Quelle: mno.hu)

Sowohl Gyurcsány als auch (4 Jahre zuvor) Szabolcs Rozs hatten ihre Arbeit über den Weinbau im Norden des Plattensees verfasst; in Anbetracht der Tatsache, dass die Arbeit Gyurcsánys bis heute aus nicht nachvollziehbaren Gründen unaufindbar ist (Zitat Ferenc Gyurcsány: „Wessen Interesse kann das wohl sein?“), kann noch nicht überprüft werden, ob und ggf. in welchem Umfang die beiden Arbeiten – neben dem identischen Titel – inhaltlich übereinstimmen. Fest steht nach der Reportage Célpont aber, dass die Arbeiten an einigen Stellen die selben Fehler enthalten. Interessant ist auch, dass Gyurcsány auf die Frage von HírTV, ob er denn wisse, welches Thema sein damaliger Schwager bearbeitet, sagte: „Nein, dass weiß ich nicht“. Er habe eine Arbeit über den Weinbau am Balaton verfasst, weil er im Haus seiner damaligen Frau eine Menge Material zum Thema gefunden habe. Szabolcs Rozs bezeichnete dies als Lüge: Im elterlichen Haus habe man nie über solche Unterlagen verfügt; lediglich seine eigene (Rozs´) Diplomarbeit sei im Haus gewesen.

http://index.hu/belfold/2012/04/27/gyurcsany_a_sogora_szakdolgozataval_diplomazott/

Gyurcsány trat über seine Facebook-Seite an die Öffentlichkeit und bagatellisierte den Vorfall. Anders als noch einige Tage zuvor, ale er behauptet hatte, die Arbeit des Schwagers nicht zu kennen, äußerte er sich nun dahingehend, er habe die Arbeit wahrscheinlich verwendet. Es habe sich aber bekanntlich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit gehandelt. Eine Diplomarbeit diene nur dazu, den Nachweis zu erbringen, dass der Kandidat sich über ein bestimmtes Thema informiert habe. Den Hinweis auf die o.g. Übereinstimmungen bezeichnete der Ex-Ministerpräsident und Vorsitzende der Partei DK verächtlich als „Wahnsinnsstory“.

Bereits in einem vor einigen Jahren erschienenen Bericht über Gyurcsány von László Pesty („Egy hiteles ember“) hatte ein früherer Hochschullehrer Gyurcsánys, Tamás Mellár, ausgesagt, dass die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei seinerzeit Gyurcsány in erheblichem Maße protegiert habe. Vor Prüfungen habe es stets Anrufe bei Mellár gegeben, dass er auf den „Genossen Gyurcsány“ Acht geben solle.

Nachtrag:
Am 30.04.2012 erstattete Ferenc Gyurcsány Anzeige gegen Unbekannt wegen des Verschwindens seiner Diplomarbeit aus dem Archiv der Universität von Pécs. Er deutete an, auch der Fernsehsender HírTV könne mit dem Verschwinden seiner Arbeit zu tun haben. Seine politischen Gegner wollten ihn „politisch ermorden“. Der Politologe Gábor Filipov stellte Parallelen mit der Affäre Schmitt dar: Gyurcsány habe zunächst versucht, die Sache zu igorieren, danach zu bestreien, um sich am Ende in seine eigenen früheren Aussagen zu verstricken.

http://atv.hu/cikk/video-20120430_gyurcsany_feljelentest_tesz_szakdolgozatanak_eltunese_miatt