„Blaues Hufeisen liebt Anacott Steel“: Notenbankchef Matolcsy unter Druck

Blue horseshoe loves Anacott Steel!“ Wer erinnert sich nicht an die legendäre Losung, mit der Charlie Sheen als Börsenhändler Bud Foxx in Oliver Stones Meisterwerk „Wall Street“ im Auftrag von Bösewicht Michael Douglas Kurssprünge der Aktie eines Stahlproduzenten durch gezielten Einsatz der Presse zu verstärken suchte? Der Film behandelt einen Sumpf illegaler Insider-Börsengeschäfte in den 80er Jahren und ist an einen der größten realen Skandale der Wall Street angelehnt, dessen reale Protagonisten auf Namen wie Ivan Boesky, Michael Milken, Carl Icahn und Dennis Levine hörten.

Der ungarische Notenbankpräsident György Matolcsy gerät durch ein jüngst erschienenes Buch in den Verdacht, in bester Manier von Insiderhändlern Währungsspekulationen eines in den weltweiten Finanz- und Politikkreisen bestens vernetzten Börsenriesen – von der Investmentbank Goldman Sachs ist die Rede – ermöglicht zu haben. Womöglich war er aber nicht so clever wie seine Vorbilder.

Grund für die aktuellen Rücktrittsforderungen gegenüber Matolcsy ist das Buch „sakk és póker“ der Autorin Helga Wiedermann.

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Wiedermann war Matolcsys Kabinettschefin in seiner Zeit als ungarischer Wirtschaftsminister. Sie beschreibt – nach eigenen Angaben – die unorthodoxe Wirtschaftspolitik der amtierenden Regierung und „das Team, das hinter dieser Politik steht“. Der Untertitel des Buches ist demgemäß, ganz im Stil Matolcsys, von wenig Bescheidenheit geprägt: „Chronik der siegreichen Gefechte des ungarischen wirtschaftlichen Freiheitskampfes„. Der ehemalige Vorgesetzte und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán nahmen persönlich an der Buchpräsentation teil. Matolcsy betonte, das Buch, in dem jemand die Geschichte der letzten Jahre festgehalten habe, mit großer Begeisterung gelesen und dabei die vergangenen Abenteuer nochmals durchlebt zu haben.

http://www.atv.hu/videok/video-20140314-no-comment-2014-03-13

Interessant ist der Inhalt des Buches insoweit, als Wiedermann die Zeit beschreibt, in der die Orbán-Regierung – entgegen vorheriger anderslautender Ankündigungen und nach einem zwischenzeitlichen Verfall der Landeswährung Forint – beschloss, Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über die Gewährung einer Notfall-Kreditlinie aufzunehmen. In Zeiten der Griechenland-Pleite, einer europäischen Finanzkrise und der Angst der Kapitalmärkte vor weiteren Zahlungsausfällen war dieser Umstand geeignet, den Kurs des Forint gegenüber US-Dollar, Euro und Schweizer Franken zu stabilisieren, jedenfalls eignete er sich, den Wissensvorsprung beginnender IWF-Verhandlungen in rechtlich wie moralisch hochproblematische Spekulationsgewinne umzuwandeln.

Hier beschreibt Wiedermann in ihrem Buch, wie sich Matolcsy in direktem zeitlichen Zusammenhang mit drei Bankern des US-Investmentriesen Goldman Sachs zum Abendessen traf. Im Zuge dieses Gesprächs habe Matolcsy auf die Aufnahme von Verhandlungen mit dem IWF hingewiesen. Daraufhin sei den Bankern „das Buttermesser in der Hand erstarrt“, einer sei sofort zum Telefonieren nach draußen gegangen. Der Rest eignet sich für beste Spekulationen über die moralische Integrität von Investmentbankern ebenso wie zur Diskussion über die Frage, wie glaubwürdig das verbale Aufbegehren gegen die Bankenwelt – eine Spezialität Matolcsys – aus dem Mund einer Person ist, die genau jene Akteure mit Insiderinformationen versorgt haben soll. Nun weiß niemand genau, ob und in welchem Umfang Goldman, ein Finanzkonzern, der wegen seiner konsequenten Nähe zur Politik nicht selten in der Kritik steht, nach Kenntnisnahme von den Informationen des zweitwichtigsten Mannes Im Orbán-Kabinett, Forint-Positionen aufbaute. In jedem Fall, d.h auch ohne Millionengewinne Goldmans, wäre es als grobe Verfehlung anzusehen, wenn ein ranghoher Politiker solche, noch nicht öffentliche, Informationen mit interessierten Kreisen im stillen Kämmerchen teilt. Dass dieses blaue Hufeisen einem Notenbankchef Glück bringen kann, scheint ausgeschlossen.

Wöhrend die ungarische Opposition Matolcsy mit Rücktrittsforderungen überzieht, eine Verletzung von Staatsgeheimnissen sieht und das vermeintliche „Matolcsy-Leck“ mit unerklärlichen Vermögenszuwächsen von Regierungspolitikern in Zusammenhang bringen will, bemüht sich die Notenbank um Schadensbegrenzung: Sie erklärt das Buch in diesem Teil kurzum zu einer Fiktion. Ein gefundenes Fressen für die Opposition und, drei Wochen vor der Wahl, auch Stoff für einen veritablen Wirtschaftskrimi. Jedenfalls aber ein Zeichen dafür, dass es Matolcsy, dessen erste berufliche Position im Bankwesen die des Notenbankchefs ist, an Erfahrung beim Schwimmen im tiefen Gewässer des internationalen Finanzmarktes fehlen könnte. Oder anders gesprochen: „You have to crawl before you can walk.“

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2 Kommentare zu “„Blaues Hufeisen liebt Anacott Steel“: Notenbankchef Matolcsy unter Druck

  1. Matolcsy ist ein Depp. Intelligent, aber komplexbehaftet, fallweise allzu menschlich und eitel. (Das ist nur mein Eindruck aufgrund der Fälle, die für Schlagzeilen sorgten. Seit dem Regierungswechsel hab ich mich nicht wirklich mit seinem Schaffen und Werdegang auseinander gesetzt. Früher las ich gern seine Buchrezensionen in “Heti Válasz” und dachte, er sei ein Vordenker und Globalisierungskritiker… “Mei, wird der Mensch von seiner Partei bezahlt, um interessante Bücher zu lesen? Beneidenswert…”)

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