Welt: Rolf Bauerdick über die Reaktionen auf sein Buch „Zigeuner“

Das in diesem Jahr erschienene Buch „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ des Autors und Fotografen Rolf Bauerdick. In seinem Werk beschreibt der Autor in teils sehr deutlicher Sprache seine Erlebnisse und Empfindungen mit und um die größte Minderheit Europas. Das Verdienst des Autors liegt meines Erachtens nicht nur darin, dass er es schafft, die Beobachtungsgabe des Fotografen mit der Ausdruckskraft des Autors zu verbinden, sondern auch, dass er sich durch Konventionen politischer Korrektheit und durch Funktionäre bestimmte Sprachregelungen nicht davon abhalten lässt, Dinge beim Namen zu nennen, die sich vor seinem Auge – auf zahlreichen Reisen, u.a. nach Mittel-, Ost- und Südosteuropa – abspielen. Bauerdick kritisiert Rassismus, berichtet über die Morde an ungarischen Roma, wagt es aber auch, darauf hinzuweisen, dass die Minderheit Eigeninitiative entwickeln muss, um die desolate Situation zu verbessern, in der sie sich großteils befindet.

Der Autor hat Hungarian Voice ein Interview gegeben, auf das ich hier nochmals hinweisen möchte:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2013/04/18/hungarianvoice-interview-mit-buchautor-und-fotograf-rolf-bauerdick-dem-autor-von-zigeuner-begegnungen-mit-einem-ungeliebten-volk/

Die Reaktionen auf das Buch waren höchst unterschiedlich. Während „ttt„, der WDR, die FAZ und zahlreiche andere Medien das Buch positiv, jedenfalls mit Interesse und Offenheit aufnahmen, kamen negative Reaktionen aus den Reihen des – von Bauerdick scharfer Kritik ausgesetzten – Zentralrats der Sinti und Roma. In seinem Essay beschreibt Bauerdick den durch und durch „deutschen“ Shitstorm, der von Seiten jener über ihn hinwegzog, die die Zigeunersoße aus der deutschen Sprache verbannen wollen und es geschafft haben, die „Fünf Freunde“ vom „Zigeunermädchen“ zu befreien und um die „wilde Jo“ zu bereichern.

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article122083938/Das-intolerante-Buendnis-gegen-Zigeunerschnitzel.html

Buchtipp:

Rolf Bauerdick, Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk, 352 Seiten, 33 s/w Fotos, DVA Sachbuch, Preis: 22,99 Euro (empfohlener Verkaufspreis)

Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, lebt im westfälischen Münsterland. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Theologie wurde er Journalist. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen; seine Text- und Bildreportagen erscheinen in europäischen Tageszeitungen und Magazinen und sind vielfach ausgezeichnet. Sein viel beachteter Roman “Wie die Madonna auf den Mond kam” ist zur Zeit in zwölf Sprachen übersetzt und erhielt den Europäischen Buchpreis 2012 in der Kategorie “Roman”.

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7 Kommentare zu “Welt: Rolf Bauerdick über die Reaktionen auf sein Buch „Zigeuner“

  1. Wie sensibel und informiert die Redaktion der „Welt“ mit der Thematik umgeht, beweist sie gleich in der Unterüberschrift: „Rolf Bauerdick hat über Zigeuner geschrieben – und sie auch so genannt. Seitdem sieht er sich einem Shitstorm im Internet ausgesetzt. Und das, obwohl er das fahrende Volk kennt wie kein anderer.“

    Kann man wirklich von einem „Volk“ sprechen oder haben wir es nicht eher mit vielen unterschiedlichen nationalen Minderheiten zu tun, deren Gemeinsamkeit… ja, worin eigentlich liegt? Nicht einmal das Klischee von den schwarzen Haaren und der etwas dunkleren Haut stimmt mehr, seitdem wir wissen, dass irische Behörden per Gentest herausgefunden haben, dass Roma-Eltern von blonden Kindern, dieselben tatsächlich selbst gezeugt und nicht etwa gestohlen haben. Und wieviele Angehörige dieses „fahrenden Volks“, liebe „Welt“-Redaktion, „fahren“ eigentlich heutzutage noch? Sind es zwei oder eher fünf Prozent?

    Ich habe Bauerdicks Buch noch nicht lesen können. Aber mir scheint, da schwingt eine Menge Lust an der Provokation und an inszenierten Tabubrüchen mit. Das ist doch am Ende genauso überflüssig wie der Kampf gegen das Zigeunerschnitzel, den Bauerdicks Lieblingsfeinde so energisch ausfechten.

    Was mich immerhin beruhigt, ist, dass diese Fraktionen von politisch Korrekten und Unkorrekten nur mit Worten und Druckerschwärze gegeneinander antreten.

    • Ich hatte bei der Lektüre des Buches nicht den Eindruck „inszenierter Tabubrüche“. Bauerdick will auch nicht die Minderheit darüber belehren, wie sich nennen muss. Er dokumentiert in nachvollziehbarer Weise, wie der Begriff „Zigeuner“ nicht etwa nach 1945, sondern erst in den 80er Jahren zum Unwort gemacht wurde. Übrigens auch gegen den Widerstand deutscher Gruppen von Sinti, die Zigeuner sein wollten.

      Das Buch überzeugt mit Schilderungen. Versuchen Sie es einfach, und bewerten Sie dann. Und machen Sie es nicht wie der berufsmäßige Antifaschist Michael Lausberg, der sich offenbar von Bauerdick als Mitglied der Empörungsclique angesprochen fühlte. Alles, was zur „Rezension“ dieses Wissenschaftlers zu sagen ist, hat der Blogger almasala auf „hogymag“ gesagt:

      http://hogymag.wordpress.com/2013/09/26/zigeuner-begegnungen-mit-einem-ungeliebten-volk/

      Aus dem Fazit:
      „Die Rezension ist aus menschlicher Sicht bösartig und aus akademischer Sicht blamabel. (…) Ein Mann, von dem man behaupten kann, dass er wohlwollend und offen wie kaum ein zweiter auf die Zigeuner zugegangen ist, findet sich in der Nähe von Rechtsextremisten wieder, weil sich ein Vorurteilsexperte im Kampf für die gleiche Sache womöglich in seiner persönlichen Eitelkeit verletzt fühlt.“

  2. Hat zwar nix mit Bauerdick direkt zu tun, sondern mit der „Stimmung“ die sich momentan breit macht und das nicht nur in Ungarn.Ich hatte zufälligerweise dieses hier verfolgt.
    http://www.lokalo.de/artikel/44167/Harry-Froehlich-wegen-Volksverhetzung-angezeigt
    Meiner Meinung nach müssen Leute, die sich zu Anzeigen dieser Art hinreißen lassen ein gewaltiges Geltungsbewusstsein haben, so können sie es ausleben.und man redet (endlich) mal über sie.

  3. Noch ein Nachtrag von mir.
    Falls es interessiert.
    Da ich nach dem Buch von Forgács István „Cigánynak lenni“ im Internet geschaut habe, bin ich auf Berichte unter dem gleichen Titel gestossen. Diese umfassen die Jahre ab 2000.
    (zumindestens habe ich keine von vorher gefunden):

    • But seriously folks!
      Die erste Zielgruppe der Marsovszky’schen Agitation in Richtung ideologische Spaltung der ungarischen Gesellschaft waren die Ungarndeutschen. Vor dem Hintergrund der Vertiefung der sozialen Spaltung sattelte sie dann aber auf Roma um und reitet seit der ersten Regierungszeit Orbáns beide Antifa-Themen, Antiziganismus und -semitismus. Im Blog „Ungarische-Geschichte“ steht ein Beitrag von galut, „Ungarn und die ungarischen Minderheiten seit 1920 (I.)“. Dort schreibt er: „Die Jahre seit 1996 brachten im Zeichen des nahenden ungarischen EU-Beitritts und des noch nicht absehbaren Beitritts seiner Nachbarländer die verstärkte politische Zusammenarbeit mit den Nachbarländern, den politischen Vertretern der dortigen Minderheiten und zugleich eine Ausweitung der ungarischen Minderheitenpolitik auf die Bereiche der Kultur und der Wohlfahrt. (…) Der Beitritt der Slowakei und Rumäniens zur EU hat jedoch entgegen aller Erwartungen (…) nicht zu einer Entspannung der Beziehungen Ungarns zu seinen Nachbarn geführt, sondern eher zu deren Verschärfung. Der tiefere Grund dieser Entwicklung ist noch unklar, scheint aber in der ideologischen Spaltung der ungarischen Gesellschaft seit 2002 [sicc!], der Empfänglichkeit weiter Teile der osteuropäischen Gesellschaften für nationalistische Losungen und der Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Regierungen seit 2008 zu tun.“ Tendenzen zur ideologischen Spaltung Ungarns lassen sich schon früher ausmachen. Die Instrumentalisierung der Minderheiten aus politischem Kalkül setzte m.E. erst Ende der Neunziger ein. Mir fällt da ein Zitat ein, das Tito zugeschrieben wurde: „Jugoslawien hatte sieben Nachbarstaaten, sechs Republiken, fünf Sprachen, vier Amtsprachen, drei Religionen, zwei Schriftarten und war eine Nation.“ Was von Jugoslowien heute übrig ist, weiß Odehnal am besten. Er war von 1999 bis 2000 Pressesprecher in Priština bei der OSZE-Mission im Kosovo (In seine Zeit fallen (vermutlich) der Abzug der Mission nach Mazedonien am 20.März 1999, die Aufnahme der Luftoffensive der NATO kurz danach, das Ausscheiden aus der Mission von Rußland und Weißrußland aus Protest gegen die NATO-Operation, die vielen Probleme, die sich aus der Massenvertreibung von Albanern aus dem Kosovo ergeben hatten etc.)
      Ein gespaltenes, in sich zerstrittenes Land wird seit 2000 offensichtlich einem konsolidierten, wirtschaftlich starken und sozial stabilen Ungarn vorgezogen.

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