Euronews startet 2013 in Ungarn

Wie die Neue Zürcher Zeitung heute unter Bezugnahme auf die dpa berichtet, startet der Fernsehsender euronews im Jahr 2013 die Ausstrahlung seines Programms in ungarischer Sprache. Finanziert wird das neu einzurichtende Budapester Büro unter anderem aus Mitteln der EU-Kommission.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/euronews-startet-ungarischen-kanal-1.17884507

De ungarische Variante wird die 13. Sprachfassung des Senders sein.

Die Inbetriebnahme ist als positives Zeichen für den ungarischen Fernsehmarkt zu werten. Die audiovisuellen Medien sind in Ungarn traditionell extrem gespalten: Während der staatliche Rundfunk regierungsfreundlich berichtet und nach jedem bisher vollzogenen Regierungswechsel auch ein Richtungswechsel stattfand, besteht der private Fernsehbereich im Wesentlichen aus zwei großen Unterhaltungs- (RTL Klub, Tv 2) und mehreren Nachrichtensendern: ATV gilt als linksliberal-oppositionell, HírTV und Echo TV als regierungstreu, wobei der letztgenannte Sender durch seine oftmals propagandistische und mitunter ins rechtsradikale abdriftende Berichterstattung und Anrufsendungen auffällt, die in Teilen auch die Sichtweise der rechtsradikalen Oppositionspartei Jobbik wiedergeben. euronews könnte hier als gewisse Konstante fungieren, wenn er sich aus der einseitigen Parteinahme heraushält; dies setzt allerdings geeignetes und hierzu williges Personal voraus.

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23 Kommentare zu “Euronews startet 2013 in Ungarn

  1. Toll, das Propagandawerkzeug der EU-Komission kommt nach Ungarn. Ich freu mich schon auf die Berichterstattungen über Streitigkeiten zwischen EU und Ungarn…

  2. Treffende Beschreibung der ungarischen Fernsehlandschaft, HV. Auch die optimistische Bewertung des Markteinstiegs von Euronews teile ich.

    Von Propaganda zu reden, wie es Páloc tut, erscheint mir hingegen völlig abwegig. Und wenn schon: Europa kann man gar nicht genug propagieren, zumal in Ländern wie Ungarn, wo der Euroskeptizismus fröhliche Urständ feiert. Ich verorte das Phänomen übrigens irgendwo zwischen Undankbarkeit, mangelndem oder verschrobenem Geschichtsbewusstsein sowie fehlendem Sinn für die politische Wirklichkeit. Warum drängte Ungarn in die EU, wenn es sich dort nicht wohlfühlt?

    • Weil man davon ausging, dass man über die EU mehr für die Minderheiten tun kann? Weil dies europäische Werte wären und dem europäischen Frieden dienlich wären?

      Aber die EU hat seit dem Beitritt so gut wie gar nichts für die Minderheiten getan. Ferner haben wir keine Möglichkeit mehr Zölle auf Waren zu erheben, die in Konkurrenz zu unseren eigenen steht und die wir selbst in ausreichendem Maße produzieren können (ich denke hier an Paprika, Melonen…)? Dies hat zur Folge, dass die Landwirtschaft zunehmend in den Ruin getrieben wird. Toll, wir erhalten Zahlungen aus dem Westen, aber die gehen in Dinge wie die Infrastruktur. Auch wichtig, aber der Durchschnittsungar bekommt davon nichts mit. Stattdessen haben wir die selben Lebenshaltungskosten (siehe Supermarkt) bei niedrigerem Einkommen (lt. Balog 750€ Durchschnittslohn). Das sind Dinge, die die Leute vor Existenznöte stellen. Ich wiederhole gern nocheinmal: im Dorf meiner Großeltern haben sich früher so gut wie alle mit dem Anbau von Paprika beschäftigt, mittlerweile haben es fast alle aufgegeben, nur eine Handvoll hat durchgehalten. Ein Sinnbild dafür, was die EU gebracht hat. Übrigens: meine Großmutter ist über 70 und hat bis letztes Jahr noch aktiv Paprika angebaut – soviel zum Rentenalter. Ganz zu schweigen davon, dass wir uns jetzt in unsere eigenen Angelegenheiten auch noch reinreden und Vorhaltungen machen lassen müssen.

      Die EU so zu verherrlichen wie Sie es tun, das dürfte vielen in Ungarn und wahrscheinlich sogar auch in Deutschland, übel aufstoßen. Wahrscheinlich auch in aeinigen anderen Ländern. Vielleicht sollte man von seinem hohen Ross absteigen und nicht alles aus der Perspektive eines Exportlandes sehen, dass seine Produkte jetzt noch günstiger ans Ausland verhökern kann. Ihr Auftreten ist, ich muss es leider so sagen, ziemlich arrogant. Es drängt sich das bereits auch im Osten Deutschlands enstandene Bild des Besserwessis auf. Tut mir Leid für die deutlichen Worte, aber vielleicht überlegen Sie sich Ihren Kommentar nächstes Mal noch einmal.

      • An Palóc: Ich bin weit davon entfernt, die EU zu „verherrlichen“, wie Sie meinen. Aber ich bin entsetzt darüber, was eingefleischte Nationalisten aus diesem enorm wichtigen politischen Projekt zu machen versuchen. Um kurz auf die von Ihnen angesprochenen Punkte zu reagieren:

        – Vor dem EU-Beitritt der mitteleuropäischen Länder haben Alt-Mitglieder wie Frankreich und Deutschland nicht ohne Grund darauf gedrungen, dass Aspiranten wie Ungarn und die Slowakei untereinander bilaterale Freundschaftsverträge inkl. Aritkeln zur Minderheitenproblematik abschließen. Die EU selbst, so heißt es jedenfalls immer, hat keine eigene Kompetenz in Minderheiten-Angelegenheiten. Und vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Warum in Brüssel abladen, was die Kontrahenten letztlich nur unter sich ausmachen können?

        – Wenn Ihr Durchschnittsungar nichts von den in Ungarn investierten Milliarden mitbekommt, hat er wahrscheinlich Paprikas auf den Augen. Die Infrastruktur in Ungarn würde wohl eher der in Rumänien ähneln, wenn es keine EU gäbe. Soviel steht fest. Womit gedenkt ein Ministerpräsident Orbán überhaupt noch zu investieren, wenn nicht mit EU-Geldern? Die eigenen Steuereinnahmen reichen gerade mal für die Verwaltung und mehr recht als schlecht für den Schuldendienst, aber nicht für Investitionen. Das ist die Realität.

        – Dann zum echten Paprika: Wenn sich die „handwerkliche“ Produktion nicht mehr lohnt, dann hat das was damit zu tun, wie Märkte nun einmal funktionieren. Irgendwo anders ist die Produktion wohl billiger, weil dort effizientere Methoden oder mehr Kapital verwendet werden. Was Sie kritisieren, ist das Freihandelsprinzip an sich. Dazu wird Ihnen aber noch jeder Ökonom erklären, dass Ineffizienz die Menschheit nicht voranbringt.

        – In Ostdeutschland hat man das bitter lernen müssen, als unmittelbar nach der Wende die große Deindustrialisierung einsetzte. Trotzdem entscheiden sich auch in Ostdeutschland die meisten Menschen nicht automatisch für das teurere Produkt, nur weil es aus der Heimat kommt.

        – Übrigens: Auch Ungarn ist ein Exportland, das Jahr für Jahr entsprechende Überschüsse erwirtschaftet. Ganz wie der „große Bruder“ (Süd-)Deutschland.

      • Es ist eine Angelegenheit, ob die EU Mitgliedsländer dazu zwingen kann, die Situation von Minderheiten zu verbessern oder nicht. Es bliebe aber immernoch, an europäische Werte zu appelieren und den Mitgliedsstaaten einen besseren Minderheitenschutz nahezulegen. Darüberhinaus bin ich anderer Meinung: die EU sollte möglichst viel Macht bekommen, Minderheiten zu schützen, ansonsten wird aus der EU eine Union der Mehrheiten, während Minderheiten auf der Strecke bleiben. Sich aber für den erhalt der kutlurellen Identitäten einzusetzen sollte ALLERHÖCHSTES Ziel der EU sein. Eine EU die das missachtet ist eine EU für die ich mich nicht interessiere. Und eine solche EU hat auch nicht das Recht Minderheitenproblema anderswo, sagen wir in China, zu kritisieren, denn sie tut ja selbst auch nichts für Minderheiten in ihrem eigenen Gebiet. Was die Minderheitenprobleme zwischen beispielsweise Ungarn und der Slowakei anbelangt, diese Probleme können die beiden eben nicht unter sich lösen, weil sie sich nicht auf Augenhöhe begegnen. Ungarn muss den Bittsteller spielen während die Slowakei alles ablehnen kann was ihr nicht passt, denn letztere hält die besseren Karten in der Hand. Sie ist zu gar nichts verpflichtet, nichtmal zum zuhören, und kann daher machen was sie will. Deshalb wäre ein Vermittler von nöten, der auch mal sanften Druck ausüben kann. Ganz zu schweigen davon, dass es da auch Länder in der EU gibt, die eigentlich eine gewisse moralische Verantowrtung hätten, hier aktiv zu werden, weil sie es versäumt haben, dieses Elend damals zu vermeiden.

        Ich habe die Investitionen in die Infrastruktur bereits anerkannt, ihr Versuch mich hier zu diskreditieren (noch dazu in einer sehr fragwürdigen Weise) schlägt also ins Leere. Nur was hat einer davon, dass seine Stadt wieder schön aussieht wenn er nicht genug Geld hat sich zu ernähren? Sicherlich kommen Investitionen in die Infrastruktur auch den Arbeitsmarkt zu gute, aber nur verzögert und in eingeschränktem Maße. Es ist daher fraglich, ob schönere Straßen und Städte jetzt unmittelbar zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

        Ja, ja, die effizienteren Methoden. Was nützt Effizienz wenn dabei die Menschen auf der Strecke bleiben? Schön, lassen Sie die Spanier und Holländer effizient Paprika anbauen und die Ungarn versauern, aber freuen werden die sich nicht wenn sie sich nicht mehr ernähren können. Und um auf die effizienten Methoden zu sprechen zu kommen, wissen Sie wie in Holland Paprika angebaut werden? Die haben nicht mal mehr Kontakt zum Boden, sondern hängen in der Luft in Säcken in Kunstdünger. Na, dann lassen Sie sich’s mal schmecken! Übrigens: die Paprika hat in Ungarn eben auch etwas mit der Folklore zu tun. Zerstören Sie die ungarische Paprika, zerstören Sie ein Stück Kultur des Landes – tolle EU: opfern wir doch unsere eigene Kultur für das liebe Geld, echt geile Ideale…

        Was die wirtschaftliche Situation in Ungarn angeht, da mögen Sie Recht haben, dass uns die EU momentan finanziell nützt. Das ist aber kein Dogma. Grund dafür ist nämlich nicht Ungarn selbst oder die Weltwirtschaftskrise, sondern die tolle MSZP-Regierungszeit, die Ungarn heruntergewirtschaftet hat. Das Ungarn der Jahre 1998 – 2002 wäre sicherlich auch so klar gekommen. Auch die Schweiz braucht keine EU und kommt ganz prima zurecht, was zeigt, dass auch außerhalb der EU Leben möglich ist und existiert.

        Ihre Logik leidet leider an einem ziemlich – mit Verlaub – deutschem Symptom. Sie denken Sie geben uns Geld und erwarten, dass wir unsere Unzufriedenheit in anderen Punkten für uns behalten – anderenfalls fühlen Sie sich undankbar behandelt. Nur gibt es eben Leute, die sich von der EU mehr versprechen als nur Geld. Diese Leute sind durchaus an einer EU interessiert, aber an einer menschlichen und moralisch vorbildlichen und nur eine solche kann von Dauer sein. Erwarten Sie also nicht, dass Sie uns Schweigegeld zahlen können und wir dafür die Klappe halten. Seien Sie lieber froh, dass es Leute gibt, die kritisieren und auf Probleme hinweisen, denn Fortschritt lebt von Kritik.

      • Palóc, auch wenn ich Ihnen nicht in allem zustimme, was Sie gestern schrieben, bin ich in wenigstens einem Punkt mit Ihnen vollkommen einer Meinung:

        Es tröstet den ungarischen Paprikabauern wenig, wenn die in Almeria, Spanien, unter Plastikplanen und mit Unmengen wertvollen Trinkwassers angebauten Konkurrenzprodukte dank „effektiver“ Landwirtschaft den Ungarn unterbieten und er dafür kaputt geht. Und diese Importprodukte dafür noch – wahrscheinlich getreu der Bio-Verordnung – über 2000 km in der EU rumgekarrt werden. Subventionen für Großbetriebe sei dank. Einem normalen Menschen leuchtet es schon lange nicht mehr ein, dass die Produktion in Südspanien nebst dortiger Trinkwasserverschwendung und tausenden Transportkilometern immer noch billiger ist als die heimische. Wie die tunesischen Hilfsarbeiter in Almeria in ihren Blechhütten leben, um solche Preise zu ermöglichen, will ich hier gar nicht ausbreiten. Billig und effektiv, aber nicht menschenwürdig.

        Dass alles „der Markt“ ist und sich das „effektiver“ produzierte Gut durchsetzt, ist Boston Consulting Geschwätz, ohne jede Rücksicht auf die Nachhaltigkeit und die Menschenwürde. Hauptsache billig! Dabei dachte ich, wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft und müssen die Ressourcen sparsam einsetzen.

        Aber zurück nach Ungarn: Ich glaube, es hilft dem in seiner Existenz gefährdeten Bauern nicht, wenn die schöne Autobahn vorbeiführt, aber der Schienenbus wegfiel. Der war nämlich auch nicht „effektiv“ und wurde wegrationalisiert.

        Aber aus den Fenstern eines 530-er BMW mit Ledersitzen und „iDrive“ sieht die Welt eben anders aus und scheinen die kleinen Landwirte, die man von der M5 aus vorbeihuschen sieht, den Einkommenswegfall als Preis für ein größeres Ziel hinnehmen zu müssen. Die Frage ist, wer hier Paprika auf den Augen hat, wer hier der Nerd ist.

        In dem Film „We feed the World“, den ich allen Freunden der „effektiven Landwirtschaft“ empfehle (youtube), wurde Freihandel zwischen Starken und Schwachen mal verglichen mit einem Sportwagen (EU), der gegen einen Eselkarren aus der Dritten Welt antritt. Ist das die Ordnung, die wir innerhalb und außerhalb der EU wollen? Eine Welt, in der immer nur der größere und stärkere profitiert?

        Bemerkenswert ist, dass das EU-Subventionssytem immer noch die bevorzugt, die industriell und damit „effektiv“ produzieren. Die haben nämlich ihre Lobbyisten direkt in Strasbourg und Brüssel hocken und können Einfluss auf die Kommission nehmen, die die Vorlagen schreibt. Das ist leider Alltag, wie jeder weiß, der mal das Glück hatte, als Student einen „Ausflug“ dorthin zu machen und mit leibhaftigen Bürokraten und Lobbyisten zu sprechen (die, die ich traf, hatte übrigens Körbchengröße DD…). Dass in Deutschland ganze Gesetzesvorlagen von Lobby-Kanzleien geschrieben werden, dürfte jeder wissen, der Zeitung liest. Die Herrschaften in den Ministerien haben offenbar trotz Besoldung nach A15 bis B11 keine Zeit und sind (so sagte es der uns flöten gegangene Guttenberg) „nicht ausreichend kompetent“…

        Was die Landwirtschaft angeht, denkt man in Westeuropa schon um, gute Lebensmittel haben eben ihren Preis. Leider führt die nachhaltige Produktion durch kleine Betriebe in Ungarn aber noch ein Schattendasein. Weil es eben dank Wegfall inländischer Hilfen zu teuer für die Menschen ist. Dafür dürft Ihr dann den EU-subventionierten Müll aus Almeria fressen, der hier nach und nach durch heimische oder nachhaltig angebaute Produkte ersetzt wird. Bon appetit! So sieht es übrigens aus in Südspanien, wo effektiv produziert wird:

        Auch ein Satellitenblick via Google Earth lohnt sich, damit man das ganze Ausmaß erkennt. Die Blechhütten der Marokkaner und Tunesier, die Boat people, die als Erntehilfen von den Spanien geduldet werden, sieht man leider nicht. Will man vielleicht auch nicht, sonst bliebe einem die Tomate im Hals stecken.

        Also: Wer keine Ahnung hat von Pflanzen und Ackerbau, sollte keine Reden zu „effektiver“ Landwirtschaft schwingen. Er übersieht nicht nur die Auswirkungen der extensiven Landwirtschaft auf die Umwelt, sondern hat übermorgen schon den dioxinbelasteten („Bio“) Meerettich aus China auf dem Tisch. Aber der ist wenigstens weit gereist, und das ist ja ein Zeichen von Weltoffenheit 😀 . Und mir versucht man in Bayern Zwiebeln aus Neuseeland und Bio-Kartoffeln aus Ägypten anzudrehen. Gerade letztgenannte werden effektiv und umweltschonend produziert, weil es in Ägypten Unmengen Trinkwasser gibt und die Schiffe quasi umsonst und mit Solarenergie (statt dem wegen seiner hervorragenden Umwelteigenschaften von der Energiesteuer befreiten „Bunkeröl C“) nach Hamburg fahren…

        Ich denke, der richtige Weg für Ungarn wäre die Förderung der Kleinen. Aber das kann man ja dank EU nicht selbst entscheiden. Sehen wir es positiv: Die Freunde der ungarischen Landwirte haben dafür immer billigere Nahrungsmittel auf dem Tisch 🙂

        Spaß beiseite: Es gibt erste positive Zeichen. Etwa die kleine Käserei in (glaube ich) Kaposvár, die gegen die großen Molkereien antritt und recht erfolgreich ist. Ich hoffe, die Ungarn werden sich zeitnah gute Produkte aus regionaler Produktion leisten können und wollen. So, wie die Österreicher und Süddeutschen das tun mit Labels wie „Unser Land“ (obwohl es irgendwie engstirnig und nationalistisch klingt…). Und ich hoffe, dass bis zu diesem Zeitpunkt die kleinen Produzenten nicht alle unter die Räder gekommen und österreichische Bio-Bauern an ihre Stelle getreten sein werden.

        Jetzt wissen Sie übrigens auch, warum ich hierzulande seit Jahren GRÜN wähle.

      • Danke, HV, für die Unterstützung. Meine persönliche Meinung zu Bioprodukten und nachhaltigen Anbau ist geteilt. Einerseits bin ich durchaus dafür, denn dann müssten meine Verwandten nicht mehr aufs Feld spritzen gehen und sich damit den Chemikalien aussetzen und zwar in höheren Dosen als der Verbraucher später. Andererseits denke ich, dass sich die meisten in Ungarn Bio im Moment nicht leisten können. Es geht tatsächlich darum, die Produkte preisgünstig absetzen zu können, denn der Bauer der teuer Öko anbaut, hat am Ende auch nichts davon, weil er sie nicht absetzen kann. Ob Bio also überhaupt möglich ist, hängt auch vom Umfeld ab. Darüberhinaus haben meine Großeltern benfalls mit biologischen Mitteln experimentiert. Ich erinnere mich, dass sie Spinnen gegen bestimmte Schädlinge verwendet haben. Der Nachteil ist aber der, dass wenn sich dazu vielleicht noch eine Bakterieninfektion gesellt, man dann auch nicht mehr ohne Weiteres spritzen kann um seine Ernte zu retten, weil dann auch die Spinnen drauf gehen und damit die Schädlinge zurückkommen. Andererseits kommt man gegen die Infektion nicht anders an, droht also ansonsten die Ernte zu verlieren. Bio ist also auch ein Risiko für den Bauern, der ohnehin nicht wahnsinnig viel hat. Und es ist nebenbei bemerkt auch kein wahnsinnig tolles Erlebnis zwischen fetten Spinnen Paprika zu ernten – kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

      • Nachhaltigkeit, lieber Palóc, heißt nicht zwingend BIO. Auch ich kaufe nicht nur BIO (vor allem kaufe ich kein BIO aus China oder Ägypten, weil damit der ganze Nachhaltigkeitsgedanke tot ist).

        Ich bevorzuge aber grundsätzlich REGIONAL, jedenfalls bei Produkten, die es hier gibt. Und unterstütze damit nicht nur meine Mitmenschen, sondern vermeide auch tausende Kilometer unnötige Lasterfahrten. Die Kiwi und die Ananas kommen nicht aus Bayern, aber die Zwiebel und die Kartoffel, die Wurzeln für die Suppe und auch das Fleisch. Das ginge auch in Ungarn, die stellen super Zwiebeln und Knoblauch (Makó), Paprika (Kalocsa), Tomaten, Melonen und Knollen her. Von den Beeren im Sommer ganz zu schweigen. All das brauchen wir nicht aus Neuseeland oder Ägypten. Und auch nicht aus Almeria, Binnenmarkt hin oder her. Der Binnenmarkt sagt nämlich auch, dass es sinnvoll (weil kostengünstig) ist, ein bayerisches oder niedersächsisches Schwein nach Litauen zum Schlachten zu fahren, von wo die Schweinehälften nach Italien oder Spanien gebracht werden, um zu gutem Prosciuto oder eben „Jamòn“ reifen zu dürfen, nur um nach einer weiteren Reise ihrer letzten Bestimmung, auf den Tellern der deutschen Gourmets (oder auch mal Gourmands), zugeführt zu werden. Dieses Schwein hat also eine weitere Reise hinter sich als manch ein Paprikabauer aus Kalocsa.

        Ich besuche wöchentlich einen fahrenden Marktkaufmann, der 20 km von meiner Heimatstadt entfernt sein Gemüse anbaut. Frischer und näher geht es nicht. Und billiger als der Scheißdreck, den man mir in den Handelsketten andrehen will. Dort, wo ein Schnitzel von 200gr nach dem natürlichen Vorgang der „Dehydration in der Pfanne“ nur noch 80 Gramm wiegt 🙂

        Also, nicht zwingend BIO. Aber nachhaltig und ressourcenschonend, im Idelfall direkt oder nah vom Produzenten, ohne die vielen Zwischenhändler. Man bekommt mehr für sein Geld.

        Billig, billig, billig. So geht es nicht. Der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel an den monatlichen Einkünften ist in Deutschland fortwährend rückläufig. Weil das dicke Auto und die drei Fernreisen im Jahr wichtiger sind. Erzählen Sie das mal den Franzosen, die würden Ihnen den Schmutz, von dem sich die Deutschen oftmals ernähren, auf den Teller spucken! Wein für 2,99 EUR? Rührt Ihnen der durchschnittliche Franzose nicht an, weil er die weiß, was beim Winzer hängen bleibt…

      • Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass es durchaus Überschneidungen zwischen unseren Ansichten gibt, die Diskussionen aber trotzdem eskalieren. Also mal jenseits von Dampf und Hitze: Natürlich finde ich Bio- und regionale Produkte gut. Aber bringen Sie das mal den Leuten bei. Die Verbraucher lenken erst mit dem Schielen auf den niedrigsten Preis die Produktion in Gewächshäuser etc. Der Staat, auch die EU, kann sicherlich Anreize setzen, diesen Trends entgegen zu wirken. Wichtiger ist aber die tägliche Entscheidung jedes einzelnen Konsumenten. Wenn Sie wirklich der Meinung sind, Paloc, dass Sie gern hier und da eine ANDERE EU hätten, grundsätzlich aber mit der europäischen Einigung einverstanden sind, dann liegen wir grundsätzlich gar nicht so weit auseinander.

        Eine Minderheiten-Kompetenz der EU könnte sicherlich auf dem Wege einer Vertragsreform geschaffen werden. Oben habe ich aber schon angedeutet, warum ich das skeptisch sehe: Wenn die Streithähne sich nicht zusammenraufen wollen, kann ein Schlichter wenig ausrichten. Außerdem wird dieses Feld schon vom Europarat beackert, der schon ziemlich viel für den Minderheitenschutz getan hat.

      • Der Kern ist, Ungarnfreund, dass die gesamte Agrarpolitik in der EU von vorgestern ist. Und ein Land wie Ungarn mit seinen oft kleinen Betrieben darunter leidet. Und das schafft Unzufriedenheit beim Individuum, die Sie mit Verweisen auf Infrastrukturinvestitionen nicht beseitigen werden.

        Und Sie haben recht, dass man den Menschen beibringen muss, was Nachhaltigkeit bedeutet. Am Beginn ist die Entscheidung für umweltschonend produzierte Güter, gerade in Ungarn, aber eine Preisfrage, also eine der gezielten Subvention. So wie es der erste Széchenyi-Plan mit Kleinlandwirten machte, der dann 2002/2003 auf dem Altar des sozialliberalen Effektivitäts- und Freihandelsprinzips geopfert wurde.

        Ich finde, dass Freihandel in der Landwirtschaft ebensowenig das nonplusultra ist wie „effektiv“, d.h nämlich extensive Massenproduktion. Davon müssen wir gerade weg. Deswegen schüttle ich über Volkswirte wie András Inotai, wenn sie über Landwirtschaft sprechen, nur noch den Kopf. Der volkswirtschaftliche Wert von Nachhaltigkeit lässt sich nämlich nicht in Zahlen ausdrücken.

        Meinen Sie nicht, das Richtige wäre, die Kleinen zu unterstützen, eben die, zu denen die Familie von Palóc gehört? Ich schon. Und ich verstehe auch die Unzufriedenheit der Betroffenen über die Tatsache, dass es in diesem Bereich in die falsche Richtung geht. Und Ihre Erläuterungen gegenüber Palóc, die Prinzipien der Marktwirtschaft betreffend, wirkten auf mich überheblich und bei Landwirtschaft völlig fehl am Platz. Wenn Sie Adam Smith wollen, müssen Sie nämlich auch mit den Zuständen in und den Folgen von Almeria & Co. leben. Ich denke, das braucht es nicht…

        Nichts für ungut.

      • Auf dem Gebiet der EU-Agrarpolitik bin ich kein Experte. Auch kenne ich die landwirtschaftlichen Strukturen in Ungarn nicht wirklich. Wenn es Handtuchfelder wie in Süddeutschland wären, wäre ich auf jeden Fall für einen gewissen Konzentrationsprozess. Instinktiv finde ich es falsch, einen Großteil des EU-Haushalts mit diesen Subventionen zu belasten. Die Überproduktion hat man mit dem Umstieg auf ertragsunabhängige Flächenprämien eingedämmt. Dafür subventioniert man nun sogar Brachen. Ich finde auch nicht, dass man Landwirte für „Landschaftspflege“ entschädigen muss. Warum soll man nicht hier und da mehr Wildwuchs und Renaturierung erlauben, solange die Ernährung gesichert ist? Hauptziel der ungarischen Regierung scheint es zu sein, sich in den EU-Finanz-Verhandlungen möglichst hohe Agrarzuweisungen zu sichern. Ob das wirklich der Weisheit letzter Schluss ist?

      • Landschaftspflege ist eine wichtige Aufgabe, sehen Sie sich Bayern und Österreich an. Die Ernährung ist gesichert, woran es hapert, ist der Naturschutz. Und bevor man in HU, wo man im 40 Jahren Kommunismus sogar den Wein (!) industriell mit Maschinen anbauen wollte und ruiniert hat, dieselben Fehler macht wie hier mit der Massenproduktion, sollte man aus unseren Fehlern lernen. da haben aber die Großbetriebe und ihre Lobbyisten natürlich Einwände.

        Sehen Sie sich We Feed the World an. Es lohnt sich und wird Se zum nachdenken bringen. Insbesondere was Konzerne wie Monsanto und Nestlé angeht…

      • Sie sagen beide man müsse den Leuten beibrigen Nachaltigkeit und Bio zu kaufen, obwohl sie mehr kosten. Das klingt als würden Sie die Leute einfach für zu blöd zum Einkaufen halten. Das mag zum Teil so sein, aber im Moment steht dieses Problem in Ungarn nicht zur Debatte. Die Leute haben keine Kaufkraft um sich diesen Luxus wirklich leisten zu können. Bei durchschnittlich 750€ Einkommen aber vergleichbaren Preisen im Supermarkt mag man sich das eventuell vorstellen können. So weit ich beobachtet habe, kaufen die Leute tatsächlich lieber ungarische Produkte (so viel vielleicht zur Nachhaltigkeit), aber ich glaube nicht, dass sie Wert auf Bio legen. Wundert ich auch nicht, denn 8€ für ein Kilo Paprika (oder war es sogar nur ein Pfund), sind selbst mir hier in Deutschland zu viel. Neulich habe ich Kirschen für um die 30 € im Karstadt gesehen – wer soll das kaufen? Wie oben schon gesagt: ich finde die Idee Bio als solches nicht schlecht, aber es rechtfertigt nicht jeden beliebigen Preis. Darüberhinaus habe ich momentan noch zu viel Sorge, dass Bioprodukte tatsächlich immer bio sind und delbst wenn, ob sie immer besser sind. Diese Sprossen waren ja auch Bioprodukte…

        Was die EU anbelangt, ja, grundsätzlich bin ich für eine EU und ich wäre auch bereit dafür Opfer zu bringen, aber nicht für diese. Das ist keine Frage von Unzufriedenheiten hier und da, mich stört die Art des Ganzen. Es ist eine EU der Großen geworden in der die kleinen auf der Strecke bleiben. Eine Union ohne wirkliche Ideale außer finanziellen Wohlstand. Das reicht mir nicht, damit kann ich mich nicht identifizieren.

      • Sehen Sie es nicht so negativ und dahingehend, dass ich die Leute für „zu blöd zum einkaufen“ hielte. Ich glaube aber, es muss sich ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie wir mit unseren Ressourcen am schonendsten umgehen. Dazu gehört eine möglichst nachhaltige Landwirtschaft, keine Verschwendung von Wasser, und vieles andere. Wenn Sie aufmerksam gelesen haben, ist Ihnen aufgefallen, dass mir das Thema PREISE bekannt ist und ich von niemandem erwarte, nur das zu tun, was ich für richtig halte. Aber um etwas aufzugreifen, was Sie gestern sagten: Die Nutzung von Pflanzengiften kann nicht die ewige Lösung sein. Im Interesse Ihrer Verwandten UND der Verbraucher…

        Und noch eine Anmerkung: Dass BIO nicht gleich BIO ist, versteht sich von selbst. welchen Sinn machen Bioprodukte aus China? Der weite Transportweg macht den Nachhaltigkeitsgedanken kaputt. Niemand (außer Pusztarangerin 🙂 …) wird uns das Denken abnehmen. wir müssen beim Einkäufen die Augen aufsperren. Kaufen Sie noch Eier aus Käfighaltung? Ich kenne nämlich keinen, der das tut und diese Tierquälerei unterstützt. Es ist mitunter leicht, etwas sinnvolles zu tun.

      • „Dafür dürft Ihr dann den EU-subventionierten Müll aus Almeria fressen… …Auch ein Satellitenblick via Google Earth lohnt sich, damit man das ganze Ausmaß erkennt.“

        Mit Steet View ist das Gebiet auch sehr gut erschlossen. Am besten „El Ejido, Spanien“ als Suchbegriff eingeben, dann kann die Reise in die schöne neue Welt losgehen.

      • Die EU stellt einen gemeinsamen Binnenmarkt bereit, der u. a. freien Warenverkehr garantiert. Hier und da werden finanzielle Anreize (z.B. Agrar-Subventionen) und rechtliche Ge- bzw. Verbote (z.B. sogenannte sanitäre und phytosanitäre Standards) von der EU gesetzt. Aber im Grunde entscheidet nicht die EU, sondern dezentral jeder einzelne Produzent bzw. Konsument anhand des Preises, persönlicher Vorlieben etc. darüber, was auf dem gemeinsamen Binnenmarkt angeboten wird. Wenn die Leute nun einmal lieber bunte, fleischige Paprika aus Holland oder Spanien kaufen, als grüne, weniger fleischige Paprika aus Ungarn, dann kann man das nicht einfach nur der EU anlasten.

    • „Ich verorte das Phänomen übrigens irgendwo zwischen Undankbarkeit, mangelndem oder verschrobenem Geschichtsbewusstsein sowie fehlendem Sinn für die politische Wirklichkeit. Warum drängte Ungarn in die EU, wenn es sich dort nicht wohlfühlt?“

      Um Himmels Willen, wo leben Sie denn? Das war wirklich ein Musterbeispiel für Arroganz. Wo bleibt Ihre Empathie, „Ungarnfreund“?

      Thema „Undankbarkeit“: Die Dankbarkeit für die Errungenschaften der EU ist in Ungarn wohl nicht größer oder kleiner als in Deutschland. Ja, Ungarn ist Nettoempfänger, aber wie informiert sind die Menschen? Wenn ihnen die Politik fortwährend erzählt, dass alles Gute von „uns“, alles Schlechte von „denen“ kommt, zudem die Nachteile durch einen starken Wettbewerb erheblich sind und der durchschnittliche Ungar davon in seinem Alltag von den ganzen Vorteilen des EU-Beitritts nicht so viel spürt (ich hoffe, Sie kommen mir jetzt nicht mit den Autobahnen und der Maria-Valeria-Brücke in Esztergom…), dann ist die Verdrossenheit eben groß. Dankbar ist man in der breiten Bevölkerung, wenn man die Vorteile am eigenen Leib spürt. In den gebildeten Schichten weiß man mit der Europa-Idee was anzufangen, aber wohl kaum beim Arbeiter in Nyíregyháza, dem die Nebenkosten über den Kopf wachsen. Den Ungarn Undankbarkeit zu unterstellen, finde ich (mit Verlaub) ziemlich frech. Hoffentlich sprechen Sie so nicht mit Ihren ungarischen Nachbarn, lieber Ungarnfreund…

      Ich denke, wenn Sie Ihre Auffassung maßgeblich in den Wahlergebnissen abgebildet sehen wollen, müssen Sie das Zensuswahlrecht einführen. Menschen wie Sie (ich tippe mal: Universitätsabschluss, ggf. mittleres Management bei einem ausländischen Unternehmen, ggf. sogar im diplomatischen Korps?) bilden nämlich nicht die Mehrheit, weder hüben noch drüben.

      „Mangelndes oder verschrobenes Geschichtsbewusstsein“: Schon möglich, dass der durchschnittliche Ungar, der seinen Alltag (bei oftmals westlichen Preisen) mit einem Lohn von 400 EUR fristet, sich der friedensschaffenden Wirkung der EU nicht bewusst ist. Er hat halt keine Seminare über internationale Politik besucht :-). Auch da frage ich mich jedoch, wie groß dieses historische Bewusstsein in Deutschland ist. Ich höre hierzulande in der Bevölkerungsmehrheit wenig von der EU als Friedensprojekt, nur ein „wir zahlen so viel ein, schluchz“.

      „Fehlender Sinn für die politische Wirklichkeit“: Klingt bahnbrechend, ist aber ziemlich inhaltsleer. Was meinen Sie damit? Hoffentlich nicht, dass sich Ungarn oder sonst ein Mitgliedstaat seinem Schicksal fügen und alle Gestaltungsspielräume aufzugeben hat, weil eine demokratisch nur unzureichend legitimierte EU-Kommission das so sagt? Viele haben gelacht, als der bayerische Ministerpräsident sagte, die EU habe keine „Kompetenz-Kompetenz“. So ist es aber. Die EU soll sich an die ihr übertragenen Zuständigkeiten halten, sie ist kein souveräner Staat. Ich habe als großer Befürworter der EU in den vergangenen beiden Jahren gestaunt, was sich die Kommission erlaubt hat. Die „Hüterin der Verträge“ hat für mich Kratzer bekommen. Und überhaupt habe ich, ganz generell, kein größeren Vertrauen in Bürokraten als in gewählte Politiker.

      „Warum drängte Ungarn in die EU, wenn es sich dort nicht wohlfühlt?“: Nochmal. Wo leben Sie eigentlich? Sie behaupten ernsthaft, „gerade in Ungarn“ würde der Euroskeptizismus „fröhliche Urständ feiern“?

      Große Worte von einem großen Europäer…vielleicht helfen ja ein paar Daten, um den von Ihnen immer gern gesehenen „wahren Kern“ herauszuarbeiten: Im Jahr 2004 war die Zustimmungsrate in der Bevölkerung bei 84%, und laut einer Untersuchung von Médián lag die Zustimmung im Jahr 2011 immerhin noch bei 71%. Ich denke, das ist hoch. Wie kommen Sie also auf die fixe Idee, Ungarn (oder besser: den Ungarn) würde es in der EU nicht gefallen und der Euroskeptizismus würde „fröhliche Urständ“ feiern? Laut Magyar Narancs sind sogar 50% der Jobbik-Wähler für die Mitgliedschaft. Und jetzt noch etwas für Sie ggf. Überraschendes: In den vergangenen drei Jahren soll (laut Magyar Narancs) nur in der Fidesz-Wählerschaft die Zustimmung zur EU gestiegen sein. Wussten Sie das? Passt irgendwie nicht ganz zum Märchen der EU-Feindlichkeit der nationalistischen Fidesz-Wählerschaft, das die Runde macht…http://magyarnarancs.hu/belpol/meg-a-jobbikosok-fele-is-unioparti-78453

      Ich denke, dass Ungarn trotz der für die Bevölkerung mit dem EU-Beitritt spürbar verbundenen Nachteile (einige Beispiele: die nicht gerade billige Umsetzung des Acquis communautaire, d.h. von EU-Rechtsnormen und Standards; Verlust von Aufträgen an ausländische Unternehmen bei EU-Ausschreibungen; Wegfall von Zöllen, d.h. Einnahmen; für 7 Jahre beschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit …) nicht verstecken muss. Die Ungarn sind in ihrer überragenden Mehrheit überzeugte Europäer und brauchen bestimmt keinen erhobenen Zeigefinger, wie ein kleines Kind. Ich jedenfalls bringe den Menschen in Ungarn, die in 20 Jahren Wandel nicht unbedingt die große ökonomische Verbesserung am eigenen Leib spüren, die raffgierigen Eliten ertragen müssen, aber trotzdem kämpfen und der Demokratie/EU die Treue halten, Dankbarkeit und Respekt entgegen. Und halte allen Parteien vor, dass sie selbst nicht viel für die EU-Freundlichkeit ihrer Bevölkerung getan haben: Versickerte EU-Mittel bringen eben keine sichtbaren Verbesserungen; ebensowenig wie das Gepolter gegen die Union die Stimmung anhebt.

      Die positiven Wirkungen der EU auf das Individuum werden sich der großen Masse erst zeigen, wenn Ungarn sich ein wenig den westlichen Standards angepasst hat, was Effektivität in der Wirtschaft und Verwaltung und den Ausbau der Infrastruktur angeht. Der große Teil der finanziellen Förderung durch die EU fließt nämlich in die Infrastruktur, der Kleinbauer in Sátoraljaújhely hat davon nichts. Erst wenn sich nach Ausbau der Infrastrukturprojekte die private Wirtschaft ansiedelt, werden die Menschen die Früchte der EU ernten.

      Ich komme gerade von einer Investorenkonferenz zum Thema Ungarn: Die dort tätigen Industrievertreter (Audi, Siemens, Knorr-Bremse u.a.) sagten einhellig, Ungarn sei ein guter Standort, die Arbeitsauffassung und die Qualifikation der Menschen sei gut. Alle Vertreter hatten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in Ungarn, die für die im Rest der Welt ansässigen Konzernteile Know-How liefern. Die Voraussetzungen sind also gut, das Vertrauen spürbar /trotz kritischer Anmerkungen). Was den Anwesenden fehlte, ist eine gute Infrastruktur, gerade in der östlichen Landeshälfte.

      • Werter „Hungarianvoice“, ich kenne neben der bei Ihnen offenbar positiv belegten Empathie in der Tat auch das Gefühl der Wut. Und die packt mich, wenn ich mir die Bilder von den „Friedensmärschen“ zu Gunsten der Orbán-Regierung anschaue, diesen kalkulierten Nationalismus vernehme, manche Parolen der Redner höre, bestimmte Plakate sehe (z.B. „1956 tanks, 2012 banks“) oder eben Kommentare wie die von Palóc zu Europa lese.

        Ich kann gern noch ein bisschen nachlegen: Wenn Orbán gegen die EU wettert, beißt er die Hand, die ihn füttert. Wenn er eine Verbindung zwischen Brüssel, Wien und Moskau zieht, dann hat er ein ziemliches schräges Geschichtsbewusstsein. Und wenn er seinen Anhängern hin und wieder suggeriert, eine kleine offene Volkswirtschaft wie die ungarische käme alleine besser klar, dann ignoriert er schlicht die Wirklichkeit, die ihn umgibt.

        Sich über plumpes EU-Bashing einfach hinweg zu setzen, gelingt mir leider nicht. Aber ich kann ich versichern, dass ich da keine Unterschiede zwischen den Nationalitäten mache. Ich würde das einem so daher redenden deutschen Nachbarn genauso an den Kopf knallen.

  3. *ich kenne … in der Tat auch das Gefühl der Wut. Und die packt mich, wenn ich mir die Bilder von den “Friedensmärschen” zu Gunsten der Orbán-Regierung anschaue,*
    Andere Zeiten, andere Namen, war alles schon da.
    Mir fällt da ganz spontan Frankreich ein.
    *Eine Demonstration (für de Gaulle ) wurde für den 30. Mai 1968 organisiert, die nach Angabe der Organisatoren von einer Million Teilnehmern….. besucht wurde.*
    Tja, und dann gewann er auch noch die Wahlen, dumm gelaufen 😉

    • Ob man Orbán mit de Gaulle bzw. beider Euro-Skeptizismus vergleichen kann? Ein wichtiger Unterschied fällt mir sofort ein: De Gaulles Frankreich war so bedeutend, dass es mit einer „Politik des leeren Stuhls“, also der Weigerung an Ratssitzungen teilzunehmen, die europäische Integration über einen längeren Zeitraum lähmen konnte. Welche Chaosmacht hat Orbáns Ungarn heute im direkten Vergleich dazu?

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