FAZ über die Auswüchse des slowakischen Staatsbürgerschaftsrechts

Reinhard Olt berichtet:

„Die Slowaken nehmen einer 100 Jahre alten Frau die Staatsbürgerschaft – dabei wurde sie für ihre Verdienste schon mit der Goldmedaille der Slowakischen Republik ausgezeichnet.“

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/slowakei-und-ungarn-ilonkas-langer-weg-zurueck-11773230.html

 

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29 Kommentare zu “FAZ über die Auswüchse des slowakischen Staatsbürgerschaftsrechts

  1. Soviel zu europäischen Werten…

    Danke für den Beitrag / Link, der sehr gut zum Tag des nationalen Zusammenhaltes passt!

  2. Ich fand weder Ficos Verschärfung des slowakischen Sprachengesetzes, noch Orbáns Reform des ungarischen Staatsangehörigkeitsrechts ohne vorherige Rückversicherung beim Nachbarstaat besonders prickelnd. Es ist einfach nicht überzeugend, jetzt nur mit dem Finger auf die Slowakei zu zeigen. Beide Seiten müssten sich bewegen und weiter gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Dann kann man irgendwann vielleicht ungezwungen über doppelte Staatsbürgerschaften reden.

    Ungarn als das größere Land mit der größeren Minderheit im Nachbarland hat dabei eindeutig die größere Verantwortung. Dass die Regierung Orbán dem Rechnung trüge, ist nicht erkennbar. Im Gegenteil: Mit dem Trianontag gibt die Parlamentsmehrheit von Fidesz/KDNP ihren Wählern jedes Jahr Gelegenheit zu kolllektivem Selbstmitleid. Die Theatralik der Urenkel-Generation ist von außen betrachtet schon recht bizarr. Aus der Perspektive der „ewigen Opfer der Geschichte“ fällt es natürlich schwer, Verständnis für die Perspektive der Nachbarn zu entwickeln.

    Immerhin war zu lesen, dass die slowakische Regierung jetzt erst mal die Entscheidung ihres Verfassungsgerichts abwarten und dann eventuell eine erneute Reform des Staatsangehörigkeitsrechts in Angriff nehmen will. Was Ungarn angeht, sollte man bedenken, dass die Regierung Orbán sich ausdrücklich für die –doppelte– Staatsangehörigkeit einsetzt. Die brutalrevisionistische Variante wäre ja zu sagen: „Prima, sollen die Leute ruhig ihre slowakischen Pässe abgeben, reine Ungarn sind uns eh lieber.“ So zynisch ist Orbán gar nicht.

    • Über einen Punkt gehen Sie sang- und klanglos hinweg, Ungarnfreund: Den Umstand, dass die Slowakei zwar die eigene Staatsangehörigkeit an Antragsteller verleiht (und damit die „Doppelstaatlichkeit“ ebenfalls anerkennt). Wie kommt es, dass sie auf die Verleihung anderer „zusätzlicher“ Staatsangehörigkeiten so empfindlich reagiert?

      Der vermeintlich „größeren Verantwortung“ wird Ungarn gerecht. Das Land akzeptiert die Doppelstaatlichkeit bei eigenen Staatsbürgern. Und verhält sich damit nicht ganz so schizophren wie das Nachbarland.

      Dasss Sie vom „ewigen Opfer der Geschichte“ und der „Theatralik“ der Urenkel-Generation sprechen, ist nicht frei von Zynismus. Offenbar blenden Sie den Umstand, dass die ungarische Minderheit es weder in Rumänien noch in der Slowakei besonders leicht hatte (bis zuletzt), geflissentlich aus. Vielleicht mildert sich das bizarre Bild ja, wenn Sie versuchen, ein wenig mehr Verständnis für die ungarische Minderheit aufzubringen. Gespräche mit den Betroffenen könnten helfen.

      • Es kommt auf die Begleitumstände an. Schauen Sie, wir haben doch im deutschen Staatsangehörigkeitsrecht sowohl die ungarische als auch die slowakische umstrittene Regelung: Sie brauchen nicht unbedingt einen Wohnsitz in Deutschland um Deutscher zu werden und Sie verlieren ihre deutsche Staatsangehörigkeit, wenn Sie eine Staatsangehörigkeit eines Staates beantragen, mit dem uns nicht ein besonderes Vertrauensverhältnis verbindet. Für EU-Staaten machen wir Ausnahmen. Es wäre schön, wenn das in der Slowakei auch so wäre.

        Die Slowakei reagiert nur auf die Vergabe ungarischer Staatsangehörigkeiten allergisch. Das lag natürlich an der Regierungsbeteiligung des Extremisten Slota, aber nicht nur. Wenn die Sudetendeutschen noch in Tschechien und zwar direkt an der deutschen Grenze lebten, dort insgesamt 10 Prozent der Bevölkerung stellten und nun von Deutschland großzügig die deutsche Staatsangehörigkeit angeboten bekämen, während in Berlin eben ein einseitiger Versailles-Gedenktag eingeführt wurde, hätte die Welt vermutlich auch Verständnis für das kleine Tschechien, das sich vom großen Deutschland bedrängt fühlt.

        Es fehlt jenseits der Grenzen an Vertrauen in Ungarn. Das gewinnt man nicht mit Trianon-Gedenktagen, Horthy-Standbildern und Nyirö-Bestattungen. Die Zusammenarbeit in der Visegrad-Gruppe, gemeinsame Interessenvertretung in der EU, grenzüberschreitende Zusammenarbeit usw. sind da der Erfolg versprechendere Weg. Nicht unbedeutende Teile der ungarischen Minderheiten fühlen sich nach allem, was ich lese, von Fidesz/KDNP über Gebühr und zu ihrem Nachteil vereinnahmt. Wer wie RMDSZ oder Most/Híd in erster Linie die Verständigung sucht, wird von Budapest geschnitten. So sieht es doch aus.

        Wenn ich den ungarischen Trianontag kritisiere, dann ist das frei von Zynismus, da kann ich Sie beruhigen. Ich werbe für Verständigung und würde die Probleme der ungarischen Minderheiten vermutlich mehr betonen, wenn Sie das nicht ohnehin so engagiert täten.

      • Was das Gewinnen von Vertrauen im Verhältnis Slowakei-Ungarn angeht, so habe ich hier im Forum das Verhalten Orbáns gegenüber Híd-Most vehement kritisiert.

        Und dazu stehe ich. Ich bezweifle aber, dass die Visegrád-Gruppe, trotz ihrer positiven Wirkung, die Lösung ist. Die Alltagspolitik arbeitet viel zu sehr mit Ressentimets und nicht auf der Ebene von Visegrád. Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass in der Slowakei in jedem Wahlkampf antiungarische Ressentiments geschürt wurden. Umgangssprachlich: „Magyar kártya“. Leider funktioniert das in Ungarn auch, vgl. Jobbik.

    • „Ich fand weder Ficos Verschärfung des slowakischen Sprachengesetzes, noch Orbáns Reform des ungarischen Staatsangehörigkeitsrechts ohne vorherige Rückversicherung beim Nachbarstaat besonders prickelnd.“

      Ungarnfreund,

      Das ist es eben! Bei den Verbreitungsbemühungen von diesen kommunistischen Gemeinplätze oder Slogans kann es einem wie jetzt Ihnen ergehen. Solche lapsus linguae, oder Freud’sche Fehlleistung, verrät vieles, was vielleicht einem selbst nicht ganz bewusst ist.

      Sie betrachten offensichtlich die Folgen das brutalste „Friedens“-Diktat der europäischen Geschichte als eine Art spannende Krimi mit prickelnden Szenen.

      Oder noch besser: Als wenn Sie sich (zB. Ein Deutsch-Slowakischer Doppelbürger!!) in Budapest im „Puskas Ferenc“-Stadion bei einem Fussballspiel Ungarn-Slowakei sich als ein Ungarnfreund aus Deutschland zu erkennen bemühten, dabei (ver)brennen Sie doch dafür, dass die Ungarn Tore kriegen.

      Sie können sich für die Slowaken, Rumänen, oder Serben begeistern nach Lust und Laune, doch predigen Sie uns Ungarn nicht wie jahrzehntelang die Kommunisten von Rücksichtnahme auf die Psyche der Nachbarn, deren Regierungen auf Landgebieten die sie von den Siegermächten geschenkt erhielten, brutalo-chovinistische Staaten einrichteten, und wo sie die Urbevölkerung, die Ungarn, noch in Europa des im 21.Jahrhunderts als Menschen zweiter und dritter Klasse zu behandeln versuchen.

      Ich habe hier schon erhähnt, dass auf offener Strasse in Kassa (Kaschau, jetzt Kosice) massenhfat ungarische Mütter vor ihren Kindern von OFFIZIEREN der Volksarmee geohrfeigt wurden, weil sie mit ihnen ungarisch sprachen. (Sie konnten gar nicht Slowakisch! Meine Familie stammt vom Felvidék (Ober-Ungarn) und habe dort noch immer eine ausgedehnte Verwandtschaft.)

      Nun, Ungarnfreund,

      Wenn auch Ihre Mutter auf die gleiche demokratische Art und Weise und im Zeichen der Völkerverständigung gedemütigt gewesen wäre, würden Sie sich so Vorbehaltlos für die Nachfolgestaaten begeistern?

  3. Heute kommt im ungarischen Fernsehen M1 ein Dokumentarfilm zum Thema mit dem Titel „Szlovákmagyarok“. Ein Bericht über die Regisseurin Angéla Galán ist hier zu sehen:

  4. Mit Verlaub, ‚Ungarnfreund‘, der Vergleich mit einer imaginären sudentendeutsch Minderheit in Tschechien greift schlecht. Die tschechoslowakische Propaganda bei den Alliierten (in diesem Falle trägt diese Wortwahl auch) hatte eben die heutige Grenzziehung aus ideologisch-wirtschaftlichen Gründen zum Ziel – wohlwissend um die ethnischen Gegebenheiten. Die 10 Prozent (!) ethnischen Ungarn im eigenen Land heute dann als lästig zu empfinden ist vor diesem Hintergrund schon ziemlich unverschämt. Die Forderung an die Leidtragenden, Verständnis für die Perspektive der Profiteure aufzubringen, ist psychologisch noch unverschämter, aber aus westlich-unverklärter Sicht natürlich verständlich.

    Hier geht es nicht um Geschichtsrevisionismus, sondern um die Auseinandersetzung mit einer Kollektivneurose, hüben wie drüben. Gemeinsame Geschichtsbücher und eine gründliche Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der Situation mögen da helfen, jedoch keine Schreibtisch-Appelle an mehr Verständnis etc. Meiner Meinung nach würde dies sowohl den politischen Agitatoren in Ungarn wie in der Slowakei den Boden entziehen. Als betroffener Nachfahre werde ich meine vertriebene und enteignete ungarische (oder nicht mehr tschechoslowakische oder ehemals slowakische?) Verwandtschaft aber auch gerne zu Ihnen in Therapie schicken. Vielleicht können Sie ihr ja die ewige „Theatralik“ austreiben.

    • Die Fixierung auf 1920 trägt nicht. Man muss auch sehen, wie es den Nicht-Ungarn in den Jahren davor erging. Vor allem muss man diese Dinge historisch betrachten und nicht mit Trianon-Gedenktagen, Aufklebern, T-Shirts etc. ständig aufs Neue aktualisieren. Ihre Argumentation ist umdrehbar: Aus ideologisch-wirtschaftlichen Gründen wollte man in der Zwischenkriegszeit wieder Groß-Ungarn errichten, so als gebe es die anderen Nationalitäten nicht. Einige wollen es noch immer.

      Weite Teile der ungarischen Minderheiten empfinden vor allem den über ihren Köpfen und zu ihren Lasten ausgetragenen Zwist zwischen den Regierungen als Problem. In der Slowakei wurde die radikalere MKP aus dem Parlament gewählt, die vermittelnde Most-Híd kam rein und war sogar an der Regierung Radicova beteiligt. Die im Vergleich mit MPP gemäßigte RMDSZ war seit 1996 an fast jeder rumänischen Regierung beteiligt. Die Menschen wollen keinen Dauerkonflikt.

      Was Sie beschreiben ist diese typische Selbstbetrachtung als Opfer der Geschichte ohne jedes Verständnis für die andere Seite. Und dann missinterpretieren Sie meine Aussagen noch willentlich: Lesen mal das ungarische Gesetz über die Einführung des Tags des nationalen Zusammenhalts von 2010. Darin finden Sie nichts als Selbstmitleid. Das einzige „Zugeständnis“ ist der Verzicht auf Vergeltung. Und das nach über 90 Jahren. Ist doch verrückt, oder? Das meine ich mit Theatralik.

      Falls es Sie interessiert: In meiner Familie gibt es vertriebene Sudeten- und Ungarndeutsche. Keine dieser Personen denkt so feindlich über Tschechien oder Ungarn wie Sie offenbar über die Slowakei und Rumänien. Es will auch niemand Häuser oder Grundstücke zurück.

      • „Die Fixierung auf 1920 trägt nicht.“

        Schon mal was von 1867 gehört? Doppelmonarchie? Personalunion? Realunion?

        Formal war Franz Joseph I. das gemeinsame konstitutionelle Staatsoberhaupt (Personalunion), unter dessen Leitung sowohl die Außenpolitik, das gemeinsame Heer und die Kriegsmarine sowie die dazu nötigen Finanzen in den entsprechenden drei Reichs-, später k. u. k. Ministerien mit Sitz in Wien gemeinsam verwaltet wurden (Realunion). Wer hat den Außenminister, den Kriegsminister und den Finanzminister?
        Haben Sie je ein Gedicht von Arany János verstanden?

        Warum erfolgten nach dem Krieg, den Deutschland und Österreich gewollt hatten, die Sezessionen aus dem Königreich Ungarn? Warum wurde gerade Ungarn für die deutsche Großmannssucht bestraft? Es hätte der Gau Tirol-Vorarlberg den Franzosen, das Burgenland den Slowaken, Kärnten den Slowenen und Rumpfösterreich mit Baden den Tschechen zugeschlagen werden können? Der uneheliche Sohn der Anna Maria Schicklgruber wäre Klosettfrau im tschechischen Zollamt Suben geworden und mir wäre der Hitler, der Pfeifer und Ihr Aufarbeitungswahn erspart geblieben.

        Warum Ungarn, Herr Neunmalklug?

      • Von 1867 und den Folgen rede ich doch, Herr Herche. Ihre Verbalinjurien können Sie sich sparen.

        Was für Ungarn eine Zeit des Aufstiegs war, die Zeit zwischen Ausgleich und Erstem Weltkrieg / Trianon, war für die anderen Nationalitäten aufgrund der erzwungenen Magyarisierung weniger erfreulich. Die Slowaken nennen das offiziell „die Periode der starken nationalen Unterdrückung“. Die Zahl der slowakischen Volksschulen ging von 2000 auf 377 zurück. Die drei einzigen slowakischen Gymnasien und die einzige slowakische Kulturorganisation wurden geschlossen.

        So beschreibt es jedenfalls diese, vielleicht etwas offiziöse Darstellung: http://www.mzv.sk/servlet/berlinzu?MT=/App/WCM/ZU/BerlinZU/main.nsf/vw_ByID/ID_621F5291AE4A5FD4C125715B004FFE51_DE&TG=BlankMaster&URL=/App/WCM/ZU/BerlinZU/main.nsf/vw_ByID/ID_3A3CF036C91F7E74C12575120029781C_DE&OpenDocument=Y&LANG=DE&HM=25-geschichte&OB=0#periode.

      • Bemerkenswerter Tonfall für eine Botschaft…

        Wenn schon das diplomatische Korps so eine Geschichtswahrnehmung gegenüber Ungarn hat, verstehe ich, warum die Slowakei die Fehler Ungarns im 21. Jahrhundert wiederholen will (Sprachengesetz, Staatsangehörigkeit). Der Assimilierungsdruck in der Slowakei ist, soweit ich weiß, deutlich spürbar.

      • Ungarnfreund,

        Es stimmt, die Magyarisierung war keine konstruktive Politik. Sie liegt nun ca 130 Jahre zurück, also sehr viel weiter als Trianon – dass Trianon Unrecht war und ein Trauma für Ungarn ist, das bis heute nachwirkt, wollen Sie nicht als mildernden Umstand für heutige Geisteshaltungen gelten lassen, dafür verstehen Sie aber die berechtigten Traumata der Slowaken lange Zeit davor. Naja.

        Aber zur Sache: Der Klassiker zum Thema bleibt eigentlich das zeitlose Werk von Gusztav Gratz, A Dualismus Kora, 1934 also noch recht nah dran und auch sehr kritisch. Er zieht das schlüssige Fazit, dass zwar die ungarische Politik keine Lösung fand, aber die Slowaken (und andere Nationalitäten) auch keine Lösung zuliessen. Ihr Ziel war klar die Separation, sie wollten innerhalb des ungarischen Staatsgebietes Bevölkerungen deportieren (!) um geschlossene ethnische Gebiete zu schaffen, und alles in allem war eine gute Lösung wohl einfach nicht machbar – Ungarn war 1867 noch ganz aufgeschlossen für offenere Denkansätze, einige Jahre später war der Zug leider abgefahren.

      • Rumänien habe ich nicht einmal erwähnt, eine Feindschaft meinerseits gegenüber Slowaken entspringt Ihrem Wunschdenken. Ich kritisiere lediglich das unlautere Vorgehen der tschechoslowakischen Politiker und die unüberlegte Reaktion der Alliierten darauf zum Ende des 1. Weltkriegs. Aus einem multiethnischen Staat mehrere multiethnische Staaten zu machen ist keine Lösung. Genauso wenig wie die Zwangsumsiedlung der Bevölkerung ganzer Landstriche. Wenn diese Dinge einmal breit auf beiden Seiten der Grenze reflektiert worden sind, wird es vielleicht auch keinen Nachfrage mehr nach „Aufklebern“ und „T-Shirts“ geben. Ich sehe das bisher nicht, weder in Ungarn und noch weniger in der Slowakei.

        „muss man diese Dinge historisch betrachten“: Welchen Teil meiner Ausführung ‚Kollektivneurose, hüben wie drüben‘ und ‚Gemeinsame Geschichtsbücher und eine gründliche Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der Situation‘ haben sie nicht verstanden?

      • Gebetsmühlenartig wird immer betont, dass Ungarn durch Trianon 2/3 seines Staatsgebiets eingebüßt habe. Nun bin ich mal auf den Geschriebenstein / Irott Kö gewandert, wo es einen Aussichtsturm gibt, durch den die ungarisch-österreichische Grenze verläuft. Man kann dort auch eine historische Ausstellung anschauen, in der erwähnt wird, dass Österreich durch St. Germain rd. 3/4 seiner Fläche verlor. Das brachte mich zum Nachdenken.

        Der Unterschied scheint zu sein, dass viele Ungarn der 2/3-Verlust noch heute schmerzt, die Österreicher aber über den 3/4-Verlust hinweggekommen sind. Der Grund hierfür mag sein, dass es in den Nachbarländern Österreichs keine Österreicher mehr gibt, die dort in der Minderheit sind. Südtirol lassen wir mal außen vor; dort ist die Autonomie wohl sehr gut geregelt. Ich meine: Eine endgültige Historisierung von Trianon täte Not. Wenn man das rein historisch betrachtet, dann als etwas Abgeschlossenes einschließlich der Vorgeschichte der Magyarisierung.

        Herr Kálnoky, ich verstehe schon die Probleme der ungarischen Minderheiten heute. Ich denke nur, dass man nicht zu ihrer Überwindung beiträgt, indem man die Sehnsucht nach Großungarn pflegt. Ich fand es einfach schockierend, neben dem Rathaus zu Kecskemét eine nagelneue, riesige steinerne Landkarte mit den seinerzeit abgetrennten Gebieten und einer Flagge auf Halbmast zu finden; errichtet 2010. Ein Gegenmittel gegen diese seltsame Wehmut könnte sein, sich zu vergegenwärtigen, dass das Königreich Ungarn wohl genauso ein Völkergefängnis war wie das Habsburgerreich vor dem Ausgleich, nur ein etwas kleineres.

        Mangalicza, ich hätte auch Grund dazu, Sie z.B. zu fragen: Was soll eigentlich durch die von Ihnen sinnvoller Weise vorgeschlagenen gemeinsamen Schulbücher erreicht werden, wenn nicht mehr Verständnis für einander? Sie waren polemisch, ich reagierte polemisch. Da wir aber einmal beim Thema sind: Ich meine, an solchen gemeinsamen Schulbüchern wird gearbeitet. Man hat nur schon lange nichts mehr von dem Projekt gehört. Es ist wohl nicht leicht, sich auf Geschichtsbetrachtungen zu einigen, wenn die Tagespolitik ständig querschießt.

  5. Die ungarische Aussenpolitik war in den 20 Jahren von 1990 bis 2010 darauf ausgerichtet mit den Nachbarn gute Beziehungen zu pflegen. Das zum Vorteil der Ungarn, der ungarischen Minderheiten und der Nachbarn.
    Diese Aussenpolitik hat sich trotz allen gegenteiligen Erklärungen des Herrn Martonyi geändert. Der Trianongedenktag, der auf Grund des Vorschlags der Jobbik 2010 eingeführt wurde war eine klare Botschaft und der letzte Akt dieser unfreundlichen Politik war das versuchte Begräbnis des József Nyirö.
    Der regierungsfreundliche Propagandaapparat kann versuchen den Ungarn einzureden, dass doch Nyirö ein genialer ungarischer Schriftsteller war.
    Im heutigen Hungarian Spectrum findet der nicht Ungarisch könnende Leser eine Analyse von Nyirös Prosa, die auf einen ausgezeichneten Artikel von Julia Lévai gründet.
    http://hungarianspectrum.wordpress.com/2012/06/04/jozsef-nyiros-prose/
    Aber natürlich war das Problem nicht Nyirös unterdurchschnittliche Prosa sondern sein Wirken als antisemitischer Politiker und Journalist, seine Bewunderung von Goebbels und seine vehemente Propaganda für die Fortsetzung des Krieges 1945 und seine Beteiligung an der Führung der Pfeilkreuzler-Hungaristen Emigration nach 1945.
    Solches mag ja für Kövér & Co (und vielleicht auch für einige hier postenden Zeitgenossen) ein Kavaliersdelikt sein. Doch das kommt in der EU nicht gut an.
    Die ungarischen Minderheiten werden durch solche bewußte Provokationen gespalten, denn Fidesz versucht damit mit ihnen befreundete ungarische Parteien zu bestärken. Das Resultat ist bislang nicht das, was man sich gewünscht hat. Und wenn die Jobbik Rabauken im ungarischen Parlament ein Transparent hochheben mit der Forderung „Selbstbestimmung“, dann wird das auch nicht die Nachfolgestaaten dazu bewegen, der ungarischen Minderheit dies zu gewähren.
    Ein gutes Gesprächsklima mit den Nachbarn aufzubauen, das war jahrelang das Bemühen der ungarischen Diplomatie. Dieser sichere Weg wurde bewußt und mit voller Absicht verlassen und die ungarischen Diplomaten, die das ausbügeln sollen, kann man nur bedauern.

    • Ich kann mich daran erinnern, dass Sie mir zu erklären versuchten, dass man die Sünder von damals doch ruhig aktiv an der Demokratie teilhaben lassen sollte (im Sinne von politischen Ämtern etc.). Damals war das eine Reaktion darauf, dass ich den Standpunkt vertrat, dass Leute wie Frau Lendvai keine politischen Ämter begleiten sollte. Das passt nicht ganz zu dem was Sie hier schreiben…

      • Palóc finden Sie es gut für Ungarn, wenn Herr Kövér Konflikte auslöst in Rumänien?

      • Ursache des Konfliktes sind die sterblichen Überreste eines gewissen József Nyirő.

        Date of Birth 18 July 1889, Székelyzsombor, Austria-Hungary (now Jimbor, Romania)

        Date of Death 16 October 1953, Madrid, Spain

        Er wurde im Königreich Ungarn geboren und starb in der Fremde.

        Noch kurz vor seinem Tode schrieb Nyirő diese Wehklage:

        „Nem, nem, itt nem tudok meghalni, akárhogy szeretem, akárhogy becsülöm, idegen ez a föld nekem. Minden föld idegen. Ha már azonban nem lehet kitérni a nagy törvény elől, igyekszem átvarázsolni, hallatlanul megkényszerített képzelettel idehozom magamnak a szülőföldet, a Hargitát, Rika rengetegét, a Küküllőt, Csicsert, Budvárt, a pisztrángos patakokat, a virágos réteket, ellopom a bükkösöket, a fehéren villámló nyíreseket, az elvesztett csodás magyar világot, és gyönyörű képek vonulnak el szemem előtt. Így talán könnyebb lesz.“

        „Auslöser“, d.h. das Ereignis, das den von K. Pfeifer jetzt geschürten Konflikt (?) mit Rumänien in Gang setzte, war die Absicht, die sterblichen Überreste Nyirős in die Heimaterde umzubetten, was jedoch bislang an den rumänischen Behörden scheiterte, die inzwischen polizeilich nach Nyirős Urne suchen ließen, um diese zu beschlagnahmen. Dem wiederum ging voraus, dass der Bürgermeister der Stadt Odorheiu Secuiesc zwar durch Verwaltungsakt die Neubestattung genehmigt hatte, jedoch auf dem von ihm schriftlich ausgestellten Bescheid ein falsches Aktenzeichen angegeben hatte, worauf der Präfekt des Kreises Harghita beim zuständigen Verwaltungs­gericht Rechtsmittel gegen den Bescheid einlegte. Solange das Verfahren bei Gericht anhängig ist, darf Nyírős Asche nicht beigesetzt werden. Ich betone, es geht in dem Verfahren um einen Verwaltungsakt, nicht um die Beisetzung.

        Aus solchen Blüten saugt Karl Pfeifer seinen Nektar.

        „– O douleur! ô douleur! Le Temps mange la vie,
        Et l’obscur Ennemi qui nous ronge le cœur
        Du sang que nous perdons croît et se fortifie!“

        (Charles Baudelaires, Les Fleurs du Mal)

  6. Nein nicht die sterblichen Überreste eines Menschen sind die Ursache. Sondern die Absicht, diese feierlich bestatten, denn dieser Mensch war nicht nur ein antisemitischer Hetzer im ungarischen Parlament sondern auch Kriegshetzer für Szálasi und Hitler Anfang 1945 und dann einer der Anführer der Pfeilkreuzler-Hungaristen Emigration.
    Andererseits zeigt diese ungarische Regierung damit, dass sie kein Problem hat einen nazifreundlichen, Goebbelsbewunderer ungarischen Politiker mit Pomp zu ehren. Dann aber beschweren sich die sich konservativ gebenden Fideszpolitiker, dass doch jede Kritik an ihnen Jobbik stärkt. Was für eine Heuchelei.

  7. „Sie brauchen nicht unbedingt einen Wohnsitz in Deutschland um Deutscher zu werden und Sie verlieren ihre deutsche Staatsangehörigkeit, wenn Sie eine Staatsangehörigkeit eines Staates beantragen, mit dem uns nicht ein besonderes Vertrauensverhältnis verbindet. Für EU-Staaten machen wir Ausnahmen. Es wäre schön, wenn das in der Slowakei auch so wäre.“

    Ungarnfreund,

    Sie als Deutscher, haben also ein besonderes Vertrauensverhältnis mit den Slowaken.

    Mich als Ungarn, der aus Oberungarn stammt, würde interessieren, worauf sich Ihr Vertrauensverhältnis gründet, ausser die Slowaken statt ihrer Krone jetzt auch Ihr EURO zur Währung haben?

    • Nicht ich, Herr Unger. Die Bundesrepublik bekundet ein besonderes Vertrauensverhältnis zu allen EU-Staaten, das es ihr gestattet, deren zusätzliche Staatsangehörigkeiten seit ein paar Jahren ohne Weiteres zu akzeptieren. Mit Ungarn hält es die Bundesrepublik ganz genauso wie mit der Slowakei oder Frankreich oder Finnland.

  8. „Die Slowakei reagiert nur auf die Vergabe ungarischer Staatsangehörigkeiten allergisch. “

    Lieber Ungarnfreund,

    Der in 1993 neugegründete extrem nazionalistische 2. Slowakische Staat unter ihr Ministerpräsident, den nationalradikalen Exkommunisten Meciar, hat sofort für alle Slowaken der Welt die slowakische Saatbürgerschaft eingeführt. So auch für die in Ungarn verbliebene slowakische Minderheiten.

    Allerdings bekamen weder die Ungarn noch die ungarische Regierungen Allergie- und Tobsuchtanfälle.

    Lieber Ungarnfreund, haben Sie dafür irgendwelche Erklärung?

    • Liegt doch auf der Hand: Die slowakische Minderheit in Ungarn ist winzig im Vergleich zur ungarischen in der Slowakei und sie lebt verstreut im ganzen Land, nicht konzentriert, direkt an der Grenze. Das Verhältnis ist asymmetrisch. Deshalb funktioniert das Gegenseitigkeitsprinzip in der Minderheitenpolitik zwischen diesen beiden Ländern nicht so richtig.

      Von Meciar habe ich übrigens keine hohe Meinung, wenn Sie das beruhigt.

  9. Mit Interesse habe ich das heutige Interview mit dem rumänischen Ministerpräsidenten Ponta auf Népszabadság gelesen, in dem dieser seine Hoffnung ausdrückt, dass das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten sich wegen der Nyiröfeier und der Beleidigung der rumänischen Regierung durch L.Kövér nicht verschlechtern wird.
    Es wäre für alle Beteiligten dieser Auseinandersetzung gut, wenn man zurückkehren könnte zu einem modus vivendi.

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