Georg Paul Hefty in der FAZ: Kulturkampf nur von rechts?

Georg Paul Hefty kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den „unausgesprochenen Kulturkampf“ in Ungarn.

http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E5F73950A2C9A493B80D8839E6DE38E24~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Seit mehr als vier Monaten führt Ungarn den Vorsitz in der EU. Seit mehr als vier Monaten sucht die ungarische Regierung diese besondere Reifeprüfung für jedes neues Mitgliedsland mit Glanz zu bestehen. Seit mehr als vier Monaten lässt ein breites Kritikerbündnis kein gutes Haar am Ministerpräsidenten und Fidesz-Vorsitzenden Orbán. Liegt der Grund dafür in der Misstrauen erregenden Zweidrittelmehrheit des Regierungsbündnisses im Parlament? Weckt der Eifer, mit dem diese Mehrheit das Medienrecht neu gefasst und eine neue Verfassung formuliert hat, Zweifel? Ruft das Regierungsprogramm mit dem Anspruch, eine wirkliche geistig-moralische Wende herbeizuführen, die Widerstände im In- und Ausland hervor? Oder gilt die Ablehnung in erster Linie der Person Orbán, gleich was der über zwei Jahrzehnte dominante und jetzt erst 47 Jahre alte ungarische Politiker im Einzelnen macht?“ (…)

Über den Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Hefty

Georg Paul Hefty besuchte die Katholische Knabenschule und das Gymnasium in Pfarrkirchen. Sein Abitur machte er 1968 in Kastl, wo er mit seinem Bruder eine Schülerzeitung gründete. Später studierte er Politikwissenschaft, Geschichte, Pädagogik und Wirtschaftsgeographie in München. Unterstützt durch ein Graduiertenstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung schrieb er eine Arbeit über die Außenpolitik Ungarns seit 1945, die später als das Buch „Schwerpunkte der Aussenpolitik Ungarns“ veröffentlicht wurde. Er promovierte 1977. Ebenfalls 1977 ging er als Fraktionsmitarbeiter nach Bonn, wo er als persönlicher Referent diente.

Anfang 1981 zog er mit seiner Frau und zwei Töchtern nach Frankfurt am Main; seitdem ist er Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 1986 bis 1993 verfolgte er als Korrespondent den Wandel Ungarns von der kommunistischen Volksrepublik zur demokratischen Republik. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist er für die Seite „Zeitgeschehen“ verantwortlich.[1]

2005 erhielt er den Preis der Lebensrechtsbewegung Stiftung Ja zum Leben.“

20 Kommentare zu “Georg Paul Hefty in der FAZ: Kulturkampf nur von rechts?

  1. Ist Europa im Kulturkampf um den Wert der Familie? Ist es das, was man an Ungarn im Moment am meisten kritisiert? Oder ist vielleicht u.a. die von Herrn Hefty hervorgehobene Roma-Strategie nicht nur etwas unglaubwürdig aufgrund der aktuellen Geschehnisse z.B. in Gyongyospata und wirkt sich diese Unglaubwürdigkeit nicht vielleicht auch auf andere Punkte aus? Vielleicht sind auch manche Beobachter irritiert, wenn Heilige Kronen als Inbegriff des demokratischen Staatswesens präsentiert werden. Vielleicht empfinden auch manche, dass es kein Widerspruch sein muss, die Familien zu schützen und dennoch andere Lebensentwürfe nicht zu benachteiligen, oder ist das der „Kulturkampf“ (um persönliche Freiheiten, nicht um den Wert der Familie)?
    Da sich aber Herr Hefty so sicher ist, kann ich mitnehmen, dass aufgrund der überwältigenden Mehrheit für Fidesz auch die Zufriedenheit der Bürger mit dem national-konservative Programm sehr hoch sein muss. Komisch nur, dass aus den anderen Posts nicht ebenso viel Zuversicht strahlt.

  2. Man kann zu Orban stehen, wie man will. Die Vehemenz, mit dem er, der Ministerpräsident eines kleinen, insgesamt unbedeutenden Landes laufend angegriffen und als verächtlich dargestellt wird, erklärt sich eindeutig aus kleinkarierten politischen Gründen. Schultz, Cohn-Bendit und den früheren ungarischen Regierung nahestehenden „Intellektuellen“ ist es unerträglich, dass ein „konservativer“ und nicht ein „fortschrittlicher“ Politiker eine Zweidrittelmehrheit bei demokratischen Wahlen erlangt hat.
    Ich setze Intellektuelle zwischen Anführungszeichen, weil ex-Definitionem nur linke Kräfte Intellektuelle und Europäer sein können. Nicht-Linke sind ex-Definitionem rückständig, ausgrenzend und wenn es hoch hergeht natürlich Antisemiten.(Sarkasmus aus..)
    Hievon abgesehen gibt es genug Gründe, die Orban-regierung sachlich zu kritisieren, so wie es genug an der Politik von Merkel, Westerwelle, Sarközy, Berlusconi, Obama und nicht zulezt Faymann usw. zu bemängeln ist.

  3. Heftys Stück ist das beste, was ich bislang lesen konnte zur Durchleuchtung der Debatte. Es ist genau das: anhand Ungarns entbrennt ein europaweiter Sturm aggressiver säkularer Gleichmacher, deren Werte sich gesellschaftlich auf breiter Front in Europa durchgesetzt haben aber nun in Ungarn exemplarisch in Frage gestellt werden.

    Nicht nur in Frage gestellt, sondern es wird offen ausgesprochen, dass diese liberalen Werte – insbesondere die Herabwürdigung von Religion und Familie – der Gesellschaft schweren Schaden zufügen. Vielleicht stößt Ungarn eine europaweite Werte-Debatte an. Es wäre zu wünschen.

    • @ Kálnoky: Ich habe Hefty, was die generelle Wertedebatte abgeht, ebenso verstanden.

      Ich gehe einmal weiter und formuliere bewusst überspitzt: Im Hinblick auf die harschen Reaktionen im Bezug auf ideelle Themen (Bezug auf Christentum und Familie als Beispiele) wirkt Ungarn zur Zeit ein wenig wie der „Kriegsschauplatz“ einer europäischen Wertedebatte. Diejenigen, die sich als „aufgeklärte Westeuropäer“ ansehen und ihre eigenen Werte, die nach ihrer Auffassung freilich exklusiv den Zusatz „modern“ und „weltoffen“ verdienen, scheinen empört darüber, dass in einem kleinen Land in Mittelosteuropa das geschieht, wogegen sie europaweit seit 1968 gekämpft haben. Dass jene, die uns weismachen, den Alleinvertretungsanspruch für Weltoffenheit und europäisches Denken zu besitzen, selbst eine klare Werteordnung vertreten, die eigentlich ebenso diskussionsfähig wäre wie die in der ungarischen Verfassung befürwortete, wird selten debattiert. Denn man hat das Weltbild der aufgeklärten „Europäer“ nicht in Frage zu stellen. Vielmehr wird gesagt: Wir müssen, was die Weltanschauung betrifft, „neutral“ sein. Daher weg mit „Gott“ aus Verfassungen, und „modern“ kann überhaupt nur sein, wer Homosexuellen das Institut der „Ehe“ öffnet; eine Partnerschaft für gleichgeschlechtliche, die ihnen die im Wesentlichen selben Rechte einräumt, genügt nicht. Zetermordio, Diskriminierung! Das letzte Mal, als eine Debatte über diese ganz generellen und nicht mit Tagespolitik zusammenhängenden Wertethemen in der EU geführt würde, war der Gesetzgebungsprozess um die EU-Verfassung (jetzt: Grundrechte-Charta). Das, worüber manch einer empört zu sein scheint, ist also meines Erachtens weniger Ungarn – das Land ist viel zu klein -, sondern vielmehr die Idee, dass diese (von ihnen) als rückständig titulierte Sichtweise auch andernorts Schule machen könnte. Das Europa eher nach rechts rückt, ist wohl jedem aufgefallen. Daher der Aufruhr in dieser Lautstärke.

      Noch etwas möchte ich sagen: Meine obigen Zeilen schließen es nicht aus, die Politik von Fidesz und Orbán zu kritisieren. Und auch die zurzeit geäußerte Kritik bezieht sich oft genug auf harte Sachthemen, was legitim ist, aber eben Raum für unterschiedliche Auffassungen lässt: Das betrifft Verfassung, Präambel, Mediengesetz, Gyöngyöspata, das teilweise sehr einseitige historische Denken, was immer. Es ist die „Generaldebatte“ und dass immer wiederkehrende Betonen der scheinbaren „Rückständigkeit“ unter Bezugnahme auf die o.g. Themen, das Überzeichnen, das Gleichsetzen von „Nation“ und „Faschismus“, die nicht näher begründete Behauptung, es würden durch die Verfassung „Menschenrechte verletzt“, was ich für falsch halte. Die unterschiedlichen Auffassungen sind, wie auch Herr Kálnoky und weitere Diskutanten betont haben, aber kaum kompatibel. Wir werden uns damit abfinden müssen.

  4. Lieber Herr Kálnoky, lieber Herr HV,

    Tatsächlich geht es hier um einen weltanschaulichen Streit, der letzten Endes nicht durch Argumente zu entscheiden ist, sondern ein (hoffentlich) gewaltfreier Kampf zwischen teilweise inkompatiblen „Weltbildern“ (wie es Max Weber genannt hat) bleibt, der mal in die eine, oder die andere Richtung tendiert. Die Mehrheiten des Tages entscheiden dann über die Minderheiten, die müssen sich damit abfinden, solange Ihre Rechte gewahrt werden, deren Verletzung der Mehrheit verboten ist. Das ist der Minimalkonsens, ohne den Politik zum Bürgerkrieg wird. Die Auffassung, dass Tagespolitik (und Gesetzgebung) sich dabei von Verfassungsgebung unterscheiden müssen, habe ich mit soziologischen Argumenten vertreten und es wurde mir bisher nur weltanschaulich widersprochen. Wenn man Verfassungspolitik zur Tagespolitik machen will und umgekehrt, kann man das natürlich tun – ich behaupte, es führt zu Ergebnissen, die keiner politischen Seite recht sein kann. Doch ich gebe es auf, die Diskussion führt nicht weiter.

    Im Endeffekt bleibe ich, was meine eigene politische Einstellung angeht, optimistisch. Herr Kálnoky hatte schon spöttisch gefragt, ob ich meinte, die Zukunft voraussehen zu können. Das kann ich nicht, ich extrapoliere einfach die Ergebnisse der Sozialforschung, die weltweit einen unumkehrbaren Wertewandel in der Gesellschaft konstatieren. Dagegen gibt es zwar Gegenbewegungen (siehe Tea Party oder auch Ungarn), aber die Tendenz ist meiner Ansicht nach eindeutig. Ich bin Wissenschaftler und glaube eher empirischen Untersuchungen als den weitgehend tatsachenfreien Behauptungen, dass die bösen 68er der Familie und Gesellschaft so schweren Schaden zugefügt haben. Wenn man genau hinsieht, sind die 68er, wie ich es sehe, eher ein Epiphänomen des Wertewandels. Natürlich haben sie ihn beschleunigt, aber man kann auch plausibel argumentieren, dass sie ihm in vielerlei Hinsicht durch Übertreibungen sogar geschadet haben. Der Wandel selbst liegt meiner Ansicht nach in der Logik gesellschaftlicher Modernisierung. Aber, wie Sie wahrscheinlich einwerfen werden, jede empirische Studie lässt sich unterschiedlich interpretieren, und dann sind wir wieder bei der Weltanschauung.

    Genausowenig wie Liberale sagen können, wie „Familie“ heute sein soll, können Konservative sagen, wie sie „wirklich“ ursprünglich war. Sie war über Zeit, Ort und gesellschaftlicher Position höchst unterschiedlich, manchmal harmonisch und geborgen, manchmal höchst furchtbar repressiv und krankmachend. Der Film „Das weiße Band“ hat uns einmal wieder daran erinnert.

    Und: Wer die gesellschaftliche Emanzipation von Menschen, die aufgrund bestimmter Merkmale in ihren Freiheitspotentialen im Vergleich zu anderen beschränkt wurden, für „Gleichmacherei“ hält, mag dies gerne weiter tun. Ich werde ihn auch nicht „rückständig“ nennen. Nur habe ich eigentlich keine Lust mehr, weiterzudiskutieren. Das erinnert mich dann doch zu sehr an das Gerede vom „Gutmenschen“ oder der „politischen Korrektheit“.

    • Das wird Fidesz auch noch herausfinden, dass ihr Weltbild zwar ein Weltbild ist, aber aller Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal sie selbst diesen hehren „konservativen“ Werten gerecht werden. Aber geschenkt, gehen wir mal davon aus, dass Fidesz prall gefüllt ist mit aufrechten Familienvätern, die mit ehrlicher Arbeit ihre Familien versorgen und immer schön gesetzestreu Steuern zahlen. Aber warum war es dazu noch nötig, die Befugnisse des Verfassungsgerichtes zu beschneiden? Hätten die die Werte der Familie bedroht? Warum eine Vielzahl an Gesetzen an die Zustimmung einer 2/3 Mehrheit binden, damit noch weniger Reformen auf parlamentarischem Weg eingeleitet werden können? Welcher konservative Wert steht hier zur Disposition? Ich habe noch nicht verstanden, warum im Namen konservativer, familienorientierter Werte zentrale Pfeiler demokratischer Rechtsstaaten, wie eben eine funktionale Justiz inklusive des Verfassungsgerichts, eingeschränkt werden müssen.

      • Susanne,

        Das sind berechtigte Kritikpunkte, die aber seltsamerweise nicht im Vordergrund der Kritik stehen. Hefty arbeitet diesen Paradox in seinem Stück fein heraus. Da die berechtigte Kritik nicht die ist, die man am lautesten erhebt, stellt sich die Frage nach dem eigentlichen Grund für die Heftigkeit des Protests. Dieser Grund ist nicht sachbezogen, sondern emotional-weltanschaulich. Es geht um Kulturkampf.

        Die Befugnis des Verfassungsgerichtes steht auf einem anderen Blatt, sie wurde beschnitten, um die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Regierung durchpowern zu können. Das mag gut weil nötig sein, oder schlecht und autoritär um der Macht willen, es ist jedenfalls kritikwürdig. Aber es ist nicht das, was die Geistmenschen der Freiheitsbrigade am lautesten kritisieren. Sie kritisieren, dass Christentum zu einem Richtwert erhoben wird.

        Sie erblicken darin eine Einschränkung der Freiheit, weil ihr westlicher Freiheitsbegriff teilweise aus dem Ringen gegen kirchliches Dogma entstand. In Ungarn entstand der Freiheitsbegriff aus dem Ringen meist christlich motivierter Kräfte gegen Fremdbestimmung durch – im Falle der Nazis und der Kommunisten mehr oder minder deutlich atheistische – Unrechtregime. Im Westen ist Freiheit die Freiheit von kirchlichem Dogma, in Ungarn ist es die Freiheit von atheistischem Dogma. Daher das Missverständnis.

        Gegenseitiger Respekt wird es hoffentlich wieder beseitigen, da kein tatsächliches Problem besteht.

  5. Lieber Herr Boulanger,

    Durchaus denkbar, dass die derzeitige Entwicklung in Ungarn, auch im Sinne Schmids, im wahren Wortsinn „reaktionaer“ ist, eim Symptom der Schwaeche, eine Reaktion gegen den Niedergang nicht nur altgewohnter Werte, sondern der Bevölkerung selbst (die Geburtenrate in Ungarn entspricht einer Halbierung von Generation zu Generation).

    Was Projektionen und Wissenschaft betrifft, da ist es ein wenig wie mit dem Club of Rome in den 70er Jahren. Warten wir es eben ab. Ganz sicher ist, dass der Wandel gerade in jenen Laendern erheblich sein wird, die vor lauter Fortschrittlichkeit keine Kinder mehr machen und daher gezwungenermassen die Zusammensetzung der Gesellschaft in Zukunft eine andere sein wird, mit den entsprechenden kulturellen Folgen. Dazu kann für Deutschland aber auch eine Rückkehr der Religion gehören, dank dem durch Bevölkerungsschwund nötig gewordenen Zufluss von Migranten.

  6. Herr Kalnoky,

    ich kann irgendwie nicht direkt auf Ihren Kommentar antworten, dann also so. Ich finde es auch sehr ungünstig, dass man sich an den (für mich) „falschen“ Punkten festbeisst. Allerdings würde ich so weit gehen (was Sie sicher nicht teilen), dass es sogar primär um die Dinge geht, die ich nannte (Kontrollmöglichkeiten der Bürger einschränken, Transparenz verringern, den Austausch der politischen Eliten durch Wahlen erschweren), während die von Ihnen genannte Betonung der Werte für mich eher der Mechanismus ist, der genutzt wird, um für dieses Programm zu werben oder Unterstützung zu finden. Denn wenn man davon ausgehen darf, dass eine starke Betonung christlicher Werte nicht im Widerspruch zum Rechtsstaat, Demokratie und einem regelmäßigen Austausch politischer Eliten steht, dann wundert man sich schon, warum die Unterstützung aus dem sich selbst konservativ und christlich bezeichnenten Lager für Fidesz dann doch ziemlich groß ist, als würde man sich durch die angebliche Orientierung an christlichen Werten ein bisschen haben „kaufen“ lassen. So kann es sich nämlich auch darstellen . Und da werde ich dann nur noch nachschieben, dass es ausserdem Beispiele gibt, wo eine starke Betonung christlicher Werte im Staat mit einem sehr stark autoritär ausgerichtetem Regime einherging und einer ausgeprägten Skepsis gegenüber Demokratie, sagen wir mal Portugal und Spanien in ihrer autoritären Phase, da fragt man sich eben auch ein wenig, ob hier nicht doch letztendlich ein ganz anderer Werte-Streit stattfinden, als der um die Familie, die in der Gesellschaft eine sehr große Lobby haben und (für mich) daher leider auch für ein bisschen zu viel herhalten müssen.

  7. Susanne,

    das sind aber Fragen, die ja wohl bald beantwortet sein werden. Wenn in Ungarn eine Diktatur entsteht, wie Sie zu fürchten scheinen, und Regierungen nicht mehr durch ordentliche Wahlen zustande kommen, dann werden wir es merken. Das wäre dann natürlich inakzeptabel. Es ist aber im Augenblick nicht der Fall.

    Der beste Vergleich ist zur Zeit eher die Türkei, wo die regierende AKP mit ganz ähnlichen Parolen und auch recht ruppigen Machtmitteln eine Parteiherrschaft zementiert, einen weltanschaulichen „Regimewechsel“ duchzieht, aber dennoch jederzeit vom Volk abgewählt werden kann. Es gelingt nur deswegen, weil sie populär bleibt. Sie bleibt populär, weil sie wirtschaftlich erfolgreich ist und ihre umstrittenen Werte dennoch von der Mehrheit geteilt werden.

    Dem Land hat es bislang ganz klar genützt.

    • Herr Kalnoky,

      ich bin prinzipiell unsicher, was ich davon halten soll, was in Ungarn passiert und verfolge die Argumente und das Geschehen. Ich sehe auch keine Diktatur am Vormarsch, eher eine Konzeptlosigkeit, auch wenn das nationale Glaubensbekenntnis für manche als ein Konzept gilt. Ich bin in der Tat skeptisch, ob dieses Bekenntnis Antworten auf die Probleme Ungarns gibt. Zum Beispiel bin ich skeptisch, ob in einem so tief gespaltenen Land eine Zuspitzung in Form von Alles auf eine Karte setzen – nämlich die traditionalistische, nationale und religiöse (Sie können das gern als Überzeichnung betrachten) – Wachstumskräfte frei setzen wird (schreibe ich, da Sie sich ja Wirtschaftswachstum von Fidesz versprechen). Ich habe aus dem nationalen Glaubensbekenntnis und der Orientierung auf Tradition nicht ersehen können, wie man sich im Zeitalter der Hochtechnologie und dem Druck der asiatischen Märkte behaupten möchte.
      Ich habe durchaus eine Vorstellung davon, dass sich der Lebensstandard in Ungarn in den vergangenen sagen wir zehn Jahren nicht substantiell verbessert hat und das Land in verschiedener Hinsicht gegenüber Nachbarländern zurückblieb. Aber für mich scheint das u.a. an der starken Spaltung des Landes zu liegen (die nicht weg-verordnet werden kann). Es fehlt z.B. auch eine Justiz, die vergleichsweise unparteiisch auch in kritischen Fällen ist, oder eine Öffentlichkeit, die willens und imstande ist, die vielen Fälle von Nutzung öffentlicher Gelder für private Zwecke zu unterbinden. Und zwar Partei-unabhängig! Die Schritte, die Fidesz gewählt hat, sind dem in meiner Ansicht nicht förderlich (die Justiz zu beschränken statt in ihrer Unabhängigkeit zu bestärken), aber das wird in der Tat die Zeit zeigen. Wie gesagt, ich sehe nicht eine Diktatur am Horizont, ich interpretiere diese Befürchtungen eher so, dass für einen Teil der Bevölkerung diese traditionelle Welt so weit weg von der Realität erscheint, dass man sie lediglich über eine Diktatur durchsetzen könnte. Ich befürchte eher ein Sich-Verstricken in Schritten, die zum Teil ideologisch motiviert sind und zum Teil ad hoc entstehen, aber die aufgrund der Tatsache, dass sie nur einen Teil der Bevölkerung „mitnehmen“, keine substantielle Verbesserung sowohl in der politischen Stabilität als auch der wirtschaftlichen Lage bringen werden. Und das als christlich motiviert zu bezeichnen, geht mir dann doch sehr gegen den Strich.

  8. Susanne,

    es ist schön, dass sie das Thema „Konzept“ ansprechen. Die Sozialisten hatten keines. Fidesz hatte für die erste 4-Jahres-Periode an der Regierung ein sehr klares Konzept, und das ist jetzt wieder dasselbe: den bürgerlichen Mittelstand neu zu erschaffen, den der Kommunismus zerstört hatte. Konkret bedeutete das damals starke Unterstützung für Familien mit Kindern (zB Baukredite auch für Kinderlose wenn man Kinderpläne angab, was die Sozialisten wieder abschafften wenn ich mich recht entsinne) und Steuererleichterungen für den Mittelstand.

    Genau das passiert jetzt wieder, wenn Sie drei Kinder haben und ein Mittelklasseeinkommen, dann zahlen Sie defacto keine Steuern mehr.

    Ohne Mittelklasse kann Ungarn keine bürgerliche Gesellschaf aufbauen, und das geistig-moralische Fundament einer solchen Gesellschaft bietet – so Fidesz – die Verankerung in den traditionellen Werten Gott, Familie, Vaterland.

    Mann kann dagegen sein, aber es ist auf jeden Fall ein Konzept, und schlüssig ist es auch. Ob es illusorisch ist und an der Realität vorbeigeht, auch das ist denkbar, aber wir werden es eben abwarten müssen. Letztlich entscheidet der wirtschaftliche Erfolg.

    • Lieber Herr Kálnoky,

      sie sprechen wichtige Dinge an: Bevölkerungsentwicklung, Mittelklasse als Träger ökonomischen Wachstums und zahlreicher weiterer netter Dinge. Hier sind wir vermutlich gar nicht sehr weit auseinander. Ich fürchte nur, dass Verfassungspräambeln oder -bestimmungen da leider nicht helfen werden, sondern nur konkrete Politik, die da ansetzt, wo die wirklichen Probleme liegen. Interessanterweise ist etwa unter meinen hedonistischen linksliberalen post-materiellen säkularisierten gutmenschlich-politisch-korrekten 68-er-in-zweiter-Generation Freunden der Trend zum Drittkind ausgebrochen (ist natürlich jetzt nicht repräsentativ). Grund ist nicht etwa der Rückkehr zu traditionellen Werten, sondern eine relativ gute Einkommenssituation und ausreichend Kindertagesstätten in der Nähe. Vielleicht sollte man daran arbeiten, wenn man mehr Kinder haben will. Ob jetzt Homosexuelle heiraten oder nicht, hat genau 0,0% Auswirkungen auf diese Frage. Aber das sagte ich ja schon.

  9. Lieber Herr Boulanger,

    Man muss sich glücklicherweise nicht auf Nachbarschaftseindrücke verlassen was die demografischen Fakten betrifft, der Zusammenhang zwischen Religion und Fruchtbarkeitrate ist inzwischen ein Lieblingsthema der demografischen Forschung.

    Ich empfehle das sehr lesenswerte Buch von Eric Kaufmann, „Shall the Religious Inherit the Earth?“, in dem er (selbst nicht religiös) herausarbeitet, dass nach Kontrazeption, Rentenversicherung und dem Familien zersetzenden Siegeszug des 68er Geistes erhebliche Unterschiede in der Geburtenrate vor allem weltanschaulich zu erklären sind: Kinder zu bekommen, ist eine Wertefrage geworden. Der Zusammenhang zwischen Religion und Geburtenrate ist glasklar und unabhängig von Einkommen und dergleichen.

    Für Sie einstweilen eine Linksammlung:

    http://www.blume-religionswissenschaft.de/reli_demo.html

  10. Lieber Herr Kálnoky,

    ich lasse mich gern überzeugen, wenn die entsprechenden wissenschaftlichen Fakten vorliegen, da ich selbst kein Experte für Demographie bin. Wenn Sie allerdings mich (und andere ) überzeugen möchten, müssen Sie sich von Ausdrücken wie „die Familien zersetzende usw.“ trennen, denn das lässt Zweifel an der Seriösität Ihrer Argumente aufkommen. Nochmals: es gibt keine einheitliche „68er-“ Ideologie. Es gibt einen allgemeinen Wertewandel, der durch die sogenannten „68er“ zum Teil aufgenommen, z.T. überspitzt, und zum Teil konterkariert haben. Ich muss Ihnen wahrscheinlich nicht erklären, wie unterschiedlich die Ideologien der verschiedensten Gruppierungen, Schriftsteller und politischen Akteure der späten 1960er und frühen 1970er waren. Die Pille hätte es so oder so gegeben, sie wäre auch ohne „68er“ benutzt worden. Die Säkularisierung ist ein Trend, der mit dem Aufbrechen von kleinstrukturierten sozialen Beziehungen (Dorfgemeinschaften, Landwirtschaftliche Subsistenz) im Zuge der Industrialisierung zu tun hat. Genauso die Veränderung von Familienbeziehungen. Wertewandel folgt hier dem sozialen Wandel, nicht umgekehrt.

    Was ihre „glasklaren“ Beziehungen angeht, kann ich Ihnen nicht direkt widersprechen, da ich die entsprechenden Studien nicht kenne. Ich würde aber vermuten, dass es eine „intervenierende Drittvariable“ gibt, wie man in den Sozialwissenschaften sagt – nämlich Urbanität und Bildungsgrad. Simpel gesagt: Je mehr Menschen auf dem Land leben und je geringer die Bildung der Familienmitglieder, desto höher einerseits die Religiosität und andererseits auch die Kinderzahl. Kann ich jetzt alles nicht belegen, sondern entspringt nur meiner Erinnerung an die entsprechenden Zusammenhänge. Wenn ich einmal Zeit habe, recherchiere ich das gerne nach.

  11. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: der oben genannte Zusammenhang heißt nicht, dass Religiösität und mangelnde Bildung ursächlich verbunden sind. Hochgebildete Menschen können tief religiös sein. Und selbstverständlich gibt es auch in hochindustrialiserten Gesellschaften religiös orientierte Familien mit vielen Kindern. Die „wahren“ Gründe sind vielfältig und sind v.a. sozialer Natur. Ich will nur darauf hinweisen, dass Kausalitäten sehr komplex sind und eine bloße Korrelationen zwischen „Religion“ und „Geburtenrate“ nur wenig aussagt. So sehen wir eine hohe Geburtenrate im vergleichsweise säkularen Frankreich und eine stark sinkende in Spanien und Italien, die vergleichsweise stark religiöse Gesellschaften haben. Über die Gründe lässt es sich trefflich streiten.

    Aber wir entfernen uns zu weit vom eigentlichen Thema. Ich überlasse gerne Ihnen abschließend das letzte Wort.

  12. Entschuldigen Sie die sicher etwas unpassende Frage, da Sie anscheinend mit Herrn Boulanger schon längere Zeit über die Ursachen einer zu geringen Kinderzahl diskutieren, aber da Sie die Verbindung betonen zwischen Religion -> mehr Kinder, war ich auf einmal nicht mehr sicher, was nun mehr im Vordergrund steht (sollen Menschen religiös sein oder sollen sie viele Kinder haben, ich glaube, eins geht ohne das andere, und zwar in beide Richtungen). Und dann wäre der Bezug zur Religion doch ein Instrument, um anderes zu erreichen, wie ich es oben schon geschrieben habe. Insofern wäre es vielleicht doch ehrlicher, statt die Religion vorzuschieben, das angestrebte Gesellschaftsmodell offenzulegen. Dafür könnte dann die Unterstützung natürlich geringer ausfallen, als wenn man es einfach „christlich“ nennt…

  13. Ich wollte eigentlich nur sagen, auf Susannes Frage nach dem „fehlenden Konzept“ dass Fidesz, im Verfassungstext und in vielerlei sonstigen Manifestationen, eine strategische Verbindung von Staat und Glauben / Kirchen aufbauen will, um ein tragfähiges Fundament für eine konservative bürgerliche Mittelklasse zu stärken, die vom Kommunismus zerstört worden war. Die Schaffung einer solchen Mittelklasse hält Fidesz für seine zentrale Mission, weil gut für das Land und natürlich gut für Fidesz selbst.

    Zugleich ist die Demografie ein Damoklesschwert, und eine Rückbesinnung auf christliche Werte kann – in den Augen von Fidesz – dazu beitragen, die Kinderfreudigkeit im Magyarenland ein wenig anzukurbeln. Dass das nicht unbedingt Unsinn ist, ist aus den von mir erwähnten Studien ersichtlich – nur, dekretieren lässt sich das wohl nicht. Sollte es aber zu einer Art christlichen Renaissance in der Gesellschaft kommen, so kann das durchaus Auswirkungen haben auf die Fruchtbarkeitsrate, und kostet noch dazu kein Geld. Warum sollte also die Politik nicht versuchen, das zu fördern?

    Parallel – dies zur Frage des „Konzepts“ – gibt es natürlich Konkretes, werden Kinder erziehende Mittelklassefamilien finanziell radikal entlastet. Und Herr Boulanger hat Recht mit dem Verweis auf Frankreich, das ist ein Beispiel auf das sich ja auch Fidesz selbst gelegentlich bezieht. Was ich Susanne klarmachen wollte ist lediglich, dass der Verweis aufs Christentum nicht aus Konzeptlosigkeit erfolgt, sondern sehr wohl Teil eines mehr oder minder in sich geschlossenen Konzepts ist. Ob es etwas bringt, oder illusorisch und unzeitgemäss ist, muss sich zeigen.

    Und damit auch meinerseits genug gesagt zum Thema.

    • @Boris Kálnoky / C. Boulanger:

      Auch wenn mich mich einmal mehr Herrn Boulangers Gedankengang anschließen möchte, doch noch ein ergänzender Einwurf von mir zum Thema. Dass Familienpolitik, die ein modernes, säkulares Gesellschaftsbild im Hintergund mit sich führt, auch erfolgreich, vielleicht gar erfolgreicher sein kann, zeigen doch die skandinavischen Staaten. Müttern wird es dort deutlich einfacher gemacht, nach einer Baby-Auszeit wieder in den Beruf zurückzukehren. Väter werden, so sie denn wollen, in einer tragenden, miterziehenden Rolle deutlich mehr geachtet (als es in christlich-konservativen Werterahmen je der Fall war und absehbar sein wird) und können zwischenzeitlich auch viel leichter auf Teilzeit umstellen.

      Kaum vorstellbar, dass dies in einer konservativ-patriotisch geprägt Gesellelschaft, die mit einem ganz anderen Verständnis der Rolle von Mann und Frau einhergeht, praktizierbar ist. Fragen sie doch mal die jungen ungarischen Frauen, was eines ihrer Hauptprobleme mit den jungen ungarischen Männern ist und sie werden nicht unhäufig hören, dass es um das Selbstverständnis ihrer eigenen (potentiellen Familienoberhaupt-)Rolle geht, die glasklar patriarchalisch ist (Kinder, Küche, …). Das äußert sich auch im Alltag, permanent, zeigt sich in vielen kleinen Gesten und Situationen. Was nun die Regierung vorantreiben möchte, zementiert bis auf weiteres diese Denkweise. Ist wenigstens konseauent, man will ja auch kein modernes Land mit einer Gesellschaft frei denkender Individuen errichten, sondern klare Vorgaben machen, an die sich gefälligst zum wohle des Vaterlandes zu halten ist.

      Zu Orbáns christlichem Glaubensverständnis: vor nicht allzu langer Zeit äußerten sich einige KDNP-Abgeordnete zu Orbáns wundersame Wandlung in Sachen Glauben und berichteten, wie er als junger Abgeordneter aus den hinteren Bänken keine Chance ausließ, halblaut aber vernehmbar mit Ironie und Häme jene zu überschütten, die in ihre Reden Bezüge zum christlichen Glauben einbauten. Vom regelmäßigen sonntäglichen Kirchgang ganz zu schweigen. Wenn man schon Sozialisten merkwürdige Kehrtwendungen in ihren Lebensläufen nicht zulassen will (das meine ich jetzt allgemein, nicht auf sie direkt bezogen), dann sollte auch die Wandlungsfähigkeit eines Orbán (ohnehin auch politisch) kritisch betrachtet und sein Gesinnungswandel zum gelebten konservativ-christlichen Moralapostel kritisch hinterfagt werden.

  14. Peter K.

    Eine gute Familienpolitik und verantwortungsbewusster Umgang mit dem Partner ist immer hilfreich. Da gibt es in Ungarn viel Spielraum für Verbesserung, ich gebe İhnen da gerne recht. Nur, das Grundproblem ist vor allem die Labilitaet der Beziehungen, eine Minderheit der Frauen über dreissig aus unserem Bekanntenkreis sind verheiratet oder auch nur in einer stabilen Beziehung, und die wiederkehrende Klage ist: Tul sok a szabadag. (keine Akzente möglich auf diesem Computer). Viele Maenner wollen heute keine Verantwortung übernehmen. Ohne stabile Partnerschaft werden sie aber nicht drei Kinder in die Welt setzen.

    Und das ist dann eben doch ein im Grunde weltanschauliches Problem, eine Frage der Haltung. Der freiheitliche Kanon hat dafür keine Lösungen anzubieten, sondern Entschuldigungen für Feigheit. Man ist ja frei und alles geht!

    Und zum Schluss noch ein Wort zu der Vokabel ’neue Formen der Partnerschaft‘. Das klingt so frei und fröhlich – es sind aber keine neuen Formen im Sinne neuer Schönheit, sondern Notbehelfe, Ersatzkonstrukte, nicht viel mehr als Krücken, geboren aus der Not der Auflösung bürgerlicher Werte seit der 68er Generation.

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