Deckname: Michael Cole?

Die regierungsnahe ungarische Tageszeitung Magyar Nemzet berichtet in ihrer heutigen Ausgabe erneut über mutmaßliche Verwicklungen des Publizisten Paul Lendvai mit dem Staatssicherheitsapparat des Kádár-Regimes:

Der aus Ungarn stammende, seit Jahrzehnten in Österreich lebende Lendvai bestritt im vergangenen Jahr Berichte der Heti Válasz, denen zufolge er mit dem kommunistischem Gehemdienst zusammengearbeitet habe. Das Blatt bezog sich auf Dokumente des Außenministeriums; wir hingegen haben unter den Papieren des Staatssicherheitsdienstes Material entdeckt, die das Gegenteil dessen belegen, was Lendvai von sich selbst behauptet hatte. Über den sich selbst als Osteuropaexperte darstellenden linksliberale Publizisten behaupteten drei Mitarbeiter des Dienstes einhellig, er habe freiwillig mit dem Unterdrückungsapparat zusammengearbeitet.   Der unter dem Decknamen Michael Cole arbeitende Lendvai war – dem einen Dokument zufolge – einer der „besten gesellschaftlichen Kontakte des Geheimdienstes“ .

http://www.mno.hu/portal/801576

Der vollständige Artikel ist hier abrufbar (ungarisch):

http://mno.hu/portal/801698?searchtext=lendvai

Bereits im vergangenen Jahr kamen Gerüchte über Informantentätigkeit Lendvais mit dem Kádár-Geheimdienst auf. Er soll unter anderem eine Liste von Teilnehmern eines Dissidententreffens an die ungarische Botschaft übergeben haben – Lendvai bestritt jedwede Verwicklung und behauptete, die Liste sei zu diesem Zeitpunkt längst öffentlich gewesen.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/11/17/war-paul-lendvai-freiwilliger-informant-des-kadar-regimes/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/11/23/lendvai-dokument-teil-1/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/11/21/die-liberale-ungarische-tageszeitung-nepszabadsag-uber-den-fall-lendvai/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/11/18/wie-nicht-anders-zu-erwarten-standard-autoren-kirchengast-und-mayer-springen-paul-lendvai-zur-seite/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/12/19/168-ora-veroffentlicht-beitrag-eines-ehemaligen-mitarbeiters-des-radio-free-europe-zum-thema-lendvai/

15 Kommentare zu “Deckname: Michael Cole?

  1. Falls einem Deutschen diese ruchlose Tätigkeit nachgewiesen wird, ist er ein Denunziant. Ein Ungar: besúgó, der Rumäne : informator, aber bei einem Juden heißt das Antisemitismus !

  2. Kann man „Magyar Nemzet“ trauen?
    Zsofia Mihancsik weist nach, dass man dies nicht kann.
    Ihre Dokumentation findet man auf:
    http://galamus.hu/index.php?option=com_content&view=article&id=83293

    Übrigens könnten ja die Leser von Magyar Hirlap und HV glauben Lendvai sei gar kein
    Osteuropaexperte, er stelle sich nur als solcher dar.

    Übrigens könnten ja die Leser von Magyar Hirlap und HV glauben der „sich selbst als Osteuropaexperte“ darstellende „linksliberale“ Publizist sei in Wirklichkeit kein Osteuropaexperte. Nur mit solch einer Behauptung macht man sich außerhalb des Fidesz-Jobbik Dunstkreises lächerlich. Denn warum hat János Martonyi Außenminister Ungarns im österreichischen Fernsehen mit Lendvai diskutiert? Wollen die Magyar Nemzet Schreiber behaupten, der ORF ist Lendvai aufgesessen und hat ihn obwohl er kein Osteuropaexperte ist, als solchen beschäftigt?
    Und was soll die Etikettierung als „linksliberal“? Ich kann mich erinnern, wie Lendvai anlässlich des Haider-Schüssel Paktes 2000 sehr klar den konservativen Kanzler Schüssel unterstützt hat. Aber wenn Fidesz wieder eine Kampagne fortsetzt, dann braucht man sich nicht um die Fakten kümmern. Im Namen der „Wahlkabinenrevolution“ glaubt der Dunstkreis Nachrichten manipulieren und fälschen zu dürfen. Und Beispiele dafür liefern die königlichen Medien fast täglich.

    Ich bin gespannt, was uns Kollege Kálnoky über die Unterstellung zu sagen hat, Lendvai wäre gar kein Osteuropaexperte.

    • Hätten Sie nicht erst recht die Nase gerümpft wenn Mártonyi sich geweigert hätte mit Lendvai in ein Studio zu setzen? Die Wahrheit ist doch: die Fidesz und ihre Politiker können eigentlich tun was immer sie wollen, Sie werden sie stets kritisieren.
      Warum verteidigen Sie eigentlich einen Mann der sich offenbar aktiv an einer Diktatur beteiligt hat? Frau Lendvai hat das im übrigen auch getan – ironischerweise sind es gerade diese beiden und Sie die ständig über angebliche Diktatur in Ungarn brüllen. Das Team Lendvai scheint jedenfalls keinerlei Recht zu haben dies zu tun.

    • Nun da muss ich mal wieder dazwischenplappern.Ob es dem Einen oder Anderen gefällt oder nicht.
      Wir „kennen“* Lendvai noch aus den „lustigsten Baracke“ Zeiten.
      Da erschien er uns ziemlich kritisch loyal (mir fällt keine salonfähige bessere Bezeichnung ein.)
      Was man in letzter Zeit allerdings so liest(bei allem Wohlwollen) da frag ich mich dann doch:Was ist mit Paul Lendvai passiert????
      *= nicht das einer meint ich sei so anmassend und würde ihn persönlich kennen.;-),
      sondern er hatte damals einen Fernsehsendung im ORF auf die wir immer mit grosser Spannung gewartet haben.

  3. Nun Paul Lendvai hat schon vor Jahren über diese Affäre geschrieben:
    http://nol.hu/belfold/lendvai-ugy__a_magyar_nemzet_feltalalta_a_spanyol_viaszt

    Wieder mal eine Nachrichtenfälschung von Magyar Nemzet.

    Man kann sich nur wundern über diejenigen, die solches zusammenschmieren. Denn in Ungarn, wo Magyar Nemzet captive customers hat, glauben diese Kunden, die mehrheitlich keine Fremdsprache beherrschen alles was aus den königlichen Medien kommt. Außerhalb Ungarns macht man sich aber mit solcher offensichtlichen Manipulation lächerlich.

    • Lendvai hat auch in der Élet és Irodalom im Jahr 2006 über „Michael Cole“ geschrieben. Damals behauptete er, der Geheimdienstkontakt, der über „Cole“ und seine angebliche Mitarbeit berichtete, hätte alles frei erfunden, um (Zitat) „Karriere zu machen“. Der Beitrag wirkte auf mich ein wenig wie die Flucht nach vorne. Die Wahrheit herauszufinden, wird schwer oder gar unmöglich sein. Es steht eben Aussage gegen Aussage. Das Lendvai die Teilnehmerliste eines Dissidententreffens an die Stasi geleitet hat, ist aber unstreitig. Sie, Herr Pfeifer, und andere schrieben daraufhin, dies sei belanglos, weil die Teilnemer ohnehin schon bekannt waren. György Konrád – einer der Teilnehmer – sagte dagegen, er sei enttäuscht.

      Bzgl. Lendvai zwei Seiten geben. Die einen, die ihn auf Teufel komm raus verteidigen, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“, und die anderen, die an seine Schuld glauben – mit oder ohne Fakten.

  4. Nur zur Vollständigkeit die Sicht der „anderen“ Seite:

    http://esbalogh.typepad.com/hungarianspectrum/2011/08/clumsy-attempt-at-discrediting-paul-lendvai-critic-of-viktor-orb%C3%A1n.html

    Was nun stimmt, mag von informierteren Zeitgenossen beurteilt werden, als ich einer bin. Frau Baloghs Argumentation scheint mir zunächst plausibler zu sein als der ungenannte Autor der MN. Aber das muss ja die nicht stören, die von Lendvais Schuld so oder so überzeugt sind. Wozu auch die Fakten abwarten?

  5. HV um es ganz klar zu machen. Ich habe keinen Grund Teufel komm raus Herrn P.L. zu verteidigen. ich war sicher nicht auf seiner Seite, als er sich 2000 vor Kanzler Wolfgang Schüssel stellte. P.L. wurde damals nicht nur von Schüssel sondern von den konservativen Zeitungen mit Lob bedacht. Daher ist auch die Behauptung er wäre „links-liberal“ aus der Luft gegriffen.

    Ich erwarte mir eindeutige Informationen, wenn solche schwere Beschuldigungen geäußert werden. Und Magyar Nemzet aber auch die königlichen Medien machen es sich leicht, wenn es um Fakten geht, da schrecken sie manchmal nicht vor Fälschung bzw. Manipulation zurück.
    Ich habe schon anlässlich einer früheren Diskussion bemerkt, dass P.L. sozusagen ein Zwischenträger zwischen Kreisky und Kadar war. Österreich war interessiert, mit allen seinen Nachbarn – wenn möglich gute – Beziehungen zu pflegen. Diese Politik wurde von den meisten Menschen hier befürwortet.
    In meinem Fall, hat die österreichische Diplomatie immer wieder dafür gesorgt, dass ich nach Ungarn, aus dem ich ausgewiesen worden war, wieder einreisen konnte. D.h. gerade die guten Beziehungen wurden ausgenutzt, um in Menschenrechtsfragen positive Ergebnisse zu erzielen.
    Als Chef des Osteuropastudios des ORF hatte er gute Beziehungen zur ungarischen Botschaft gepflegt, eines der wenigen osteuropäischen Länder, in die er reisen konnte.
    Mir scheint auch etwas anmassend zu schreiben, er würde sich selbst als Osteuropaexperten bezeichnen. Er hat einige bedeutende Bücher zu diesem Thema publiziert und ist als solcher von bedeutenden Medien anerkannt. Wer also solches schreibt macht sich selbst angreifbar.

    Die Frage, die gestellt werden sollte, weshalb hat eine Regierung, die sich auf eine „Wahlkabinenrevolution“ beruft, die über eine solide Mehrheit im Parlament verfügt, es notwendig ständig Kampagnen z.B. gegen unliebsame Kritiker zu fahren? Vielleicht kann uns HV eine plausible Erklärung geben, denn die Weltverschwörungstheorien, wonach die westliche Welt es abgesehen hat auf Ungarn, greifen nicht.

  6. Was kann man zu der Sache sagen?

    1) Der MN-Artikel ist mit Schaum vor dem Mund geschrieben und der Gedanke an politische Steuerung liegt nahe.

    2) Dass Lendvai die Liste eines Dissidententreffens mittelbar oder unmittelbar an die Stasi gab, scheint Fakt (Herr Boulanger) und ist gelinde gesagt entäuschend. Lendvai sprach übrigens anlässlich der Feierlichkeiten des Abrisses des Eisernen Vorhangs vor dem ungarischen Parlament 2009, er war von den Sozialisten als Ehrengast eingeladen – bei aller Kritik, die er gegen sie vorbracht hatte, sahen sie ihn offenbar dennoch, wie zu kommunistischen Zeiten, immer noch als „kritisch loyal“.

    3) Natürlich ist Lendvai ein Experte, auch wenn seine Argumentation in letzter Zeit eher emotional-überzogen geworden ist

    4) Die Michael Cole-Geschichte hätte wohl auch in anderen Ländern zu dieser Art von Berichterstattung geführt (sagen wir mal, über Bill o’Reilly gäbe es etwas Vergleichbares in sowjetischen Akten, wie würden entsprechend positionierte US-Medien berichten?)

    Fazit: Die Donau fließt weiter. Man darf sich wieder setzen.

  7. *…, glauben diese Kunden, die mehrheitlich keine Fremdsprache beherrschen alles was aus den königlichen Medien kommt.*

    na für diese unintelligenten, die keine Fremdsprache sprechen gibt es doch galamus, oder???

  8. @kullancs@ keine Fremdsprachen zu sprechen heißt noch lange nicht unintelligent zu sein. Aber es ist eine Tatsache, dass der Prozensatz jener in Ungarn, die keine Fremdsprache sprechen hoch ist.
    Es schränkt aber die Möglichkeit ein sich zu informieren. Wenn dann dazu ideologische Scheuklappen kommen, dann wird es für einen gläubigen Fideszanhänger schwierig, Informationen aus Galamus zu beziehen.
    Die Tatsache, das MTI und Fidesznahe Medien Nachrichten manipulieren und manchmal auch fälschen, was von HV nicht bestritten wird, die Tatsache, dass Kollege Boris Kálnoky bestätigt, dass der MN Artikel mit Schaum vor dem Mund geschrieben wurde sollte doch zu denken geben.
    Da kann ich nur fragen, weshalb braucht eine Partei, die über eine bequeme Mehrheit im Parlament verfügt ständig Kampagnen?

  9. Boris Kálnoky hat recht. Das MN-Bericht ist eine emotionale Reaktion und keine Berichterstattung. Ob jemand Geheimagent der ehemaligen kommunistischen Geheimdienste war, das ist keine Frage davon, ob wir ihn lieben oder nicht, sondern man muss direkte Beweise haben. Solche sind oder können sein: 1. Verpflichtungserklärung mit Klarnamen, 2. Irgendein, und sei es rein symbolischer für die Arbeit, 3. Berichte, die von dem Angeworbenen stammen. Selbst, wenn dass alles vorhanden ist, kann über den Inhalt und Tragweite der Agententätigkeit streiten.
    Was die „Enthüllungen“ der Heti Válasz über Lendvais Kontakt zur ungarischen Botschaft in Wien anbelangt, sie sind ebenfalls nicht aussagekräftig. Als ehemaliger Teilnehmer der Oppositionsbewegung weiss ich,, das über die Berichterstattung Lendvais, die wir über den Sender Freies Europa kannten, Diskussionen gab, da er den ungarischen Dissidenten zu wenig Bedeutung zumass (was er übrigens auch in seinen Erinnerungen zugibt). Aber der Versuch eines österreichischen Spitzenjournalisten mit der ungarischen Botschaft gute Kontakte zu haben, ist an und für sich eine taktische und keine moralische Frage. Zudem spielte das ganze im Rahmen der berühmten k.u.k. (Kádár- und Kreisky) Diplomatie. Die „’neue“ Geschichte ist nicht neu. Lendvai hat sie vor fünf Jahren detailliert beschrieben und MN hatte keine neue Quellen oder Informationen dazu geliefert.
    Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir allzu leicht bereit sind den nebulösen und manipulierbaren Dokumenten der Hauptverwaltung III/III Glauben zu schenken und sie als ab ovo authentish zu betrachten, wenn sie zur Kompromittierung des politischen Gegners beitragen können. Wenn Sie das nicht glauben, schauen Sie mal, wer alles in den unterschiedlichsten Parteien in Ungarn der Agententätigkeit bezichtigt wurde. Das ist in meinen Augen ein nachträglicher Triumph der Geheimpolizei.
    Bitte, wer mit Lendvai unzufrieden ist, seine Texte zu kritisierien. Es ist sicher schwieriger als im Papierkram der Staatsterroristen von gestern zu wühlen, aber bringt vielleicht mehr Nutzen.

  10. Ergänzung 2. Beweis der Zusammenarbeit war also ein symbolischer Geschenk, von der Behörde zu Staatsfeiertagen dem Agenten überreicht., Geld gab es selten, aber die Reise- oder Hotelkosten waren gegen Quittung erstattet.

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