Harry´s Place: Ein Falschzitat macht sich selbstständig

Die FAZ-Online-Ausgabe vom 19.01.2011 befasste sich mit der am selben Tag abgehaltenen Debatte im EU-Parlament. Ungarns Ministerpräsident Orbán stellte das Programm der Ratspräsidentschaft vor, die Abgeordneten nutzten die Sitzung für eine deutliche Kritik am ungarischen Mediengesetz. Der Worte darüber wurden genug gewechselt, nun soll es um die „Feinheiten“ der Berichte und die Folgen gehen.

In dem Beitrag von Nikolaus Busse wird ein Teil der Rede Orbáns wie folgt wiedergegeben:

Orbán begann seine Rede mit einer Erinnerung an die historische Rolle seines Landes bei der Überwindung des Ostblocks. „Wir haben den ersten Stein aus der Mauer des Kommunismus geschlagen“, sagte er, „wir haben viel dafür getan, dass Europa wiedervereinigt wurde“. Die Ungarn hätten im Zweiten Weltkrieg und auch danach das „meiste Blut und die meisten Menschen“ für die Demokratie geopfert.“

Dass Ungarn nach dem 2. Weltkrieg – in Form des Ungarnaufstands – Blut für die Freiheit des Landes vergossen hat, dürfte außer Frage stehen. Ob der Superlativ gerechtfertigt ist, wäre eine Frage für Historiker. Viel wichtiger aber ist: Hat Orbán im EU-Parlament tatsächlich behauptet, dass Ungarn schon im zweiten Weltkrieg, d.h. an der Seite Hitler-Deutschlands, Blut für die Demokratie vergossen habe?

Hier der Wortlaut (ab 3:20 min):

Szeretném emlékeztetni Önöket arra, hogy a második világháborut követöen Magyarország adta a legtöbb emberéletet és vért a szabadságért és a demokráciáért. Mind a forradalom során, 1956-ban, mind az azt követö megtorlások során.“

Ich möchte Sie daran erinnern, dass Ungarn nach dem 2. Weltkrieg die meisten Menschenleben und das meiste Blut für die Freiheit und die Demokratie geopfert hat. Sowohl während des Volksaufstands on 1956, als auch im Rahmen der anschließenden Vergeltungsaktionen.“

Wie der Videoauschnitt unmissverständlich belegt, hat Orbán die ihm von der FAZ unterstellte Aussage, Ungarn habe „während“ des 2. Weltkriegs für die Freiheit und Demokratie gekämpft, überhaupt nicht getätigt. Welche Folgen ein solcher Fehler in der aufgeheizten Debatte haben kann, zeigt ein weiterer, aktueller Beitrag des auf diesem Blog sehr aktiven Kommentators Karl Pfeifer.

Herr Pfeifer verfasste auf dem Internetportal Harry´s Place am 21.01.2011 einen Gastbeitrag unter dem Titel „Hungary: Reward for antisemitic incitement„. In diesem befasst sich der Autor mit der Verleihung eines Kulturpreises an den umstrittenen Publizisten Zsolt Bayer. Die Verleihung fand am 21. Januar auf Vorschlag des Fidesz statt. Dies ist schlimm genug. Weil das jedoch nicht auszureichen scheint, garniert Pfeifer seinen Beitrag mit folgendem Einsteig:

According to the conservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hungary’s prime minister Viktor Orbán told the European Parliament in Strasbourg on January 19th that the Hungarians had “payed the greatest sacrifice for democracy in blood and population during and after the Second World War.” (Die Ungarn hätten im Zweiten Weltkrieg und auch danach das “meiste Blut und die meisten Menschen” für die Demokratie geopfert.)

Who sacrificed whom? The mass deportations of 450,000 provincial Jews to Auschwitz-Birkenau, which took place in only seven weeks from May 15th 1944 to July 6th 1944 after the German occupation, was implemented by the Hungarian Ministry of the Interior and the Hungarian Gendarmerie, who brutalized the ghetto inhabitants cruelly before herding them into cattle cars. The same Gendarmerie is now honoured with a commemorative plaque in the Military History Museum of Budapest.“

Karl Pfeifer hat sich wohl auf die richtige Zitierung durch die FAZ verlassen, deren Inhalt ungeprüft übernommen und seine dann konsequente und verständliche Empörung über Orbáns vermeintliche Aussage zum Ausdruck gebracht. Die These, Ungarn habe als Satellitenstaat Hitler-Deutschlands, in dem ab März 1944 Deportationen in die Vernichtungslager stattfanden, für die Demokratie und Freiheit gekämpft, wäre in der Tat skandalös. Im Hinblick darauf, dass Orbán derartiges jedoch nicht gesagt hat (was innerhalb von etwa 5 Minuten überprüfbar gewesen wäre), wird der Beitrag in diesem Punkt zu einer Phantomdebatte. Bedauerlicher Weise noch dazu eine, die sich – nach dem Prinzip Flüsterpost – verselbständigt. Besteht nicht die Gefahr, dass einige der Leser von Pfeifers Artikel davon ausgehen, der Autor habe den Wahrheitsgehalt des FAZ-Artikels als langjähriger Journalist selbst überprüft, bevor er ihn zum Einstieg seines Beitrags machte? Werden Leser die Zitate Pfeifers eigenständig auf Wahrheitsehalt prüfen? Besteht nicht die Gefahr, dass sich ein falscher Eindruck weiter verbreitet?

Die beiden Artikel zeigen, dass journalistische Sorglosigkeit, gemeinhin als „einer schreibt vom anderen ab“ bezeichnet, zur Verbreitung von Falschmeldungen führen kann. Hieran ändert wohl auch die exakte und daher nicht zu beanstandende Zitierung Pfeifers „According to the conservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hungary’s prime minister Viktor Orbán told the European Parliament (…)“ nichts. Kern der journalistischen Arbeit ist Recherche, die Überprüfung der Authentizität von Quellen daher Grundvoraussetzung seriöser Arbeit. Gerade dann, wenn es um den Vorwurf geht, ein führender Politiker würde Ungarns Agieren auf Seiten Deutschlands als „Freiheitskampf“ bezeichnen. Wer hier nach dem Motto „ich habe gelesen/gehört, dass“ verfährt und Hörensagen zur Grundlage seiner Beiträge macht, handelt fahrlässig. Das ist selbst dann ungut, wenn die Person, der man die Aussage zuschreibt, „sonst genug am Kerbholz hat. Gerade wenn man der Politik vorwirft, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, sollte man umso exakter arbeiten.

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