„Die Presse“ sieht Angst im ungarischen Medienmarkt

Die österreichische Tageszeitung Die Presse berichtete am 09.12.2011 über „Angst“ im ungarischen Medienmarkt. Thematisiert werden die aus Sicht der Verfasserin und ihrer Interviewpartner bestehenden Tendenzen der Selbstzensur (der Chefredakteur der oppositionellen Tageszeitung Népszabadság spricht von größerer „Feigheit“ der Journalisten, Júlia Váradi von Klubrádió betont die „innere Zensur“). Auch die Kündigungswelle beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird angesprochen. Folge der Tendenzen in Ungarn sei, dass die Menschen sich in den privaten Bereich zurückzögen.

http://diepresse.com/home/kultur/medien/715580/Mediengesetz-in-Ungarn_In-dem-Markt-ist-Angst?_vl_backlink=/home/kultur/medien/index.do

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist ein peinlicher Vorfall in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten von vergangener Woche: Der EU-Parlamentarier und frühere evangelische Bischof László Tökés (Fidesz) wurde vom Staatsfernsehen für die Abendnachrichten auf einer Veranstaltung interviewt, die sich mit dem Fall „Olivér Boldoghy“ befasste. Anwesend war auch der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofes, Zoltán Lomnici, der sich derzeitig bei einer überparteilichen Menschenrechtsorganisation (Emberi Méltoság Tanácsa) engagiert. Der im Hintergrund stehende und mit Tökés befreundete Lomnici  wurde aus objektiv nicht nachvollziehbaren Gründen von den Sendungsmachern herausretuschiert (neudeutsch: „geblurrt“). Nach der Sendung wurde dann wieder die Version ohne Retusche in die Online-Mediatheken eingestellt.

Der Vorfall führte postwendend zu einem neuerlichen, genüsslich ausgeschlachteten Medienskandal, die Reaktionen reichten von Empörung (MSZP) bis hin zu ätzendem Spott (Blogs): Kritiker beschworen „stalinistische“ oder „nordkoreanische“ Verhältnisse. Das Thema der Veranstaltung, die sich mit der Diskriminierung der ungarischen Minderheiten befasste, ging im Empörungssturm schnell unter.

Spekulationen auf politics.hu zufolge stehe hinter der Retusche ein ehemaliger Rivale von Lomnici um das Amt des obersten Richters, der gute Kontakte zum Nachrichtenzentrum des Magyar TV unterhalte.

Das staatliche Fernsehen untersuchte den Vorgang, drei Mitarbeiter erhielten eine Abmahnung. Der Sprecher der Fernsehanstalt betonte, es gebe keine Anweisungen „von oben“, Lomnici nicht zu interviewen oder abzubilden. Hingegen schilderte der ehemalige oberste Richter ein bemerkenswert geringes Interesse an seiner Person.

http://www.nol.hu/kult/media/hamisitasi_botrany__retustol_etusig

http://atv.hu/cikk/video-20111206_lomnici

Das Online-Portal Index.hu berichtet heute, dass zwei Führungspersönlichkeiten der „Unabhängigen Gewerkschaft der Fernseh- und Filmemacher“ in den Hungerstreik getreten sind und vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens demonstrieren. Sie wollen ihren Hungerstreik erst beenden, wenn die „wahren Verantwortlichen“ der o.g. Retuschierungsaktion benannt werden. Einer der Teilnehmer, Balázs Navarro Nagy, gilt laut Wochenzeitung 168óra als „einer der schärfsten Kritiker des Mediengesetzes und des Systems Orbán“ .

http://index.hu/kultur/media/2011/12/11/lomnici-ugy_ketten_ehsegsztrajkolnak_az_mtv_elott/

 

3 Kommentare zu “„Die Presse“ sieht Angst im ungarischen Medienmarkt

  1. „Seit 2008 sind die Anzeigenerlöse um 60Prozent gesunken, allein im vergangenen Jahr waren es minus zehn bis 15 Prozent. Das hat zum einen mit der allgemeinen Wirtschaftskrise in Europa, zum anderen mit dem Einfluss der Regierung zu tun.“

    Das hat, aber das kann oder will man als Journalist eines Printmediums wohl nicht sagen, vor allem auch damit zu tun, dass Print in den letzten Jahren massivst an Reichweite verloren hat und daher drastisch von seinem Werbekuchenstück an andere Medien abgeben musste – allen voran das Internet. Und das ist alles andere als ein Ungarn-spezifisches Problem (wenngleich dieses Problem aufgrund nicht so starker, historisch gewachsener Leserbindung an einzelne Titel die mittelosteuropäischen Staaten früher erfasst hat, als etwa Deutschland), sondern findet sich auch in Deutschland und anderen Staaten wieder und der Abwärtstrend hat bereits deutlich vor 2008 eingesetzt.

    Erwähnt werden sollte dies im gegebenen Kontext jedoch trotzdem, denn so fehlt ein wesentlicher Erklärungsfaktor und wird ein verzerrtes und also falsches Bild gezeichnet. Interessant wäre es mal, die Entwicklung der Anzeigenerlöse von origo, index etc. daneben zu stellen.

  2. Pingback: Retuschen-Skandal: Dániel Papp und Gábor Elö gefeuert « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  3. Pingback: Ungarische Journalisten erhalten “Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien der Sparkasse Leipzig” « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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